A.S.H. Pelikan

(* 1953 in Zinse, Kreis Wittgenstein) ist ein deutscher Musiker, Songwriter, Gitarrenlehrer und Schriftsteller. Pelikan gilt als einer der erfolglosesten Duisburger Autoren und Liedermacher der letzten 45 Jahre. Weltweit hat er 994 Bücher und 659 CDs verkauft.
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Diese Webseite wurde als Idee im Jahr 2000 geboren (nachdem ich meinen ersten Computer mit Internetzugang bekommen hatte) und sollte ursprünglich nur das Beste meiner literarischen Bemühungen von 1971 bis zur Gegenwart präsentieren. Also ließ ich mir den Domain-Namen dafür sichern … und dann geschah lange Zeit nichts mehr.

Bis ich 2009 und 2010 in meinem zweiten und dritten CD-Booklet den Satz stehen hatte, daß die Songtexte unter www.ashpelikan.de einzusehen wären. Da die Seite damals aber immer noch nicht existierte, dachte ich, das nun mal schleunigst ändern zu sollen und fragte meinen Bookletdesigner Mani Wollner, wer denn eigentlich seine Seite eingerichtet habe. Antwort: er selber – und 48 Stunden später war die erste Pelikanesische Homepageversion (mit vorerst nur 20 Songtexten) dann bereits online. Und seitdem hat sich diese Webseite einfach weiterentwickelt zu etwas, das mit dem ursprünglichen 2000er-Plan überhaupt nichts mehr zu tun hat. So kann’s gehen…

Hinweis: Fast alle Fotos sind durch Anklicken vergrößerbar.


How To Be A Happy Man

Ende Oktober 2018

Nun ist also das, was mir mit 20 oder 30 noch völlig undenkbar war, eingetreten: Ich bin 65 Jahre alt geworden. Irgendwann mal dieses Alter zu erreichen hatte ich zwar nicht für völlig unmöglich gehalten, doch tatsächlich mal 50, 60 oder sogar 65 Jahre alt zu sein ist für mich in jungen Jahren nie vorstellbar gewesen. Ging einfach nicht. Außerdem wollte ich sowieso nicht so alt werden, weil die wenigen alten Menschen, die ich damals kannte, alle keine Ziele mehr zu haben und nur noch vor dem Fernseher zu hängen und auf das Ende zu warten schienen. Da war ich dann ganz bei den Who: I hope I die before I get old (My Generation).

Nun, ich habe Glück gehabt, mir geht’s im Kopf noch richtig gut und ich bin seit einigen Jahren tatsächlich (und in dieser Beständigkeit sogar zum ersten Mal in meinem Leben) ein glücklicher Mensch. Ich habe offenbar meinen Seelenfrieden gefunden und lebe jetzt so, wie ich es mir vor mehr als 50 Jahren schon erträumt hatte: als Schriftsteller; denn Literatur ist meine allererste große Liebe gewesen [Musik dann meine zweite, die inzwischen aber nur noch eine Nebenrolle spielt und hinter Literatur und Filmen auf die dritte Stelle meiner Lieblingskünste zurückgefallen ist]. Zwar habe ich als Schriftsteller überhaupt keinen finanziellen Erfolg aufzuweisen, doch ist finanzieller Erfolg ja auch nicht das Wichtigste, wenn man das tun kann, was man liebt. Und so verbringe ich täglich 4 bis 7 Stunden am Schreibtisch (bevor ich an drei Tagen in der Woche leider abbrechen und mich zu meinen Gitarrenkursen nach Stadtmitte und Rheinhausen auf die Fahrradsocken machen muß).

65, das ist das Alter, über das es in meiner Jugend hieß, daß man seine Lebensarbeit geleistet und sich in den Ruhestand zurückzuziehen habe, um seine Rente zu genießen oder so. Meine Geldverdien-Arbeit ist (seit 1977) das Gitarrenunterricht-Geben [meine Ein-glücklicher-Mensch-sein-Arbeit jedoch vor allem die Schreiberei], und weil ich bei der VHS mit 65 nicht automatisch rausgeschmissen werde, mache ich – da ich noch wirklich Lust dazu habe und auch immer noch besser werde – einfach weiter. [Von meiner zu erwartenden Rente würde ich ohnehin nicht einmal die alles andere als teure Wohnungsmiete bezahlen können…]

Eines der schönsten Komplimente, das ich je bekommen habe, stammt von Sternhagel, dem Gitarristen der in Duisburg mal recht bekannten Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars: „Pelikan? Auch so’n Erfolgsverweigerer. Der hätte sauerfolgreich sein können, auf irgendeine Art…“
xxxxxErfolgsverweigerer, gefällt mir. Allerdings hat mein heutiger Nicht-gerade-top-Status wohl mehr damit zu tun, daß ich immer viel zu „nett“ und naiv und ängstlich und als Geschäftsmann eine furchtbare Niete gewesen bin. Businessmäßiges Hauen und Stechen und Ellbogen einsetzen ist mir schon immer zuwider gewesen, und als Konsequenz daraus könnte ich heute kockett damit prahlen, daß ich noch nie im Leben Steuern gezahlt habe, da ich noch nie genug verdient habe. [Allerdings habe ich auch noch nie Hilfe von Vater Staat in Anspruch genommen, weil sich meine Eltern viel zu einfach und viel zu berechenbar als „Sponsoren“ hatten ausnutzen lassen.]

Doch früher habe (natürlich) auch ich mit dem ganz großen Erfolg geliebäugelt, denn ich wollte ja nicht so was langweiliges wie Gitarrenlehrer oder so werden. In den 70er Jahren war mein Traum Rockstar,

[Mein Vater sagte immer schon:
„Im Leben braucht man Sicherheit.
Was willst du denn mal werden, Sohn?
Denn so langsam wird es Zeit.“
xxxxx„Ein bißchen noch zur Schule geh’n,
ich hab noch kein besond’res Ziel,
erst mal schau’n und dann mal seh’n,
ich werd schon merken was ich will.“

Und jetzt weiß ich wohin,
wo ich sein kann wie ich bin,
wo ich meine Angst verlier‘,
wo ich fühl daß ich gewinn‘,
und – das ist hier [auf der Bühne].
xxxxxPelikanesische Übertragung von „Finally Found A Home“ von Huey Lewis & the News]

in den 80ern Rockstar und Schriftsteller,
xxxxx[ich habe damals dreieinhalb Jahre lang an einem Wildwestroman geschrieben und tatsächlich auch zu Ende gebracht, doch war das Ergebnis leider nicht annähernd so gut wie erhofft, so daß dieses Teil bis heute in der Schublade geblieben ist – obwohl ich seine (allerdings recht leichtgewichtige) Story immer noch sehr liebe.]

in den 90ern nur noch, vom Alkohol wegzukommen,
xxxxx[was ich seit dem 27. März 2001 auch geschafft habe!]

und im neuen Jahrhundert, vor allem erwachsen zu werden (mit erster eigener Wohnung und so) und zu versuchen, das bisher Erreichte nicht ganz so gering zu schätzen. Und so habe ich – um den Beweis zu liefern, als Duisburger Songwriter [mit rund 250 Eigenkompositionen] tatsächlich existiert zu haben – von 2008 bis 2015 meine (durch eine kleine Erbschaft nach dem Tod meiner Mutter erst möglich gewordene) 6teilige CD-Reihe mit überwiegend alten Live-Aufnahmen herausgebracht. Zwar ist keine der Scheiben richtig toll zu nennen, doch war das Projekt auch mehr als Songwriter- und Band-Werkschau angelegt, in der neben den eigenkompositorischen Perlen auch die nicht ganz erstligareifen Lieder ihre Existenzberechtigung haben sollten.
xxxxx[Ich habe allerdings nur 51 Prozent der Gesamtkosten wieder eingenommen, doch ist das Wichtigste für mich ja gewesen, daß ich mir schließlich doch noch einen schon so gut wie begraben gewesenen alten Traum erfüllen konnte: eine eigene Schallplatte!]

Als die CD-Reihe [mit insgesamt 67 Eigen- und 34 Fremdkompositionen] im Sommer 2015 abgeschlossen war, machte ich mich daran, mir ein größeres Schreibprojekt zu suchen, weil ich als Schriftsteller in Duisburg noch etwas zu beweisen habe. Seit meinem letzten veröffentlichten Buch („Herzlichen Glückwunsch“, 1982) waren ja schon einige Jahrzehntchen ins Land gegangen, doch hatte ich in der ganzen Zeit – selbst in den depressiven Phasen meiner alkoholdurchtränkten Midlife-Krise in den 90er Jahren – nie völlig mit dem Schreiben aufgehört und spätestens nach den mehr als 100 CD-Bookletseiten das Gefühl, einen deutlichen Niveauschritt nach vorne getan zu haben. Und das finde ich bei der aktuellen Arbeit am neuen Buch (Titel: „In Ermangelung eines aldebaranischen Sternenhimmels“, Erscheinungsjahr: 2020 oder ’21) glücklicherweise immer noch bestätigt.

Zuvor wird 2019 allerdings noch „Im Bann der Subdominante“ erscheinen, eine neue Pelikan-CD, die 16 Eigenkompositionen enthält (von denen 13 noch unveröffentlicht sind, da keine vernünftigen Aufnahmen davon existierten oder sie noch nicht geschrieben worden waren), die ich (bis auf drei Bonussongs von 1980) alle in den letzten anderthalb Jahren neu eingespielt habe.

„65 und keine Ziele mehr und nichts mehr zu tun“ war ja mein jugendlich irriger Glaube, die allgemeine Situation beim Eintritt ins „Rentenalter“ betreffend, doch wenn ich für ein neues Pelikan-Buch mit ca. 3 Jahren Schreibzeit rechne, habe ich bereits genügend gute Ideen für ein weiteres Jahrzehnt auf Lager. Ihr braucht euch für die Zukunft um mich als Künstler also keine Sorgen zu machen [wenn man den finanziellen Aspekt mal beiseite schiebt], denn solange ich noch denken und sehen und schreiben kann, habe ich alle Aussichten, auch weiterhin ein glücklicher Mensch zu sein.

