A.S.H. Pelikan

(* Oktober 1953 in Duisburg) ist ein deutscher Musiker, Songwriter, Gitarrenlehrer und Schriftsteller. Pelikan gilt als einer der erfolglosesten Duisburger Autoren und Liedermacher der letzten 47 Jahre. Weltweit hat er 1003 Bücher und 676 CDs verkauft.
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Diese Webseite wurde als Idee im Jahr 2000 geboren (nachdem ich meinen ersten Computer mit Internetzugang bekommen hatte) und sollte ursprünglich nur das Beste meiner literarischen Bemühungen von 1971 bis zur Gegenwart präsentieren. Also ließ ich mir den Domain-Namen dafür sichern … und dann geschah lange Zeit nichts mehr.

Bis ich 2009 und 2010 in meinem zweiten und dritten CD-Booklet den Satz stehen hatte, daß die Songtexte unter www.ashpelikan.de einzusehen wären. Da die Seite damals aber immer noch nicht existierte, dachte ich, das nun langsam/schnell mal ändern zu sollen und fragte meinen Bookletdesigner Mani Wollner, wer denn eigentlich seine Seite eingerichtet habe. Antwort: er selber – und 48 Stunden später war die erste Pelikanesische Homepageversion (mit damals erst nur 20 Songtexten) dann bereits online. Und seitdem hat sich diese Seite Schritt für Schritt weiterentwickelt zu etwas, das mit dem ursprünglichen 2000er-Plan überhaupt nichts mehr zu tun hat. So kann’s gehen…

Hinweis: Fast alle Fotos sind durch Anklicken vergrößerbar.


Der Akkord des Monats Juli (7/13)

Die bekannteste Tonleiter der Welt ist die C-Dur-Tonleiter, die man ja schon im Musikunterricht in der Schule als erste kennengelernt hat, weil sie am leichtesten zu verstehen ist [während die nachfolgenden Erklärungen eher für Personen mit schon gewissen Vorkenntnissen (etwa aus meinem April-Beitrag) gedacht sind]. Die C-Dur-Tonleiter besteht aus den sieben „Stammtönen“ c, d, e, f, g, a und h, die in der Notenschrift ohne jegliche Vorzeichen [also ohne # oder bs] auskommen und deshalb relativ leicht zu lesen sind. Und weil diese Töne exakt den weißen Tasten auf dem Klavier entsprechen, ist es naheliegend, im Klavierunterricht auch mit diesen zu beginnen. Wenn ich die „weißen Töne“ von c aus nacheinander aufwärts spiele, erklingt die C-Dur-Tonleiter (c-d-e-f-g-a-h-c) mit ihren charakteristischen Dur-Tonabständen: Ganzton, Ganzton, Halbton, Ganzton, Ganzton, Ganzton, Halbton.
xxxxx[Wenn ich dagegen – ebenfalls nur die „weißen“ Töne benutzend – auf anderen Tönen als c beginnen würde, ergäben das (aufgrund der dann anders lautenden Ganz- und Halbtonschrittfolgen) ganz andere Tonleitern: Dorisch, Phrygisch, Lydisch, Mixolydisch, Moll und Lokrisch. Doch sind Dur und Moll die einzigen beiden Tonarten, die heutzutage noch modern sind und ständig benutzt werden.]
xxxxxUnd der erste vom Klavierlehrer beigebrachte Akkord wird wahrscheinlich der C-Dur-Dreiklang sein, der auf diesem Instrument auch recht leicht zu spielen ist. Was wohl auch erklärt, weshalb ein (in einer VHS-Gitarren-Anfängerkursstunde seine Enkelin begleitender) etwas vorlauter „Gasthörer“ plötzlich mal die Frage in den Raum stellte, weshalb ich nicht mit dem C-Dur-Akkord beginnen würde, weil der doch besonders einfach sei. Dieser forsche Großvater hatte offenbar mal Klavierunterricht oder so gehabt, doch ist die Klavierspielweise überhaupt nicht mit der auf der Gitarre zu vergleichen, so daß ich den C-Dur-Griff ob seines Schwierigkeitsgrades ganz bewußt erst im zweiten Gitarrenkurs gezeigt und durchgenommen habe.

In meinem Kurs 1 waren lediglich die Griffe A, D, G, E (und ganz kurz auch noch Am und H7) drangekommen, während ich die drei letzten ebenfalls noch unter Nutzung von leeren Saiten spielbaren Dur- und Mollgriffe [alle sonst noch fehlenden Dur- und Mollakkorde lassen sich auf der Gitarre nur mittels der Barrétechnik erzeugen / siehe Akkord des Monats November] für den Nachfolgekurs aufgespart hatte: Em (ziemlich leicht) und C-Dur und Dm (beide viel schwerer). Das „Problem“ beim oben abgebildeten C ist, daß dies unser erster Gitarrengriff ist, bei dem die Finger der linken Hand in mehr als nur 2 Bünden zu wirken haben.
xxxxxUm die für den C-Griff benötigen Finger alle optimal (also kurz vor den jeweiligen Bundstäbchen) plazieren zu können, muß ich sie entweder spreizen [was nicht gut ist] oder in einem zum Greifen günstigeren Winkel „kommen“ lassen: nämlich (aus Gitarrenspielersicht) nicht senkrecht von unten nach oben zeigend, sondern von links-unten nach schräg-rechts-oben gehend. Dadurch wird es möglich, daß M und R (Mittel- und Ringfinger) einander berühren (anstatt auseinandergespreizt zu werden) und trotzdem die optimalen Greifpunkte kurz vor den Bundstäbchen erreichen können. Wobei der R nur wenig gekrümmt werden muß, der M schon deutlich mehr, und der Z ziemlich stark. [Dieses die Finger schräg halten stellt übrigens auch bei allen Griffen des ersten Kurses schon das Optimale dar, worauf ich im Unterricht zwar auch schon ein Auge hatte, aber nur bei offensichtlicher Zuwiderhaltung extra hingewiesen habe, um nicht gleich am Anfang schon mit zu vielen Informationen zu „nerven“.]

Ihr erinnert euch vielleicht noch an meine Januar-Beitrags-Argumentation zur Reihenfolge des Drauflegens der Finger beim Griffe greifen. Daß man nämlich NICHT [außer bei A und bei D] den leichtesten Weg wählen und immer mit dem sichersten Finger (dem Zeigefinger) beginnen, sondern in der Regel [mit wenigen Ausnahmen wie bei Dm etwa / siehe Akkord des Monats Oktober] den Finger zuerst aufsetzen solle, der beim jeweiligen Griff am weitesten oben liegt. Um einerseits die Baßsaiten zuerst abgedeckt zu haben und andererseits die weniger sicheren „Baßsaiten“-Finger (M und R) auf diesem Wege besonders zu trainieren und zu stärken und unabhängiger zu machen, damit es irgendwann keine „schwachen“ Finger an der linken Hand mehr gibt, die beim Greifen von anderen (zuvor aufgesetzten sichereren) Fingern abhängig sind.

Und weil einigen meiner Schüler das „den Zeigefinger beim C-Griff nicht zuerst setzen dürfen“ doch recht schwergefallen ist, habe ich in den 2010er Jahren im Unterricht mal was neues probiert und den C-Akkord nicht mehr gleich am Anfang des zweiten Kurses vorgestellt, sondern erst in der 4. Stunde, während ich in den ersten drei Stunden (als Vorübung) schon mal den Wechsel von Cmaj7 nach G und zurück habe üben lassen.
xxxxxDa ein Cmaj7 nichts anderes als ein C-Griff ohne Z ist [also: 0-3-2-0-0-0], kann man bei diesem Griff sowieso nicht mit dem Z beginnen, weil der dabei nicht eingesetzt werden darf, da er für mögliche Aktivitäten im 1. Bund zur Verfügung stehen muß. Und weil man laut meiner Regel ja mit dem „obersten“ Finger anfangen soll, ist das Fingeraufsetzen bei Cmaj7 identisch mit dem, mit dem auch das spätere C-Dur-Greifen begonnen werden soll: zuerst den R setzen, dann den M, und zum Schluß erst den Z. [Ich mußte im Unterricht lediglich auf die übliche „Mogelei“ achten, den M (statt des Rs) zuerst aufzusetzen, weil es danach leichter war, den schwächeren R zu plazieren – was aber die Idee des eben diesen schwächeren Finger zu trainieren untergraben würde.]

Beim Cmaj7↔G-Wechsel und beim später auch recht häufig in Liedern (quasi in allen Songs in der Tonart G und in der Tonart C) vorkommenden C↔G-Wechsel muß der (zuerst aufzusetzende) Ringfinger ja nur etwa 1 Zentimeter nach oben oder unten wandern, was anfangs (da dieser R in der Regel der schwächste der drei Hauptgreiffinger ist) noch ziemlich schwierig war, nach Einführung der allgemeinen „Baßtonfinger first“-Regel dann in den 4. Kursen aber schon recht gut geklappt hat –
xxxxxim Gegensatz zu der Zeit, als ich das „Immer den am weitesten oben zu plazierenden Finger zuerst Aufsetzen“ noch nicht entdeckt hatte. Da hatten meine Schüler (weil ich es als junger Gitarrenlehrer einfach noch nicht besser wußte) noch die freie Wahl der Fingeraufsetzreihenfolge gehabt und so gut wie alle beim C-Greifen (weil es so halt am leichtesten war) mit dem Z begonnen und den R (weil er der schwächste war) erst als letzten aufgesetzt. Bis ich irgendwann mal merkte, daß dieser Ringfinger beim Wechsel von G nach C immer einen recht großen Umweg in die „Luft“ und zurück machte (weil zuerst alle Finger des G-Griffs weggenommen und dann in der [meiner Lehrermeinung nach absolut schlechten] Reihenfolge Z-M-R neu aufgesetzt wurden), obwohl er (R) doch eigentlich nur eine Strecke von 1 Zentimeter zurückzulegen hatte. Und dieser unnötige Umweg hat vor allem in meinen Niveaustufe-4-Kursen [Folk & Country / Rock & Blues / Picking / Anschlagsrhythmen] zu Problemen geführt, weil in diesen häufig das „Baßsaiten-einzeln-und-zuerst-Anschlagen“ gefordert war, der beim C-Griff den Baßton abdeckende Ringfinger aber [und das, trotzdem manche meiner Schüler bereits 3 Jahre oder länger bei mir Unterricht hatten] sehr häufig nicht schnell genug war und der Baßton deshalb einfach zu spät gedrückt wurde. – Und irgendwann fing ich an, mich zu fragen, wie ich dieses Problem verringern oder gar lösen könnte … woraus am Ende dann die Pelikanesische Fingeraufsetzregel entstanden ist.

Ebenfalls in den 4er-Kursen war mir mal [leider auch erst vor wenigen Jahren und nicht schon viel früher] aufgefallen, daß etliche Leute beim C-Greifen den kleinen Finger an den Ringfinger gelegt und gedrückt hatten, wodurch er (K) langgemacht/ausgestreckt worden war und bei einem anschließend z. B. folgenden Wechsel zum G dann einen viel zu weiten Weg zurückzulegen hatte und deshalb meistens zu spät kam / weil die Spielweisen in meinen 4. Kursen es häufig erforderlich machten, den jeweiligen neuen Griff beim ersten Anschlagszeitpunkt schon komplett fertig daliegen zu haben.
xxxxxDer K wird ja vor allem bei den Grundgriffen G und H7 benötigt, wo er jeweils auf der untersten Saite eingesetzt wird. So daß er optimalerweise (wenn man andere Akkorde ohne den K greift, trotzdem) immer (statt bei manchen Griffen ausgestreckt zu sein) in gekrümmter Haltung in Tatortnähe (also nächst der untersten Saite) in Lauerstellung verharren soll. Was beim Greifen von D, A, Am, E und Em noch recht leicht umsetzbar ist, da der neben dem kleinen Finger liegende Ringfinger dabei (mit Ausnahme der beiden E-Akkorde) ja noch ziemlich weit unten (also in Nähe des „Kleiner-Finger-Tatorts“) plaziert ist. Während derselbe R beim C-Griff dagegen schon sehr weit nach oben gebracht werden muß, was den K dazu verleitet, vom R einfach (gedankenlos) mit nach oben gezogen zu werden. Und dies ist eine der wichtigsten neuen Gitarrenlehrer-Erkenntnisse der letzten Jahren gewesen: Der kleine Finger darf dem Ringfinger beim C-Greifen nicht nach oben folgen, sondern muß beim C-Dur sichtlich gekrümmt (also unten) bleiben.

Und noch ein Letztes:
xxxxxIm vorherigen „Akkord des Monats“-Beitrag ist es ja auch um Intervalle gegangen, speziell auch darum, daß die 7 in einem 7er-Akkord unlogischerweise die kleine Septime bedeutet (während alle anderen alleinstehenden Zahlen immer ein großes (bzw. reines) Intervall meinen). Und beim Cmaj7 bedeutet das maj [eine Kurzform von „major“, was auf englisch „größer“ heißt] vor der 7, daß diesmal das große Intervall gemeint ist und also die große Septime erklingen soll.]

Und so viel zum heutigen Akkord des Monats Juli.


Übrigens (1):

In einem halben Jahr ist Weihnachten!


100. Geburtstag von H. C. Artmann

12. Juni 2021

H. C. (Hans Carl) Artmann ist zwar nie im Eschhaus gewesen, aber trotzdem habe ich ihn dort kennengelernt. [Info: Das „Eschhaus“ – eines der ersten unabhängigen und selbstverwalteten Jugendkulturzentren in Deutschland – hat von 1974-1987 in Duisburg Mitte (Niederstraße) existiert.] Dieser Ort ist bis zum Anfang der 80er Jahre (als die Punks immer mehr das langhaarig-gemütliche Gesamtbild auf respektlos-schroffe Weise zu trüben begonnen hatten) meine zweite Heimat gewesen, in der ich vielen Menschen begegnen durfte, die mein Leben bereichernd beeinflußt haben. Mitte der 70er Jahre bin ich mit Anfang 20 noch ziemlich unbedarft, naiv und selbstbewußtlos gewesen, und was die Schule nicht geschafft hatte [siehe auch den ersten Teil des unten stehenden Mai-Akkord-Beitrags], hat mir das Eschhaus ermöglicht: mich kulturell und persönlichkeitsentwickelnd weiterzubilden.

Zu H. C. Artmann bin ich über Bruno Ruhrort gekommen, einen leicht verrückt intelligent versponnenen Kerl [von Helmut Loeven ergänzt durch: „von leichtfüßiger Eleganz, gebildet, angenehm im Umgang“], der (was ich so „schick“ fand, daß ich es schließlich kopiert habe) häufig ein Buch in der Jackentasche mit sich trug und für mich mit seinem „kulturellen“ Charme eine deutlich weitere Welt verkörperte, als es mein eigenes, sich vor allem um Musik drehende Universum zuließ. Ich hatte zwar immer schon gern gelesen, mich in jenen Tagen – mit Ausnahme von Hermann Hesse – für deutschsprachige Schriftsteller (vielleicht auch wegen meiner negativen Erfahrungen im Deutschunterricht auf dem Gymnasium) allerdings überhaupt nicht interessiert … und erst recht nicht für noch lebende Gegenwartsautoren [weil ich damals einfach viel zu sehr vom im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehenden Musikheroentum geblendet war], was sich erst durch die Bekannschaft mit den Schriften von H. C. Artmann zu ändern begonnen hat.

Im Oktober 1975 hatte ich zu meinem 22. Geburtstag von Bruno Ruhrort einen Oplaten-Keks geschenkt bekommen, auf dessen Eßpapier-Rückseite mit Bleistift vermerkt war:
xxxxxTräumte dir, es wüchse dir vom kinn herab ein verlauster mandarinenbart und dieser hätte eine länge von 56 zentimetern, bestünde aus 56 einzelnen haaren und besäße 56 lila läuse, so schätze dich glücklich, denn eine triplesechsundfünfzig in dieser konstellation ist unter chinesen ein besonderes zeichen.
xxxxxIch besaß zwar keinen 56 cm langen Chinesenbart (und Läuse habe ich bis heute auch noch nie gehabt), doch das mit den 56 Härchen am Kinn könnte
(ich hatte mich damals nur alle paar Monate oder so mal rasiert) ungefähr hingekommen sein.

Als ich Bruno das nächste Mal traf, fragte ich ihn natürlich sogleich nach dem Urheber des Keksgedichts und vernahm dann zum ersten Mal den Namen H. C. Artmann, dessen Anfangskürzel irgendwie „Geheimnisvolles“ anzudeuten schienen, während der Nachname im wahrsten Sinne des Wortes kunstvoll daherkam („Art“ = „Kunst“ im Englischen). Und ich bat Bruno, mir doch ein paar Buchtitel dieses Autors aufzuschreiben, welche (wenn ich mich recht erinnere) Folgende waren:
Frankenstein in Sussex / Fleiß und Industrie
How much, schatzi?
The Best of H. C. Artmann,
die glücklicherweise
(weil ich mir gebundene Bücher zu der Zeit kaum leisten konnte) alle als Taschenbücher erhältlich waren und in den nächsten Wochen den Grundstock für meine heutige, mehr als 30 Bände umfassende Sammlung von Artmann-Büchern legten. Die „Grünverschlossene Botschaft“ (= das Buch mit den Träumen, dessen 56. auf meinem Geburtstagskeks gelandet war) hatte übrigens nicht auf Brunos Liste gestanden, weil es insgesamt leider doch nicht das qualitative Niveau besaß, welches Traum Nr. 1 noch zu versprechen schien:
xxxxxIm herzen einer grille das cello zu streichen, ist ein häufiger traum und anlaß zur hoffnung, geld zu erwerben, gesetzt daß die grille von einer wachtel verspeist wird, die wachtel aber von einem lamm, das lamm von einem wolf, und dieser wieder von einem hungernden admiral, den seine meuternde flotte an der küstenebene von Oregon ausgesetzt hat. Dann tönt das cello in den eingeweiden admiral Boyds, du erwachst und schreibst, deine eigene musik noch im ohr, die zahl eins.
xxxxx
Solch eine Prosa war mir bis dahin noch nie untergekommen; etwas so Spielerisches und Fabulierfreudiges, etwas, dessen Ausstrahlung für mich absolut neu war und mir dennoch gleichzeitig irgendwie vertraut (wie immer-schon-erahnt oder so) vorkam. Das hatte nun wirklich keine Ähnlichkeit mehr mit dem mir häufig so verknöchert, verkopft und gewollt hochtrabend erschienenen Deutsch zu tun, das im Unterricht auf dem Gymnasium immer so unschön zerlegt und in die Mangel genommen worden war. Und die Entdeckung, daß neben diesem ältlichen Schulunterrichtsdeutsch auch noch eine vor Wortspaß sprühende „Gegenwelt“ existierte, habe ich diesem besonderen Geburtstagsgeschenk von Bruno Ruhrort zu verdanken, das eine weitere Flamme im damals noch recht unübersehbaren pelikanesischen Kosmos entzündet hat und auch nicht spurlos an meinen eigenen amateurhaften Schreibversuchen (seit Ende 1973) vorübergehen sollte.
xxxxxUnd allein die Titel vieler artmannscher Werke hatten schon den Geruch einer anderen Sprache herüberwehen und Ungewöhnliches erahnen lassen. Hier eine kleine Auswahl in „abecedarischer“ [ein auch erst durch des Meisters Verwendung entdecktes Wort] Reihenfolge.

  • Das im Walde verlorene Totem (1970)
  • das prahlen des urwaldes im dschungel (1983)
  • Das suchen nach dem gestrigen tag (1964)
  • Der aeronautische Sindtbart (1972)
  • Die Jagd nach Dr. U. (1977)
  • Nachrichten aus Nord und Süd (1978)
  • Unter der Bedeckung eines Hutes (1974)

Artmanns literarisches Œuvre umfaßt Theaterstücke [gesammelt in „die fahrt zur insel nantucket, 1969], Lyrik [gesammelt in „ein lilienweißer brief aus lincolnshire, 1969 / „Sämtliche Gedichte, 2003] und Prosa [gesammelt in „Grammatik der Rosen, 1979 / „Gesammelte Prosa, 2015].

xxxxxTheaterstücke: Diese Stücke sind natürlich nicht mit klassischen Vorbildern zu vergleichen, wie allein schon aus einigen Besetzungslisten hervorgehen dürfte, wenn in „fauler zauber in schwarz-afrika“ (1963) etwa Audrey Hepburn und David Niven ein weibliches Okapi bzw. einen männlichen Löwen verkörpern. Und auch Regieanweisungen wie „man hört genau wie die geduld, zuerst langsam, dann schneller und zum ende hin ganz schnell, abreißt“ [in „Lasse und Mustikka„, 1961] oder „kutlyoos schatten (gespielt von Charles Laughton) lagert sich über das kolossalgemälde pickmans, wird aber, da unsichtbar, von keinem der beiden nachtwandler bemerkt“ [aus „how lovecraft saved the world„, 1963] sind keine Seltenheit.

xxxxxLyrik: Ich selbst bin kein besonderer Gedichteliebhaber, doch die Verse von Artmann lese ich tatsächlich nicht ungern. Zum Beispiel schräges Zeug wie:
xxxxxein männlein steht am schalter / so gar nicht stumm / und sagt zu dem beamten: / sei bloß nicht dumm, / gib die schönen piepen her, / glaube mirs, / die freun mir sehr, / und drückste auf die klingel, / leg ich dir um. [„allerleirausch„, 1967]
Oder romantisches Zeug wie:
xxxxxwie der saft einer sehr süßen frucht / von dem man lange im traum trinkt.. / wie der schatten eines jungen tieres, / das leise um eine quelle herumgeht.. / wie ein sehr schöner, belaubter baum, / den die erste zärtlichkeit der nacht / heimsucht mit singenden grillen und tau.. / wie mein eigener finger, geliebtes, / der ganz leicht deine lippen berührt.. [„noch vier gedichte, auf eine klinge geschrieben„, 1960]
Oder (für seine Tochter Emily Griseldis) Kinderzeug wie:
xxxxxvon burg zu burg / reitet der zwurg. [„das prahlen des urwaldes im dschungel„, 1983]

xxxxxProsa: In diese große Schublade passen sehr viele Schächtelchen, wie etwa die bereits erwähnten 90 Träume der „Grünverschlossenen Botschaft“ (1967), oder die kleinen Berufsidyllen aus „Fleiß und Industrie“ (1967), oder die Fast-so-etwas-wie-Kurzgeschichten in „How much, schatzi?“ (1971), oder der abendteurliche Luftreisebericht in „Der aeronautische Sindtbart“ (1972 / verfaßt ca. 1958), oder der 175 Seiten lange Monolog der „Nachrichten aus Nord und Süd“ (1978) ohne Punkt, Komma, Großbuchstabe oder Absatz, oder das schwedische Tagebuch mit Eintragungen wie Morgen ist samstag, heute ein freitag, bald herbst in „Das suchen nach dem gestrigen tag“ (1964) und einiges andere mehr. Doch allen Texten (bis auf die satzzeichenlosen „Nachrichten…“) ist eines gemeinsam: Artmanns besondere Verwendung (bzw. Nicht-Verwendung) von Großbuchstaben, weil diese (wie im Englischen) bei ihm nur am Satzanfang und bei Eigennamen erlaubt/gefordert sind; was für den ungeübten Leser zuerst noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, nach einer Weile aber kaum mehr stört.