Stichwort glücklicher Mensch: Zum Abschluß dieses „Wie läuft’s denn so mit 65?“-Beitrags möchte ich euch noch den Text eines Liedes von der kommenden CD vorstellen, das zur Fertigstellung 42 Jahre benötigt hat. Die erste Strophe habe ich im Frühjahr 1973 verfaßt, während der Rest im April und Oktober 2015 hinzugekommen ist.

 

How To Be A Happy Man

1) Here I am, a young guy, who didn’t finish school
I don’t have any plans for life, just wanna play it cool
good morning, mother sun, thank you for the day
good morning, mother sun, now I’m gonna take this day away
a lot of freaks all around in the streets
I think there are some friends of mine I will meet
hello, Mr. Dealer, do you have some shit today?
I’d like a piece for 10 and then I’m going to smoke the day away

2) I woke up this morning with a tear in my eye
I’m thirty years of age now and I wish it were a lie
I luckily quit drugs about ten years ago
it didn’t change my way of life, I’m still moving rather slow
I’m writing stories and I play my guitar
I still dream my dream of becoming a star
I don’t think of tomorrow cause I live from day to day
the future might bring sorrow so let’s take a guitar and make it play

3) Now it’s ten years later and things are going wrong
I still live with my parents without knowin‘ where I belong
my novel wasn’t published, my band was no hit
I’m giving guitar lessons, but it’s just a job, I must admit
so what’s it all about when nothing’s pleasing me
my dreams are over and I’m drinking heavily
I need to ease my mind cause I’ve got so much to hide
to keep myself from feeling that emptiness inside

I have been hoping for years
to find that one true romance
so I searched in ev’ry woman that I met for my last chance
to become a happy man

4) The years went by and slowly I got something quite clear
my life was ruled by alcohol, by weakness and by fear
then I finally reached the point, the moment of fate
when I met my future as I found out it was not too late
to change my ways, to be my own best friend
to bring that drunkard’s misery to an end
to stop my senseless waiting, to give things a try
to make myself believe that I could solve all my problems by and by

5) And now with over sixty I found my place in the sun
I didn’t touch any alcohol since two thousand and one
and I’m trying not to waste my time like I did before
not to wait for miracles to manage all I’m looking for
I no longer need to be famous at all
don’t need great success, no golden records on the wall
I really like my work, teaching how to play guitar
and I still love writing, so I’m following my star

For me the meaning of life
is individuality
because working on my talents was the perfect way to see
how to be a happy man


80. Todestag von Thomas Wolfe

15. September 2018

Heute vor 80 Jahren ist der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe gestorben. Er wurde nur 37 Jahre alt.

Zu Lebzeiten sind von Wolfe lediglich zwei (allerdings recht umfangreiche) Romane, ein Band mit Erzählungen und ein autobiographischer Werkstattbericht erschienen. Nach seinem Tod hat sein Lektor aus den hinterlassenen Manuskriptbergen noch zwei weitere Romane und einen weiteren Kurzgeschichtenband zusammengestellt und herausgebracht.

xxxxxZu Lebzeiten veröffentlichte Romane:
Schau heimwärts, Engel! (1929)
Von Zeit und Strom / Von Zeit und Fluss (1935)
xxxxxPostum veröffentlicht:
Geweb und Fels (1939)
Es führt kein Weg zurück (1940)

Man kann allerdings davon ausgehen, daß die letzten beiden Bücher anders ausgesehen haben würden, wenn Wolfe sich länger damit hätte beschäftigen können, da er wie ein Besessener geschrieben und meistens etwas planlos an einem gewaltigen Überwerk, das an allen Fronten ständig erweitert und umgeschrieben wurde, gearbeitet hat. Wolfes zweiter Roman ist deshalb vor allem seinem damaligen Lektor Maxwell Perkins [der auch F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway „entdeckt“ hatte] zu verdanken, der aus den in den vergangenen vier Jahren fabrizierten Manuskriptbergen schließlich einen Teil herausnahm und zum neuen Buch erklärte. Dieses neue Buch hatte in dem Moment allerding noch den doppelten Umfang von „Krieg und Frieden“ und wurde anschließend in gut einjähriger Arbeit um ca. 75 Prozent gekürzt (was Wolfe ohne Perkins‘ Insistieren nie im Leben gelungen wäre) und um noch fehlende Übergangspassagen ergänzt. Und trotz dieser rigorosen Kürzungen war es bei seinem Erscheinen 1935 der bis dahin umfangreichste amerikanische Roman überhaupt.

Wolfe ist auf der einen Seite ein literarisches Genie gewesen, das auf der anderen aber überhaupt kein Gespür für das rechte Maß besessen hat, weil er einfach ZUVIEL wollte, nämlich ALLES beschreiben, was unter anderem auch bedeutete, daß er von neu hinzukommenden Buch-Charakteren am liebsten auch noch deren komplette Lebensgeschichte bis zum Eintreten in die Erzählung präsentiert hätte (und es zum Leidwesen seines Lektors auch manchmal getan hat). Dieses ALLES WOLLEN wird in „Von Zeit und Fluss“ einmal folgendermaßen beschrieben:

„Dieser Furor, der ihn antrieb, so viele Bücher zu lesen, hatte nichts mit Gelehrsamkeit, nichts mit akademischen Ehren, nichts mit herkömmlichem Bildungseifer zu tun. Er war in keiner Weise ein Gelehrter und wollte auch keiner sein. Er wollte einfach über alles auf Erden Bescheid wissen; er wollte die Erde verschlingen, und die Erkenntnis, dass ihm dies nicht gelingen konnte, trieb ihn in den Wahnsinn. Und so verhielt es sich mit allem, was er tat. Mitten in einem furiosen Leseabenteuer in der imposanten Bibliothek durchbohrte ihn der Gedanke an die Straßen draußen und an die große Stadt ringsum wie ein Schwert. Dann schien es ihm, als wäre jede mit Büchern verbrachte Stunde vertan – als ereignete sich in den Straßen eben in diesem Augenblick etwas ungeheuer Kostbares, Unwiederbringliches, das ihm, könnte er es nur rechtzeitig sehen, helfen würde zu verstehen, was in ihm war – den Strom, den Quell, den Ursprung, aus dem alle Menschen und Worte und Taten und jedes Ansinnen auf dieser Erde hervorgehen.
mmmmm
Und er stürmte […] hinaus, um […] dann Stunden damit zuzubringen, durch Hunderte Straßen zu preschen und einer Million Menschen in die Gesichter zu schauen, im Bestreben, sich augenblicklich ein schlüssiges Bild von allem, was sie taten und sagten und waren, zu machen, von ihrer Million Schicksale und von der großen Stadt und der ewigen Erde und den unermesslichen und einsamen Himmeln, die sich über ihnen wölbten. Und er durchforschte die furiosen Straßen, bis Mark und Bein und Blut genug davon hatten – bis jeder einzelne Nerv seines Lebens und Denkens angespannt, zittrig und erschöpft war und ihm unter der Last von Not und Verzweiflung das Herz sank.“
xxxxx[Deutsch von Irma Wehrli]

Und diesen schier unstillbaren Hunger hat auch der amerikanische Spielfilm „Genius – Die Tausend Seiten einer Freundschaft“ aus dem Jahr 2016 darzustellen versucht.
xxxxxAls ich zum ersten Mal davon hörte, daß demnächst ein Film über Thomas Wolfe in die Kinos kommen würde, bin ich begeistert gewesen. Als ich dann aber las, wer mitspielen würde, kam mir auf der Stelle das Wort Fehlbesetzung in den Sinn. Colin Firth als Maxwell Perkins? Prima! Jude Law als Thomas Wolfe? Furchtbar! Nicole Kidman als Wolfes Geliebte Aline Bernstein? Katastrophe!
xxxxxErst mal zum Alter: Jude Law ist, als der Film gedreht wurde, 41 Jahre alt gewesen. Nicole Kidman war 5½ Jahre älter.
xxxxxAline Bernstein (Kidmans Rolle) ist allerdings überhaupt keine schöne, schlanke, attraktive Frau wie Kidman gewesen und war auch nicht nur 5½, sondern ganze 19¾ Jahre älter als Wolfe, so daß sie in der Öffentlichkeit eher den Eindruck einer mütterlichen Freundin als den einer heißen Geliebten gemacht haben dürfte. Eine (wie sie der Film annehmen läßt) länger andauernde Liebesbeziehung zu einer etwa gleichaltrigen Frau hat es in Wolfes Leben nie gegeben. Und um dem Film noch etwas mehr Drama zu verleihen, ist Aline Bernstein auch noch zu einer gefährlich reagierenden Frau gemacht worden, die in einer Szene tatsächlich in Perkins Büro kommt und ihn zu erschießen droht, weil er (im Gegensatz zu ihr) so viel Zeit mit Wolfe verbringen durfte. Was für’n Quatsch, zumal die Beziehung im wirklichen Leben zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren vorüber war.

Nun zum Hauptdarsteller: Jude Law ist schlank und 1,82 Meter groß. Wolfe war dagegen ein Bär von einem Mann mit einer Körpergröße von 1,98 Meter. Der deutsche Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohl schrieb über ihn: „…als die lebhafte Unterhaltung plötzlich durch das Erscheinen eines riesenhaften, verlegenen Mannes unterbrochen wurde, den die zarte, kapriziöse und literaturfreudige Tochter des Hauses als den erwarteten Dichter vorstellte. Dieses Bild ist mir unvergeßlich geblieben: das imponierende, schwarz gelockte Haupt, das alle Gäste überragte; die linkische, beinahe kokett-abwehrende Bescheidenheit des Riesen, der bald den Mittelpunkt der Gesellschaft bildete und immer wieder errötend bemüht war, jedem Freundliches zu sagen und alle Komplimente abzuwehren.“
xxxxxDas paßt nun so gar nicht zu der Art, wie der viel kleinere Jude Law (oder der Drehbuchschreiber) Wolfe darstellt: als hochgradig narzistisch, rücksichtslosen Charakter, der nicht mal genügend Anstand besitzt, um bei seiner ersten Begegnung mit seinem künftigen Lektor respektvoll und höflich aufzutreten. Wolfe hatte zwar auch Verrücktes, doch wie er im Film porträtiert wird, kommt mir eher wie eine Parodie vor. In der Darstellung von Law und Kidman kann ich die mir schon seit vielen Jahrzehnten bekannten Personen [ich habe auch mehrere nie ins Deutsche übersetzte Biographien und ähnliches über Wolfe gelesen] deshalb leider nicht wiedererkennen. Wenn man anstelle von Law wenigstens einen Schauspieler genommen hätte, der Wolfes Statur entsprochen hätte, so daß Laws nervige Körpersprache mit dem wilden Herumgefuchtel seiner Arme allein durch die Massigkeit der Figur schon etwas anders wirken würde; und anstelle von Kidman eine Schauspielerin, die der echten Aline Bernstein in bezug auf Alter, Körpergröße [sie wird als kleine Frau beschrieben, die neben dem riesenhaften Wolfe noch kleiner wirkte / während Kidman fast so groß wie Law ist] und Aussehen [nicht wirklich attraktiv] mehr entsprochen hätte … aber nein, ein paar schlanke und weder körperlich noch altersmäßig adäquate Hollywood-Schönlinge mußten in diesem Fall mal wieder her.

Diesen Film (der er es auch an anderen Stellen mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nimmt) kann ich also nicht empfehlen … bis auf die wunderbaren Szenen, in denen Perkins zum ersten Mal das Manuskript von „Schau heimwärts, Engel!“ liest, wobei die aus dem Off erklingenden Worte eine Prosa in den Filmraum stellen, die wirklich Eindruck macht.

Von Wolfes Büchern kann ich inzwischen (mit über 60) allerdings auch nur noch eines empfehlen [während ich in den 70er und 80er Jahren auch die anderen mit Begeisterung verschlungen habe], doch dieses eine, sein erster Roman „Schau heimwärts, Engel!“, zählt auch heute noch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und vermag mich immer noch so zu berühren und zu verzaubern wie damals, als ich mich Mitte der 1970er Jahre zum ersten Mal berauscht in seinen Seiten verloren habe. Und wenn von euch jemand dieses Buch mal lesen (oder wiederlesen) möchte, empfehle ich die 2009 erschienene Neuübersetzung von Irma Wehrli im Manesse Verlag, die 2011 auch als btb-Taschenbuch herausgekommen ist.

Foto: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

Thomas Wolfe (3.10.1900 bis 15.9.1938)


Fußball und Logik (1)

Fußball und Logik
oder
Damals in der Karibik

Januar 1994. Die Fußballnationalmannschaften von Barbados, Grenada und Puerto Rico kämpfen in einer Qualifikationsgruppe um die Teilnahme an der Karibikmeisterschaft 1994. Jede Mannschaft hatte einmal gegen jeden Gegner anzutreten, und nur der Gruppenerste würde (nach diesen insgesamt drei Spielen) die Finalrunde des Caribbean Cup erreichen. Vor dem letzten Gruppenspiel, das Barbados gegen Grenada zu bestreiten hatte, sah die Lage so aus: Puerto Rico hatte schon keine Chance mehr aufs Weiterkommen, und Barbados mußte gegen Grenada mit mindestens 2 Toren Unterschied gewinnen, da sonst Grenada Gruppenerster wäre.

Nach 45 Minuten sah es recht gut für Barbados aus, das nämlich mit 2:0 in Front lag. Also setzte Grenada in der zweiten Hälfte alles daran, um den Anschlußtreffer zu erzielen, was in der 83. Minute auch gelang. Zu diesem Zeitpunkt war Grenada also dank des besseren Torverhältnisses in der nächsten Runde.

Und so setzte Barbados nun in den verbleibenden 6 oder 7 Minuten alles daran, den alten 2-Tore-Vorsprung wiederherzustellen. Jedoch nur bis zur 87. Minute, denn dann änderten sie ihre Taktik.

Im karibischen Fußball wird bei K.-o.-Spielen, die nach 90 Minuten unentschieden stehen, wie überall sonst auf der Welt eine zweimal 15minütige Verlängerung mit eventuell noch Elfmeterschießen drangehängt. Doch hatte die FIFA in ihrer unglaublichen Weisheit wenige Monate zuvor beschlossen, in der abgelegenen Karibik mal eine kleine Regeländerung auszuprobieren, nach der in der Gruppenphase unentschieden endende Spiele ebenfalls in die Verlängerung zu gehen hatten, um einen Sieger hervorzubringen. Und weil in der Endabrechnung ja auch die Tordifferenz von entscheidender Bedeutung sein konnte, stellte eine Verlängerung deshalb natürlich auch die Möglichkeit dar, noch einiges für das Torverhältnis zu tun.

Nun war im Vorjahr weltweit aber auch noch das Golden Goal eingeführt worden: Wenn eine Mannschaft in der Verlängerung ein Tor erzielte, war das Spiel sofort beendet und man hatte mit einem Tor Vorsprung gewonnen. Dieses stellte für die Sachlage des möglicherweise am Ende entscheidenden Torverhältnisses in der Karibik aber ein kleines Problem dar, denn wenn man in der 30minütigen Nachspielzeit bislang mehr als ein Tor erzielen konnte, war das durch das Golden Goal ja nicht mehr möglich. Und so hatte die FIFA für den Karibikraum auch noch zu bestimmen, wieviel ein Golden Goal denn am Ende für das Torverhältnis wert war, und sie entschied sich in ihrer unendlichen Weisheit für 2 Treffer. So daß mit einem einzigen Schuß also ein ergebnistechnischer Doppelpack erzielt werden konnte.

Und nun zurück zur 87. Minute des Spiels Barbados gegen Grenada. Es stand 2:1 für Barbados, und nur mit 2 Toren Vorsprung würden sie die Qualifikation erfolgreich überstehen. Sonst würde Grenada weiterkommen. Also mußte das 3:1 her. Was Barbados bis zu dieser 87. Minute auch zu erzielen versucht hatte. Doch dann änderten sie ihre Taktik. Ihnen blieben nur noch etwa 3 Minuten, um das eine, entscheidende Tor zu machen. Es sei denn … und so gingen sie hin und schossen, absolut unbedrängt, in voller Absicht ein glasklares Eigentor. 2:2. Worauf in der Karibik ja auch in der Gruppenphase schon eine Verlängerung folgte. Also 30 Minuten mehr Zeit.

Überall sonst auf der Welt würde dieses absichtliche Eigentor überhaupt keinen Sinn ergeben haben, weil das Spiel dort einfach unentschieden ausgegangen wäre und Barbados damit den Einzug in die Endrunde verpaßt hätte. Doch gab es in der Karibik ja die Bei-Unentschieden-Verlängerung-Regel. Und selbst damit wäre durch das Eigentor nichts gewonnen gewesen, weil man aufgrund der Golden-Goal-Regel überall sonst auf der Welt in der Verlängerung höchstens 1 Tor (und nicht die für Barbados benötigten 2) schießen konnte. Doch nicht so in der Karibik damals, wo ein Golden Goal ja 2 Tore fürs Endergebnis bedeutete. So daß die Entscheidung von Barbados, das Spiel durch ein Eigentor um 30 Minuten zu verlängern und dann auf ein doppelt zählendes Golden Goal zu hoffen, vollkommen logisch war. [Mr. Spock wäre stolz auf die Jungs gewesen.]

Aber die 90 Minuten waren ja noch nicht vorüber. Es stand 2:2 und Grenada hatte noch etwa 3 Minuten Zeit, um in der regulären Spielzeit ein weiteres Tor zu erzielen und die Verlängerung dadurch abzuwenden. Und deshalb machte der Gegner (Barbados) sich also daran, mit 10 Feldspielern den eigenen Strafraum zu verteidigen – sollte man eigentlich denken. Doch weit gefehlt, denn Barbados mußte Grenada ja nicht nur daran hindern, mit 3:2 in Führung zu gehen, sondern gleichzeitig auch davon abhalten, ein mögliches Eigentor zu schießen. Denn auch bei einer Niederlage mit nur einem Tor Unterschied hätte Grenada aufgrund der Tordifferenz in der Endabrechnung ja die Nase vorn gehabt.

Und so zauberte Barbados also [während Spock bei der Sichtung von Kirks Lieblings-Best-of-Homo-sapiens-DVD an dieser Stelle fast ein Lächeln entschlüpft wäre] die revolutionäre Strategie eines 5-0-5-Systems aus dem Hut, stellte 5 Mann zur Verteidigung des eigenen und 5 Mann zur Verteidigung des generischen Tores ab, und kam damit auch wirklich durch.

Und in der Verlängerung schossen sie tatsächlich ihr Golden Goal, gewannen das Spiel also mit 4:2 und zogen damit in das Hauptfeld des Caribbean Cup 1994 ein. Und wie Barbados dort abgeschnitten hat, war nicht mal für Spock mehr von Interesse, weil die neuen Regeln (Unentschieden gilt nicht & Golden Goal zählt doppelt) vor Beginn der Finalrunde von der FIFA in ihrer unermeßlichen Weisheit nämlich wieder rückgängig gemacht worden waren.

[Von diesem irren Fußballspiel habe ich aus dem Buch „90 oder Die ganze Geschichte des Fußballs in neunzig Spielen“ von Christian Eichler erfahren. Und wer vielleicht auch noch wissen möchte, wie es 2002 in der madegassischen Meisterschaft zu einem 149:0-Sieg kommen konnte, würde bei dieser Lektüre (neben 88 weiteren Spielberichten) ebenfalls fündig werden.]

Für Eichler, Wikipedia und Co. ist die Geschichte dieser Qualifikationsrunde zum Caribbean Cup 1994 nun allerdings beendet gewesen – nicht aber für den Autor dieses Beitrags.

Die Spielergebnisse lauteten:
Spiel 1: Barbados – Puerto Rico = 0:1
Spiel 2: Grenada – Puerto Rico = 2:0 (durch Golden Goal in der Verlängerung)
Spiel 3: Barbados – Grenada = 4:2 (durch Golden Goal in der Verlängerung)

Aber was wäre eigentlich gewesen, wenn es diese schwachsinnige Regeländerung nicht gegeben hätte? Dann wäre es vollkommen egal gewesen, ob Barbados im letzten Gruppenspiel ein Eigentor zum Unentschieden geschossen oder mit 2:1 oder 3:1 gewonnen hätte, weil der Gruppenerste in beiden Fällen nämlich Puerto Rico geheißen haben würde – mit 4 Punkten auf dem Konto, resultierend aus einem Sieg gegen Barbados und einem Unentschieden gegen Grenada.