Und diese den deutschen Rechtschreibregeln nicht folgende Kleinschreibung hatte es mir sogleich angetan, weil sie (a) einfach schön verrückt war, sich (b) so fröhlich aufmüpfig gegen festgeschriebene Regeln stellte [mehr zu meiner Regelallergie findet sich im (diesem Artikel nachfolgenden) „Akkord des Monats Mai“-Beitrag] und (c) definitiv nicht unauffällig war. Und wenn ich selbst in den 70er Jahren schon nicht durch besondere literarische Begabung und so beeindrucken konnte, wollte ich wenigstens irgendwie anders sein und wenigstens irgendwie auffallen. Und so übernahm ich (auch um Artmann damit zu huldigen) 1976 diese besondere Kleinschreibung für meine literarischen Versuche. [Erst ein Vierteljahrhundert später bin ich wieder zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt (ohne jedoch die Regeln der uns mittlerweile vor die Nase gesetzten Rechtschreibreform zu akzeptieren), weil ich das Aufnehmen von Pelikantexten für kommende Leser doch etwas einfacher gestalten wollte.]
xxxxxDoch ist dies längst nicht alles gewesen, was Artmann mir „beigebracht“ hat.

In den biographischen Angaben seiner im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) erschienenen Bücher hieß es in den 70er Jahren:
xxxxx„H(ans) C(arl) Artmann wurde im Juni des Jahres 1921 in St. Achatz am Walde geboren, schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke, lebt je nach Stimmung in den Städten Europas (so auch in Malmö), liebt alles Gute und Böse, bekennt sich zum Positiven, das letzten Endes doch immer siegen muß, denn: wo kämen wir sonst hin.“
xxxxxSo weit, so gut; doch wo in aller Welt lag St. Achatz am Walde? Der im elterlichen Bücherschrank auf genau solche Gelegenheiten wartende Band 1 (A-Ate) der 17. völlig neu bearbeiteten Auflage des Großen Brockhaus (in 20 Bänden, 1966-1974) konnte da weiterhelfen: Artmann, Hans Carl, Schriftsteller, * St. Achatz am Walde (Niederösterr.) 12. 6. 1921Okay, Artmann war also Österreicher, doch fand sich die genaue Lage seines Geburtsortes leider nicht einmal im „Großen Weltatlas“ von 1960 auf den „Spezialkarten von Deutschland, Österreich, Schweiz“ mit dem nicht gerade kleinen Maßstab 1:500 000 – in einem Atlas, der sogar „Zinse“ aufführte: eine Ortschaft im Rothaargebirge, die 1964, als ich zehnjährig dort zur Kur weilte (wegen Problemen mit den Bronchen und so), etwas weniger als 100 Einwohner besaß. Sollte St. Achatz also vielleicht sogar noch kleiner als Zinse sein?
xxxxxUnd genau so war es, denn es hatte in der Tat nicht nur weniger als 100, sondern sogar weniger als 1 Einwohner … da ein Ort dieses Namens nie existiert hatte und von Artmann einfach erfunden worden war. Und als ich das herausbekommen hatte, fand ich diesen schon über 50jährigen Burschen [während ich anderen Leuten seines Alters damals selten größeren Respekt entgegenbrachte] sogar noch toller: ein mit dem „Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur“ ausgezeichneter Dichter, der in zeitgenössischen Lexika mit gefälschten Daten vertreten war. Was für ein herrlicher Imaginärer-Mittelfinger-Spaß!
xxxxxUnd wen wundert’s da noch, daß Pelikan in seinen nachfolgenden Büchlein (ab 1976) dann mal Duisburg, mal Zinse, mal Prag als Geburtsort aufgeführt hat und ein Jahrzehnt später sogar (Veröffentlichungen in Anthologien und so hinzugerechnet) sämtliche Geburtsjahre von 1949-1954 einmal durchhatte.
xxxxxUnd der Höhepunkt dieser „Aktionen“ ist zweifellos der Moment gewesen, als mein Vater [mit dem ich mich alles andere als gut verstanden hatte] von Bekannten mal, ernsthaft zweifelnd, gefragt worden ist, ob ich denn auch wirklich sein Sohn sei … was wohl damit zu erklären war, daß in meinem dritten Buch (1978) irgendwo geschrieben stand, daß ich bereits im Alter von 3 Jahren meine Eltern verloren hätte. [Und so viel zu „ungehorsamen“ Söhnen.]

In den 80er Jahren habe ich Artmann zweimal bei Lesungen erlebt, und bei der ersten (in Bonn 1982) bin ich ganz bis zum Schluß geblieben, um meinem „Helden“ noch bis zum Signieren des allerletzten ihm dargereichten Buches zusehen zu können. Und zwei-, dreimal ist er dabei auch um ein Foto(grafiert werden) gebeten worden, hat sich als Antwort jedesmal umgehend die rotgerandete Lesebrille von der Nase gerissen und eine leicht gekünstelte Pose eingenommen: Hier bin ich, ein fescher Dichtersmann!
xxxxxUnd angesichts eines bestimmten, ihm zum autogrammieren vorgelegten Buches bemerkte er: „Ach, das hätte ich auch gern mal wieder. Das hat meine kleine Tochter leider mal zerrissen.“ Und weil ich (a) im Besitz dieses Buches war, es (b) aber nicht ganz so toll fand, habe ich ihm mein Exemplar (die illustrierte Ausgabe einer kleinen Kindergeschichte) zum Jahresende anonym – denn ich wollte nicht aufdringlich erscheinen – zu Weihnachten zukommen lassen. (Damals – das waren noch andere Zeiten! – brauchte man nur den Verlag anzuschreiben und bekam ohne Umstände die gewünschte Privatadresse mitgeteilt.)

1984 ist dann noch ein ganz besonders schönes Artmann-Buch in einer nummerierten und signierten Auflage [so daß ich also doch noch zu einem (ungewollten) Autogramm gekommen bin, da ich bei den beiden Lesungen bewußt darauf verzichtet hatte (ich mag’s einfach nicht, wenn man was in Bücher schreibt!)] von 180 Exemplaren erschienen: „nachtwindsucher – Einundsechzig österreichische Haiku„. Ein Haiku ist eine jahrhundertealte japanische Gedichtform, bestehend aus drei Zeilen mit den Silbenlängen 5-7-5 [obwohl im Original Moren statt Silben gerechnet werden], das traditionell vor allem Naturbilder übermittelt. Hier mein österreichisches Lieblingshaiku:
xxxxxdie junge kröte
xxxxxklein wie sie ist und langsam
xxxxxhat sich verspätet.

Und einige Wochen danach bekam Artmann zum 63. Geburtstag eine anonyme Postkarte aus Duisburg:
xxxxxder briefträger bringt
xxxxxeine karte als fangruß
xxxxxherzlich und einfach.

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H. C. Artmann ist am 4. Dezember 2000 in seiner Heimatstadt Wien gestorben. Am heutigen 12. Juni würde er 100 Jahre alt geworden sein.lt geworden sein.

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[In dankbarer Erinnerung an Bruno Ruhrort (29. September 1954 bis 28. Dezember 2017), einen wirklich besonderen Zeitgenossen, der in meinen Gedanken immer mit H. C. Artmann verbunden sein wird, welcher 1953 in seiner „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ erklärt hatte: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“
xxxxxIch weiß nicht, ob Bruno Ruhrort selber Verse verfaßt hat, doch er hat gern und gut geredet und ist mir dabei tatsächlich manchmal wie ein inspirierter Dichter vorgekommen.]

Duisburg, 6. bis 11. Juni 2021

 


Der Akkord des Monats Mai (6/13)

1. Juni 2021:
Und hier also der um einen Monat verspätete (weil ich bei der Ausarbeitung des biographischen Teils nicht unter Zeitdruck hatte schludern wollen) Mai-Beitrag:

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In diesem Artikel verwendete und nicht näher erklärte musikalische Begriffe sind im April bereits unter die Lupe genommen worden!

Im letztmonatigen Beitrag [gemeint ist der April-Text] habe ich ja einen Abstecher in die Welt der Musiktheorie unternommen – in eine Welt, die ich heute wirklich faszinierend finde, während sie mich in meinen ersten rund 25 Jahren als Musiker überhaupt nicht interessiert hat. Ich weiß noch, wie Sternhagel 1979 auf einer Duisburg City Rock’n’Roll All Stars-Probe mal sagte: „Okay, dann noch mal ab der Dominante“, und ich nachfragen mußte, welcher Akkord das denn sei. Und als die Jungs mich daraufhin etwas ungläubig anguckten, habe ich einfach zugegeben, von Musiktheorie und so kaum eine Ahnung zu haben.
xxxxxDiese meine Damit-muß-ich-mich-nicht-auskennen-Einstellung ist erst in den 90er Jahren ins Wanken geraten, als ich es im VHS-Gitarrenunterricht nämlich langsam – zwar nicht peinlich, aber doch etwas unangebracht fand, auf bestimmte Schülerfragen immer nur antworten zu können, daß ich das nicht wisse und erst zu Hause irgendwo nachschlagen müsse. Und der Grund, weshalb ich mich als schon länger im Geschäft seiender Musiker und Songwriter erst so spät und nicht schon viel früher mit dem Musiktheorie-Thema auseinanderzusetzen begonnen habe, war der, daß ich mich vorher einfach nicht dafür hatte interessieren wollen!

Musik hat in meinem Leben zwar eine überaus wichtige Rolle gespielt, ist jedoch keine bereits ganz früh erfahrene „Erste Liebe“ oder so gewesen [die hat nämlich dem Lesen gehört], obwohl meine Zeugnisnoten in den ersten Schuljahren [1960-64] dies durchaus hätten vermuten lassen können: Nach einer zu Anfang bereits sehr schönen 2 in „Musik“, hatte ich in der 3. und 4. Klasse nämlich immer eine glatte 1 [diese Note habe ich zeugnismäßig danach nur ein einziges Mal noch (1967) im Fach „Kunst“ bestaunen dürfen. (Anderthalb Jahre später war aus der Kunst-1 dann allerdings schon eine 5 geworden! / Keine Ahnung, wie so was möglich gewesen ist.)], die allerdings (wie im Zeugnis extra angemerkt) nur wegen meiner Blockflötenspiel-Fertigkeiten vergeben worden war. Und weil meine „Erfolge“ mit diesem Instrument wohl auf musikalisches Talent hinzudeuten schienen, beschlossen meine Eltern, daß ihr Sohn nun den nächsten Entwicklungsschritt machen sollte und halsten mir (als ich 9 Jahre alt war) also noch wöchentliche Klavierstunden auf [vielleicht auch nur deshalb, weil das alte Piano meiner Großeltern ohnehin in unserem Wohnzimmer herumstand]. Ich mußte dann jedoch rasch erkennen, daß weder der allsonntägliche Unterricht noch das häufige In-der-Woche-für-den-Sonntag-üben-Müssen mir besonderen Spaß machten, doch hat das für meine Eltern offenbar keinen ausreichenden „Befreiungs“-Grund dargestellt, so daß ich auch weiterhin zu dieser Pflichtübung gezwungen worden bin, bis ich das Ganze eigentlich nur noch gehaßt habe. Und erst nach anderthalbjähriger „Folter“ haben meine Eltern schließlich doch noch ein Einsehen gehabt und mich endlich [ich kann mich noch an viele Sonntags-Tränen erinnern] von meinen Qualen erlöst. Und alles, was ich bis dahin über Notenlesen und ähnliches gelernt hatte, habe ich danach so rasch wie möglich wieder zu vergessen versucht. Nur zu Weihnachten mußte ich noch einige Jahre lang in den sauren Apfel beißen und bei den traditionell im Familienkreis (vor der Bescherung) stattfindenden Heiligabend-Festlichkeiten erneut in die Tasten greifen und ein oder zwei Weihnachtslieder (manchmal auch vierhändig mit meiner Schwester zusammen) vortragen, welche aber [wie auch das komplette Programm mit außerdem noch Blockflöten-Duetten und Gedichte aufsagen und gemeinsamem Singen und der ewig immer selben Weihnachtsgeschichte („Es begab sich aber zu der Zeit…“)] in jedem Jahr wieder andere waren, was das adventliche dafür üben müssen leider auch zu einer nicht ganz einfachen Aufgabe machte – doch wenn ich nicht Klavier hätte spielen wollen, hätte ich [aktive Weihnachtsfeierbeteiligung ist für uns Kinder absolut Pflicht gewesen!] Blockflöte spielen müssen … dann doch lieber Klavier.

1964 (als ich 10 Jahre alt war) ist meine Erziehung dann in eine neue Phase getreten, weil ich von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln mußte, wo doch schon ein ganz anderer Wind wehte, unter dessen Einfluß ich im Fach Musik nie mehr über eine 3 hinausgekommen bin. Und als ich zwei Jahre später (wie fast jeder in unserer Klasse) für Popmusik zu schwärmen begann, hat der Musiklehrer die Zeichen der Zeit leider überhaupt nicht erkannt und, anstatt die Verwendung von Tonika, Dominante und Subdominante beispielsweise mal an einem Beatleslied zu demonstrieren, auch in den kommenden Jahren nur Schallplatten mit Werken von längst verstorbenen Komponisten in den Unterricht mitgebracht, bis er uns zu unguter Letzt (anscheinend schon vollkommen demotiviert) nur monatelang noch aus einem Buch über Mozarts Reisen vorgelesen hat. Ein Interesse an den „Geheimnissen von Musik“ zu entfachen ist diesem Unterricht damals definitiv nicht gelungen.

Im zweiten der beiden Schulfächer, deren Themen für mich später von so großer Bedeutung sein sollten, war es aber auch nicht richtig gut gelaufen. Während ich in der Volksschule immer meine 2 in „Deutsch“ in der Tasche gehabt hatte, bekam ich auf dem Gymnasium zu Anfang immerhin noch eine 3, während ich in den letzten Schuljahren [1967-70] nur noch 4en und einmal auch eine 5 eingesackt habe. Dabei bin ich an diesem Fach doch eigentlich wirklich interessiert gewesen, weil ich nicht nur gern gelesen habe [in den frühen 60ern vor allem Astrid Lindgren, danach dann Karl May und Perry Rhodan, bis ich schließlich bei Hermann Hesse und Co. gelandet bin], sondern auch das Erschaffen von Büchern als etwas wirklich Besonderes empfand. Und einer meiner drei Berufswünsche als Kind ist tatsächlich Schriftsteller gewesen [die anderen beiden waren Straßenbahnführer und Feuerwehrmann], was sich z. B. auch darin zeigte, daß ich in meiner Freizeit einmal die umfangreichste Geschichte aus dem Schullesebuch abgeschrieben habe, um mir ein wenig wie ein Autor bei der Arbeit vorzukommen. Was in den 70er Jahren sogar noch von der Abschrift eines kompletten Romans [„Franny und Zooey“ von J. D. Salinger] getoppt worden ist.
xxxxxWie die Lehrer [und mein Vater hat ebenfalls zu dieser Spezies gehört] mir damals aber Literatur nahezubringen versuchten, hatte mir überhaupt nicht geschmeckt. Ich hatte – wie gesagt – das Lesen immer sehr geliebt, und wenn ich ein Buch mochte, bin ich einfach zufrieden damit gewesen, eine besondere Zeit in einer anderen Welt verbracht zu haben; während diese Eindrücke im Deutschunterricht durch anschließendes Zerpflücken des Textes zur Analyse der Lektüre aber wieder völlig kaputtgemacht worden sind. Ich bin einfach nicht interessiert daran gewesen, das Geheimnis der beim Lesen empfundenen Magie durch „Was will uns der Autor damit sagen und wie hat er dieses Ziel erreicht?“-Fragen zu enträtseln und so. Als Leser wollte ich einen Text nur „empfinden“ und ihn danach nicht noch zum Nachvollziehen der Arbeitsweise des Autors und so mit kaltem Herzen ausschlachten und kläglich verbluten lassen.
xxxxx[Und hier ein perfekt zum Thema passender Ausschnitt aus dem 2020 erschienenen Roman „Writers & Lovers“ von Lily King (deutsch von Sabine Roth):
xxxxx„Was würden Sie in Ihrem Englischunterricht anders machen?“
xxxxxIch überlegte. „Ich würde die Schüler darüber schreiben lassen, welche Gefühle das Buch bei ihnen wachruft, welche Erinnerungen ihnen beim Lesen gekommen sind, ob es ihre Haltung zu irgendetwas verändert hat. Ich würde sie ein Lese-Tagebuch führen lassen, in dem sie nach jeder Lektüre einfach drauflos schreiben. Auf welche Gedanken hat dich das Buch gebracht? Das würde ich wissen wollen. Ich glaube, da würden einige ziemlich originelle Ideen herauskommen anstatt der alten, ausgelutschten wie Mensch versus Natur. Sollte ich das je als Aufsatzthema vergeben, Mensch versus Natur, muss mir irgendwer den Gnadenschuss geben. Mit solchen Fragen reißt man die Leute komplett aus der Geschichte heraus. Warum soll man die Kinder herausreißen wollen? Man will sie so tief wie möglich hineinführen, damit sie all das erfahren und spüren, was der Autor mit solcher Mühe für sie geschaffen hat.“
xxxxx„Aber glauben Sie nicht, dass es auch größere Fragen gibt, denen ein Autor in seinem Buch nachgeht?“
xxxxx„Doch, aber die sollten nicht im Vordergrund stehen, und schon gar nicht darf man sie abtrennen von dem sinnlichen Erleben der Geschichte. Ein Schriftsteller will, dass man in sein Buch eintaucht.“]
xxxxxUnd beim Aufsätze schreiben – was mir in der Volksschule immer viel Spaß gemacht hatte – war auf dem Gymnasium plötzlich die Einhaltung von bestimmten Regeln ungeheuer wichtig geworden. Mein früher eher spielerischer und instinktiver Umgang mit einer Schreibaufgabe ist dann torpediert worden vom Bedenken-Müssen verschiedener zuvor im Unterricht (durch Literatur-Analyse etc.) extrahierter Punkte, die mich leider überhaupt nicht weitergebracht sondern alles eigentlich nur verkompliziert und schwieriger gemacht haben. So daß ich bei Klassenarbeiten aus Angst, diese Regeln [allein die simple „Einleitung-Hauptteil-Schluß“-Forderung hatte ich nie richtig verstanden, weil ich immer dachte, drei komplett voneinander getrennte Teile konstruieren zu müssen] irgendwie falsch anzuwenden, jedesmal mit der technischen Seite des Geschichtenerzählens zu kämpfen hatte, so daß ich insgesamt viel zu verkrampft an die ganze Sache herangegangen bin und deshalb nie wieder etwas wirklich Gutes hinbekommen habe. Und das eigentlich nur, weil ich versucht hatte, regelkonform zu „funktionieren“.

Aber auch meine Leistungen in den übrigen Schulfächern sind (im Gegensatz zur Volksschule) nicht nur nicht überragend gewesen, sondern im Laufe der Jahre auch immer mehr den Bach runtergegangen, was irgendwann zur (mich allerdings überhaupt nicht auf den rechten Weg führenden sondern womöglich genau das Gegenteil bewirkenden) Folge hatte, daß mir einige Sachen, die mir wirklich wichtig waren, wegen meiner Noten [weil ich sonst ja noch weniger Zeit für die Schule gehabt und noch weniger Zeit aufs Lernen dafür verwendet hätte] von meinem Vater verboten worden sind. Wie zum Beispiel: in den Osterferien einen Job als Botenjunge in einem Hüttenwerk anzunehmen (um erstes eigenes Geld zu verdienen und mir davon ein Tonbandgerät kaufen zu können) / oder: nach erfolgreich absolviertem Volleyball-Probetraining [ich war zuvor mit der Schulmannschaft des Mannesmann-Gymnasiums Nordrhein-Westfalen-Meister geworden] der Vereinsmannschaft von Eintracht Duisburg beizutreten. 
xxxxx[Nur in einen Boxverein zu gehen hätte mein Vater mir vermutlich gestattet, weil er mich dazu in der Vergangenheit nämlich schon mal zu drängen versucht hatte, da er selber eine Vorliebe für diese „Sportart“ besaß und der Ansicht war, daß ich ob meiner langen Arme und der daraus resultierenden Reichweite doch wie geschaffen dafür sei. – Als jegliche Art von Gewalt ablehnender Mensch ist Boxen für mich aber so ziemlich das letzte gewesen, was auszuüben ich jemals in Erwägung gezogen haben würde.]

Die Summe der mir auferlegten Ge- und Verbote in Verbindung mit den in mich gesetzten Erwartungen [das Abitur zu machen und danach zu studieren (weil dies meinem Vater verwehrt geblieben war: er war 1941 im Alter von 19 Jahren zur Kriegsmarine eingezogen worden und erst mit 26 wieder – wegen Malaria vorzeitig aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen – heimgekehrt) ist der Weg gewesen, der für mich vorgesehen war] und dem immer schlechter werdenden Verhältnis zu meinem Vater (gepaart mit heimlichen Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen) hatten mich langsam aber sicher einem immer größeren Druck ausgesetzt, dem ich schließlich nur noch durch eine ziemlich krasse Aktion zu entkommen können glaubte: meinem schulischen Totalverweigerungsjahr 1969/70. Ich hatte zu dieser Zeit quasi „aufgegeben“, tat so gut wie nichts mehr für die Schule und versuchte, alles an der unsichtbaren Mauer, die ich durch ausgefeilte Verdrängungstechnik um mich herum aufgebaut hatte, abprallen zu lassen, indem ich auf Fragen meiner Lehrer nur mit gesenktem Kopf neben meiner Bank stehend geschwiegen oder mit „Je ne sais pas“, „I don’t know“ oder „Ich weiß es nicht“ geantwortet habe. [Kein Wunder also, daß der Schuldirektor meinen Eltern damals nahegelegt hatte, mich mal zum Psychiater zu schicken. Was sie auch taten. / Als ich nach dem zweiten Termin jedoch herausfand, daß jede Sitzung meine Eltern ganze 50 DM kostete (was damals ECHT viel Geld für uns war), habe ich die Sache sofort wieder abgebrochen.]
xxxxxAls Folge meiner „Augen zu und Kopf in den Sand“-Politik ist mein Abgang vom Gymnasium [und zwar ohne Mittlere Reife oder Hauptschulabschluß (weil ich für letzteren auf dem Zeugnis des vorherigen 9. Schuljahrs nämlich in allen Fächern mindestens „ausreichend“ gestanden haben müßte)] im darauffolgenden Sommer (1970) natürlich unausweichlich gewesen, was schließlich auch durch mein negativrekordverdächtiges Abschlußzeugnis mit sage und schreibe fünf 5en und zwei 6en bestätigt worden ist.
xxxxx[Und die Untersekunda als Sitzenbleiber einfach noch mal zu durchlaufen ist auch nicht möglich gewesen, da ich bereits in der Obertertia eine „Ehrenrunde“ gedreht hatte, was eine Wiederholung derselben nach den damaligen Regeln erst in der übernächsten Stufe – also der für mich absolut unerreichbaren Obersekunda – wieder zugelassen hätte.]