Alles klar? Dann bis zum „Fußball und Logik 2“-Beitrag.


Erinnerungen rund um Motte

Vorbemerkung:
……….Motte zählte meiner Meinung nach nicht zu den wirklich bedeutenden Duisburger Künstlern, so daß eigentlich auch kein Nachruf-Denkmal nötig wäre. Doch weil ich mit ihm in den 1970er Jahren fast so was wie befreundet gewesen bin, habe ich mich aus dieser alten Verbundenheit heraus entschieden, etwas auf dieser Webseite über ihn zu schreiben, das gleichzeitig auch einen Teil meiner eigenen Geschichte darstellt.

 

E R I N N E R U N G E N   R U N D   U M   M O T T E

Am 18. März 2018 ist Carl Korte – einigen Duisburgern besser unter dem Namen „Motte“ bekannt – im Alter von 65 Jahren gestorben.

 

Motte im Juli 1977 (Foto: Schnuff)

 

Motte ist am 13. August 1952 geboren worden und auf der Gärtnerstraße in Duisburg Wanheimerort bei seiner Mutter aufgewachsen. Einen Vater hat er nie gekannt. Er erzählte mir mal, daß er als Kind auf einer Veranstaltung gewesen sei, bei der auch ein Zauberer aufgetreten wäre. Und Jahre später hätte seine Mutter ihm mitgeteilt, daß dieser Zauberer sein Vater war.
……….Eine schöne Legende – oder eine schön ausgedachte Geschichte (Motte hat nämlich häufig ein wenig gesponnen) –, die später auch in der Kurzbiographie eines Buches ihren Widerhall fand: „Motte, Sohn eines Magiers“.

Ich wurde gezeugt zu Vaters Vergnügen,
Mama war zu schwach und mußte sich fügen,
so hat sie empfangen ohne zu geben,
und ich durfte leben.

……….[Aus „Lebenslauf“, 1971]

 

M U S I K

Zum erstes Mal sind Motte und ich uns im Dezember 1970 über den Weg gelaufen. Ich spielte damals seit einem Monat in einer kleinen Band, die aus Manni Schmitz am Gesang, Pete Eckardt an der elektrischen Leadgitarre, Klaus „Zoppo“ Bausen am Schlagzeug und mir selbst [siebzehn Jahre alt und erst seit vier Monaten mit Gitarrespielen beschäftigt] an der akustischen Rhythmusgitarre bestand. Die Proben fanden in einem ehemaligen Hühnerstall im Schmitz’schen Garten in Wanheimerort statt, und ein häufig anwesender Freund der Band, Klaus Barbian, fragte eines Tages mal in die Runde, ob wir nicht vielleicht noch einen Orgelspieler bräuchten. Wir blickten einander kurz an und kamen zu dem Schluß: nein. Ich hab aber einen kennengelernt, der gleich mal vorbeikommen will, gab Klaus zurück, und einige Minuten später stand Motte in der Tür.
……….Die Probe fiel an diesem Tag etwas kürzer aus, weil wir alle noch zur Gärtnerstraße zu Motte nach Hause marschiert sind, wo er uns etwas vorspielen wollte. Da seine Orgel aber gerade irgendwo anders in einem Proberaum stand, setzte er sich zur allgemeinen Verblüffung an ein Harmonium, trat mit den Füßen in die Schöpfpedale (denn ohne Luftzufuhr gab dieses Instrument keinen Ton von sich) und legte los.
……….Ich erinnere mich noch, daß ich das Resultat eher „seltsam“ fand (und so gar nicht nach Goldy McJohn klingend, dem Organisten meiner damaligen Lieblingsband Steppenwolf), doch war das Ganze so selbstbewußt vorgetragen, daß er uns alle etwas beeindruckt hat und aufgrund dessen wohl auch als fünftes Mitglied in die Band aufgenommen worden ist.
……….[Motte ist Autodidakt gewesen und hatte damals erst seit wenigen Wochen Orgel gespielt, in dieser Zeit aber schon einen Auftritt mit einer Gruppe namens „Atrocity Tale“ gehabt.]

Mottes Einstieg in unsere Band hatte Veränderung zur Folge. Musikalisch ging es [Motte war halt kein Bluesmann] immer mehr von „meiner“ Richtung weg, und auch bei den immer häufiger aufkommenden Diskussionen konnten Motte und ich einfach keinen Nenner finden. Da ging es zum Beispiel mal um die Frage, ob man als junger Musiker überhaupt Lieder nachspielen dürfe, um erst einmal die Form dieser Kunst besser verstehen zu lernen, oder ob man Fremdeinfluß möglichst aus dem Weg gehen sollte, um sofort bedingungslos an eigenen Kompositionen zu basteln? Und während ich das Lieder-Nachspielen befürwortet hatte, wollte Motte davon nichts wissen und sich nur auf musikalische Neuland-Pfade begeben.
……….Außerdem befand er, daß wir unbedingt auch einen Baßisten bräuchten, und eines Tages schleppte er tatsächlich schon die Anlage eines solchen an. Es war kaum zu übersehen, daß Motte immer mehr den Ton angab und irgendwie dabei war, die Band zu übernehmen, während ich selbst nur in freundschaftlicher Atmosphäre ein wenig Musik machen und mir nicht schon wieder [wie in der Schule, die ich erst vor kurzem verlassen hatte] von einem „Boß“ etwas vorschreiben lassen wollte, so daß ich (noch bevor ich den Baßisten überhaupt zu Gesicht bekommen habe) nicht anders konnte, als im Januar 1971 meinen Ausstieg zu erklären; weil man mit Motte – den ich immer eher als exzentrischen Solisten denn als mannschaftsdienlichen Team-Player empfunden habe – nur gut zusammenarbeiten konnte, wenn man seine Meinung teilte.

Mein Ausstieg aus der Band sollte aber viel weitreichendere Folgen als gedacht haben, da die Zurückgebliebenen nämlich ebenfalls beschlossen, andere Wege zu gehen, so daß aus nur einer Musikgruppe schließlich zwei ganz neue entstanden sind.
……….Ich selbst hatte mich zum Musizieren weiterhin mit Zoppo (diesmal an den Bongos) getroffen, und nachdem er mich mit dem Gitarristen und Geigenspieler Tom Altrogge bekanntgemacht hatte, haben wir drei im April 1971 das akustische Bluestrio „Scarabäus Zubiss“ aus der Taufe gehoben, das ein ganzes Jahr lang zusammengeblieben ist und in sehr entspannter (= bekiffter) Atmosphäre im Zimmer unseres Freundes Jupp ’ne Menge bluesiger Hausmusik gemacht hat,
……….während Pete und Motte die elektrische Rockband „Kiste II Wildschwein“ auf die Beine stellten [mit Manni Weber (Baß, Gesang) und Andre Pentzien (Schlagzeug, Gesang)], die ausschließlich eigene Kompositionen aufgeführt und recht progressive Musik gemacht hat. Diese Combo hat etwa 9 Monate lang existiert, während Motte im selben Jahr (1971) aber auch noch Mitglied in der „Pelikan Rock-Gruppe“ [ich hatte mit der Band nicht das Geringste zu tun und weiß bis heute nicht, was die sich bei der Namensgebung gedacht haben] und bei „Oxymoron“ [die sich fast ausschließlich aus meinen ehemaligen Klassenkameraden vom Mannesmann-Gymnasium zusammensetzte] gewesen ist. 1973 hat Motte auch noch der ersten Besetzung von „Ausz“ angehört [meiner Duisburger Lieblingsband in den 70ern – die es seit Mai 2016 übrigens wieder gibt], und danach verlieren sich meine Informationen über seine Zugehörigkeit zu lokalen Rockbands, bis er 1978/79 und ’81 seine eigene Gruppe „Mottes Meute“ auf die Bühne brachte.

Auch wenn ich musikalisch mit Motte überhaupt nicht auf derselben Wellenlänge war [was sich auch nie mehr ändern sollte] und deshalb nur sehr selten mit ihm zusammen musiziert habe, haben wir einander in den 70er Jahren doch recht häufig gesehen. Von der Gärtnerstraße bis zum Pelikan-Heim Im Vogelsang war es schließlich auch nicht besonders weit (höchstens 15 Minuten zu Fuß), und als er eines Tages mal anschellte, um mich zu besuchen, öffnete mein Vater die Tür und Motte sagte: „Hallo, ich bin die Motte“. Mein Vater war verwirrt. Er hatte nämlich „ich bin die Mutter“ verstanden.

Motte ist schwul gewesen, und es war bestimmt kein Versprecher, daß er sich bei dieser Gelegenheit mit die Motte vorstellte, obwohl er später auch der Motte benutzt hat. Sein Schwulsein hat mich – nachdem ich mich erst mal an den Gedanken gewöhnt hatte – auch nicht weiter gestört, nur fand ich, daß er manchmal doch etwas zu großes Gewese davon machte und in späteren Liedertexten viel zu sehr den Eindruck zu erwecken versuchte, als wenn er sich in zwielichtigem Halbwelt-Milieu bestens auskennen würde, was ich aber immer nur für Show gehalten habe. Als er irgendwann jedoch auch noch seine pädophilen Neigungen zugab und dann auch noch regelrecht damit anzugeben begonnen hat, habe ich ihm das – da er auch keinerlei moralische Bedenken zeigte – doch schon ziemlich übel genommen.