Nach außen hin bin ich auf dem (Zeugnis-)Papier also ein vollkommener Versager gewesen, was innerlich (wegen meiner vielfältigen Ängste und Minderwertigkeitskomplexe) leider nicht viel anders ausgesehen hat, so daß ich es interessant fand, Jahre später in alten Notizbüchern auf Eintragungen gestoßen zu sein, die besagten, daß mein Leben erst im Alter von 16 Jahren richtig begonnen habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar noch in meinem katastrophalen letzten Schuljahr gesteckt, dem ich gedanklich aber eigentlich wohl schon „entronnen“ war, weil ich, statt dem Unterricht zu folgen, meistens nur irgendwelchen Tagträumen nachgehangen habe, um die schnöde Wirklichkeit so gut wie möglich auszublenden. [Was mir auch erklärt, weshalb ich an dieses letzte Schuljahr so gut wie keine schulischen Erinnerungen mehr habe.]
xxxxxMeine „mit 16 erst wirklich zu leben begonnen haben“-Aussage hat wahrscheinlich darauf abgezielt, daß ich in dieser Zeit langsam begonnen habe, mich ganz vorsichtig ein wenig „freizuschwimmen“, indem ich – von meiner damaligen Begeisterung für Popmusik getragen – eine neue Welt in Reichweite sah, die mich spüren machte, daß ich (trotz all meiner Ängste und Verkorkstheit) willkommen sei und dazugehören könnte. Eine Welt, deren Protagonisten (Musiker und ihre Fans) sich althergebrachten Regeln zu widersetzen und etwas Neues zu erschaffen versuchten, was ganz gut zu meiner rebellisch angehauchten Verweigerungshaltung paßte. Und die „Befreiung“ von der Schule mit seinen mich gefühlt nur einengenden und in eine nicht von mir selbst gewählte Richtung drängenden Regeln schien deshalb für mich auch der richtige und vielleicht sogar einzig gangbare Schritt zu sein –
xxxxx[obwohl auch nach dem Abgang vom Gymnasium im Sommer 1970 noch nicht alles vorbei gewesen war, da ich, meinen Eltern gehorchend, danach noch folgende Stationen (allerdings auch nur ziemlich halbherzig) durchlaufen habe:
xx  xA (mit parallel einhergehendem schulischen Unterricht verbunden, um die für die Fortsetzung des Studiums benötigte Mittlere Reife nachzuholen):
– im Herbst 1970: Studium an der Schule für Gestaltung in Krefeld (nach knapp 2 Monaten abgebrochen)
– ab April 1971: Musik-Studium (Gitarre) am Konservatorium Duisburg (nach 6 Monaten abgebrochen)
xx  xB (ein abschließender Versuch, die Mittlere Reife zu erlangen):
– ab Februar 1972: Abendgymnasium Zimmermann in Duisburg (nach 1 Semester abgebrochen)].

Und dieses „mich innerlich einer neuen Gemeinschaft zugehörig fühlen“ hatte ich auch äußerlich kundtun wollen, indem ich eines Tages (im Sommer vor meinem letzten Schuljahr) meine Mutter in mein Zimmer gebeten habe, ihr den auf Pappe aufgeklebten Bravo-Starschnitt von Barry Gibb präsentierte und verkündete, daß ich unbedingt auch solch eine Frisur haben wollte. (Und dann oblag es also ihr, meinen Vater davon zu überzeugen, mir diesen speziellen Wunsch nicht abzuschlagen – und ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, doch sie hat es geschafft.)
xxxxxUnd nach diesem frisurentechnisch absolvierten Beitritt zum „Hippietum“ ging es natürlich auch noch weiter, und so habe ich im Oktober 1969 (wenige Tage vor meinem 16. Geburtstag) mein erstes Rockkonzert besucht und in der Düsseldorfer Rheinhalle meine damalige Lieblingsband Steppenwolf gesehen. Im April 1970 war dann mein erstes Festival gefolgt: das Progressive Pop Festival in Köln, von dem ich leider nur einen der beiden Tage (mit einem klasse Auftritt von Colosseum und einem mich enorm beeindruckenden von Mighty Baby) mitnehmen durfte. [So daß mir damals also doch nicht alles verboten worden war, sondern nur die „Langzeitprojekte“ oder so.]

Nach meinem Schulabgang (im Sommer 1970) sind die Pelikans zum letzten Mal gemeinsam in Urlaub gefahren, und weil es rund um unser abgelegenes Ferienhäuschen in der tiefsten dänischen Pampa überhaupt nichts zu erleben gegeben hat [keine Häuser, keine Menschen, kein Wald, kein Strand oder sonst irgend etwas Interessantes in der Nähe], habe ich mir aus purer Langeweile schließlich die kleine Nylonsaiten-Gitarre meiner Schwester geschnappt [die mich bis dahin überhaupt nicht interessiert hatte, weil ich im Vorjahr – mit sehr frustrierendem Ergebnis – bereits einmal versucht hatte, irgendwelche Klavierakkorde auf einer (nur für einen Tag geliehenen) Gitarre zum Leben zu erwecken] und täglich mehrere Stunden (außer Hörweite) darauf herumgeklimpert, während ich mir vorstellte, ein von allen bewunderter Rockstar zu sein.

Wieder zurück in Duisburg habe ich dann ein eigenes Instrument bekommen (eine kleine Höfner mit Stahlsaiten) und bin in den Gitarrenkurs für Anfänger an der Volkshochschule gegangen, den ich aber nicht bis zum Ende mitgemacht habe, weil es mir nicht schnell genug vorangegangen war oder so. Und von da an habe ich nur noch autodidaktisch weitergemacht, was mir sowieso eigentlich lieber war, da ich aufgrund meiner Erfahrungen mit Schule und Lehrern eine grundsätzliche Abneigung gegen alles besaß, bei dem mir „vorgeschrieben“ wurde, wie ich etwas zu tun oder eben nicht zu tun habe. Da wollte ich lieber einen größeren Entwicklungsumweg in Kauf nehmen und das Rad (des Gitarrespielens) für mich einfach neu erfinden, um so auch weit verdienterermaßen das für mich immer noch recht fremde Gefühl, etwas Eigenes aus mir selbst heraus zu (er)schaffen, zu empfinden. [Das 1971 hinzugekommene halbjährige Intermezzo auf dem Konservatorium ist übrigens, weil mich die klassische Spielweise nach Noten und so nicht die Bohne interessiert hat, nur eine Alibi-Veranstaltung für meine Eltern gewesen, die halt wollten, daß ich irgendwas „Vernünftiges“ tun sollte. Hängengeblieben ist von diesen paar Monaten klassischen Unterrichts aber so gut wie nichts.]
xxxxxUnd so war es gekommen, daß ich weder beim Gitarre spielen lernen [obwohl ich hin und wieder auch mal einen zuvor im Fernsehen (Beat-Club z. B.) gesehenen unbekannten Griff – meist jedoch ohne Erfolg – in meinem Zimmer zu rekonstruieren versucht habe] noch bei meinen 1971 einsetzenden Liederschreibversuchen auf Hilfe von anderen zurückgreifen wollte. Und weil ich auch von dem ganzen Theorie-„Kram“ nichts wissen wollte, bin ich beim Komponieren einfach nur meinen Instinkten gefolgt und habe irgendwelche Akkorde ausprobierend aneinandergereiht … und wenn sie mir gefielen, wenn das Resultat „rund“ zu sein schien, war es gut. Und wenn nicht, wurden halt andere Klangfolgen ausgetestet, bis es irgendwann dann „paßte“.
xxxxxUnd auch bei Gitarrengriffen habe ich häufig herumexperimentiert und einfach irgendwas zusammengebastelt – und wie diese neu entdeckten Zwei-, Drei-, Vier- oder Fünfklänge dann geheißen haben oder in welchem musikalischen Verwandschaftsverhältnis sie zum vorausgegangenen Griff standen ist mir vollkommen egal gewesen. Und so habe ich eines Tages auch mal diesen Akkord hier entwickelt:

Ich hatte ihn als letzten Griff einer dreiakkordigen Schlußsequenz [bestehend aus E-Dur, gefolgt von E7/G# (in Tabulatur: 4-2-0-1-0-0) und endend mit obigem A7/9] für einen Blues in (der Tonart) A erwählt und damals keine Ahnung von seinem Namen gehabt oder davon, daß er eine perfekt aufeinander aufbauende vierfache Terzfolge beinhaltete.
xxxxxEine Terz ist der (Tonhöhen-)Abstand von zwei Tönen, die im Notenliniensystem als übernächste erscheinen. In der Stammtonreihe (c-d-e-f-g-a-h) wäre das z. B. der Abstand von c nach e, oder der von d nach f (usw.), wobei der Tonschritt von c nach e eine große Terz ist (= 4 Halbtonschritte), der von d nach f dagegen eine kleine Terz (= 3 Halbtonschritte). [Zur Erinnerung: ein Halbtonschritt entspricht dem Tonabstand von einem Bund auf der Gitarre.] Wenn du auf der Gitarre also den Ton c spielen würdest (egal auf welcher Saite) und dann 4 Bünde höher gingest, kämst du immer zum Ton e. Während vom Ton d aus 3 Bünde höher gegriffen immer der Ton f erklänge.

Eine Terz ist ein sogenanntes „Intervall“. Ein Intervall benennt den (Tonhöhen-)Abstand von zwei (beliebigen) Tönen. Ein Intervall ist in der Regel – mit Ausnahme der Prime und seiner Oktaven – ein „Zweiklang“.
xxxxxEin Intervall ist noch kein Akkord. Von „Akkord“ spricht man erst ab einem Dreiklang. Die bekanntesten Dreiklänge sind die Dur– und Mollakkorde.

Ein Durakkord besteht aus zwei aufeinandergesetzten Terzen, von denen die unterste eine große Terz ist und die darüberliegende eine kleine Terz. Diese Konstellation ergibt drei Töne, die dem 1., dem 3. und dem 5. Ton der dem Akkord seinen Namen gebenden Dur-Tonleiter entsprechen, welche man auch als 135-Gebilde notieren könnte, das seit mehreren Jahrhunderten aber nur Dur genannt wird. Und weil der Ton 1 dabei die Basis darstellt, auf der das gesamte Klanggebäudes errichtet wurde, wird ein Akkord auch immer nach diesem „Grundton“ benannt. Wenn der Grundton etwa ein c wäre, würde ein darauf errichteter Große-Terz-plus-kleine-Terz-Dreiklang ein „C1-3-5“ sein, gleichbedeutend mit „C-Dur„. / Und eine mit dem Ton d beginnende 1-3-5-Folge [die allerdings nicht mehr komplett aus den Tönen der Stammtonreihe bestünde] wäre nichts anderes als ein D-Dur(akkord).

Ein Mollakkord besteht ebenfalls aus zwei aufeinandergesetzten Terzen, die allerdings andersherum angeordnet sind, so daß zuunterst die kleine Terz liegt, und darüber die große. Was (da die beiden verschieden großen Terzen zusammengerechnet immer dasselbe Intervall ergeben – eine Quinte) logischerweise bedeutet, daß die Töne 1 und 5 bei (auf demselben Grundton errichteten) Dur- und Mollakkorden identisch sind und sich nur der Terzton geändert hat.
xxxxxEine große Terz wird mit der Zahl 3 angegeben, während eine kleine Terz als „b3“ notiert wird. [Das „b“ bedeutet, daß der nachgenannte Ton um einen Halbtonschritt erniedrigt gerechnet wird.] Ein Mollakkord besteht also aus den Tönen 1-b3-5, und ein Durakkord aus den Tönen 1-3-5. (Auch in meinen Griffdiagrammen sind die Einzeltöne aufgeführt!)

Der kleine Ton-Unterschied bei Dur- und Mollakkorden läßt sich sehr gut am E-Griff verdeutlichen, bei dem die große Terz (die 3) [siehe das Diagramm des Monats April] ja mittels des Zeigefingers im 1. Bund erzeugt wird. Und wenn ich den Zeigefinger nun wegnähme, würde diese Saite einen halben Ton tiefer klingen: würde aus der 3 also eine b3, aus der großen Terz eine kleine Terz und aus dem E-Dur ein e-Moll geworden sein.

Noch etwas Wichtiges zum Dreiklang:
xxxxxBeim Spielen von Dur- und Moll-Griffen werden auf der Gitarre in der Regel mehr als nur drei Saiten angeschlagen, doch bleibt der hörbare Akkord dennoch ein Dreiklang, weil sich seine drei verschiedenen Töne auf anderen Saiten einfach nur wiederholen (und keinen neuen vierten Ton oder so ergeben). Nehmen wir zur Erläuterung erneut den E-Dur-Griff, bei dem ja alle sechs Saiten angeschlagen werden dürfen:
xxxxxEs geht (vom tiefsten Baßton an gerechnet) mit der 1 los, gefolgt von der 5, dann kommt erneut die 1 (als Wiederholung in der Oktave), zur Abwechslung dann mal die 3, abermals die 5 (ebenfalls eine Oktave höher wiederholt), und am Ende ein weiteres Mal die 1 (insgesamt jetzt schon zwei Oktaven höher als die erste 1), was in Tönen notiert ein e-h-e-g#-h-e wäre. Der E-Dur-Dreiklang besteht also aus den Tönen e, g# und h.

Wer sich die Einzelton-Zahlen in obigem Diagramm aber mal genauer ansieht, wird feststellen, daß dabei nur ein einziger Ton wiederholt wird, unser Akkord des Monats also aus fünf verschiedenen Tönen besteht und demnach ein Fünfklang ist.
xxxxxDie Erweiterung eines Dreiklangs um (erst mal) einen vierten Ton sieht in der Praxis häufig so aus, daß auf die beiden Dreiklang-Terzen einfach noch eine weitere Terz gesetzt wird. Und während die als „Dur“ und „Moll“ bekannten Tonkombinationen 1-3-5 und 1-b3-5 im Akkordsymbolsystem nur mit einem Großbuchstaben (bei Dur) oder einem Großbuchstaben plus kleinem „m“ (m für Moll) dargestellt werden (also „A“ und „Am“ etwa), werden alle sonstigen (= nicht zum Dur- oder Moll-Dreiklang gehörenden) Töne in der Akkordbenennung als Zahlen notiert. Und diese Zahlen werden hochgestellt geschrieben, um auch optisch schon ihre Abweichung vom üblichen Dreiklanggebilde darzustellen oder so.

Unser heutiger, A7/9 geheißener Akkord des Monats drückt durch das A also den A-Dur-Dreiklang 1-3-5 aus, und durch die hochgestellten Zahlen die zusätzlichen (Tonleiter-)Töne 7 und 9, so daß der gesamte Akkord also ein 1-3-5-7-9-Gebilde ist (was vier aufeinandergesetzte Terzen bedeutet) – doch beinhaltet diese Aussage leider eine kleine „Unwahrheit“, die von einer Unlogik in der Definition der Akkordsymbolzahlen hervorgerufen wird:
xxxxxWir haben ja bereits festgestellt, daß eine Terz ein Intervall ist und daß es zwei verschieden große Terzen gibt. Die große Terz wird auch als großes Intervall bezeichnet und die kleine Terz als kleines Intervall. Intervalle sind nach den lateinischen Ordnungszahlen benannt und ergeben sich aus der simplen Durchnummerierung der Stammtöne (c-d-e-f-g-a-h). Und weil die Tonwelt nach diesen 7 Stammtönen [die auch gleichzeitig die C-Dur-Tonleiter darstellen] ja nicht zu Ende ist, folgt als 8. Ton (nach dem h) ein weiteres c, als 9. ein weiteres d und so fort.
xxxxxDas Intervall von Ton 1 zu(m gleichen) Ton 1 [in der C-Dur-Tonleiter also von c zu c] heißt Prime,
das Intervall von Ton 1 zu 2 [c zu d] heißt Sekunde,
das von Ton 1 zu 3 [c zu e] = Terz,
von Ton 1 zu 4 [c zu f] = Quarte,
von Ton 1 zu 5 [c zu g] = Quinte,
von Ton 1 zu 6 [c zu a] = Sexte,
von Ton 1 zu 7 [c zu h] = Septime,
von Ton 1 zu 8 [c zu c] = Oktave,
von Ton 1 zu 9 [c zu d] = Noneund hier breche ich mal ab, weil wir obigen A7/9-Akkord damit ausreichend erklären können.
xxxxx[P.S.: Intervalle können natürlich von jedem beliebigen Ton aus
gebildet und gerechnet werden.]

Und jetzt wird’s leider noch mal etwas komplizierter:
xxxxx
Außer großen und kleinen Intervallen gibt es nämlich auch noch eine dritte Intervall-Art, die sogenannten reinen“ Intervalle, die nur eine einzige (reine) Größe haben und nicht in „groß“ und „klein“ unterteilt werden können.
xxxxxDie reinen Intervalle sind in obiger Aufzählung rötlich eingefärbt [Prime, Quarte, Quinte und Oktave], während alle anderen [die grünlichen Intervalle Sekunde, Terz, Sexte, Septime und None] sowohl in großer als auch in kleiner Form existieren. Die kleinen Intervalle werden b2, b3, b6, b7 und b9 geschrieben und sind jeweils um einen Halbtonschritt kleiner als ihre „großen Vettern“, welche durch (nur) einfache Zahlen (2, 3, 6, 7 usw.) als große Intervalle definiert werden. [Auch die reinen Intervalle werden mit einfachen Zahlen angegeben.]

Und jetzt kommt das Unlogische:
xxxxxDie Regel, daß große Intervalle durch einfache Zahlen bestimmt sind gilt (aus absolut unerfindlichen Gründen) im Akkordsymbolsystem leider NICHT bei der Zahl „7, die dort nämlich immer für eine kleine Septime steht [während die Zahlen 2, 3, 6 und 9 immer ein großes Intervall bedeuten], in Wahrheit also ein „b7“ ist und im Diagramm auch als solches aufgeführt wird (und werden muß). Die A7/9-Terzfolge ist also „groß-klein-klein-groß„.
xxxxx[Die „7“ stellt in der normalen Intervallbestimmung aber nach wie vor das Zeichen für die große Septime dar, während dieselbe Zahl ausschließlich in der Nutzung als Akkordsymbol die kleine Septime bedeutet. Diese Unlogik kann man nicht verstehen, die muß man einfach nur hinnehmen (oder sich als Vulkanier erschießen oder so).]

Das in meinen Augen aber wirklich Besondere an obigem A7/9-Griff ist, daß er den einzigen auf der Gitarre spielbaren [zumindest habe ich noch keinen anderen entdeckt] Dur7/9-Akkord darstellt, bei dem alle vier Terzen in ihrer natürlichen Noten-Reihenfolge [also 1. Terz / 2. Terz / 3. Terz / 4. Terz] erklingen.
xxxxx[Zum Vergleich hier mal ein E7/9, das in Tabulaturschrift so aussieht „0-2-0-1-3-2“ und die Tonleiterschritte
1-5-b7-3-b7-9 aufweist. Ziemlich krumm, oder? Da sieht unser A7/9 doch schon sehr viel aufgeräumter aus: 1-3-5-b7-9-5.]
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Abschließende Akkord-Pointe:
xxxxxIrgendwann, als ich die Töne dieses A7/9-Griffes mal langsam nacheinander habe erklingen lassen, erinnerten sie mich plötzlich an eine Melodie, die mir total vertraut vorkam. Und nach wenigen Augenblicken wußte ich auch wieder, woher ich diese kannte.
xxxxxIn den guten alten Zeiten des Deutschen Fernsehens gab es – heute absolut unvorstellbar! – zwischen einzelnen Sendungen (falls diese nicht gerade zufällig die perfekte Länge hatten) nämlich einfach Pausen. Und diese Pausen sind nicht – wie heute üblich – mit Werbung gefüllt wurden, sondern mit einfach nur Warten. Und um dieses Warten ein wenig unterhaltsamer (oder so) zu gestalten, ist es durch akustische Pausenzeichen aufgelockert worden, während auf dem Bildschirm nur das Logo des jeweiligen Senders zu sehen war. Ich erinnere mich z. B. noch an eine weibliche Stimme, die aus dem Off verkündete: „Zur Fortsetzung des Programms schalten wir um nach Hamburg.“ Dann folgten ein paar Sekunden Stille, bevor schließlich eins von diversen Pausenzeichen erklang. Danach gab’s dann wieder Stille (bestimmt 10 Sekunden lang), bevor dieses Pausenzeichen wiederholt wurde, gefolgt von erneut Stille und der nächsten Klangwiederholung usw. Und manchmal hat das Ganze (bevor es mit einer Programmvorschau oder der erwarteten Sendung weiterging) auch etwas länger (als nur 1 Minute oder so) gedauert. Tja, das waren noch Zeiten, als man offenbar noch Zeit hatte.
xxxxxUnd wenn ihr mal das (in meinen Ohren „berühmte“) NDR-Pausenzeichen [sogar in der korrekten Tonart!] auf der Gitarre nachspielen wollt, müßt ihr nur den A7/9-Griff nehmen, langsam nacheinander die ersten 5 Saiten anschlagen, und zum krönenden Abschluß noch zweimal den im 17. (sic!) Bund gegriffenen Schlußton auf der letzten Saite zu Gehör bringen. Was grifftechnisch tatsächlich möglich ist, wenn ihr, während der 5. Ton auf der vorletzten Saite erklingt, die linke Hand wegnehmt und rasch nach oben führt. Und dieser doppelte Schlußton ist ein „a“, das erstaunliche 3 Oktaven höher liegt als der Startton dieser kleinen Pausen-Melodie. – Und so viel zum Akkord des Monats Mai im Juni.

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Abschließende Schulzeit-Pointe:
xxxxxDas letzte Mal, daß ich die Schulbank gedrückt habe (um doch noch – wenn auch letztlich erneut vergeblich – die Mittlere Reife zu erlangen), ist 1972 auf dem Abendgymnasium Zimmermann in Duisburg gewesen. Die zu bewältigenden Fächer waren Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Englisch, Lateinisch, Geschichte und Deutsch. Und als in Deutsch dann die erste Klassenarbeit anstand, erinnerte ich mich natürlich auch an meine alten Versagensängste beim Aufsatzschreiben und an die wenig erfolgreichen Versuche, mich bei diesen Aufgaben an bestimmte „Literatur-Regeln“ zu halten; und so hielt ich einen Augenblick inne … und beschloß, dieses scheiß Einleitung-Hauptteil-Schluß-Dings diesmal komplett zu vergessen und einfach so zu agieren, wie mein Instinkt es mir einflüsterte. Und als wir die Arbeiten dann zurückbekamen, hatte ich eine glatte 2 – die beste Note, die ich jemals in Deutsch seit meinem ersten Jahr auf dem Gymnasium bekommen hatte.
xxxxxUnd das bestärkte mich in dem Glauben daran [auch wegen meiner damals unübersehbaren Fortschritte als Gitarrenspieler und Liederschreiber], daß es richtig sei, nicht nur an althergebrachten starren Regeln festzuhalten, sondern immer auch auf die (und sei sie noch so klein und schüchtern) eigene, innere Stimme zu achten. Und knapp zwei Jahre später habe ich mein erstes „literarisches“ Werk in Form eines fotokopierten Heftchens mit fünf kleinen Geschichten (in einer Auflage von 20 Exemplaren) herausgebracht.


Der Akkord des Monats Juni (5/13)

Wie jetzt, der Juni-Akkord im Mai?