 

F R Ü H E   P R O S A

Es gibt (bis ins Jahr 2008 hinein) einige Parallelen im Leben von Motte und mir. So haben wir beide 1970 mit dem Musikmachen begonnen, uns beide 1971 an ersten eigenen Liedern mit Text (er auf deutsch, ich auf englisch) versucht und 1974 jeweils unser erstes Prosa-Büchlein auf den Markt gebracht. Meines trug den einfallslosen Titel „4 Kurzbücher, 1 Lexikon und 1 Brief“ und war im Januar 1974 in einer Auflage von 20 Exemplaren erschienen, und Mottes folgte einige Monate später und hatte mit „Titel 1“ einen sogar noch einfallsloseren Namen bekommen, dafür aber einen recht flotten Werbespruch zu bieten: Wenn du nicht mehr weiter weißt, greif’ zum Buch, das Durchblick heißt. Doch war es bei diesem Buch überhaupt nicht so einfach, den versprochenen Durchblick auch wirklich zu entdecken, da die Beiträge (bis auf einen ganz vorne, für den man das Buch – oder sich selbst – zum Lesen aber auf den Kopf stellen mußte) von hinten nach vorne liefen.
……….Es ist in jenen Tagen nicht so leicht gewesen, preisgünstig Texte in kleiner Auflage herauszubringen [wenn man eine bessere Vervielfältigungsqualität als beim inzwischen ziemlich veralteten Hektographieren haben wollte], weil das Fotokopieren beispielsweise (in jenen Vor-Copyshop-Zeiten) noch sehr teuer war: 1 DM für ein einziges Blatt. Also mußten wir, um unsere Werke auf den Markt zu bringen, irgendwo einen auftreiben, der das möglichst umsonst erledigen konnte, was uns schließlich auch gelungen ist. [Mein Freund Nilles ist einige Monate später beim Fotokopieren meines Nachfolgewerkes allerdings von seinem Chef erwischt und auf der Stelle rausgeschmissen worden – doch ist er ohnehin nicht besonders scharf auf diesen Job gewesen.]

Beide sogenannten „Bücher“ sind in Wahrheit aber nur ziemlich dünne Machwerke von 20 [bei Motte] und 30 [bei mir] einseitig kopierten DIN-A5-Seiten gewesen, die mit Heftklammern [bei Motte] und Bindfaden [bei mir] zusammengehalten wurden und wegen ihrer schwarzen Pappumschlag-Cover sehr an alte Klassenarbeitshefte erinnerten. Der Inhalt meines Buches bestand aus ein paar autobiographischen Skizzen sowie einem vierseitigen Minilexikon, in dem Motte mehrfach als Mitglied von ehemaligen Duisburger Bands genannt wurde, und er revanchierte sich, indem auch ich in seinem ersten Buch Erwähnung fand:

……….Brief an Alan S.H. Pelikan
Mein lieber guter Dauerblauer,
aufgrund unserer bisher vorzüglichen Geschäftsbeziehungen (wie Sie sich vielleicht erinnern können, pflegte ich stets, auch in Ihrer Abwesenheit, von ihrem Tabak zu rauchen und von ihrem Whisky zu trinken) bin ich nicht abgeneigt, gegen einen Vorzugsdrink einen Hinweis auf ihr neuestes Werk in meinem Erstling zu publizieren. Es läßt Sie grüßen
……….HONKY TONK MOTTE

Und später hieß es noch:
……….Anzeige:
Alan S.H. Pelikan schreibt ein neues Buch. Hurra!

……….Anmerkung 1: Daran, daß er meinen Whisky in meiner Abwesenheit gesoffen hätte, kann ich mich zwar nicht erinnern, dafür aber an einen Besuch von Harald, Lolle, Buddy und mir bei ihm. Er war zwar nicht zu Hause, doch ließ seine Mutter uns trotzdem in seinem Zimmer auf ihn warten, und wir verlebten dann einen sehr netten Abend, obwohl Motte an dem Tag überhaupt nicht mehr auftauchte. (Hat er darauf vielleicht – einfach alles ins Gegenteil kehrend – angespielt? Würde perfekt zu seinem damaligen Humor passen.)
……….Anmerkung 2: Das Dauerblauer bezog sich auf mein Faible für Bluesmusik, und ein wenig vielleicht auch auf meinen hin und wieder schon etwas über die Stränge schlagenden Alkoholkonsum, der mir rund 20 Jahre später dann wahrhaft mörderische Probleme bereiten sollte.

 

L I E D E R M A C H E R

Auch wenn wir beide zu Zeiten der Hühnerstallband noch den großen Traum hatten, später mal als Rockmusiker berühmt zu werden, entdeckten wir ziemlich rasch, daß eigene Lieder zu schreiben noch einen zusätzlichen Befriedigungsfaktor auf der Suche nach Selbstverwirklichung und Anerkanntsein bedeutete. Weil die Art dieser Lieder aber nicht recht zu der rockigen oder bluesigen Musik unserer damaligen Bands paßte, lag es nahe, daß wir eines Tages auch mal als „Liedermacher“ alleine auf die Bühne gehen würden.
……….Mein erster Solo-Auftritt fand [nachdem ich mein Konzertdebüt schon ein halbes Jahr zuvor mit Scarabäus Zubiss gegeben hatte] im Dezember 1972 statt, und diesen Gig hatte ich ausschließlich Motte zu verdanken. Er hatte für seine damalige Band Oxymoron einen Auftritt auf der Feier zum 50jährigen Bestehen des Schwimm- und Wasserballvereins DJK Poseidon Duisburg klargemacht, und weil ihr Baßist an diesem Abend verhindert war, traten sie mit einem Aushilfsbaßisten auf [und so habe ich Kalle Burandt, meinen seit mehr als vierzig Jahren besten Freund, kennengelernt]. Und weil das Programm mit dem Ersatzmann möglicherweise etwas zu kurz war, hatte Motte mich noch als „Vorgruppe“ engagiert.
……….Was willst du dafür haben, hatte er mich gefragt. Eine Flasche Whisky, hatte ich geantwortet – vermutlich, weil ich es cool fand, später mal erzählen zu können, daß meine erste Sologage in einer Flasche Whisky bestanden hätte.
……….Diese Gage habe ich von Motte zwar auch bekommen, doch bin ich nicht gerade begeistert gewesen, als ich feststellte, daß er das billigste Zeug (made in Germany) genommen hatte, das überhaupt nur aufzutreiben gewesen war. Ist dann auch kein besonderer Genuß gewesen, doch konnte ich Motte als Geschäftsmann ja überhaupt nichts vorwerfen, da er unserer Vereinbarung absolut korrekt nachgekommen war; nur hatte ich halt erwartet, daß er mehr wie ein Freund, der einem etwas Gutes tun wollte, denken und handeln würde.

Der früheste Motte-Soloauftritt, von dem ich definitiv weiß, hat im Februar 1974 stattgefunden. Und wenn dies tatsächlich sein allererster gewesen sein sollte, trüge auch ich an diesem Solo-Debut eine gewisse Mitschuld.
……….Am 24. Januar 1974 war ich mit Gitarre und 300 DM in der Tasche (sowie der Zusicherung auf einen Schlafplatz für die erste Nacht) nach Berlin gefahren, und am Ende des Monats hatte ich bereits sieben Auftritte hinter mir: im Steve Club, im Folk-Pub und fünfmal im Go-In, dort meistens als Letzter zwischen 3 und 5 Uhr morgens. Und von diesen außergewöhnlichen Ereignissen schrieb ich natürlich auch nach Duisburg, und als ich am 12. Februar abends ins Go-In kam [obwohl ich erst weit nach Mitternacht spielen sollte, doch den vorher auftretenden Musikern zusehen zu können war halt auch einfach nur klasse], saß Motte auf einmal da. Am nächsten Abend hat er dann [wie alle Neuen noch ohne Gage] im Folk-Pub gespielt [sein möglicherweise ja erster Solo-Gig] und ist ein paar Tage später [weil es für ihn als Klavierspieler ohne eigenes Instrument auch viel weniger Möglichkeiten als für mich gab] dann wieder nach Duisburg zurückgefahren, während ich selbst noch bis zum 2. April geblieben bin und von Februar an noch weitere 60 Auftritte machen konnte. Für einigermaßen talentierte Gitarrenspieler ist West-Berlin damals wirklich das Paradies gewesen.
……….Wenn ich von einem Auftritt rede, meine ich übrigens immer nur einen recht kurzen von nicht mehr als 20 Minuten Spielzeit (es sei denn, das Publikum hatte am Ende noch eine oder mehrere Zugaben gefordert), was vier bis fünf Lieder bedeutete. Und nach 5minütiger Pause trat bereits der nächste Act auf die Bühne, so daß es völlig normal war, mehr als ein Dutzend verschiedener Musiker an einem Abend zu erleben. [Als Gage für diese 20-Minuten-Gigs habe ich zuerst 10 DM erhalten, und ab März dann sogar 12 DM. Die richtig guten Leute bekamen aber das Doppelte.
……….Und einen Monat nach Motte ist auch Tom Altrogge noch für zehn Tage nach Berlin gekommen und hat bei fünf meiner Auftritte Scarabäus Zubiss noch mal als Duo wieder aufleben lassen. Was für eine Zeit, was für ein Abenteuer!]

Wieder zurück in Duisburg bin ich sogleich für den ersten von Motte organisierten Konzertabend „Blues & Lieder“ (in der Aula der Duisburger Gertrud-Bäumer-Schule am 10. Mai 1974) engagiert worden, bei dem außer Motte und mir auch noch Andre Pentzien & Frank Steinfort, Norbert Schewe und (als Top-Act) Fernando Vasquez zu hören gewesen sind. (Ich weiß nicht, was die anderen Musiker bekommen haben, doch hat meine Gage genau null DM betragen, weil keine genügende Anzahl von Eintritt zahlenden Zuschauern dagewesen sein soll.)

 

Motte am Flügel bei „Blues & Lieder“. Meines Wissens konnte er immer prima sehen, so daß diese Brille (mit vermutlich nur Fensterglas) wahrscheinlich eine Huldigung an eins seiner großen Idole, John Lennon, dargestellt hat. (Fotograf: unbekannt)

 

Das nächste Motte-Festival sollte bereits einen Monat später in Mülheim stattfinden, und diesmal hatte ich sogar einen richtigen Vertrag bekommen, der mir tatsächlich Geld garantierte – doch wurde es leider wieder nix damit, weil das Ganze nur einen oder zwei Tage vor Beginn von Motte noch (ohne Angabe von Gründen) wieder abgesagt wurde. Keine Ahnung, was da schiefgelaufen war.

Ich kann aber auch von einer finanziell zufriedenstellenderen Geschäftsbeziehung mit Motte berichten. 1973 gab es in meinem Zimmer (das restliche Inventar bestand aus auf dem Boden liegenden Matratzen, einem Sessel mit abgesägten Beinen, einem kleinen Schreibtisch und einem schmalen Bett), auch eine vormals meinen Großeltern gehörende kleine zweisitzige rote Couch, die Motte so gut gefiel, daß er sie mir unbedingt abkaufen wollte, doch mochte ich sie nicht hergeben. Aber Motte blieb hartnäckig, ließ nicht locker und nervte mich monatelang bei jedem Besuch auf’s neue, bis ich eines Tages erwiderte, daß die Abgabe dieses Möbels ja auch deshalb schon nicht möglich sei, weil dann eine leere Ecke in meinem Zimmer zurückbliebe. Doch ließ Motte sich auch davon nicht entmutigen und erhöhte sein altes 50-DM-Angebot spontan auf 50 DM plus 3 Matratzen. Und so akzeptierte ich den Deal schließlich, um endlich auch Ruhe vor dem ewigen Bedrängt-Werden zu haben.