[Jau, weil ich mit dem Mai-Text leider nicht rechtzeitig fertig geworden bin und deshalb einfach den bereits im Winter verfaßten Juni-Beitrag vorgezogen habe. Die Mai-Sache wird dann im Juni rauskommen. / Denn „das stört doch keinen großen Geist“, wie Karlsson vom Dach häufig zu sagen pflegte.]
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Der heutige Akkord des Monats ist ein absolut magischer Griff. Und magische Griffe gelingen nur mittels Magie, und weil ich diese hohe Kunst nur sehr ungenügend beherrsche, vermag ich den diesmonatigen Gitarrengriff leider auch nicht wie gewohnt aufzuzeichnen. Doch bin ich zumindest in der Lage, euch ein Beispiel für die Wirksamkeit eines dieser Wundergriffe zu geben, da es in den vergangenen 100 Jahren glücklicherweise hin und wieder mal gelungen ist, einen dieser besonderen Momente auf Zelluloid oder anderes Filmmaterial zu bannen.

Wie zum Beispiel in der sechsten Minute des 1953 entstandenen amerikanischen CinemaScope-Westerns „River of No Return“, als Marilyn Monroe ins Bild kommt, eine von einem aufmerksamen Jungen [der sich später als Sohn von Robert Mitchum herausstellt] gereichte Gitarre entgegennimmt, sich – um gleich zu Beginn schon den guten Kern ihres ansonsten doch eher liederlich gezeichneten Filmcharakters zu dokumentieren – kurz aber liebevoll bei ihm bedankt, unter kräftigem Applaus des erwartungsvollen Goldgräber-Publikums die Stufen zur Bühne eines geräumigen Zelt-Saloons hinaufsteigt, kokett in ihrem „Lotter“-Kostüm – die begehrlichen Blicke der Männer mit einer Mischung aus Selbstsicherheit und Arroganz zurückgebend – zu einer das Dach stützenden Zeltstange schlendert um sich, einen Fuß auf einen bereitstehenden Hocker setzend und dabei ein wohlgeformtes, durch den Schlitz im Kleid prächtig ins Blickfeld gerückte Bein präsentierend, daran zu lehnen, die Gitarre auf dem schwarzbestrumpften linken Oberschenkel in Position bringt, sich – während es rundherum ganz still geworden ist – ein Sekündchen lang konzentriert, den Kopf dann mit dem ersten Akkordanschlag effektvoll zurückwirft und in dieser vollkommenen Star-Pose ein träumerisch-wehmütiges „One Silver Dollar“ zu singen beginnt. [Was man sich auch auf YouTube ansehen kann.]
xxxxxUnd gleich beim ersten Griff [auf einer übrigens einen halben Ton tiefer als üblich gestimmten Gitarre] zeigt sich schon Marilyns außergewöhnliche Meisterschaft: wie die Finger ihrer linken Hand ohne jegliche Mühe den Grundstein für einen perfekten D-Dur-Dreiklang legen [ohne daß der normalerweise dazu verwendete und bereits als Akkord des Monats Januar gewürdigte Griff auch nur ansatzweise bemüht werden müßte], gefolgt von einem nicht minder makellosen F#7-Akkord, für den die Künstlerin ihren vorausgegangenen Griff nur minimal zu verändern brauchte. Und zum Zeitpunkt des vierten Akkordes hat sich die von Marilyn erschaffene Magie bereits so vollkommen entfaltet, daß von da an ganze sechseinhalb Takte lang vollendete F#m-, G-, G6-, Hm- und A-Dur-Klänge ertönen, ohne daß dafür die allerkleinste Griffkorrektur nötig gewesen wäre. Was für ein beeindruckendes Kunststück!

Aber genau für derart erstaunliche Leistungen ist Magie schließlich erfunden worden, und weil Magier ihre Tricks ja bekanntlich nicht verraten, werden diese besonderen Griffe sich wohl auch in Zukunft den Faßlichkeiten von uns normalsterblichen Gitarrenspielern entziehen. Was vielleicht aber auch ganz gut so ist, da wir uns deshalb wenigstens zugute halten können, unsere eigenen Fähigkeiten über Jahre hinweg in ungezählten Übungseinheiten redlich erworben zu haben / während wir (an Harry-Potter-Lektüre oder so orientiert) lediglich spekulative Vermutungen darüber anzustellen vermögen, welche Art von Anstrengungen [denn von nichts kommt nichts] es solch übermenschlich scheinende Wesen wie Marilyn Monroe gekostet haben dürfte, bis sie endlich die perfekt anmutende Fertigkeit errungen hatten, uns mit formvollendeten Wundern wie dem Akkord des Monats Juli z. B. bezaubern zu können.

P.S.: Am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags [welcher ja der 1. Juni 2021 hatte werden sollen] wäre Marilyn Monroe 95 Jahre alt geworden!


Mein Cousin oder 1 Jahr Corona-Krise und (eine zweite) seine(r) Folgen

Wenn die Corona-Pandemie nicht gekommen wäre, hätte ich meine VHS-Gitarrenkurse nicht an den Nagel gehängt.

Wenn ich die Gitarrenkurse nicht an den Nagel gehängt hätte, hätte ich nicht ausnahmsweise auch mal wieder Privatunterricht gegeben: dem übungsfleißigsten Schüler meines zwangsabgebrochenen letzten Semesters. (Natürlich mit Schutzmasken und Abstand.)

Wenn ich Jürgen keinen Privatunterricht gegeben hätte, hätten wir uns nicht nach den Stunden manchmal auch noch über andere Themen (als Gitarre spielen) unterhalten.

Wenn wir uns nicht über andere Themen unterhalten hätten, hätten wir nicht festgestellt, daß mein Urgroßvater und sein Ururgroßvater dieselbe Person gewesen sind.

Wenn die Corona-Pandemie nicht gewesen wäre, hätten wir nie erfahren, daß wir miteinander verwandt sind.

Life is what happens to you while you’re busy making other plans.
xxxxxJohn Lennon, Beautiful Boy (Darling Boy), 1980


Der Akkord des Monats April (4/13)

Der erste Teil meines heutigen Beitrags stellt einen größeren Ausflug in die Welt der Musiktheorie dar. Wenn ihr an so was jedoch nicht interessiert sein oder meine Ausführungen für zu kompliziert halten solltet, könnt ihr auch gleich zur roten Stelle springen, wo es dann erst mit dem Akkord losgeht.

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Es gibt jede Menge Songs, die mit nur drei verschiedenen Akkorden auskommen, und auch in meinem Anfängerkurs habe ich diese Akkordanzahl pro Lied nicht überschritten. In den ersten 5 Wochen hatten wir es (bei 3 verschiedenen Liedern) mit den Griffen D, G und A zu tun [das nur vorbereitende G6 jetzt mal nicht mitgerechnet], die zur Tonart D-Dur gehören. Außer dieser D-Dur-Tonart gibt es aber auch noch 11 weitere Dur-Tonarten.

In der Musik stehen uns insgesamt 12 verschiedene Töne zur Verfügung, die sich ab dem 13. Ton (der „Oktave“) namentlich wiederholen. [Ton #13 heißt wieder wie Ton #1, Ton #14 wieder wie Ton #2 usw.] Und auf jedem dieser 12 Töne kann eine eigene Dur-Tonleiter errichtet werden, und zu jeder dieser Tonleitern gehören jeweils ganz bestimmte Akkorde.

Die 12 Töne c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais und h sind jeweils einen Halbtonschritt voneinander entfernt [ein Halbtonschritt entspricht einem Bund auf der Gitarre]. Für eine Dur-Tonleiter werden allerdings nicht nur Halbtonschritte (H) sondern auch Ganztonschritte (G) benötigt [2 Halbtonschritte = 1 Ganztonschritt]. Die Schritte einer Dur-Tonleiter [Moll- und andere Tonleitern haben andere Schrittfolgen] sind immer gleich: GGHG G G H, was (vom frei wählbaren Start-Ton an gerechnet) die Töne 1, 3, 5, 6, 8, 10, 12 und 13 (der letzte bildet die Oktave und heißt wieder wie der Anfangs-Ton) ergibt. In der C-Dur-Tonleiter wären das die Töne c, d, e, f, g, a, h und c, was den nur weißen Tasten auf dem Klavier entspricht. [Diese „weißen“ Töne (auch „Stammtöne“ genannt) sind übrigens auch die einzigen, die im Notensystem zur Verfügung stehen. So daß man, um auf die schwarzen Klaviertöne zu gelangen, beim Notenschreiben mit sogenannten Vorzeichen arbeiten muß: mit Kreuzchen (#) oder Bes (b). Durch das Vorsetzen eines # wird der Ton dieser Note um 1 Halbtonschritt erhöht, und per b um 1 Halbtonschritt erniedrigt.] Eine Dur-Tonleiter besteht also aus 7 namentlich verschiedenen Tönen, bevor sie mit der Oktave (dem 8. Ton) abgeschlossen wird.

Wenn man eine beliebige Dur-Tonleiter nimmt, kann man aus deren Tönen mehrere Dur- und mehrere Moll-Akkorde bilden.
xxxxxDur- und Moll-Akkorde entstehen, wenn zwei Terzen aufeinandergesetzt werden, was einen sogenannten „Dreiklang“ ergibt, da dieser Akkord aus insgesamt drei verschiedenen Tönen besteht. / Und eine Terz wird erzeugt, wenn ich einem beliebigen Ton der Dur-Tonleiter noch den übernächsten Ton hinzufüge.
xxxxxIch bekäme also einen Dreiklang, wenn ich die Dur-Tonleiter-Töne 1-3-5 nähme, oder die Töne 2-4-6 oder 3-5-7 und so weiter. Jeder neue Dreiklang wäre auf einer anderen Stufe der Tonleiter errichtet [in obigen Beispielen auf der 1., auf der 2. und auf der 3. Stufe], weshalb man hier auch von Stufendreiklängen spricht.

Ein Dur-Akkord besteht aus zwei aufeinandergestapelten Terzen, von denen die erste (unterste) eine große Terz ist [= 2 Ganztonschritte umfassend] und die zweite eine kleine Terz [= 1 Ganzton- und 1 Halbtonschritt]. Bei einem Moll-Akkord ist es genau umgekehrt: da wird zuerst die kleine Terz genommen und darauf eine große Terz gesetzt. [Mehr zu Terzen im nächsten Monat.]

Die Stufendreiklänge auf der 1., auf der 4. und auf der 5. Stufe einer Dur-Tonleiter ergeben stets Dur-Akkorde (die sogenannten „Hauptdreiklänge“).
xxxxx[Nebenbei: Der Dur-Akkord auf der 1. Stufe wird auch Tonika genannt (was ich im Anfängerkurs ein wenig bildhafter als den „Zu-Hause-Akkord“ bezeichnet habe: von dem aus man (in den allermeisten Fällen) ein Lied beginnt, und zu dem man (fast immer) mit dem Schlußakkord (nach zuvor bereits einigen Zu-Hause-Zwischenstopps) auch wieder zurückkehrt), der auf der 4. Stufe auch Subdominante, und der auf der 5. Stufe auch Dominante. / So daß man (in einer Band zum Beispiel) auch über die Akkorde eines Musikstücks reden kann, ohne immer deren ja nur für diese eine Tonart gültigen Namen (wie D-Dur oder G-Dur etc.) angeben zu müssen. Wenn ich irgendein Lied in mal einer anderen Tonart spielen wollte, würden sich die Namen der benötigten Begleit-Akkorde ändern, die Begriffe Tonika, Subdominante und Dominante dagegen gleichbleiben, weil es sich ja wieder um (nur diesmal in einer anderen Tonart verwendet) dieselben Stufendreiklänge handelt.]
xxxxxDie Stufendreiklänge auf der 2., auf der 3. und auf der 6. Stufe (einer Dur-Tonleiter) ergeben immer Moll-Akkorde (die sogenannten „Nebendreiklänge“). [Und auf der 7. Stufe entstünde, wegen dort zwei aufeinanderliegenden kleinen Terzen, noch ein weiteres Akkordgebilde, das weder Dur noch Moll wäre. / Mehr zu diesem etwas aus der Rolle fallenden Dreiklang dann im Dezember-Beitrag.]
xxxxxUnd wenn ich beispielsweise nun die Hauptdreiklänge aus den Tönen der D-Dur-Tonleiter bilden wollte, würde auf der 1. Stufe ein D-Akkord entstehen, auf der 4. Stufe ein G-Akkord und auf der 5. Stufe ein A-Akkord. Und deshalb passen diese drei Akkorde (die ersten meines Anfängerkurses) auch so gut zusammen, da sie ja alle demselben Tonleiter-Material entstammen. [Und aus ebendiesem Tonmaterial (oder seiner Moll-Variante) besteht bei fast allen Liedern auch die Gesangsmelodie – so daß es nicht verwundern sollte, daß ein gesungener Ton in Verbindung mit dem ihn unterstützenden Gitarrengriff ein harmonisch wohlklingendes Ganzes erzeugt, weil dieser Gesangston in den meisten Fällen auch in dem zeitgleich erklingenden Begleitakkord enthalten ist. – Und beim Liederschreiben wählt man – um es vereinfacht auszudrücken – dann entweder einen passenden Akkord [und es gibt in jeder Ton-Situation mehr als nur einen einzigen annehmbaren] zum Melodieton, oder sucht den Melodieton danach aus, daß er zum vorher auserkorenen Begleitakkord paßt.]

Im meinem Anfänger-Gitarrenkurs habe ich mich bei den ersten 3 Liedern (während der ersten 5 Wochen) ja nur in einer einzigen Tonart (D-Dur) aufgehalten, doch hätte ich diese 3 Lieder auch in irgendeiner (oder mehreren) anderen Dur-Tonart(en) spielen können. Es würde (andersrum gesehen) aber auch möglich sein, alle „Dur-Lieder“ der Welt [das „Dur“ betone ich deshalb so ausgiebig, weil es auch Lieder in Moll-Tonarten gibt] in nur einer einzigen Tonart zu spielen. Und es gibt tatsächlich Liederbücher, die genau diesem Gedanken gefolgt sind.
xxxxxDer Vorteil von nur einer einzigen benutzten Tonart wäre, daß man es (bei normalen Liedern) immer mit denselben (meistens 3 bis 6 verschiedenen) Griffen und deshalb auch immer mit denselben Griffwechseln zu tun bekäme, die man deshalb etwas früher beherrschen dürfte, als wenn man (bei einer größeren Anzahl von Tonarten) immer wieder mit neuen Griffen und neuen Griffwechselfolgen arbeiten müßte.
xxxxxDer Nachteil wäre, daß man keine alternative Tonart kennenlernt. Und eine solche würde man beispielsweise brauchen können, wenn die Gesangsmelodie an irgendeiner Stelle mal zu hoch oder zu tief wäre.

Ein Sänger hat nur das eine ihm von der Natur mitgegebene Stimmband-Paar im Kehlkopf zur Verfügung, und wenn die Gesangsmelodie eines Liedes (in einer bestimmten Tonart) über die Bandbreite der Tonerzeugungsmöglichkeiten der Stimmbänder dieses Sängers [welche sich durch eine richtige Gesangsausbildung allerdings auch noch ein klein wenig vergrößern ließe] hinausgehen, kann man das Lied (für einen schönen Vortrag) leider vergessen. Zumindest für den Moment. Denn wenn der Bereich der bei diesem Lied beispielsweise zu hohen Töne im unteren Tonumfang der Gesangsstimme noch leer, also vorhanden, nur noch nicht genutzt ist, könnte man die gesamte Melodie einfach tiefer legen, so daß die höchste Melodiestelle danach nun (wenn alles weit genug versetzt worden ist) nicht mehr zu hoch wäre und sich das Lied also doch – nur in einer anderen (in unserem Beispielsfall also tieferen) Tonart – singen ließe. Doch dazu benötigten wir als begleitende Gitarristen die Akkord-Kenntnisse von mindestens einer zweiten Tonart.

Kleines Zwischen-Fazit:
xxxxxEin Lied kann also nicht nur in einer einzigen Tonart gespielt (und gesungen) werden, sondern in allen, die es gibt: also in 12 verschiedenen Dur-Tonarten, oder (bei einem „Moll“-Song) in 12 verschiedenen Moll-Tonarten! Und zu jeder neuen Tonart gehören eigene Akkorde (in der Regel die auf den Tönen der Dur-Tonleiter errichteten Stufendreiklänge). So daß für jede neue Tonart auch neue Gitarrengriffe benötigt und erlernt werden müssen; aber – und das ist das wichtige – auch die Tonhöhe der Gesangsmelodie ändert sich bei jeder neuen Tonart und stellt somit für den Sänger – der seine Stimmbänder bei zu hohen oder zu tiefen Tönen ja nicht einfach austauschen kann – eine manchmal äußerst willkommene Alternative dar. Und je mehr verschiedene Tonarten wir als Gitarrenspieler draufhaben, desto mehr können wir dem Sänger die Wahl seiner „perfekten“ Tonart ermöglichen. [Und wenn die für den Sänger optimale Tonart für den ihn begleitenden Gitarristen noch nicht spielbar ist, muß man entweder warten, bis dieser sich die dazu benötigten Griffe oder Spielweisen draufgeschafft hat – oder muß sich einen versierteren Gitarristen suchen. / Oder umgekehrt: Wenn der Gitarrist (beim nur in Originaltonarten möglichen 1:1-Nachspielen von Songs etwa) auf „seiner“ Tonart besteht, der Sänger dann aber mit für ihn zu hohen oder zu tiefen Tönen zu kämpfen hat, muß man entweder auf dieses Stück verzichten – oder sich einen anderen Sänger mit größerem Stimmumfang suchen.]

Es kann für einen Sänger allerdings nicht die für alle Songs passende eine „perfekte“ Tonart geben, weil die Spannweite der Melodieführung (der Bereich des Abstandes vom höchsten zum tiefsten Gesangston) bei verschiedenen Liedern ja unterschiedlich und nicht immer gleich groß ist.
xxxxx[Bei „This Land Is Your Land“ etwa, meinem dritten Lied im Anfängerkurs, beträgt der Abstand vom tiefsten zum höchsten Ton nur eine Quarte, was gleichbedeutend mit dem Bereich der ersten 4 Töne einer Dur-Tonleiter ist. Beim vorherigen Kurs-Lied („Go Tell It On The Mountain“) mußte man gesanglich dagegen schon eine None (einen 9-Ton-Abstand) bewältigen, was die Anzahl der gut singbaren Tonarten für diesen Song schon deutlich geringer gemacht hat.]
xxxxxWenn ich selbst irgendein Lied nachspielen möchte, interessieren mich die darin enthaltenen Akkorde erst mal überhaupt nicht, weil ich als erstes nämlich herauszufinden habe, ob die Melodie in dieser Tonart für meine Gesangsstimme überhaupt geeignet ist. Und falls dem nicht so ist, wird der Song bei für mich zu hohen Gesangstönen einfach tiefer und bei zu tiefen Gesangstönen einfach höher gelegt, was in der Fachsprache „transponieren“ heißt. Und weil ein Sänger seinen eigenen Stimmbereich genau kennen sollte, könnte er bei Ansicht der Noten einer Melodie durchaus schon sagen, um welches „Intervall“ [ein Intervall ist der Abstand zwischen zwei Tönen] er dieses Lied in welche Richtung (bei zu hohen Tönen nach unten, bei zu tiefen Tönen nach oben) verschieben müßte, um es für sich singbar zu machen. / Und erst, wenn das geklärt ist, beginnen mich die Akkorde des Liedes zu interessieren.
xxxxxÜbrigens: Nur, weil ein Lied in einem Liederbuch in der Tonart „x“ steht, heißt das noch lange nicht, daß dieser Song auch im Original in der Tonart „x“ gestanden hat, sondern womöglich nur, daß der Autor des Liederbuches dieses Lied in der von ihm gewählten Tonart „x“ für allgemein besser (als in der Original-Tonart) singbar gehalten oder es nur in die Tonart „x“ transponiert hat, um so andere (vielleicht einfachere) Begleit-Griffe (als in der Originalaufnahme) für sein Buch zu bekommen. Deshalb kommt es auch vor, daß ein und dasselbe Lied in verschiedenen Büchern in verschiedenen Tonarten steht.

[Und nun nähern wir uns (auch wenn ihr’s vielleicht kaum noch für möglich gehalten haben solltet) doch noch dem Ende des diesmonatigen Ausflugs in die Welt der Musiktheorie.]
xxxxxAls ich nach den ersten 5 Wochen des Anfängerkurses (mit bis dahin ausschließlich Liedern in der Tonart D) mal eine neue Tonart vorstellen wollte, hatte ich die Wahl zwischen gleich 11 verschiedenen. Da bei mehr als der Hälfte davon die drei dazugehörenden Griffe (die Hauptdreiklänge) für meine Schüler aber noch vollkommen unbekannt gewesen wären, war es natürlich klüger, eine Tonart zu wählen, für die man nur einen einzigen neuen Griff lernen mußte (während die anderen beiden in der neuen Tonart vorkommenden Griffe schon von der alten Tonart her bekannt wären). Also kamen nur noch zwei Tonarten in Frage: A-Dur- und G-Dur. Weil die G-Dur-Tonart aber noch zu schwer war (und deshalb auch erst in meinem zweiten Kurs zum Zuge gekommen ist), hatte ich mich logischerweise für die neue Tonart A-Dur entschieden, zu der neben den Akkorden A und D auch noch der neue Griff E-Dur gehört:

Mit dem E-Dur-Akkord ist – nach zuvor bereits erlerntem D, A und G – in der sechsten Stunde meines Anfängerkurses also der vierte Griff vorgestellt worden, mit welchem das Akkorde-Soll des Kurses eigentlich schon erfüllt war [lediglich Am (für nur eine Stunde) und H7 (in den letzten beiden Kursstunden) sind später noch als „Bonus“ hinzugekommen]. Denn mit der Kenntnis unserer nur vier Griffe sind ja schon zwei verschiedene Tonarten spielbar gewesen, was [wie weiter oben schon erläutert] auch eine gesangliche Alternative für Teilnehmer mit anderer Stimmlage bedeutet hat. Um diesen wichtigen Umstand aber auch jedem meiner Schüler in aller Ruhe unmißverständlich klarmachen zu können, habe ich eine Woche nach der Einführung des E-Dur-Griffs dann mal eine reine Theoriestunde abgehalten, in der es vor allem darum ging, den Sinn und die Technik des Transponierens zu erklären.
xxxxx[Mit „transponieren“ ist das Umschreiben eines Liedes von einer Tonart in eine andere gemeint, wobei sich neben dem Tonhöhenbereich der Gesangsmelodie auch sämtliche Begleitakkorde ändern. Der Zu-Hause-Akkord der ursprünglichen Tonart wird dabei zum (aus einem anderen Griff bestehenden) Zu-Hause-Akkord der neuen Tonart, und auch die übrigen Akkorde werden jeweils gegen ihr Pendant (aus der neuen Tonart) ausgetauscht.]

xxxxxUnd nachdem bis hierhin alles mehr oder weniger nur eine ausschweifende Erklärung dafür gewesen ist, weshalb der 4. Griff in meinen Gitarrenkursen ein E-Dur und nichts anderes zu sein hatte, folgen nun also doch noch ein paar pelikanesische Gedanken zum Akkord des Monats E-Dur:

In meinen Anfängerkursen ist es regelmäßig vorgekommen, daß obige Griffbildzeichnung in der „Endlich was Neues“-Aufregung nicht exakt genug „gelesen“ worden ist, was zur Folge hatte, daß einige Schüler die Finger beim ersten E-Greifversuch in einer geraden (Z-M-R-)Reihe [ähnlich wie beim A-Griff, nur (mit etwas verdrehterem Handgelenk) in eine andere Richtung gehend] aufgesetzt haben, bei der der Zeigefinger (Z) zwar korrekt auf der 4. Saite von oben lag [bei Verständnisproblemen in bezug auf das oben und unten im Akkord-Diagramm siehe den einleitenden Abschnitt meines Februar-Beitrags], es danach aber falsch weiterging: mit dem M auf der darüberliegenden Saite [in einer Diagramm-Ansicht also auf der darunterliegenden!] und dem R zum Abschluß auf der 2. Saite von oben.
xxxxxDas Akkord-Diagramm zeigt aber, daß beim E-Griff nicht der R sondern der M am weitesten oben plaziert werden soll, was die Fingerhaltung [im Gegensatz zu der etwas „eleganteren“ Linie beim So-soll-man’s-nicht-machen-Beispiel] zwar etwas „ungerader“ aussehen läßt, vom Greifgefühl her aber doch „normaler“ gestaltet. Denn weil der M der längste Finger an der Hand ist, kann er natürlich auch am leichtesten den weitesten Weg bewältigen. Außerdem mutet der Fingerkrümmungsgrad des M/R-Paars dann auch viel natürlicher als bei der falsch gegriffenen „Linie“ an, was auch ein (für die Zukunft angestrebtes) gleichzeitiges Aufsetzen dieser M/R-Kombination [bei den Griffen E, Em und Am zum Beispiel] erleichtern wird.

Obwohl ich im Gitarrenkurs zwei Wochen zuvor schon (bei der Einführung des G-Akkordes) die „Pelikanesische Regel“ aufgestellt hatte, daß beim Akkorde greifen immer der am weitesten oben benötigte Finger zuerst aufgesetzt werden müsse [um einerseits die (bei bestimmten Zupf- und Anschlagtechniken zuerst benutzten) Baßsaiten (auch zuerst) abgedeckt zu haben, sowie andererseits die dabei in der Regel zum Einsatz kommenden schwächeren Finger (M + R) durch diese gezielten Bewegungen besonders zu trainieren und für auch andere Aufgaben zu stärken – siehe auch die Erklärungen zu diesem Thema im Januar- und März-Beitrag], haben fast alle meine Schüler beim ersten E-Greifversuch doch wieder mit ihrem sichersten Finger, dem Z, begonnen. Was aber auch erklärlich ist, da dieser E-Akkord ja der allererste Griff in meinem Kurs gewesen ist, bei dem der Zeigefinger (im Gegensatz zum Vorgehen bei den D- und A-Griffen) nicht zuerst aufgesetzt werden durfte.
xxxxxWenn ich nun aber das Zeigefinger-zuerst-Aufsetzen beim E-Dur-Greifen [und auch bei späteren Griffen wie C, Am und Dm] zugelassen hätte [wie ich es in meinen ersten Gitarrenlehrerjahren tatsächlich getan habe, weil ich es damals einfach noch nicht besser wußte], würde das zu einem bleibenden Abhängigkeitsverhältnis der schwächeren Finger von den sichereren Fingern führen [à la: der M läßt sich nur dann sicher aufsetzen, wenn der Z bereits liegt / und der R nur dann sicher, wenn Z oder M bereits liegen], was negativerweise nämlich dazu beitrüge, daß es – ob der nicht erfolgten Finger-Emanzipation – wesentlich [und ich rede hier von mindestens Monaten!] länger dauern würde, bis die Finger beim Akkorde greifen schließlich auch mal gleichzeitig (ohne daß ein schwächerer Finger immer leicht hinterherhinkt) aufgesetzt werden könnten.

Aber auch wenn meine Schüler meinen Ratschlägen zu folgen gedachten, ist es für einige nicht leicht zu verstehen gewesen, weshalb es nicht einmal beim Akkordwechsel von D nach E gestattet war, mit dem Zeigefinger zu beginnen. Obwohl das doch so einfach wäre, weil der Z ja schon auf der richtigen Saite lag und nur noch vom 2. in den 1. Bund zurückgeschoben werden müßte. Mein Gegenargument ist wieder die Verminderung der Abhängigkeit der schwächeren Finger vom Zeigefinger gewesen, das ich mit einem Beispiel aus meinen Kursen untermauert habe:

In den ungefähr ersten anderthalb Jahrzehnten meiner 1984 begonnenen Tätigkeit als VHS-Gitarrenlehrer [als ich noch nicht verstanden hatte, wie kontraproduktiv das Zeigefinger-zuerst-Aufsetzen bei Gitarrenspielanfängern war] hatten meine Schüler einfach greifen dürfen wie sie wollten. Was dazu geführt hatte, daß so gut wie alle Teilnehmer beim Akkorde greifen [mit Ausnahme des G-Griffs natürlich] immer mit dem Zeigefinger (weil das halt am leichtesten ging) begonnen haben. So auch beim E-Dur greifen, und – vom D kommend – mit dem „schicken“ Z-Runterrutschen auf der G-Saite.
xxxxxIm 2. Kurs ist mein erstes Lied früher (genau wie heute, bzw. vor 14 Monaten) „Lady In Black“ gewesen, das mit nur zwei Akkorden auskommt: dem (für die Kursteilnehmer) neuen Griff Em [ich hatte den Song zur besseren Singbarkeit von a-Moll nach e-Moll transponiert] und dem altbekannten D-Akkord. Mir war in den 80ern bestimmt auch schon mal aufgefallen, daß etliche Schüler beim Lady-In-Black-Wechsel von D nach Em einige Schwierigkeiten hatten, doch war ich damals deswegen höchstens etwas verwundert (ohne mir schon weitreichendere Gedanken darüber zu machen). Schließlich (deshalb die Verwunderung) war der Em-Griff, wie ich fand, doch eigentlich superleicht, da man ja nur ein (seit Monaten bekanntes) E-Dur ohne Zeigefinger zu greifen brauchte. Aber genau da lag der Haken – wie ich irgendwann (vermutlich um die Jahrtausendwende herum oder so) erkannte [als ich das Gitarrenunterrichtgeben nicht mehr nur als reinen Geld-verdien-Job ansah sondern wirklich ernst zu nehmen begonnen hatte].
xxxxxMeine Leute sind es früher ja gewohnt gewesen, beim zum E-Dur gehen mit dem Zeigefinger zu beginnen, so daß die nachfolgenden Finger (M + R) dann (im Z) einen Dreh- und Angelpunkt besaßen, der ihnen beim Em-Greifen einfach fehlte. Außerdem hatten sie ja eigentlich noch nie (außer beim G-Griff) die schwächeren M und R zuerst aufzusetzen gehabt, so daß diese Finger noch keinerlei selbständige Sicherheit besaßen. Und manchmal mußte ich sogar beobachten, daß Teilnehmer beim Wechsel von D nach Em zuerst ein (mit dem Z runterrutschend erzeugtes) E-Dur bildeten und den Z danach wieder (zum Em-Griff) wegnahmen. Und das konnte einfach nicht der Gitarrenlehrerweisheit letzter Schluß sein!
xxxxxAls ich schließlich aber die „Den obersten Finger immer zuerst aufsetzen“-Regel eingeführt hatte, war das Problem mit dem Em-Greifen bei „Lady In Black“ gar kein Problem mehr, weil der im vorherigen (1.) Kurs gelernte E-Dur-Griff ja quasi immer mit einem „Em“ losgegangen war. Und dieses Argument hat meine Leute dann doch dazu bewogen, beim E-Dur-Üben immer mit der schwächeren M/R-Kombination zu beginnen. Und weil diese Übung ja auch dazu beitragen soll(te), einen E-Dur-Akkord irgendwann mal gleichzeitig (ohne daß die schwächeren Finger immer etwas zu spät kommen) aufsetzen zu können, noch eine kleiner Tip dazu:
xxxxxIhr erinnert euch vielleicht noch an die Entdeckung einer meiner Schülerinnen, wie man den D-Dur-Griff bereits in der Luft (über den Saiten schwebend) [durch Krümmung des Mittelfingers / von einer nebeneinanderliegenden Z-M-R-Haltung ausgehend] formen kann. Und eine ähnliche Vorgehensweise ist auch für den E-Dur-Griff möglich: Von der A-Dur-Fingerhaltung ausgehend einfach den Zeigefinger etwas krümmen (während M + R unverändert bleiben), und schon ist der E-Dur-Griff quasi fertig. Dann braucht die Hand nur noch so weit gedreht/verschoben werden, bis der „Luftgriff“ überm E- [oder auch überm Am-]Tatort schwebt und dieses Gebilde eigentlich nur noch als Ganzes abgesetzt werden muß. Probiert es aus.


Stay healthy oder 1 Jahr Corona-Krise und (eine) seine(r) Folgen

Mitte März 2021

Wie an anderer Stelle bereits berichtet [und hier auch noch mal nachlesbar], waren mein Freund Kalle Burandt und ich zu Beginn des Jahres 2016 davon abgekommen, unsere E-Mails mit dem „Liebe Grüße“ übermittelnden LG-Kürzel zu beenden. Wir wählten statt dessen – um das Ganze etwas interessanter zu gestalten – den rückwärtsgewandten Weg einer Neudefinition der Ursprungsbedeutung und verabschiedeten uns fortan mit Wortkombinationen wie Lärmende Gegengerade, Ledergebundene Gesamtausgaben, Lauwarmes Gemüse und so weiter.

Mit Beginn der Coronakrise schien es uns aber angebracht zu sein, den alten Gruß gegen ein „Bleib gesund“ auszutauschen, dessen Einführung nicht nur der aktuellen Lage Rechnung tragen sondern auch noch eine frische Brise in unsere (nach 4 Jahren) doch schon ziemlich vernachlässigte E-Mail-Schlußwort-Suche bringen sollte. Es gab da nur einen kleinen Haken. In BG („bleib gesund“) war ja ebenfalls der in LG vorkommende und von uns schon x-mal durchgekaute Buchstabe G enthalten, so daß wir uns, um doch lieber mit vollkommen neuen Wörtern jonglieren zu können, für die englische Variante SH („stay healthy“) entschieden haben – was sich schließlich auch deshalb als exzellente Wahl erwiesen hat, weil es einfach doppelt so viele Wörter gibt, die mit S+H als mit L+G beginnen.

Und nach jetzt schon einem ganzen Jahr der Verwendung dieser neuen Grüße möchte ich euch nun auch davon eine Best-of-Liste präsentieren, der im nächsten Jahr bestimmt noch eine zweite folgen wird. Bis dahin, macht’s gut und bleibt gesund.

Scheue Hasen
Sieben Häscher
Schwarzwälder Hirschsorte
Starrs Hi-hat
Starkeys Hängetoms
Söders Haschpfeifen
Schwaches Hintergrundrauschen
Stephen Hawking
Swingin‘ Herby
Sultan Heinrich
Stilvolle Hirngespinste
Schwarzer Humor
Sinnlose Haltbarkeit
Stimmungsvolle Hits
Sensible Haudegen
Schicke Hosenträger
Schöner Hut
Sternenreiches Himmelszelt
Segel hissen
Su heiraten
Semimagnetische Halbleiter
Schieß, Haaland!
Springende Hürdenläufer
Schlackernde Hoden
Spektakuläre Highlights
Stand heute
Shit happens
Schnelle Haubentaucher
Strombetriebene Heugabeln
Samstags Hackbraten
Stille Hoffnung
Schmucke Hochseejachten
Singende Herrentorten
Schneiders Helge
Schwelgende Herzen
Siamesische Hochseilartisten
Serielle Horizontalrücklaufintervalle
Schwankende Hängebrücken
Saulustige Hamster
Suspendierte Hippies
Schwimmende Hausmeister
Sensorgesteuerte Helligkeit
Sandfarbene Hochhäuser
Sinnvolle Hebebühnen
Schweigsame Hinterwäldler
Schlafendes Hotelpersonal
Schwächelnde Halunken
Schwielige Handflächen
Supermans Honorarforderungen
Seltene Hieroglyphen
Spendable Hochstapler
Schwebende Heißluftballons
Steigende Hubschrauber
Sinkende Helikopter
Sauertöpfische Heiratsschwindler
Saufende Heimwerker
Strandende Haie
Salzige Heringe
Schnittige Hondas
Sherlock Holmes
Sam Hawkens
Scharfe Hereingaben
Seppls Hosen
Steppende Helden
Schwindelerregende Höhen
Sicherer Handelfmeter
Spiegelverkehrter Heiligenschein
Schmackhafte Halspastillen
Sensationelle Hochstimmung
Schneebedeckte Hügel
Schwule Heideröschen
Syndesmosebandrißgeschädigte Hupfdohlen
Stummes Helau
Starker Herkules
Seekranke Hummer
Süffiger Himbeergeist
Sardonisches Hohngelächter
Sprachliche Höhenflüge
Spontanes Hin-und-her
Sturzgefährdete Hochräder
Steinige Holzwege
Signifikante Hinweise
Strapazierte Henkeltassen
Sauce hollandaise
Schwerverdauliche Haselnußschalen
Schlüpfrige Heimkinofilmchen
Stolpernde Hochzeitsgäste
Stolzierende Hähne
Spätes Heimkommen
Schreckhafte Hexen
Samtblaue Hydranten
Stinkreiche Hausierer
Schummelnde Hasardeure
Substrahierte Hunderter
Sonniges Heidelberg
Stundenlange Höchstgeschwindigkeit
Staubtrockene Honigkuchen
Schnabelförmige Hufeisen
Steriles H2O
Schwerfällige Hornochsen
Stagnierendes Holozän


Der Akkord des Monats März (3/13)

Abkürzungen: Z = Zeigefinger, M = Mittelfinger, R = Ringfinger, K = Kleiner Finger

Der heutige Akkord des Monats ist der G-Dur-Griff, der schwierigste und (für mich deshalb) wichtigste Griff in meinen (inzwischen ja der Vergangenheit angehörenden) Gitarren-Anfängerkursen. Da meine ersten Kurs-Lieder in der Tonart D-Dur gewesen sind, hießen die dazugehörigen Akkorde [in Form der Tonika, Dominante und Subdominante / mehr zu diesem Thema im nächsten Monat] D, A und G, von denen letzterer allein deshalb schon etwas Besonderes darstellt, weil er sich auf zwei völlig verschiedene Arten greifen läßt: auf eine leichtere und eine deutlich schwerere. Und ich habe in meinen Gitarrenkursen immer nur die klassische – das ist die schwerere – Variante gelehrt, da diese sich (vor allem in späteren Kursen ersichtlich) als deutlich günstiger erweist. Im Leben ist der einfachste Weg (des geringsten Widerstandes oder so) ja auch nicht immer der beste, was definitiv auch auf das G-Dur-Greifen beim Gitarrespielen zutrifft!

Mit obigem G ist in meinen Kursen zum ersten Mal ein Griff aufgetaucht, bei dem [schlechte Nachricht 1:] der sicherste Finger (Z) überhaupt nicht benutzt werden darf und [schlechte Nachricht 2:] auch noch der kleine Finger K (der üblicherweise der untrainierteste und deshalb schwächste von allen ist) zum Einsatz kommen muß. Und weil die nebeneinanderliegenden Finger R und K bei diesem Griff auf den am weitesten voneinander entfernt liegenden Saiten agieren müssen, fällt es Anfängern meistens ziemlich schwer, den K (während der zuerst aufzusetzende R auf der obersten Saite verbleiben soll) so stark zu beugen, daß er die unterste Saite (a) einerseits erreicht und (b) auch noch herunterzudrücken vermag. Und vermutlich benutzen deshalb viele Gitarrenanfänger [oder einfach, weil sie es mündlich, in Büchern oder im Internet nicht besser erklärt bekommen haben?] den leichteren G-Griff, bestehend aus: Z statt M, M statt R, und R oder K auf der untersten Saite. Und auch Kursteilnehmern mit Vorkenntnissen war meistens nur diese leichtere Variante bekannt. So daß es in der Stunde, in der ich den G-Griff vorgestellt habe, meine vordringlichste Aufgabe gewesen ist, allen Schülern überzeugend klarzumachen, weshalb das schwere G besser als das leichte ist.

Wenn man keine Akkorde, sondern nur einzelne Töne nacheinander spielen wollte, würde die Grundstellung der linken Hand (über dem Hals schwebend) so aussehen, daß der Z im 1. Bund [„Bünde“ nennt man die durch das Bundstäbchen abgegrenzten Felder auf dem Gitarrenhals. In obiger Zeichnung befindet sich der M beispielsweise im 2. Bund, während R und K im 3. Bund liegen] greifen könnte, während der M für das Greifen im 2. Bund bereit wäre, der R für die Töne im 3. und der K für die im 4. Bund.
xxxxx[Für den 5. Bund ist natürlich kein Finger mehr vorhanden, doch ließen sich die dort ansässigen Töne auch auf der jeweils darunter liegenden Saite [meist leer angeschlagen] erzeugen, so daß man die Lage der Hand, um vom tiefsten bis zum 29. Ton (in Halbtonschritten gerechnet / dazu mehr im April-Beitrag) zu gelangen, überhaupt nicht verändern müßte.]
xxxxxUnd ähnlich soll das auch beim Akkorde greifen gehandhabt werden: Auch da soll der Z für den 1. Bund zuständig sein, der M für den 2. und der R für den 3. (während der 4. Bund bei den „normalen“ Griffen nicht benutzt wird). Dieses Fingerzuordnungssystem ist allerdings nur selten perfekt anwendbar, da bei den meisten Griffen zwei (manchmal sogar drei) Saiten im selben Bund gedrückt werden müssen.

Wenn ich den G-Griff nun auf die leichte Art (mit Z, M und R-oder-K) greifen würde, stünde mir kein Finger mehr für eine bisweilen nötige Tonerzeugung im 1. Bund zur Verfügung, was sich z. B. beim Akkordwechsel von G nach G7 recht uncool auswirkte, weil dann alle Finger versetzt werden müßten und einen insgesamt ziemlich weiten Weg zurückzulegen hätten, wohingegen ich [gute Nachricht 1:] beim klassisch gegriffenen schweren G lediglich den K wegnehmen und den Z auf der untersten Saite (im 1. Bund) hinzufügen müßte, während M und R einfach liegenbleiben würden. Und auch bei den (allerdings erst in späteren Kursen vorkommenden) Wechseln von G nach C und von G nach F ist der [gute Nachricht 2:] weniger weite Weg für die einzelnen Finger beim schwereren G [im Vergleich zum erheblich größeren Umgreif-Aufwand bei der Benutzung des leichteren G-Griffs] von unleugbarem Vorteil, was ich im Gitarrenkurs in der ersten G-Stunde dann (mit sämtlichen oben genannten Wechselbeispielen) auch immer schön deutlich demonstriert habe.
xxxxx
Und zum Abschluß meiner Erläuterungen, weshalb sich das schwere G in den kommenden Kursen als das bessere erweisen wird, habe ich noch das Intro von „Father And Son“ von Cat Stevens vorgespielt, bei dem man [gute Nachricht 3:] relativ leicht und elegant vom schweren G zum [per M-und-Z-Hammering] G-Quartsextakkord [in Tabulaturnotation: 3-x-2-0-1-3] gelangen kann, was sich vom leichteren G aus dagegen überhaupt nicht sauber klingend bewerkstelligen läßt. Und danach hatte dann wirklich jeder meiner Schüler verstanden, weshalb er dem schwereren G den Vorzug geben sollte.
xxxxx[P.S.: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags erreichte mich die Frage, wie man obigen Quartsextakkord denn spielen könne, wenn die 2. Saite von oben nicht zu hören sein darf. Antwort: Indem man den Ringfinger auf der obersten Saite so leicht schräg hält, daß er die darunterliegende Saite berührt und somit beim Anschlagen „tonlos“ macht.]

G ist in meinen Anfängerkursen (nach zuvor D und A) ja der insgesamt dritte Griff gewesen, jedoch der erste, bei dem der Grundton des Akkordes sich nicht auf einer leeren Saite befindet, sondern erst noch von einem draufzulegenden Finger (in diesem Fall auf der obersten Saite im 3. Bund) erzeugt werden muß. Und weil der immer im Baßbereich (also oben) befindliche Grundton eines Akkordes bei bestimmten Spieltechniken zuerst angeschlagen wird, sollte dieser Ton [wenn er wie beim G erst noch gegriffen werden muß und nicht (wie bei D und A) auf einer leeren Saite liegt] logischerweise auch zuerst (und nicht erst an zweiter oder dritter Stelle) abgedeckt werden. Und diese Aufgabe fällt beim G-Griff dem noch sehr ungeübten und deshalb auch ziemlich unsicheren R zu, was für den Anfänger erst mal recht schwierig ist [doch ist der leichteste Weg ja nicht immer der beste], jedoch auch schon ein gutes Training [die schwächeren Finger müssen gestärkt werden] für das in späteren Kursen gewünschte gleichzeitige Aufsetzen der Finger beim Akkorde greifen darstellt. [Was auch im Januar-Beitrag schon ausführlicher erklärt worden ist.]

Um es meinen Schülern in dieser frühen Phase des Kurses aber nicht so irre schwer zu machen, habe ich in der Stunde, bevor das komplette G vorgestellt wurde, erst mal mit dem „Vorstufen“-Griff G6 begonnen (3-2-0-0-0-0) [also einem G, bei dem die unterste Saite frei bleibt], wobei ich ausdrücklich darauf hingewiesen habe, daß zuerst der Ringfinger (auf die oberste Saite) gesetzt werden muß [ganz der im Januar-Beitrag vorgestellten Pelikanesischen Regel entsprechend, daß immer der (beim jeweiligen Griff) am weitesten oben zu liegen kommende Finger zuerst aufgesetzt werden soll], und danach erst der Mittelfinger (auf die zweite Saite von oben) [um die schwächeren Finger – der R ist schwächer als der M – zu trainieren und unabhängig(er) von den anderen zu machen], während der Zeigefinger bei diesem G6Griff überhaupt nicht verwendet werden darf, da er für einen möglichen Einsatz im 1. Bund zur Verfügung stehen soll. Und als Lied hatte ich – nachdem eine Woche zuvor der Refrain mit nur D und A drangekommen war – die Strophe von „Go Tell It On The Mountain“ genommen, in dem (in der Tonart D-Dur) neben den Griffen D und A zwar eigentlich G-Dur gespielt werden soll, was hier aber (da der Gesangston an diesen Stellen zufälligerweise passend ist) auch mit dem G6-Akkord sehr gut klingt.
xxxxxUnd eine Woche später muß für den richtigen G-Dur-Griff dann „nur noch“ der kleine Finger hinzugenommen werden.