Was für eine Musik hat Motte eigentlich gern gehört? Ich weiß nur, daß er ein großer Beatles-Fan gewesen ist. Und als er einmal mitbekam, daß ich die Beatles-Platten aus der ersten Hälfte der 60er Jahre kaum kannte, schenkte er mir zu Weihnachten ein paar Audiocassetten, um diese Wissenslücke auffüllen zu helfen.
……….Und einmal traf ich Motte auf der Straße in Wanheimerort und er redete ganz begeistert von einer neuen Platte, die ich mir unbedingt sofort bei ihm zu Hause anhören müsse, und so kam ich 1976 zum ersten Mal mit der Musik von Queen in Berührung: Bohemian Rhapsody.

 

D E R   O T Z   V E R L A G

Im April 1977 war schließlich [nach vier gescheiterten Für-lau-Vervielfältigungsversuchen in den Jahren 1974 und ’75] doch noch mein zweites Prosabuch „Wieder ein echter Pelikan oder Wie ein echter Pelikan oder Wie echt, Pelikan oder Echt Pelikan oder“ herausgekommen, und zwar im Duisburger OTZ Verlag – was sich einerseits toller anhört als es ist (weil es gar kein richtiger Verlag war), andererseits aber genau so toll, wie eine spontan geborene und entschlossen in die Tat umgesetzte Idee es verdient hat.
……….Im Sommer 1976 erwähnte ich einem meiner neuen Eschhausbekannten gegenüber mal, daß ich nicht nur englische Songlyrics schreiben würde, sondern auch noch einige deutschsprachige Prosatexte in der Schublade hätte, die für einen normalen Verlag jedoch völlig ungeeignet seien, während ich selber leider keine Mittel besäße, um die Sachen auf eigene Faust herauszubringen [da es sich mittlerweile auch nicht mehr um (wie bei meinem ersten Büchlein noch) nur 30, sondern inzwischen fast 100 Seiten handelte]. Dann laß uns doch einen eigenen Verlag gründen und das Buch selber drucken, schlug Rammi vor. Ich habe kein Geld, betonte ich noch einmal. Ich auch nicht, erwiderte Rammi, aber mit der Hilfe des OTZ Konzerns wird das schon irgendwie gehen. Also erkundigte er sich, wer irgendwelche Beziehungen zu einem Drucker hatte – und nach einem fehlgeschlagenen ersten Versuch im November ’76 und einer heimlich bei Thyssen gedruckten (jedoch von einem Bonzen entdeckten und sogleich konfiszierten) ersten Auflage im Februar ’77 brachte eine andere Geschäftsverbindung im März (im Tausch mit vom Konzern vorgeschossenen 140 DM) endlich einen großen Stapel einseitig bedruckter Blätter ins Haus, die in einer kurzfristig angesetzten Wochenendaktion von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des OTZ Konzern/Kollektivs in Rammis Dachbodenraumzimmer auf zwei Tapeziertischen zu 111 verschiedenen Einzelbuchseitenpäckchen sortiert und anschließend einhundertmal zusammengelegt wurden, wonach Rammi in den folgenden zwei Wochen dann damit beschäftigt war, die gesamte Buchauflage von 100 Exemplaren in Einzelleistung herzustellen, indem er jede der 111 Seiten dicken Blattsammlungen in einen Schraubstock spannte und mittels einer selbstentwickelten Klebetechnik in Buchformate brachte.

Und auch in diesem meinem zweiten Buch hatte Motte die Ehre eines Auftritts:
……….In der Zeit des erwachenden Frühlings, wenn die Lebensgeister sich zusammenschließen um Triumph über den Winter zu halten, mag man sich vorstellen, wie ein angehender Fußballschiedsrichter Tag für Tag seinen Waldlauf abhält, um bei späteren Fouls in die Hacken der den Überholvorgang schon beendet Habenden mit sicherer Lunge einen erst durch richtiges immer zur Stelle sein möglich werdenden Ahndungs-Pfiff ausstoßen zu können.
……….Der Wald ist wieder leer, denn Motte ist vorbei und aus und Ausz ist noch lange nicht dran.
……….[A.S.H. Pelikan, 1975]

……….Anmerkung 1: Motte ist Fußballfan gewesen und hat in den 70er Jahren auch einen Schiedsrichterschein gemacht, für den er sich unter anderem mit täglichen Waldläufen fit hielt.

 

31.7.1970, Bolzplatz Fasanenstraße. Motte (unten links) ist sich der Kamera sehr bewußt und hat auch gleich eine größere Pose eingenommen. (Foto: Ditz Hartung)

 

……….Anmerkung 2: Vierzig Jahre später berichtete ich auf meiner Webseite von einem kürzlich um den „Carl Korte Cup“ ausgetragenen Fußballspiel zwischen Duisburger Journalisten und Duisburger Musikern [Motte ist ja beides gewesen], bei dem auch ein „wegen eines Bandscheibenvorfalls von einem Drehstuhl im Mittelkreis aus operierender Schiedsrichter“ erwähnt wurde, bei dem es sich, wenn auch unausgesprochen, um niemand anderes als Motte handelte, der damals schon ziemlich kränklich und überhaupt nicht mehr gut zu Fuß war.
……….Dieses besondere Fußballspiel hat allerdings nur in meiner Phantasie stattgefunden, doch hätte Motte [der davon wahrscheinlich nichts mitbekommen hat, da er in seinen letzten Jahren ohne Computer und ohne Internet lebte] meinen Beitrag bestimmt gemocht, weil schräge und spinnerte Ideen zu haben ja das Hauptband gewesen ist, das uns in den 70er Jahren verbunden hat.

In meinem zweiten Buch war aber auch noch ein Gedicht abgedruckt, das besondere Erwähnung verdient, weil ich es
……….a) in Mottes Zimmer verfaßt habe, während er selbst es war, der
……….b) den Tee kredenzte und
……….c) zur poetischen Inspiration Klavier gespielt hat.

……….Noch einen Tee?
Noch einen Tee, noch ein Täßchen?
wurd ich gefragt
warum nicht
und noch ein Schüßchen Milch hinein
dann wird der Tee wohl richtig sein
hab ich gesagt.
Und während das Klavier erklingt
der Pelikan die Feder schwingt
um mit grüner Farbe aufzumalen
daß der Tee ihn doch würd laben
obwohl es ja doch schwarzer ist
den der Gaumen schmeckt, die Lippe küßt
den Tassenrand der Tasse, welche noch
vor kurzer Zeit nach Tee arg roch
derweil Inspirationen flossen
der Tee doch ward hinabgegossen.
Noch einen Tee, noch ein Täßchen?
wurd ich gefragt
warum nicht, hab ich gesagt.
……….[A.S.H. Pelikan, 1974]

Der OTZ Verlag hat übrigens keine Autorentantiemen gezahlt, weil es ihm um das Herausbringen von Büchern ging und sämtliche Einnahmen sogleich wieder in das nächste Projekt gesteckt wurden, was im selben Jahr (1977) dann auch noch das Erscheinen der folgenden Produkte möglich gemacht hat: Die Prosa-Anthologie „Duisburg City Poetry All Stars“, das „Songbook“ von A.S.H. Pelikan (mit 25 Liedertexten) und den aus 13 DIN-A3-Blättern bestehenden OTZ-Kunstkalender. Letzterer bot für jeden Monat des neuen Jahres eine Zeichnung von OTZ-nahen Personen und Duisburger Künstlern (wie Willi Kissmer z.B.) und inspirierte Motte zu folgendem hübschen Text:

Montags schreib’ ich ein Gedicht
dienstags mach ich Demo-Bänder
das vergeß ich sicher nicht
denn es steht im OTZ-Kalender

Mittwochs bring ich Geld zur Bank
donnerstags schellt dann der Pfänder
und ich stell’ mich einfach krank
das steht auch im OTZ-Kalender

Freitags kommt ’ne Disco-Schau
irgendwo im Rundfunksender
oh, das merk ich mir genau
schreib’s mir in den OTZ-Kalender

Samstags mach’ ich einen drauf
geb’ mich dann als Lustverschwender
der Termin steht felsenfest
rotmarkiert im OTZ-Kalender

Sonntags schenk ich meine Gunst
gern dem Klange einer Fender
und betrachte Bilderkunst
die steht auch im OTZ-Kalender

O wie Orgie, T wie Trick,
Z wie zwischendurch ’n Ständer
jedes Jahr bringt neues Glück
mit dem großen OTZ-Kalender

Im „Kalender“-Jahr 1978 sind neben einem Comicband von Schnuff auch noch drei weitere OTZ-Bücher erschienen, darunter auch „Heiße Haut“, die erste Liedertextsammlung von Motte [hätte davon noch jemand ein Exemplar für mich?], die ich von all seinen Songbüchern [bis 1992 hat er deren fünf mit insgesamt 151 selbstgedichteten und 8 übersetzten Musikversen veröffentlicht] am liebsten habe, weil es auch Texte aus den frühen 70er Jahren enthält, die ich schon lange kannte, da wir junge Autoren uns häufig gegenseitig unsere neuesten literarischen Ergüsse vorzutragen pflegten. Hier mein Mott’scher Lieblingstext aus jenen Tagen:

……….Kiese in der Grube

Bärenbeißer Zähnefleisch
gewunderte im Honigtau,
Silbermann, der Freudenlose,
schwimmt im Gras der frühen Jahre,
böllert aus der Luft hernieder:
Tannenzapfens Wolkenmüll.

Kiese geistert durch die Wiese,
leise,
bis ein Loch ihn fängt.
Bärenbeißer zögert,
bis der Silbermann ihn drängt,
Kiese doch herauszuknabbern
und das Loch dann zuzubaggern,
mit den breiten Bärenscheren
dürfte das nicht lange währen.