Etwas problematischer ist die Sache mit dem von mir gewünschten G nur manchmal dann geworden, wenn quereinsteigende Teilnehmer (in den Kursen 2 bis 4) lediglich den leichten G-Griff kannten. Diese Personen hatte ich dann davon zu überzeugen, daß das Kennenlernen eines alternativen G-Griffs garantiert nicht schaden könne, sondern im Gegenteil eine besondere Chance böte [welche leider aber nicht alle auch genutzt haben].
xxxxxUnd einmal hatte ich in der ersten Stunde des 2. Kurses sogar mal eine Frau sitzen, die den G-Griff nur mit einem einzigen Finger auf der untersten Saite gespielt hat. „Das ist kein G-Dur“, sagte ich dann. „Doch, das ist G-Dur“, war die überzeugte Antwort. „Nein, das ist kein richtiges, sondern nur ein unvollständiges G-Dur“, hatte ich erwidert, woraufhin die Dame mir mit Nachdruck zu verstehen gab, daß sie diesen Griff von dem bekannten Gitarrenlehrer Peter Bursch [der nämlich genau wie ich in Duisburg lebt und arbeitet] persönlich gezeigt bekommen habe. Doch nützte das leider alles nichts, da es mir bei diesem Kenntnisstand einfach nicht möglich war, sie an meinem Fortgeschrittenenkurs teilnehmen zu lassen, obwohl sie bereits einen ganzen Anfängerkurs hinter sich hatte.

Das „einfingrige G“ kommt in Peter Burschs Gitarren-Anfängerbuch übrigens tatsächlich (und zwar als allererstem Griff) vor, doch darf man die obersten beiden Saiten dann natürlich nicht mitspielen, da sie ja nicht gegriffen sind und deshalb nicht die richtigen Töne haben. Das komplettierte G wird dann ein paar Gitarrenbuch-Lieder später vorgestellt, doch leider nur auf die leichte und in meinen Augen ja deutlich schlechtere Art, was auch einer der Gründe dafür ist, weshalb ich Gitarrenanfänger-Lehrbücher von anderen Autoren bevorzuge.

Immerhin erwähnt Peter aber, daß es auch noch andere Möglichkeiten des G-Dur-Greifens gibt, doch bleibt er dann leider auf halber Strecke stehen.
xxxxxIn der 70er-Jahre-Ausgabe seines Anfängerbuches heißt es etwa: „Es gibt noch mehrere verschiedene Grifformen für G-Dur, die ich jedoch nicht alle anführen möchte.“ Von diesen „noch mehreren“ Formen führt er dann allerdings nicht mal eine einzige an!
xxxxxIn der neubearbeiteten 90er-Jahre-Version macht er es – obwohl er (mit Foto und Akkord-Diagramm) leider immer noch nur das leichte G vorstellt – zumindest am Anfang ein wenig besser: „Andere Gitarristen greifen mit dem Mittelfinger in den 2. Bund der A-Saite, mit dem Ringfinger in den 3. Bund der dicken E-Saite und dann mit dem kleinen Finger in den 3. Bund der dünnen e-Saite.“
xxxxxSo weit, so gut – doch macht er diesen löblichen Hinweis auf das klassische G im nächsten Satz leider schon wieder völlig zunichte: „Probiere es selber aus und entscheide, welche Form für Dich am einfachsten ist.“ Keine Frage, daß das „Bursch-G“ einfacher, da viel leichter zu greifen ist. So daß ohne Anführung von Gründen, weshalb das alternative G sinnvoll sein könnte, sich natürlich NIEMAND von seinen Lesern für die schwerere Variante entscheiden wird. (Also macht er mit obigem Satz tatsächlich mehr kaputt, als wenn er diese andere G-Greifmöglichkeit überhaupt nicht erwähnt hätte. Dabei sollte ein Lehrer seinen Schülern doch eigentlich Möglichkeiten eröffnen anstatt sie zu verschließen.)

Noch ein letzter Punkt:
xxxxxDer häufigste Akkordwechsel zum G wird in der Tonart D vom D-Griff aus erfolgen. Und ein Lehrer sollte darauf achten, daß dabei keiner seiner Schüler den kleinen Finger zuerst drauflegt [die Pelikanesische Gitarrenlehrer-Philosophie ist in diesem Punkt der Bursch’schen also total entgegengesetzt!] – weil das nämlich ein zu Hause [deine Vorgabe des „zuerst den am weitesten oben zu plazierenden Finger aufsetzen“ mißachtend] recht gern gemachter Fehler ist. Da
xxxxx(a) der K bei der D-Griffhaltung ja fast schon über dem Zielpunkt für’s nachfolgende G schwebt und eigentlich nur noch abgesetzt zu werden braucht, und
xxxxx(b) das Aufsetzen des R, wenn der K schon gesetzt ist, etwas leichter vonstatten geht als umgekehrt. Doch auch hier gilt wieder, Abhängigkeiten [in dem Fall vom kleinen Finger] zu vermeiden und das Ringfinger-Beweglichkeitstraining (durch das beim G-Griff gewünschte Zuerst-Aufsetzen) nicht zu untergraben.

Doch sollte ein Lehrer auch im Blick haben, wie sich der K seiner Schüler beim D-nach-G-Wechsel verhält, wenn sich der R zum Greifen nach oben bewegt. In vielen Fällen wird der K dabei nämlich vom R mit nach oben gezogen, wodurch er (K) aber einen Umweg macht und anschließend zum Greifen wieder nach unten zurückgeführt werden muß, obwohl er sich während des vorherigen D-Griffs [falls er dabei nicht ausgestreckt war] doch schon über den richtigen „Koordinaten“ befunden hat.
xxxxx[Das ausgestreckte Abspreizen eines bei einem Akkord nicht benötigten Fingers ist auf jeden Fall zu beanstanden, da es diesem Finger nur einen unnötig weiten Weg zum nächsten Greifpunkt beschert. Beim Greifen nicht gebrauchte Finger sollten immer gekrümmt sein, um sich in (größerer) „Tatort-Nähe“ aufzuhalten.]

Eine gute Übung [um herauszufinden, wie abhängig (oder unabhängig) der K beim G-Greifen vom nach oben gehenden R ist] ist auch, den D-Griff 1-2 cm abzuheben und dann (die Finger in der Luft haltend) zu versuchen, den R nach oben zu bewegen, während der K NICHT mitgehen sondern gekrümmt (in Tatort-Nähe verharrend) bleiben soll. Das wird einigen Gitarren-Anfängern bei ersten Versuchen noch überhaupt nicht gut gelingen, doch wird sich – wenn man diese Übung beibehält und immer wieder mal probiert – die Beweglichkeit des kleinen Fingers im Laufe der Wochen dadurch definitiv verbessern.

Und so viel zum Akkord des Monats März.

 


Der Akkord des Monats Februar (2/13)

Im letzten Monat habe ich leider vergessen, mein Akkord-Diagramm so ordentlich zu erklären, daß auch Nicht-Gitarrenspieler damit etwas anfangen könnten. Also Nachtrag:
xxxxxDie waagerechten Linien sollen die Gitarrensaiten darstellen. Und jetzt kommt’s: Die „unterste“ Linie entspricht der „obersten“ Saite, wenn die Gitarre spielbereit gehalten wird. Aber stellt euch die Gitarre erst mal auf dem Tisch liegend vor (mit von links nach rechts: Kopf, Hals, Körper). Die Diagramm-Zeichnungen entsprechen nun (als kleinem Ausschnitt der Halsregion) einer von oben auf das Instrument hinabblickenden Ansicht. Und wenn ich die Gitarre dann vom Tisch nehme und (um 90° gedreht) auf meinen Oberschenkel setze, wird die vorderste und bislang unterste Saite dann auf einmal zur obersten. Die drei für den D-Griff des letzten Monats benötigten Finger drücken also die untersten drei Saiten.
xxxxxUnd die einzelnen Felder heißen Bünde, und dargestellt sind in der Regel die ersten Bünde der linken Seite des Gitarrenhalses. Wenn das erste Feld (ganz links im Diagramm) aber einem höheren Bund entsprechen soll, wird die Lage des Bundes in römischen Ziffern obendrüber angegeben.

Aber nun endlich zum Akkord des Monats Februar:

Vor 20 Jahren entdeckte ich in einem Nirvana-Gitarrenbuch mal eine Akkordbezeichnung, die ich noch nie zuvor gesehen hatte: Em7/11. Und da ich Nirvana mit auch häufig etwas krummeren Klängen assoziierte, rechnete ich hier mit einem vielleicht etwas schräger klingenden und womöglich auch etwas komplizierter zu greifenden Akkord. Doch als ich dann umblätterte und die Darstellung des Griffes sah, mußte ich lauthals auflachen – weil dieser nämlich nur aus den 6 leeren Saiten bestand. Und genau diesen Akkord hatte ich in meinem Leben schon tausendmal gespielt (als Arpeggio [einem harfenartig nacheinander Erklingen-Lassen der Töne], wenn ich hören wollte, ob die Gitarre gestimmt sei), ohne allerdings je zu wissen, wie dieser Akkord geheißen hatte; oder korrekter ausgedrückt: ohne mir bewußtgemacht zu haben, daß diese Tonkombination überhaupt einen Namen haben könnte. Aber als ich irgendwann mal ein wenig gründlicher darüber nachdachte, wurde mir klar, daß natürlich jede Tonzusammensetzung exakt definiert und akkordbezeichnungsmäßig genau bestimmt werden konnte – selbst eine, die alles andere als schön klänge. Doch hat ja auch niemand behauptet, daß ein Akkord nur aus einer sich ins Ohr schmeichelnden Harmonie bestehen dürfe, oder?

Frank Zappa hatte mal gesagt, daß kein Akkord der Welt häßlich genug sei, um treffend all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von der Regierung in unserem Namen verübt würden. Und ich habe tatsächlich einmal versucht, den für meine Ohren denkbar scheußlichsten Gitarrengriff zu finden – was ich nach einer Weile dann aber doch wieder ergebnislos aufgegeben habe.

Doch bin ich jetzt etwas vom Hauptthema abgekommen: Mitte der 90er Jahre, als Nirvana von etlichen Musikfans als das musikalisch Größte unter der Sonne angesehen wurde, ereignete sich in der zweiten Stunde meines Anfängerkurses mal Folgendes. Ich hatte (wie immer) in der ersten Stunde darauf hingewiesen, daß ich mir in der zweiten Stunde (wie immer) die Vor- oder Spitznamen der Teilnehmer notieren würde, da ich (wie immer) mit Duzen zu arbeiten gedachte, und erzählte, bevor ich schließlich ans Abfragen ging, rasch noch die Geschichte von meinem Freund Andreas [Grüße nach Mittenwald], der mir erstmals als Gitarrenschüler in einem VHS-Kurs begegnet war. Und der mir Jahre später berichtete, daß er sich als Junge immer gewünscht hatte, Andi genannt zu werden, was aber niemals jemand aufgegriffen habe. Wenn er in meiner Gitarrenkurs-Namennennstunde statt Andreas jedoch Andi gesagt hätte, hätte ich ihn mein Leben lang mit Andi angesprochen. „Also sucht euch sorgsam aus, wie ihr von mir genannt werden möchtet – aber bitte nicht alle Andi, ja?“
xxxxxUnd dann wandte ich mich an die erste Person in der ersten Reihe, einen jungen Mann, und blickte ihn fragend an. „Geht auch Kurt?“ meinte er, den Namen englisch aussprechend. – „Klar“, antwortete ich. – „Okay, dann bin ich Kurt!“

Und ohne diesen auf Kurt Cobain von Nirvana zurückzuführenden besonderen Namenswunsch würde ich mich an diesen Kursteilnehmer heute bestimmt nicht mehr erinnern können [schließlich habe ich in den 36 Jahren meiner Volkshochschultätigkeit mit schätzungsweise 1700 bis 1800 verschiedenen Schülern zu tun gehabt], da Kurt nicht gerade mit besonders viel Talent gesegnet und deshalb auch nicht über den Anfängerkurs hinausgekommen war. Doch bin ich sicher, daß er sich jedesmal richtig gut gefühlt hat, wenn ich ihn im Laufe der dreieinhalb Kurs-Monate mit seinem neuen „Künstlernamen“ angesprochen habe. Und so wenig er nach Ende des Kurses gitarristisch in Kurt-Cobain-Nähe ode so gekommen war, hat er zumindest einen Nirvana-Akkord doch absolut perfekt draufgehabt, den heutigen Akkord des Monats Februar:  Em7/11.

 


Der Akkord des Monats Januar (1/13)

Vorbemerkung:

1. Januar 2021. Ein historisches Datum für mich, da dies der erste Neujahrstag seit 44 Jahren ist, an dem ich kein Gitarrenkursleiter bin. Nach Ablauf des im März 2020 coronabedingt erfolgten zeitweiligen „Berufsverbots“ hatte ich nämlich darauf verzichtet, meine Lehrtätigkeit an der VHS Duisburg fortzusetzen und war mit 66,5 Jahren (obwohl ich eigentlich noch bis 70 oder so hatte weitermachen wollen) in den Ruhestand getreten. Einerseits gemäß dem Motto „Aufhören, wenn’s am schönsten ist“ (weil das Unterrichten in Zeiten des Coronavirus‘ garantiert weniger einfach als vorher sein würde), und andererseits wegen der trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht auf null reduzierbaren Ansteckungsgefahr. Da war es mir doch wichtiger, weniger Geld [sprich: gar keins mehr] zu verdienen [weswegen das Sozialamt – da ich von meiner Mini-Rente nicht mal die Mietkosten begleichen könnte – dann eben schon früher als geplant mal kontaktiert werden muß] und statt dessen mehr Zeit für mein seit 2018 in Arbeit befindliches neues Buch [kein Gitarrenbuch, sondern etwas Literarisches] zu haben.

Weil ich im Laufe des letzten Jahres aber festgestellt habe, daß ich das Unterrichten (trotz entspannten Rentnerdaseins) doch etwas vermisse, habe ich – auch um auf diese Weise vielleicht noch ein wenig weiterdozieren zu können – im Herbst beschlossen, 2021 endlich meine schon seit mehreren Jahren in der Ideen-Warteschleife vor sich hin dümpelnde Website-Serie „Der Akkord des Monats“ zu verwirklichen. Mal sehen, wie sich das Ganze in bezug auf den Anekdoten- und Lehranteil oder so bis zum Jahresende entwickelt haben wird.

Der Akkord des Monats Januar: D

[Während für die Darstellung des Fingersatzes üblicherweise Zahlen verwendet werden, habe ich mich bei meinen Griffbildern doch für Buchstaben entschieden (was auch Nicht-Gitarrenspielern das Verständnis erleichtern dürfte), da Zahlen schon zur Benennung der einzelnen Tonleiterschritte des Akkordes benutzt wurden.]

Den heute in den Mittelpunkt gestellten D-Dur-Griff habe ich neben dem A-Dur-Akkord [bei dem in der Tabulaturnotation (von oben nach unten gerechnet) die Bünde 0, 0, 2, 2, 2, 0 mit ebenfalls den ersten drei Fingern gedrückt werden] schon in der ersten Stunde meiner Anfängerkurse vorgestellt, da D und A die einzigen beiden Grundgriffe sind, bei denen der Zeigefinger der Greifhand weiter oben als die anderen Finger zu liegen kommt. Und weshalb das von Bedeutung ist, will ich hier etwas genauer erklären.

Bei der üblichen Gitarrenhaltung wird die rechte Hand zum Schlagen (oder Zupfen) und die linke zum Greifen der Akkorde benutzt. Und da die meisten Gitarrenschüler Rechtshänder sind, sind die Finger an ihrer (linken) Greifhand nicht ganz so gut trainiert und deswegen etwas unsicherer als die Finger an der rechten Hand, so daß fast alle Anfänger bei ersten Greifversuchen mit dem offenbar treffsichersten Finger der linken Hand beginnen wollen: dem Zeigefinger. Doch was für den Gitarrenspielanfänger am leichtesten ist, ist (aus Gitarrenlehrersicht) nicht immer auch am besten.

Stets den sichersten Finger (der linken Hand) zuerst draufzusetzen bedeutete nämlich, daß die weniger sicheren Finger [der etwas schwächere Mittelfinger (M) und der noch schwächere Ringfinger (R)] in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den stärkeren Fingern verblieben, was ein für später gewünschtes gleichzeitiges Aufsetzen der Finger beim Akkordegreifen schwerer machen würde. Solange die schwächeren Finger sich nicht emanzipiert haben (also nicht gezielt sicherer und stärker und unabhängiger geworden sind), wird immer ein gewisses Ungleichgewicht beim Alle-Finger-gleichzeitig-Aufsetzen herrschen, und um dieses auszumerzen, müssen die Problemfinger halt einem besonderen Training unterzogen werden.

Und die Art dieses Spezialtrainings ergibt sich fast schon von selbst, wenn man weiß, daß bei bestimmten Anschlag- und Zupftechniken der Baßton früher als die anderen Töne (des Akkordes) zum Klingen gebracht werden muß. Weshalb es doch naheliegt, die zuerst benötigten Töne auch zuerst (und nicht erst an zweiter oder dritter Stelle) gegriffen zu haben. Und da die tiefklingenden Baßseiten auf der Gitarre oben liegen, der sicherste Greiffinger (Z) in der Regel aber meistens weiter unten aufgesetzt wird [nur nicht bei A und D, weshalb ich damit auch im Kurs beginne], müssen deshalb die schwächeren Finger (M und R) die Aufgabe übernehmen, die Töne im Baßbereich abzudecken. Aus diesem Grund mußten in meinen Kursen immer die Finger zuerst aufgesetzt werden, die beim jeweiligen Griff am weitesten oben liegen [der M bei E-Dur, e-Moll und a-Moll, und der R bei C-Dur und G-Dur; was diese schwächeren Finger nebenbei auch schon fürs Alle-Finger-beim-Akkordegreifen-mal-gleichzeitig-aufsetzen-Können trainiert]. Das ist zwar schwerer, als den Z zuerst benutzen zu dürfen, doch nachdem ich meinen Schülern erklärt hatte, was ich damit bezwecken wollte und weshalb der leichtere Weg hier nicht der bessere sei, haben sie es auch eingesehen und sind mir auch (fast alle) gefolgt. Seinen Schülern die freie Wahl der Reihenfolge des Fingerdrauflegens beim Akkordegreifen zu lassen halte ich also für einen großen Schlechter-Gitarrenlehrer-Fehler.

[Übrigens: In dem rund ein Dutzend mir bekannter Gitarrenlehrbücher für Anfänger habe ich noch nie irgendwo einen Hinweis auf eine Fingersetz-Reihenfolge beim Akkordegreifen gefunden. Seltsam!]

Und nun wieder zurück zum D-Griff, bei dem – wie eingangs schon erwähnt – der Zeigefinger ja (wie auch beim A-Griff) am weitesten oben liegt. Was bedeutet, daß der sicherste Finger (Z) hierbei auch zuerst draufgelegt werden darf, weil er die pelikanesische Regel der Finger-Aufsetz-Reihenfolge (zuerst der am weitesten oben zu plazierende Finger) beachtet.

Und da es ja das Ziel ist, die Finger beim Akkorde greifen irgendwann auch mal gleichzeitig aufsetzen zu können, würden sie dann logischerweise in der Luft schon (über dem Griffbrett schwebend) den kompletten Griff bilden müssen, der dann „nur noch“ abgesetzt zu werden bräuchte. Dieses Alle-benötigten-Finger-gleichzeitig-Draufsetzen ist im (nur 13 Wochen laufenden) Anfängerkurs aber eigentlich nur bei A schon möglich (weil Z, M und R dabei ganz natürlich nebeneinanderliegen), weshalb sich der nachfolgende Schlußhinweis erst im Laufe des zweiten Kurses verwirklichen lassen dürfte:

Beim Akkordewechseln zwischen D und A sollte ein Anfänger sich erst einmal an einem bestimmten Finger orientieren, was (mit Ausnahme der wenigen Leute, die den R zuerst zu bewegen bevorzugen) am einfachsten mit dem Z zu bewerkstelligen ist. Nach recht kurzer Zeit haben meine Schüler beim Wechseln von D nach A dann auch schon alle drei Finger (mehr oder weniger) gleichzeitig aufzusetzen gelernt, während es umgekehrt – von A nach D – ganz anders aussieht. Obwohl der R bei beiden Griffen ja auf derselben (vorletzten) Saite zu tun hat, bewegt er sich beim A-nach-D-Wechsel von dieser aber doch wieder fort. Weil er – während Z und M schon einigermaßen gleichzeitig die richtigen Stellen für den D-Griff treffen – vom M mit nach unten gezogen wird, woraufhin er (R) nach diesem (eigentlich unnötigen) Umweg erst wieder nach oben zurückgeführt werden muß. Und bei diesem 2-Schritte-Weg (während nur ein Schritt das angestrebte Ziel ist) ist es in meinen Kursen dann auch sehr (sprich: viel zu) lange geblieben; bis ich mich irgendwann zu fragen begann, weshalb das Ganze so zweigeteilt ablief, obwohl der R sich beim A-Griff ja schon auf dem richtigen „Breitengrad“ (der vorletzten Saite) für den D-Griff befand. Bis ich dann mal erkannte, daß der M der „Übeltäter“ war, indem er den R beim Wechseln immer mit nach unten wegzog. Und beim Diskutieren über diesen Problempunkt erklärte meine Schülerin Ruth [an dieser Stelle ganz herzliche Grüße nach Duisburg oder Afrika] uns eines Tages, daß es bei ihr am besten funktionieren würde, wenn sie (beim Wechsel von A nach D) zeitgleich mit dem Wegnehmen des A-Griffes den M (während die anderen Finger unverändert blieben) etwas in die Handfläche hinein nach hinten krümmen würde und damit quasi schon den kompletten D-Griff in der Luft fertig hätte, die Hand dann insgesamt „nur noch“ ein klein wenig zu drehen und zu verschieben bräuchte und die Finger anschließend nur noch (gleichzeitig) absetzen müßte.
xxxxxAuf diesen erst im Frühjahr 2019 erlernten Hinweis-„Trick“ wäre ich alleine vermutlich nie gekommen, doch habe ich seit Beginn der 2010er Jahre in meinen Kursen bewußt eine Form von beidseitigem „Erfahrungswerteaustausch“ (aus Lehrer- wie aus Schülersicht) vorangetrieben, durch den ich auch nach mehr als 30jähriger Gitarrenkursleitertätigkeit noch auf wirklich gute neue Ideen gebracht worden bin. Und immer, wenn ich den D-Griff mal etwas analytischer betrachte, werde ich an Ruth und die wirklich besonders freundliche Atmosphäre in den meisten meiner vergangenen Gitarrenkurse erinnert, so daß es für mich völlig klar war, diesen Griff auch in die „Akkord des Monats“-Reihe aufzunehmen.


Pelikanesisches im „Advents“-Metzger

Und auch diesmal ist in der letzten Ausgabe des Jahres im von Helmut Loeven seit nunmehr 52 Jahren unbeirrt herausgegebenen satirischen Magazin „Der Metzger“ wieder etwas Neues von Pelikan zu lesen. „Damals in der Karibik“ lautet der Titel der unglaublich anmutenden aber absolut wahren Fußballgeschichte, die zwar im Sommer 2018 hier schon veröffentlicht worden ist, für die aktuelle Druckfassung jedoch komplett überarbeitet wurde und mit nun 92,7 % mehr Umfang auch für damalige Leser noch von Interesse sein könnte.

Der neue Metzger (Nr. 138) ist am 1. Dezember 2020 erschienen und wie immer in Helmut Loevens Buchhandlung „Weltbühne“ erhältlich:

Gneisenaustraße 226 in Duisburg Neudorf (Mittagspause von 13-15 Uhr)
E-Mail: situationspresse@gmx.de
Telefon: 0203 – 37 51 21


Ein Gedicht

2020

Advent, Advent,
kein Lichtlein brennt
im Oberstübchen mehr,
die Zukunft wird
grad‘ abgeschafft,
der Akku ist bald leer.

Jahrtausend’lang
ging’s seinen Weg
in reichem Überfluß,
doch wer sein
Kapital verpraßt
wird arm sein dann am Schluß.

Die Dummheit siegt,
und Egoismus
geht einher mit Gier
und rücksichtsloser
Trumpelei
in blindester Manier.

Die Welt zeigt sich
– wen wundert’s noch? –
schon ziemlich angepißt,
der Homo sapiens
ist durch:
Man scheißt nicht wo man ißt!

Die Erde wird
sich weiterdreh’n,
der Mensch ist nur ein Test,
und Leben heißt
Veränderung
und gibt uns nun den Rest.

(November 2020)


Sensation für Fußball-Fans!

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Liebe Freunde!

In diesen schweren (und auch noch komplett fußballosen) Zeiten der Corona-Krise ist heuer eine kleine Sensation für alle Freunde des flotten Kicks mit dem runden Leder zu vermelden.

In einem letztmonatlich erbittert geführten Bieterwettstreit mit Franz Sch. aus W. in D. hat der Duisburger OTZ Konzern in der letzten Minute der Verlängerung – dank einer eigentlich verunglückten Rückgabe, die den Gegner zu einer unbedachten und dermaßen verunglückten Grätsche animierte, daß sie nur mit einer glatt-roten Karte geahndet werden konnte – doch noch die Oberhand behalten und sich die Rechte für die Herausgabe einiger noch nie zuvor auf Datenträger erschienenen Fußballspiele sichern können.

Freuen Sie sich auf die große WM-Titelverteidiger-Box mit sämtlichen Spielen der Deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Rußland 2018 auf insgesamt 6 DVDs. Alle Partien ungekürzt in voller Länge. Wahlweise einstellbar auch mit dem extra für diese Ausgabe erstellten Neu-Kommentar unseres Fußball-Experten Helmut Loeven.

Ab dem heutigen 1. 4. 2020 in allen OTZ-Läden dieser Welt erhältlich.*

Natürlich auch als Blu-ray.

Wir wünschen gute Unterhaltung – und bleibt gesund.

Euer OTZ Konzern/Kollektiv

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* Wegen der Corona-Krise müssen unsere Läden vorerst leider geschlossen bleiben.

Mein kleiner Woodstock-Auftritt

Januar 2020

Im Sommer des vergangenen Jahres fand auf einem abgelegenen Acker im Duisburger Süden das (von der lokalen Presse anscheinend vollkommen ignorierte) „Duisburger Amateurmusiker feiern 50 Jahre Woodstock“-Festival statt. Einer meiner Schüler aus dem Gitarrenanfängerkurs hatte mich darauf hingewiesen. Vielleicht wird das ja ganz nett dort, dachte ich, und ging mal hin. Das Wetter war gut, und die Musik, wie versprochen, amateurhaft. Und als ich (da mich offenbar niemand zu erkennen oder mich wenigstens – wie früher häufiger geschehen – mit Peter Bursch zu verwechseln schien) schon überlegte, wieder nach Hause zu gehen und mir lieber einen dummen Film im Fernsehen anzuschauen, sah ich plötzlich meine Chance. Zwischen den Auftritten der Creedence Clearwater- und der Greatful Dead-Revivalband entstand eine unerwartete Pause (weil Jerry Garcia geschlagene zehn Minuten lang nicht aufzutreiben war), und die wollte ich nutzen, um diesen Anfängern mal zu zeigen, was ’ne Harke war. Und so sprang ich auf die (angesichts meines großväterlichen Alters glücklicherweise nur treppenstufenhohe) Bühne, machte meinen Luftgitarrenkoffer auf und … mußte entsetzt feststellen, daß ich das Instrument wohl nach dem heutigen Einüben des Star-Spangled Banner zu Hause vor dem Spiegel stehengelassen und einzupacken vergessen hatte (was bei kompletter Durchsichtigkeit ja schon mal passieren kann). Also machte ich den Koffer wieder zu und tat geistesgegenwärtig so, als wenn ich ein am Boden liegendes Kabel zu überprüfen hätte, richtete mich dann wieder auf, sprach „1, 2, 3, Test“ ins Mikrophon, streckte meine Faust mit dem erhobenen Daumen in die Richtung, in der das Mischpult vermutlich aufgebaut gewesen wäre, wenn der Veranstalter sich eins hätte leisten können, und ging wieder ab. Niemand klatschte, niemand schien meinen kleinen Auftritt überhaupt bemerkt zu haben. Und so blieb ich dann auch nicht mehr lange und machte mich, als Jerry Garcia seine ersten krummen Töne erklingen ließ, auf den Heimweg und dankte dem großen Musikgott dafür, daß er mich vor mehr als vier Jahrzehnten schon dem erbärmlichen Status eines reinen Amateurmusikers, den niemand auf der Welt kennt, glücklich enthoben hatte.

 


Sondermeldung: 1000 Bücher!

5. Dezember 2019

Auch wenn seit 35 Jahren kein neues Pelikan-Buch mehr erschienen ist, läuft der Verkauf ungebrochen weiter. Aus Anlaß meiner im aktuellen „Metzger“ erstveröffentlichten Erzählung „Gott und die Welt“ hatte ich in Werbe-E-Mails auch mal erwähnt, daß zwischen dieser Kurzgeschichten- und der letzten Pelikan-Prosabuchveröffentlichung genau 37 Jahre und 52 Tage lägen. Gitarrenschüler baten mich, doch mal etwas zur Ansicht in den Unterricht mitzubringen, und weil von dem 37 Jahre alten Buch („Herzlichen Glückwunsch“) immer noch einige Exemplare vorrätig waren, packte ich gestern dann 5 Stück davon ein. Die so rasch einen Käufer fanden, daß ich im letzten Kurs gar nichts mehr anzubieten hatte. Bring ich halt nächste Woche noch mal welche mit.

Und als ich heute dann die Anzahl der insgesamt verkauften Pelikan-Bücher auf meiner Webseite auf den neuesten Stand bringen wollte, stellte ich fest, daß 995 plus 5 genau 1000 verkaufte Bücher bedeutet … und das schien mir eine Sondermeldung wert zu sein.

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Und hier die (als Statistikfan) dazugehörende Hitliste:

Platz 1 (= 42,5 Prozent aller verkauften Bücher)
xxxxxxxHerzlichen Glückwünsch (Geschichten oder ähnliches, 1982)
xxxxxxxnoch rund 60 Exemplare vorhanden

Platz 2 (= 18,5 %)
xxxxxxxWas ich noch wagen sollte oder Was ich noch sagen wollte (Prosa, 1978)
xxxxxxxnoch 7 Exemplare vorhanden

Platz 3 (= 17,8 %)
xxxxxxxSongbook (25 englische Liedertexte, 1977)
xxxxxxxkomplett vergriffen

Platz 4 (= 9,7 %)
xxxxxxxWieder ein echter Pelikan oder Wie ein echter Pelikan oder Wie echt, Pelikan? oder Echt Pelikan oder (Prosa, 1976)
xxxxxxxkomplett vergriffen

Platz 5 (= 6,7 %)
xxxxxxxVon Karlheinz Burandt & A.S.H. Pelikan: tagsüber & nachtsunter (Gedichte, 1984)
xxxxxxxkomplett vergriffen

Platz 6 (= 2,9 %)
xxxxxxxMein Atem in deinem Haar (Gedichte, 1980)
xxxxxxxkomplett vergriffen

Platz 7 (= 1,9 %)
xxxxxxx4 Kurzbücher, 1 Lexikon und 1 Brief (Prosa, 1974)
xxxxxxxkomplett vergriffen

Platz 8 (= 0,0 %)
xxxxxxxDas Glück des Tüchtigen – Ein Hollywood-Western (Roman, 1983-87)
xxxxxxxbislang ungedruckt

Jetzt kann ich also damit angeben, daß der Absatz meiner literarischen Werke im vierstelligen Bereich liegt. Super!
xxxxxxx[Daß ich dazu 45,9 Jahre benötigt habe, muß ich ja nicht jedem auf die Nase binden.]


Gott und die Welt / oder: Doppelte Reklame, Teil 2

28. November 2019

„Gott und die Welt“, so lautet der Titel einer neuen Erzählung, die ich für mein aktuell in Arbeit befindliches Buch „In Ermangelung eines aldebaranischen Sternenhimmels“ geschrieben habe, mit dessen Erscheinen (wenn ich gesund und fleißig bleibe) 2021 oder ’22 zu rechnen sein dürfte.

Als Welterstveröffentlichung ist die obengenannte Story jetzt aber schon in Helmut Loevens Zeitschrift „Der Metzger“ Nr. 133 vorabgedruckt worden.

 

Zu beziehen über Helmut Loevens Buchhandlung „Weltbühne“,
Gneisenaustraße 226, in 47057 Duisburg (Neudorf).
E-Mail: situationspresse@gmx.de
Telefon: 0203 – 37 51 21


100. Geburtstag von J. D. Salinger

Ich habe mir Geburtsdaten nie gut merken können – außer denen von zwei meiner amerikanischen Lieblingsautoren, weil die Zahlenlogik darin so bestechend einfach war: „1, 1, 19, 19“ und „11+11=22“. Am 11. November 1922 ist Kurt Vonnegut geboren worden, und am 1. Januar 1919 J. D. Salinger. Und letztgenanntes Datum jährt sich heute zum hundertsten Mal.

Sein bekanntestes (und von den meisten auch als sein bestes Buch erachtetes) Werk ist zweifelsohne „Der Fänger im Roggen“ (1951), doch habe ich persönlich „Franny und Zooey“ (1961) immer viel lieber gehabt. Außer diesen beiden Bänden liegen noch „Neun Erzählungen“ (1953) und „Hebt den Dackbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt“ (1963) in Buchform vor, und das war’s dann schon. 1965 ist noch eine weitere Erzählung in der Zeitschrift New Yorker abgedruckt worden [„Hapworth 16, 1924“, die aber leider nicht besonders gut ist. Mein Freund Ralph hatte sie mir mal zum Geburtstag geschenkt: einfach die Zeitschrift per Fernleihe in der Stadtbibliothek bestellt und dann die entsprechenden Seiten fotokopiert.], und das war’s dann wirklich, denn seitdem hat Salinger nichts mehr veröffentlicht. Ihm waren der in erster Linie am Geschäftlichen orientierte Literaturbetrieb und die auf seine Person zielende öffentliche Aufmerksamkeit im Laufe der Jahre immer unsympathischer geworden, so daß er dem Ganzen im Alter von 46,5 Jahren [nach den schlechten Kritiken zu „Hapworth 16, 1924“] einfach komplett den Rücken gekehrt und seine vielen Fans (die ihm auch längst viel zu aufdringlich und lästig geworden waren) fortan mit lebenslangem Schweigen gestraft hat. Salingers zwischen Buchdeckeln veröffentlichtes Gesamtwerk umfaßt (die deutschen Taschenbuchausgaben zugrunde gelegt) lediglich 571 Seiten, und dennoch gehört er zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren (wie ich zumindest vermute).

Ich kann leider nicht genau sagen, weshalb mich Salingers Prosa so fasziniert, doch fühle ich mich bei der Lektüre seiner Bücher immer irgendwie wohltuend zuhause.
xxxxxHier als kleine Leseprobe der Anfang von „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“:

Eines Nachts vor etwa zwanzig Jahren während eines Überfalls von Mumps auf unsere riesige Familie wurde meine jüngste Schwester Franny mit Bettchen und allem Drumherum in das offenbar bazillenfreie Zimmer geschoben, das ich mit meinem ältesten Bruder Seymour teilte. Ich war fünfzehn, Seymour war siebzehn. Etwa um zwei morgens wurde ich vom Schreien der neuen Zimmergenossin geweckt. Ein paar Minuten blieb ich ruhig und tatenlos liegen und horchte auf das Gebrüll, bis ich hörte oder fühlte, wie Seymour sich im Nebenbett rührte. Damals hatten wir auf dem Nachttisch zwischen unseren Betten immer eine Taschenlampe liegen: für Notfälle, die, soweit ich mich erinnere, nie eintraten. Seymour knipste die Lampe an und stand auf. „Mutter hat gesagt, die Flasche stände auf dem Herd“, sagte ich. „Ich hab sie ihr schon gegeben“, sagte Seymour. „Hungrig ist sie nicht.“ Er ging im Dunkeln zum Bücherregal hinüber und ließ den Strahl der Lampe langsam an den Stapeln hinauf- und hinuntergleiten. Ich setzte mich auf. „Was willst du tun?“ fragte ich. „Vielleicht lese ich ihr etwas vor“, sagte Seymour und nahm ein Buch heraus. „Um Himmels willen“, sagte ich, „sie ist zehn Monate alt.“ – „Ich weiß“, sagte Seymour, „zehn Monate alte Kinder haben Ohren. Sie können hören.“

Das Übersetzen der in Deutschland zwischen 1962 und ’66 herausgekommenen Salinger-Bücher haben (mit Ausnahme von sechs von Elisabeth Schnack übertragenen Erzählungen) Annemarie und Heinrich Böll vorgenommen.
xxxxxZwischen 2003 und 2012 ist Salingers Werk dann ein weiteres Mal (von Eike Schönfeld) ins Deutsche übertragen worden, doch halte ich lediglich Schönfelds Neufassung des Fängers für besser (wegen der etwas frecheren und moderneren Sprache) und bleibe ansonsten der alten Böll’schen Übersetzung treu.
xxxxxDas beste Buch über Salinger ist meiner Meinung nach „Salinger. Ein Leben“ von David Shields und Shane Salerno.

Jerome David Salinger ist im Januar 2010 im Alter von 91 Jahren gestorben, hat nach seinem 1965 beschlossenen Veröffentlichungs-Boykott also 44,5 Jahre lang geschwiegen, soll in dieser Zeit aber nicht untätig gewesen sein und – da er nun mal mit Leib und Seele Schriftsteller war – munter weitergeschrieben haben. Nach allerdings nicht offiziell bestätigten Informationen sollen noch fünf oder sechs vollständig abgeschlossene Manuskripte ihrer postumen Veröffentlichung harren, und ich hoffe sehr, daß ich noch so alt werde, um davon auch noch etwas lesen zu können.

Lang lebe die Kunst von J. D. Salinger!


Erinnerungen an Willi Kissmer

Heiligabend 2018

Am 27. Juli dieses Jahres ist der Duisburger Künstler Willi Kissmer gestorben. In den 70er Jahren war er als Gitarrist der Folkrockband Bröselmaschine in Erscheinung getreten, bevor er sich in den 80ern fast ganz der Malerei widmete, die ihm mit Einzelausstellungen in verschiedenen Ländern Europas und in den USA auch überregionale Anerkennung bescherte.

Willi ist, nachdem ich ihn 1971 zum ersten Mal auf der Bühne erlebt habe, sofort zu meinem Duisburger Lieblingsgitarristen aufgestiegen, den ich wegen seiner so andersartigen Leadgitarrenspielweise [er war mehr von Folkrock-Gitarristen wie Richard Thompson und Jerry Donahue als von Chuck Berry oder Jimi Hendrix beeinflußt] sehr bewundert habe und unbedingt auch mal persönlich kennenlernen wollte. Und diese Gelegenheit ergab sich schließlich im Sommer 1973, als Willi 21 und ich 19 Jahre alt war.
xxxxxIch saß mit ein paar Typen im Kantpark herum, als Peter Bursch des Weges kam und uns fragte, ob nicht jemand beim Tapezieren seiner neuen Wohnung helfen wolle. Ich fragte zurück, wer denn sonst noch dabei sei, und als die Antwort Willi Kissmer lautete, sagte ich sofort zu. Geld gab’s keins, aber Willi kennenzulernen war Belohnung genug für mich.
xxxxxUnd zwei oder drei Tage später ging es los, und Willi und ich (die beide keine Ahnung von der Sache hatten) bekamen den Auftrag, das Schlafzimmer zu tapezieren. Am schwierigsten war die Zimmerdecke. Und weil dabei alles mit über dem Kopf hochgereckten Armen zu geschehen hatte, machte uns das ziemlich zu schaffen, und so beschlossen wir, daß es viel leichter sei, die Tapetenenden sich überlappen zu lassen, anstatt zu versuchen, alles nahtlos aneinanderzufügen. Das klappte dann auch viel besser, hatte nur optisch wohl einen gewissen Haken, so daß Peter beim Begutachten unserer geleisteten Arbeit nicht gerade in einen Freudentanz ausgebrochen ist – doch was konnte man von ungelernten Für-lau-Arbeitskräften auch schon groß erwarten? Bei Peters nächstem Umzug bin ich dann nicht mehr um Hilfe gebeten worden (gut so!), aber ich hatte Willi Kissmer kennengelernt, und dieser Kontakt ist bis zu dessen Tod erhalten geblieben.


Musik (1)

In meiner Musikantenzeit habe ich live auf der Bühne mit mehr als 200 verschiedenen Musikern zusammengearbeitet, und Willi hat zu den allerersten gehört [nach Tom und Zoppo von „Scarabäus Zubiss“, Kalle und Lucky von „Ausz“ und Leslie Förster, bevor er bei „Alma Ata“ war]. Und mit insgesamt 35 gemeinsamen Auftritten (der letzte fand 2016 statt) ist Willi in der Pelikan-Musikerliste auch heute noch in den Top 10 zu finden.

Einige Monate nach unserer Tapezierkünstlererfahrung sollte am 24. November 1973 mein zweiter öffentlicher Auftritt bei einem kleinen Festival in der Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg-Hamborn über die Bühne gehen. Die Top Acts des Abends waren die elektrischen Rockbands „Dhun“, „Atropos“ und „Ausz“, während ich als Solist zwischendurch mal einen etwas kleineren Set abliefern sollte. Ich hatte ein halbstündiges Programm für akustische Gitarre mit eigenen Liedern vorbereitet, doch als ich dann den Soundcheck machte, erwies sich die Übertragungs-Anlage als total überfordert und produzierte so viel Gitarren-Rückkopplung [außer wenn ich ganz hinten auf der Bühne saß, wo dann aber das Gesangsmikrophonkabel nicht mehr hinlangte], daß ich kurzerhand alles auf E-Gitarre umstellen mußte. Allerdings konnte ich mein erarbeitetes Programm nun nicht mehr aufführen, da akustische Lieder mit E-Gitarre gespielt ein ganz anderes Arrangement benötigen, und so bat ich Willi, der eigentlich nur als Zuhörer anwesend war, um Hilfe. Und während die erste Gruppe den Saal beschallte, fuhr er noch mal los, um seinen AC-30-Verstärker zu holen [die E-Gitarre hatte er für alle Fälle sowieso immer im Auto], und dann spielten wir als Duo einfach zwei pelikanesische Bluessongs und machten danach noch eine improvisierte Jam-Session mit Kalle Burandt (Baß) und Lucky Ruhnau (Schlagzeug) von Ausz zusammen. Und das war dann mein erster Auftritt mit Willi Kissmer.


Anderes (1)

In den folgenden drei Jahren hat es zwar keine weiteren gemeinsamen Gigs mehr gegeben, doch sind Willi und ich uns in dieser Zeit häufiger in der Stadt über den Weg gelaufen (im 1974 eröffneten Eschhaus zum Beispiel), und ich habe ihn auch mehrfach zu Hause besucht.

1975 gab es zwei besondere, mit Willi zusammenhängende Ereignisse. Zum einen hat er sich (was mich damals wirklich mit Stolz erfüllte) für die Studioaufnahmen zur zweiten Bröselmaschine-LP meine elektrische „Gibson Les Paul“-Gitarre ausgeliehen (um neben seiner „Fender Telecaster“ auch noch einen anderen Gitarrensound zu haben), und zum anderen habe ich in diesem Jahr einen echten Kissmer erworben (für 150 DM), der auch heute noch die Wand meines Arbeitszimmers schmückt. Auf dieser Lithographie ist Willis damalige Freundin Imke zu sehen, in deren beste Freundin Beate [die später Willis Modell und Ehefrau werden sollte] ich mich 1976 auch mal zu verlieben gewagt habe, obwohl ich damals viel zu große Probleme mit mir selber hatte, um für eine richtige Beziehung tauglich zu sein. Willi, Imke und Beate (die von meinen Gefühlen für sie wußte, nur mit meiner zurückhaltenden Untätigkeit nichts Rechtes anfangen konnte) haben mich in jener Zeit auch mal eingeladen, einige Tage mit ihnen zusammen auf Texel zu verbringen, doch hatte ich viel zu viel Angst vor möglichen Konflikten oder Entscheidungen, so daß ich es doch ausgeschlagen habe, um anschließend umso selbstmitleidiger meiner mir unmöglichen Liebe nachzuhängen. [Ich bin damals ein ziemlich verklemmter, problembeladener und selbstbewußtloser Bursche gewesen.]


Musik (2)

Anfang Januar 1977 spielte ich (bereits zum dritten Mal) eine ganze Woche lang im Folkklub „Bob’s Stage“ in Hemmerden (einem Ortsteil von Grevenbroich), wo Willi, Imke und Beate eines Abends überraschend auftauchten, was in der Folgezeit zu neuerlichen gemeinsamen Auftritten mit Willi geführt hat, die genau dort begannen, wo unsere Bühnen-Zusammenarbeit drei Jahre und zwei Monate zuvor geendet hatte:
xxxxxAm 21. Januar 1977 im Clauberg-Gymnasium [wo ich erstmals auch den in der Bob’s-Stage-Woche geschriebenen neuen Song „Away from you“ für Beate vorgetragen habe, der zufälligerweise auch auf meiner im kommenden Jahr erscheinenden CD „Im Bann der Subdominante“ zu hören sein wird],
xxxxxund am 25. Januar und 15. Februar in Bob’s Stage, wo diesmal Ramesh Weeratunga und Francis Serafini (die ich bei meinem Berlinaufenthalt 1974 kennengelernt hatte) die Wochenattraktionen waren.