Dieser aber weigert sich
und er spricht: Ich weiger’ mich,
Kiese da herauszuknabbern
und das Loch dann zuzubaggern,
weil der Kiese letztes Jahr
schon einmal da unten war.

Ach, was hab ich da geackert,
hab‘ den Kiese rausgeknabbert,
hätt’ das Loch gern zugebaggert,
doch der Kiese hat gejammert:
Laß mir meine grüne Wiese
mit dem Loch,
das brauch ich noch!

Und so sitzt der gute Bube
Kiese jetzt in seiner Grube,
geistert nicht mehr durch die Auen,
lebt im Loch,
will Gras anbauen
und so lange wachsen hören,
bis das Loch wird nicht mehr stören,
weil das Gras es nun bedeckt,
Kiese neue Streiche heckt,
wieder durch die Wiese geistert,
leise, bis ein Loch ihn fängt.
……….[September 1972]

Als die Aktivitäten des OTZ Verlags auch andere Konzernzweige [wie die OTZ Motorradabteilung (die an Rennen auf dem Nürburg- und Hockenheimring teilnahm) und die OTZ Musikproduktion (die 1977 und ’78 ein jeweils dreitägiges Musikfestival im Eschhaus auf die Beine stellte)] aufblühen ließen, haben schließlich alle zwei Wochen dienstags im Eschhaus [wenn die Pforten für den normalen Besucherverkehr geschlossen waren] auch noch unsere Konzern-Sitzungen stattgefunden, bei denen alle OTZler und Sympathisanten willkommen waren und wo über laufende Aktivitäten und zukünftige Pläne geredet wurde, und auch Motte ist fester Bestandteil dieser das komplette Jahr 1978 hindurch stattfindenden Treffen gewesen.
……….1979 ging die glorreiche OTZ-Zeit dann leider doch schon ihrem Ende entgegen [nur noch zwei Bücher in diesem Jahr und auch kein drittes OTZ Festival mehr], weil viele Mitarbeiter nach bestandenem Abitur zum Studieren in die Welt hinauszogen oder einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen begannen und sich deshalb um anderes zu kümmern hatten. Doch diese drei Jahre sind wirklich bemerkenswert gewesen und haben (neben noch zwei kleinen Lexika und dem schon erwähnten Comic und Kalender) insgesamt acht OTZ-Bücher hervorgebracht: fünf von Motte und Pelikan, einen Gedichtband von Kalle Burandt und zwei Anthologien mit Beiträgen von ausschließlich Duisburger Autoren.

[Zur OTZ Bibliographie]

Den OTZ-Namen haben danach vor allem Rammi und ich noch hochgehalten, indem Rammi in den 80ern seine bis heute existierende Firma Otztronics [Entwicklung, Herstellung und Serviceleistung im professionellen Audiobereich] aufbaute, ich 1982 noch ein weiteres OTZ-Buch auf den Markt brachte [„Herzlichen Glückwunsch“], die OTZ Musikproduktion in Pelikan/Rammi-Zusammenarbeit im neuen Jahrtausend sechs Pelikan-CDs fertigstellte [an der siebten („Im Bann der Subdominante“) wird aktuell gearbeitet] und Rammi sein „One Tone Zone Studio, Kerken“ [die Anfangsbuchstaben ergeben OTZ] aus der Taufe hob.
……….Und Motte hat in den 90ern noch drei Songbücher im sogenannten M-OTZ-Verlag veröffentlicht.

 

I M   M I T T E L P U N K T

Im Frühling 1978 war ich auf die Idee gekommen, als Sandwich-Man der Duisburger Bevölkerung ein frohes Pfingstfest zu wünschen. Da ich den Plan aber nur zu zweit verwirklichen konnte, bat ich Motte, der für schräge Ideen eigentlich immer zu haben war, um Mithilfe, und so sind wir am Pfingstsonntag durch die Innenstadt gelaufen: er an meiner linken Seite mit „Pfingsten“ auf der Brust und „Frohe“ auf dem Rücken, während es bei mir genau andersherum war.

 

Pfingsten mit Motte auf dem Sonnenwall (Foto: Rolf Köppen)

 

Motte ist ziemlich verrückt und exzentrisch gewesen, und er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen oder zumindest aufzufallen – und übersehen worden sind wir beide von den Passanten bei unserem Pfingstspaziergang bestimmt nicht. Aber aufzufallen ist nicht nur für Motte wichtig gewesen, sondern auch für mich; denn ich bin (auch wenn man es nicht vermuten würde) als junger Mann ein ziemlich ängstlicher und eher selbstbewußtloser Zeitgenosse gewesen, der seine Unsicherheiten vor allem hinter seinem Künstler-Image zu verbergen versuchte – und vielleicht sind Mottes Beweggründe ja ähnlich gelagert gewesen und er hat sein Das-Licht-der-Öffentlichkeit-Suchen auch deshalb mit solcher Leidenschaft betrieben, um so seine (ihn sein Leben lang begleitende) Einsamkeit zu übertünchen, die auch in nachfolgendem Text recht deutlich erkennbar wird:

……….Lied an die (T)Räume
Meine Kammer ist leer, doch ich bin nicht allein, neben mir steh’n ein Tisch und zwei Schränke, auf dem Boden liegt ärmlich das Bein eines Stuhles herum und bedrohlich wanken die Wände.
……….Fenster und Türen sperrangelweit offen, frischer Farbgeruch schleicht sich hinein, treibt mich hinaus, ohne daß ich’s will. Natürlich ist im Garten mal wieder was los. Keiner da, und die Tiere steh’n kopf. Auf der Suche nach Leben find ich ’nen Vogel unter’m Bett, da hat ihn die Katze gerupft.
……….Am Abend allein vor dem Mikrophon, auch im leeren Saal leben Stühle, da sitzen Leute mit Ohren herum und ich treibe mit ihnen meine Spiele, doch sie verstehen keinen einzigen Ton. Und wenn sie dann gehen, befreit und zufrieden und der Saal ist leer, doch die Stühle zerschlagen, dann sammle ich einige Beine auf, um sie nach Hause zu tragen.
……….[ca. 1978]

Was Motte zeitlebens gefehlt hat war ein Freund. Ich meine jetzt keinen Sexualpartner, sondern einen wirklich guten besten Freund, dem man tiefe persönliche Gedanken anvertrauen konnte. Ich selbst bin auf diesem Gebiet allerdings auch kein Experte gewesen und habe jahrzehntelang mit einigen „unaussprechlichen“ und schwer lastenden dunklen Geheimnissen zugebracht, die ich immer zu verdrängen versuchte, ohne sie dadurch aber wirklich loswerden zu können. Erst im Alter von über 60 habe ich meinem besten Freund und meiner besten Freundin schließlich davon erzählen können, was ich – auch mit solch zeitlicher Verspätung noch – als große Erleichterung empfunden habe. Aber so weit ist Motte, wie ich denke, nie gekommen.

Motte ist ohne Vater aufgewachsen, während ich zwar einen Vater hatte, diesen aber nie wirklich zu lieben vermochte und auch von seiner Seite her keine richtige Liebe gespürt habe. Von unseren Müttern sind Motte und ich dafür umso mehr verhätschelt worden, was mir allerdings (wie ich als junger Erwachsener noch leidvoll erfahren sollte) überhaupt nicht gut getan hat und was auch für Motte keine optimale Vorbereitung für eine Entwicklung zu einem fest im Leben stehenden glücklichen Menschen gewesen sein dürfte.
……….Kunst ist für uns beide ein vermeintlicher Ausweg aus der unsere Seelen vergiftenden Isolation gewesen, doch hat Motte leider dazu geneigt, seine musikalischen Talente etwas zu überschätzen, was ihn im Laufe der Zeit immer mehr in die Ecke eines unverstandenen Einzelkämpfers manövriert hat. Doch zu Ende der 70er Jahre hat der Traum vom großen Erfolg bei ihm noch absoluten Bestand gehabt.

Neben der in Mottes und meinem Künstlerleben fast gleichlaufenden Entwicklung des Ein-Instrument-Erlernens, Eigene-Lieder-Komponierens und Prosatexte-und-Songbücher-Veröffentlichens ging die Parallele auch bei unserer jeweiligen ersten Musikgruppe mit eigenem Liedmaterial weiter: „Mottes Meute“ (1978/79 und – in neuer Besetzung – 1981) und Pelikans „Al and The Hollywood Rats“ (1981 bis ’83). Wobei Motte deutlich früher schon (1978) auf sein Hauptinstrument (Keyboards) verzichtet hat, um nur noch als singender Frontmann in Erscheinung zu treten, während ich mich erst in meiner 1985 gestarteten Nachfolgeband „Al und die Hollywood Rats“ [mit komplett neuen Mitstreitern und erstmalig auch deutschen Texten] ohne mein Instrument (Gitarre) auf der Bühne zeigte und ebenfalls nur als Sänger agierte, um mich darin [– Motte und ich sind ja beide keine geborenen Vokalisten gewesen und haben vielleicht nur deshalb zu singen begonnen, weil die selbstkomponierten Lieder es verlangten oder nahelegten –] zu üben und zu verbessern.

Motte hat sich für ein Publicity-Foto seiner Band mal die Haare blond gefärbt und die Augenbrauen abrasiert (was wirklich sehr seltsam aussah), und als meine „Duisburg City Rock ’n’ Roll All Stars“-Coverband im Sommer 1978 zwei Wochen lang in der Gegend von Marburg tourte, verteilten wir an die Veranstalter auch das Mottes-Meute-Infoblatt, und angesichts des oben erwähnten Fotos meinte einer: Die Jungs sind bestimmt teuer. Das Foto hatte seine geplante Wirkung also nicht verfehlt.
……….Den größten Auftritt in Duisburg hat Mottes Meute wahrscheinlich bei dem Open-air-Festival im Kantpark am 10. Juni ’78 gehabt (bei dem neben weiteren Bands auch meine „All Stars“ gespielt haben). Und von diesem Motte-Event gibt es sogar einen dreieinhalbminütigen Filmmitschnitt.
……….Titel: Motte im Park. Kamera: Helmut Loeven. Originalformat: Super 8 (seit 2009 auch als DVD mit einigen anderen Loeven-Kurzfilmen zusammen in Helmuts „Buchhandlung Weltbühne“ zu bekommen). Farbe: ja. Ton: nein (denn Super-8-Filme besaßen nun mal keine Tonspur).
……….Und Motte bewegt sich auf der Bühne mit dem Mikrophon in der Hand auch sehr filmtauglich, während seine Bandmitglieder ihn teils erstaunt, teils amüsiert beobachten, denn so überdreht (um auch ein paar professionell wirkende Posen für den von ihm bestellten Fotografen zu kreieren) hatten sie ihn live wahrscheinlich noch nie agieren sehen.
……….Meine liebsten Filmmomente sind aber die, in der die Kamera mal von der Bühne wegschwenkt und fünf Sekunden lang der gerade dort entlangschlendernden Frauke folgt.