Im selben Jahr ging es bei mir auch mit Bands los: Im Mai ’77 starteten die „Sheffield Shakers“, aus denen sich im August „Lucky Mac, Happy Mac und die Anderen“ entwickelten, welche am 1. Januar 1978 (um 0:01 Uhr live im Eschhaus) in „Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars“ umbenannt wurden. Und Willi ist ein All-Stars-Fan der allerersten Stunde gewesen [er mochte meine inzwischen deutlich verbesserte Bühnenpräsenz (auch wenn ich, wie er mal sagte, bewegungs- und gesangstechnisch nicht gerade ein zweiter Mick Jagger war), und er liebte Schnuffs Baßspiel], der auch schon beim ersten offiziellen Lucky-Mac-Gig im November ’77 als Special Guest Mac dabeiwar.
xxxxx8 Monate und 17 All-Stars-Auftritte später hatte unser Leadgitarrist Congo Johnson dann die Nase voll von dem Dauerstreß mit zwei parallel laufenden Rockgruppen, so daß er [nach unserer ersten Marburg-Tournee, die eigentlich nach Norwegen hatte führen sollen – was aber eine ganz andere Geschichte für einen ganz anderen Beitrag ist]) die All Stars verließ, um fortan wieder das doch etwas ruhigere Fahrwasser seiner Leib-und-Magen-Band „Menthol“ genießen zu können. Für den dadurch frei gewordenen Posten hatte unsere Band nur einen einzigen Wunschkandidaten, Willi Kissmer! Der zu unserem größten Bedauern aber ablehnen mußte, weil er gerade beschlossen hatte, seine Zukunft nur noch in der Malerei zu sehen und keine Zeit mehr an regelmäßig probende und auftretende Bands zu verschwenden. Bis zum Jahresende hat er uns (weil wir immer noch keinen Gitarristen gefunden, bzw. den ersten Nachfolger schon wieder gefeuert hatten) aber noch zweimal ausgeholfen: beim 2. OTZ-Festival im Eschhaus und beim legendären Gig im Knast in Duisburg-Hamborn zwei Tage vor Silvester. [Wir hatten dort eigentlich für lau spielen sollen, doch war die Anstaltsleitung aufgrund unseres absolut begeisternden Auftritts (der im Publikum so viel euphorische Stimmung und Energie erzeugt hatte, daß ich zwischenzeitlich tatsächlich in Sorge war, daß die Knackis gleich die Wachen überwältigen und den Laden auseinandernehmen würden: Riot in Cell Block #9 und so) wohl der Meinung, daß wir viel zu gut seien, um wie eine kleine Anfängerband ohne Gage davonkommen zu dürfen, so daß wir im Nachhinein noch vollkommen unerwartet mit 300 DM entlohnt worden sind. Ist eine wahre Geschichte!]

Nach einer knapp zweijährigen und wirklich tollen Zeit mit den Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars wollte ich Ende 1979 dann eine eigene Band mit ausschließlich eigenen Liedern auf die Beine stellen, und als ich das Willi gegenüber mal erwähnte, sagte er, daß er gerne mitmachen würde [offenbar hatte er seine Meinung in bezug auf die Vergabe seiner Zeit geändert], und das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Und so haben wir 198o einige Monate lang in der Besetzung Willi Kissmer (Gitarre), Dieter Stein (Baß), Mike Gosen (Schlagzeug) und Pelikan (Gitarre, Gesang) geprobt, bis Willi eines Tages sagte, daß er irgendwann im kommenden Jahr nach Hamburg ziehen würde; und weil es unlogisch war, bis dahin noch mit ihm weiterzuarbeiten, sah ich mich lieber gleich nach einem neuen Gitarristen um, so daß das Bandkapitel mit Willi und mir nach weniger als einem halben Jahr leider schon wieder beendet war. – Was ich damals natürlich nicht ahnen konnte, war, daß Willis Pläne mit Hamburg sich zerschlagen sollten und er nie aus Duisburg weggegangen ist. Tja…
xxxxx[Meine Band (zu Willis Zeiten noch „Hot Rod and the Rubber Rats“ geheißen) feierte ihre Live-Premiere aufgrund diverser Umbesetzungen erst rund 20 Monate später unter dem Namen „Al & the Hollywood Rats“,  featuring Mike Gosen (Schlagzeug), Schnuff (Baß), Arenor Meyer (Leadgitarre) und Pelikan (Gitarre, Gesang). Arenor wurde ein Jahr später dann noch durch Manni „Slowfoot“ Roßmann ersetzt.]


Worte
und Wohnungen

Obwohl Willi nie mit den Hollywood Rats zusammen auf der Bühne gestanden hat, ist er dennoch auf eine spezielle Art bei jedem Auftritt dabeigewesen, weil ich es mir bei einer meiner schrägsten Nummern [dem Titelsong der Pelikan-CD „Welcome to Chilligoo“] einfach nicht hatte verkneifen können, ein Mädchen an einer Stelle mal „Kiss me, Kissmer!“ sagen zu lassen. Und eine Strophe später noch: „Ooh, kiss me again, Kissmer!“
xxxxxAber auch vorher war Willi schon in anderen Pelikan-Songs erwähnt worden. So 1978 in „Singing for you“ [das auf der CD „The Wizard of OTZ“ zu hören ist], und 1977 in „Colours I“: „So if Joni comes along with a brand new song, call three times a three and a seven six five and tell Willie who did arrive“. – Willi war damals ein großer Joni-Mitchell-Fan, und seine Telefonnummer lautete 333 765.
xxxxxUnd in dem im Januar 1980 verfaßten Song „The Story Of The Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars“ hatte jeder Gitarrist eine eigene Strophe bekommen, so natürlich auch Willi:

Our third guitarist was my old friend Willie
he played as good as we thought he would
and we wanted him to stay but had no cash to pay
so we promised him a lot of girls for every day
but our next performance was in the city-jail
and Willie said: not with me, you’re telling me a tale

So bye-bye, Willie, bye-bye
bye-bye, Willie, bye-bye
it’s alright, Willie
get a brush and paint your pictures of Lily

Willi Kissmer (1951-2018) als „Galaktischer Gigant“, 1991.

Außer selbstkomponiert- und -getexteten Liedern hat es (ab 1974) aber auch noch ein paar in Kleinauflagen herausgebrachte pelikanesische Prosabände gegeben, in denen Willi [abgesehen von den Erwähnungen in den zwischen 1974 und ’76 erschienenen drei Ausgaben des Pelikan/Scharmachschen Lexikons: „Kissmer, Willi – Gitarrenkünstler, AC-30-Fan & mehrfacher Lieblingsstar“] erstmalig im 1978 veröffentlichten „Was ich noch wagen sollte oder Was ich noch sagen wollte“ auftauchte. Und zwar auf Seite -2 (sprich: minus zwei) ganz vorn im Klappentext zu dem Buch, der sich allerdings auf ein ganz anderes Werk eines ganz anderen Autoren bezieht. Und weil dieses andere Buch aus einer Sammlung von Filmdrehbüchern oder Theaterstücken zu bestehen scheint, ist in dieser Klappentexteinleitung als exemplarisches Beispiel auch mal eine kleine Besetzungsliste aufgeführt, die angeblich aus dem Script „Flußpiraten in Paris“ stammen soll:
Pete Kissmer als Kulisse,
Willi Bursch als Frank Zappa,
Liz Taylor als Imke,
Eddie Constantine als Willi Kissmer,
Tisch als Stuhl,
Beate Uhse als 10 Girls
& M. Gosen als Gugelhupf.
xxxxxUnd mehr als die Hälfte dieser Angaben hat Willi beigesteuert, als wir bei ihm zu Hause mal ein wenig rumgesponnen haben. [Und obwohl ich damals überhaupt nicht wußte, wer oder was M. Gosen war oder sein sollte, habe ich die Gosen-als-Gugelhupf-Formulierung einfach abgedruckt. Und zwei oder drei Jahre später ist ebendieser Mike Gosen dann (auf Willis Vorschlag hin) Schlagzeuger in meiner Band geworden. Ob es aber mal eine ihn betreffende Geschichte mit einem Gugelhupf gegeben hat (ich selbst denke bei Gugelhupf immer an Frau Waas von Jim Knopf und Lukas), habe ich nie in Erfahrung gebracht.]
xxxxxUnd auch der Titel dieses imaginären Theaterstücks hatte einen Bezug zu Willi. Als wir uns mal über Lieblingsbücher aus unserer Jugendzeit unterhielten, nannte er nämlich [während es bei mir hauptsächlich Karl-May-Romane gewesen waren] das mir (bis heute) völlig unbekannte „Die Flußpiraten des Mississippi“ von Friedrich Gerstäcker. (Und einige Jahre später hat er auch „Gullivers Reisen“ noch als ein frühes Lieblingsbuch bezeichnet.)
xxxxxIn meinem danach folgenden nächsten Prosawerk („Herzlichen Glückwunsch“ von 1982) wird in den fast vollständig erlogenen Angaben zur Vita des Autors auch mal Pelikans Eheschließung mit einer gewissen Elisabeth Kissmer erwähnt – bei der ich mir immer eine (in Wahrheit nicht existierende) Schwester von Willi vorgestellt habe.

Ich hatte Willi immer sehr gern besucht, weil ich ihn einerseits sehr schätzte und mich andererseits in seinen Wohnungen [Neue Marktstraße, Liliencronstraße, Felsenstraße, Heckenstraße und Lenzmannstraße] immer sehr wohl gefühlt hatte, da sie ein auf mich sehr anziehendes künstlerisches Ambiente ausstrahlten und von einer Freiheit kündeten, die ich in meinem eigenen Zuhause (damals immer noch bei meinen Eltern wohnend) doch etwas vermißt habe.
xxxxxAm besten in Erinnerung habe ich aber Willis 1989 erworbenes ganz besonderes Eigenheim, den alten Hebeturm in Duisburg Homberg. In den 1990er Jahren bin ich mindestens einmal im Jahr in diesem 1854 errichteten und mit 5 oder 6 Etagen ausgestatteten altehrwürdigen Gemäuer zu einem Musikhör-, Laber- und Schachspielabend zu Gast gewesen, und irgendwann stand sogar mal die Frage an, ob ich nicht als Mieter dort einziehen sollte, doch haben mich vor allem finanzielle Gründe und die für mich als Fahrradfahrer [ich habe ja nie einen Autoführerschein besessen] nicht gerade optimale Lage dann doch davon abgehalten.
xxxxxIm neuen Jahrtausend habe ich es nur noch alle paar Jahre mal zu Willis Turm geschafft (zuletzt im März 2017), wohl auch, weil er nach Erwerb seines französischen Zweitdomizils in den wärmeren Jahreszeiten (also in den angenehmeren Fahrradfahrmonaten) fast immer fort war. Ich bin von Willi und Beate zwar auch mehr als einmal nach Frankreich eingeladen worden, doch haben mich meine im Alter immer ausgeprägter gewordene Reiseunlust und meine hasenfüßigen „Was mache ich, wenn ich mich dort nicht wohl fühlen sollte?“-Gedanken immer davon abgehalten. [Und diese meine Ängstlichkeit stellt ein gutes Stichwort für das nächste Kapitel dar.]


Willi als Freund

Willi und ich haben in den vergangenen 45 Jahren zwar auch manchmal ein paar tiefschürfende Gespräche geführt, doch haben wir einander nie sehr gut gekannt. Und das hat vor allem an mir gelegen, weil ich (früher) einfach ungeheuer verschlossen gewesen bin und nie (auch meinem besten Freund gegenüber nicht) den Mut aufgebracht hatte, jemandem von meinen größten Ängsten zu erzählen. Eigentlich bin ich ja nicht mal fähig gewesen, mir selber davon zu erzählen, weil ich seit frühester Jugend schon dazu übergegangen war, mir schwierige und unangenehme Sachen möglichst aus dem Sinn zu schaffen, indem ich gedanklich komplett den Kopf in den Sand gesteckt und alles lieber zu verdrängen als daran zu arbeiten versucht habe. Und Willi hatte natürlich mitbekommen, daß da einiges mit mir nicht in Ordnung war, doch weil ich keine Anstalten machte, mich ihm gegenüber mehr zu öffnen, hat er mich auch nie dazu gedrängt.
xxxxxWilli hatte (im Gegensatz zu meinem besten Freund) aber einen großen Vorteil: er war eben nicht mein bester Freund und versuchte mich deshalb auch nicht immer aus höflich/freundschaftlicher Nachsicht oder so zu schonen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich ihm gegenüber mal erwähnte, daß ich ja gar nicht besonders viel Geld zum Leben bräuchte und auch in höherem Alter mit ein paar regelmäßigen Auftritten einigermaßen über die Runden kommen sollte, als er mir deutlich widersprach und mir vorrechnete, daß ich, bevor ich mir überhaupt irgendwas zu essen kaufen könne, erst mal Geld für Miete, Strom, Wasser, Krankenversicherung und ähnliches abzudrücken habe. Solche Worte wollte ich damals allerdings überhaupt nicht hören, und die haben mir an jenem Tag dann auch ziemlich die Laune verdorben, weil sie mir wieder mal unerbittlich vor Augen geführt haben, wie wenig ich für die Realität, fürs wahre Leben und so, doch gerüstet war. Doch daß Willi es mit seiner Aussage nur gut gemeint hatte und mich nicht einfach nur verletzen wollte, war mir trotz allem aber vollkommen bewußt.

Zu Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre ging es mir – trotz musikalischer Anerkennung von vielen Seiten – manchmal ziemlich schlecht, und Willi und Birgitta [schönen Gruß nach Wiesbaden!], meine damaligen besten Nicht-besten-Freunde, haben mir (unabhängig voneinander) in jener Zeit mehrfach klarzumachen versucht, daß ich etwas ändern sollte an meinem Leben, daß ich mich nicht immer nur bei meinen Eltern vergraben und vor dem Erwachsenwerden auf ewig verstecken könne.
xxxxxTagebucheintrag vom Februar 1982: „Und dann hat Willi mich mal wieder mit vollkommen überzeugenden Argumenten zum Thema leben, wagen, riskieren, sich verändern und so ziemlich fertiggemacht.“

[Fast 20 Jahre später habe ich Willi mal wegen eines persönlichen Problems um Rat gefragt und eine ganz unerwartete, salomonisch anmutende Antwort von ihm bekommen, doch habe ich mich jetzt (einen Tag vor der Veröffentlichung dieses Beitrags) dazu entschlossen, doch nicht näher auf die Details dieser Angelegenheit einzugehen, weil sie ein schlechtes Licht auf einen anderen Musiker werfen würden. Und mein ursprünglicher Schlußsatz dieses Abschnitts hatte sinngemäß gelautet, daß solch ein Verhalten (wie bei dem anderen) bei Willi undenkbar gewesen wäre, weil er ein sehr gutes Gespür dafür hatte, worauf es bei Freundschaft wirklich ankommt.]

Ich habe Willi immer für einen sehr integren und ehrlichen Menschen gehalten, doch zumindest einmal bin ich dann doch der Meinung gewesen, daß er – schmunzel, schmunzel – etwas zu ehrlich gewesen ist. Als ich ihm in den 70er Jahren zum Geburtstag mal meinen damaligen Lieblingsakkord „geschenkt“ habe [ein durch Zufall entdecktes, im 5. Bund zu greifendes verträumt-romantisches Amadd9], guckte er nur kurz hin und sagte trocken: „Kenn ich schon.“ Da wäre mir eine kleine Freundschaftslüge wirklich lieber gewesen.


Anderes (2)

Zum reichhaltig bestückten pelikanesischen Ängste-Arsenal gehörte auch die Sorge, bei (vor allem größeren) Anschaffungen nicht das Richtige zu wählen und mich am Ende wie ein totaler Trottel zu fühlen. Weil ich hin und wieder aber doch mal eine neue Gitarre oder einen neuen Verstärker benötigte, brachte mich das jedesmal in gewisse Nöte, da solch ein Kauf für mich aufgrund meiner finanziellen Lage [ich hatte ja keinen Job, der eine stete Einnahmequelle für mich darstellte] auch immer eine enorme Geldausgabe bedeutete, so daß ich deshalb noch mehr Angst vor einer Entscheidung hatte, weil es ja die falsche sein könnte. Und weil ich Willi so einschätzte, daß er mit derartigen „Problemen“ nichts am Hut hätte und immer wüßte, was er täte, habe ich mir in den 80ern einmal den gleichen Gitarren-Amp und in den 90ern einmal die gleiche Gitarre wie er zugelegt, obwohl letzteres dann doch nicht das gewünschte Ergebnis geliefert hat. Als ich Willi 1995 mal besuchte, war er gerade stolzer Besitzer einer brandneuen akustischen Westerngitarre geworden, deren Klang ich wirklich großartig fand, und weil ich nach 25jährigem Nylonsaitengitarrenspiel beschloß, mich noch einmal einer neuen Herausforderung zu stellen (da das Spielen auf einer Stahlsaitengitarre doch etwas anders ist), besorgte ich mir dasselbe Modell wie Willi und dachte, damit nicht falschliegen zu können. Doch stellte sich im direkten Vergleich leider heraus, daß der Klang doch hörbar anders war; mein Instrument klang zwar nicht schlecht, war aber längst nicht so warm und voll im Ton wie Willis Exemplar. Und um mich zu trösten sagte er dann scherzhaft, daß er mir seine Gitarre ja testamentarisch vermachen könne. Was mich heute, selbst wenn es damals ernst gemeint gewesen wäre, aber auch nicht gerade fröhlich stimmen würde.

Daß sich meine finanzielle Situation mit über 30 schließlich doch noch etwas positiver gestaltet hat, habe ich indirekt übrigens Willi Kissmer zu verdanken. Er hatte sich Ende der 70er Jahre ja dazu entschlossen, das Musikmachen ziemlich hintanzustellen und statt dessen zu versuchen, ganz von seiner Malerei zu leben, was dann auch zu funktionieren schien, so daß er Ende 1983 auch seine vier Volkshochschulgitarrenkurse aufgeben konnte, die ihm bis dahin ein willkommenes Zubrot beschert hatten, nun aber doch mehr einen eher lästigen (da zeitraubenden) Klotz am Bein darstellten. Und ich war dann der Glückliche, der diese vier Kurse ab Januar 1984 übernehmen konnte, was aber ein Zufall und nicht etwa von Willi in die Wege geleitet worden war.
xxxxxDie namhafte Konkurrenz im eigenen Hause (nämlich Peter Bursch) war für zwei meiner (im selben Stadtteil wie seine laufenden) neuen Gitarrenkurse aber wohl doch etwas zu groß, so daß sie nach nur drei Semestern wieder eingestampft werden mußten, während die anderen beiden ehemaligen Kissmer-Kurse in Duisburg Buchholz noch 16 Jahre lang unter meiner Leitung weiterexistierten, bevor sich im Duisburger Süden dann ebenfalls nicht mehr genügend Teilnehmer dafür fanden. Doch wurde die Lücke rasch durch den für mich neuen Standort Rheinhausen geschlossen, während ich in Stadtmitte längst auch schon die ehemaligen Burschkurse übernommen und ausgebaut hatte. Aktuell sind pro Semester acht pelikanesische Gitarrenkurse an der Duisburger Volkshochschule im Angebot, die ich – trotz erreichtem Rentenalter von 65 Jahren (nur leider ohne nennenswerte Rente) – auch noch lange nicht aufzugeben gedenke. Willi hat mir mal gestanden, daß er nie so lange wie ich hätte durchhalten können, weil ihn das Unterrichten nie wirklich befriedigt habe, doch habe ich einfach das Glück gehabt, nach 15 bis 20 Jahren noch meine inzwischen erblühlte große Liebe zu dieser Tätigkeit zu entdecken, als ich merkte, wieviel Spaß ich daran hatte, immer noch dazuzulernen und auf diesem Wege auch immer noch besser werden zu können.


Musik (3)

In den 80er Jahren gab es außer einer Eschhaus-Heiligabend-Session nur noch einen weiteren Auftritt mit Willi zusammen, der dafür aber um so schöner war. Im August 1988 feierte ich mein erstes großes Bühnenjubiläum [das auf der CD „Showtime in Neumühl“ verewigt ist] mit Scarabäus Zubiss, den neuen (diesmal deutschsprachigen) Hollywood Rats und den (nur für diesen Abend noch einmal zusammengestellten) Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars, letztere mit Willi Kissmer. Und auch wenn Willi damals seit Jahren schon nicht mehr in einer Band gespielt hatte, hatte er das Gitarrespielen nicht verlernt, wie das nachfolgende kleine Klangbeispiel von diesem Abend überzeugend belegen dürfte.


Willi Kissmer on lead guitar:

willisolo.mp3

 

Eine bestimmte Sache bei diesem Auftritt werde ich nie vergessen: Willi sollte das Solo bei „Under My Thumb“ spielen, und weil dessen Länge nicht vorgegeben war, sollte er mich ansehen, wenn er damit zu Ende war, weil wir dann direkt in den andersakkordfolgigen [wat is’n dat für’n Wort?] Refrain übergehen wollten. Also, Willi begann sein Solo und guckte mich sofort an, stierte die ganze Zeit über genau durch mich hindurch, weil dieser stiere Blick halt Willis Art war, sich beim Leadgitarrespielen zu konzentrieren. Den Einstieg in den Refrain haben wir dann [wie auf der CD deutlich zu hören ist] auch fröhlich versemmelt, doch war das gar nicht so schlimm, weil der Rest der Nummer nämlich echt prima gewesen ist (wie die anderen Songs mit Willi auf dieser CD übrigens auch).

1990 hatte in Duisburg eine neue Kneipe namens Steinbruch eröffnet, die in ihrer Anfangszeit dermaßen schlecht lief, daß der Pächter eines Tages den Schlagzeuger Lucky Ruhnau fragte, ob dieser nicht mal mit einer Band dort Musik machen könne, um den Laden ein wenig bekannter zu machen. Und weil Lucky damals gerade keine Gruppe hatte, trommelte er einfach ein paar seiner aktuellen Lieblingsmusiker zusammen, und so kam es zum ersten Auftritt der „Galaktischen Giganten“, die bei ihrem Debut aus sieben Leuten bestanden, von denen vier Gitarre spielten: Greg Henley, Holger Karen, Willi Kissmer und Pelikan. Diese Session-Band [deren Maxime es zu meinem Leidwesen war, nie zu proben] blieb dann bis 1998 in immer wieder leicht variierenden Besetzungen zusammen und spielte 2016 noch einmal [diesmal aber mit vorheriger Probe: Hurra!] groß beim Lucky-Day-Konzert im Grammatikoff auf, was dann das letzte Mal war, daß ich mit Willi zusammen auf einer Bühne gestanden habe. Damals war bei ihm schon Krebs festgestellt worden, doch als ich ihn ein Jahr später zum letzten Mal in seinem Turm besuchte, schien es ihm noch ganz gut zu gehen. Er machte allerdings (auch in den paar noch folgenden Telefonaten) immer wieder mal Andeutungen darüber, daß seine Zeit wohl nicht mehr ewig währen würde.
xxxxxZwei Tage vor seinem Tod hätte ich ihn mit einem Freund zusammen noch mal im Hospiz besuchen können, doch hatte ich zuviel Angst davor und habe mich am Ende einfach nicht getraut. Mein Freund erzählte mir später, daß das wahrscheinlich auch ganz gut so gewesen sei, weil diese zuletzt nur noch Hülle eines Menschen nicht mehr viel mit dem Willi, den wir beide kannten und liebten, zu tun gehabt hätte.

Eine kleine Anekdote habe ich noch: Irgendwann in den 90er Jahren war ich bei Willi zum Schachspielen, als das Telefon klingelte. Willi nahm ab:
xxxxx„Kissmer.“
xxxxxJemand wollte in Erfahrung bringen, wie teuer seine Bilder seien.
xxxxxWilli: „Ab 5000 DM aufwärts.“
xxxxxUnd drei, vier Sekunden später sagte Willi: „Hallo? Sind Sie noch dran?“
Und ich werde niemals Willis Gesichtsausdruck dabei vergessen, der am besten als Mischung aus leicht überrascht und spitzbübisch amüsiert wiedergegeben werden kann, während ich dabeigesessen habe und ziemlich stolz darauf gewesen bin, einen Künstler, dessen Bilder ab 5000 DM [einer Summe, die fast der Hälfte meines damaligen Jahresgehalts als Gitarrenlehrer entsprach] aufwärts kosteten, persönlich zu kennen und sogar als Freund bezeichnen zu können.

Am heutigen 24. Dezember wäre Willi Kissmer 67 Jahre alt geworden.