Frauke hat damals im Eschhaus hinter der Theke gearbeitet [eine bessere und coolere Thekenkraft hat der Laden nie gesehen!] und ist nur zwei Wochen später meine Geliebte geworden. Und weitere zwei Wochen später bin ich mit den „All Stars“ auf die schon erwähnte kleine Marburg-Tournee gegangen. Und weil die Liebe zu dem Zeitpunkt noch ganz neu und die Sehnsucht nacheinander noch unendlich groß war, ist diese zweiwöchige Trennung nur schwer zu ertragen gewesen, und so habe ich ihr alle zwei Tage oder so einen Brief geschrieben. Das Problem war nur, wohin ich die Post senden sollte, da von unserem Verhältnis niemand wissen durfte, weil Frauke verheiratet war und ihr Mann im Eschhaus – obwohl selten anwesend – auch kein Unbekannter gewesen ist. Und da half mir Motte aus der Klemme, der sich bereit erklärte, für mich den Liebesbriefträger zu spielen, indem ich die Briefe an ihn adressierte und er sie abends im Eschhaus heimlich an Frauke weitergab. Ich habe ihm dabei vollkommen vertraut, und er hat auch nie ein Sterbenswörtchen über diese Liebesbeziehung, die ja absolut verboten war, ausgeplaudert. [Das haben später dann andere getan.]

{Erst im Nachhinein eingegangene Information, die mir Birgit Quentmeier von den „Flowerpornoes“ hat zukommen lassen: „Ich habe 1978/79 im Eschhaus einen Klavierkurs bei Motte gemacht. Ich war damals noch in der Musikschule, aber da wurde nur nach Noten gespielt und das ging mir irgendwann auf den Geist. Motte hat mir beigebracht, Songs mit Akkorden zu begleiten und auch etwas zu improvisieren. Hat also sozusagen bei der Grundsteinlegung meiner ‚Rockmusikerinnenlaufbahn‘ mitgewirkt.“}

 

Pelikan, Motte und Helle Wollenschläger am 3. Mai 1978 in Wuppertal, sich die Zeit bis zu meinem Auftritt vertreibend. (Foto: Rammi)

 

D E R   W O R T M E N S C H

Motte und ich sind außer Tontransporteuren vor allem Sprachreisende gewesen, und ich habe viele seiner frühen Wortschöpfungen sehr gemocht. Seine Pseudonyme Manuela Männlich und Gloria Grantig-Grauh (die angeblich ein Automobil der Marke „OTZ Stöhnwind, Modell Machmir 1“ chauffiert hat) zum Beispiel, oder seine Erfindung des Wortes „pelikanesisch“ (1981), das ich sogleich adoptiert und später noch zu dem Begriff „Pelikanesien“ (für meine Wohnung) erweitert habe. Und auch Texte wie dieser hatten es mir angetan:

……….Hoffnung

Beim Frühstück Samstagmorgen war’s,
ich hatte grad’, noch unrasiert,
ein Ei gepellt, nahm Salz nach Maß,
als ungestüm die Klinge schellt’.

In Eile ließ ich das Frühstück steh’n,
um nach dem frühen Gast zu seh’n.

Sie war eine Dame, trug Jeans und sah aus
und machte sich einen Spaß daraus,
mich durch Fragen zu verwirr’n,
wie dieser: Haben Sie ein Gehirn?

Ich hatte noch eins auf dem Fernseher ruh’n,
in Säure war es konserviert,
seit Jahren hatte es nichts mehr zu tun,
und die Windungen waren mit Staub garniert.

Auf Verlangen habe ich’s angemacht,
und siehe da: es hat gedacht.

Doch die Dame war völlig außer sich,
denn die Weiblichkeit, die duldet es nicht,
für den Notfall Gehirne instand zu halten,
doch weil ich sie liebte, habe ich ihr
mein Gehirn überreicht mit Plaisir,
ohne es wieder auszuschalten.

Denn ich schwärme für Damen mit Esprit,
für ihre Wärme, für ihre Knie.

Diese nette Gehirneinsammlerin
mit Damenbart und Doppelkinn
gewährte mir diskret ’ne Offenbarung –
aber wie’s so oft im Leben geht,
auch wenn man sich sehr gut versteht,
ist sie heut’ für mich nur noch Erfahrung.

Seitdem sitz’ ich täglich in Cafés
bei schwarzem Tee, Gebäck und les’
Kontaktanzeigen in den bunten Blättern –
was wär der ganze Liebesmarkt
von Pubertät bis Herzinfarkt,
wenn man die große Hoffnung
nicht mehr hätte?

Mit dieser Erkenntnis bin ich froh
zum Trödelmarkt gezogen,
am Stand habe ich hoffnungsvoll
die Hoffnung angeboten:
für den Genossen Wandelmann
die Hoffnung auf Veränderung,
und für den Pfarrer nebenan
die Hoffnung auf das Christentum,
für meine gute Oma Frisch
die Hoffnung auf den neuen Plüsch,
und für den Dackel Dagobert
die Hoffnung, daß er sich vermehrt,
und für den Bundeskanzler Schmidt
die Hoffnung auf den Staatsprofit,
und für den Unternehmer Kraus
die Hoffnung auf Franz-Josef Strauß.

Die Hoffnung für den Einzelnen,
Hoffnungen für die Masse,
im Sortiment führ’ ich die große
Hoffnung ohne Klasse.
……….[April 1974]

Motte hat in einer Welt aus mitunter recht skurrilen Gedanken gelebt, und wenn du ihm irgendwas erzähltest, schlug er häufig einen Assoziationsbogen zu etwas ganz anderem, auf das du nie im Leben gekommen wärst. So brachte er auch jede Unterhaltung mit Leichtigkeit auf eine Mott’sche Ebene, was allerdings auch ziemlich ermüdend sein konnte, wenn er ständig die Gesprächsführung zu beherrschen versuchte. Er hat definitiv lieber sich als andere reden gehört.
……….Und weil Schreiben ja irgendwie auch eine Art von Reden ist, wundert es mich nicht, daß Motte sich – weil es mit der Karriere als Musiker nicht so klappen wollte – schließlich dem Journalismus zugewandt hat, dem er von 1979 bis mindestens 1985 (als freier Mitarbeiter der NRZ Duisburg) und von mindestens 2002 bis mindestens 2012 (als freier Mitarbeiter der NRZ/WAZ-Lokalredaktion Rheinhausen) treu geblieben ist.
……….Motte hat meines Wissens nie eine Berufsausbildung „genossen“ [eine weitere Parallele zwischen ihm und mir] {erst im Nachhinein erhaltene Information: Motte soll Verlagskaufmann gelernt haben}, und ich weiß nur sehr wenig über seine „Geldbeschaffungsmaßnahmen“. In den frühen 70ern ist er mal einige Monate Briefzusteller in Düsseldorf gewesen, und in den späten 80ern und/oder frühen 90ern hat er ein paar Jahre in einer Düsseldorfer Werbeagentur gearbeitet. Sonst weiß ich nur von seiner Tätigkeit bei der Tageszeitung, für die er vor allem Artikel über lokale Sport- und Musikereignisse geschrieben hat.
……….Von 1979 bis (mindestens) 1981 betreute er dort auch die Rubrik „Was hört man aus der Szene?“, in der beispielsweise so „wichtige“ Nachrichten wie diese gebracht wurden:
……….„Lizard Music haben sämtliche Konzerte abgesagt, weil ihr Mischpult-Techniker nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus liegt“,
……….„ein Agent einer Plattenfirma soll sich zu Kontaktgesprächen bei Alma Ata angesagt haben“,
……….„Baßist und Keyboarder von Shaa Khan sind gerade noch rechtzeitig für einen Auftritt ihrer Band wieder fit geworden, nachdem sie Beschwerden mit Kiefer und Nieren hatten“
……….und so weiter. Es mußte sich also wirklich nicht um Weltbewegendes handeln um wert zu sein, in diese Kolumne aufgenommen zu werden. Hier noch ein Beispiel aus dem Jahr 1980:
……….A.S.H. Pelikan, Gitarren-Desperado der Duisburger Rockszene, war bisher immer froh, auf der Straße nicht erkannt zu werden. So verwechselte ihn manch unkundiger Rocklaie höchstens mal mit Peter Bursch. Das muß jetzt anders werden. Ein eifriger Pelikan-Fan gründete deshalb den „A.S.H. Pelikan-Fanclub“, der Bücher-, Platten- und Autogrammwünschen nachkommt sowie über Lesungs- und Konzerttermine des Musikers und Schriftstellers informiert. Anschrift: …
……….… und dann folgten Name, Adresse und Telefonnummer meines damaligen Schwagers Wowa, der es durchaus erst damit meinte. [Bis heute hat sich allerdings kein einziger Fan aufgrund dieses Artikels bei ihm gemeldet.]

Motte ist auch noch an zwei weiteren lokalen Zeitungsserien beteiligt gewesen. 1981 in Eigenverantwortung an „DU-Bands der 70er“, und 1985 mit Kalle Burandt zusammen an „Yeah! Yeah! Yeah! – Als der Beat nach Duisburg kam…“.
……….Motte hat seinen Job manchmal aber auch deutlich zu lasch gehandhabt. Einmal rief er mich nach einem Konzert, das ich mir im Eschhaus angesehen hatte, an, um zu fragen, wie es denn gewesen sei, und zwei Tage später konnte ich meine Worte als seine Konzertkritik beim Frühstück lesen.
……….Oder im neuen Jahrtausend: Als Motte für die NRZ/WAZ Rheinhausen arbeitete, fiel es auch in seinen Bereich, zu Beginn eines neuen Semesters auf vom Arbeitsstellenleiter der Volkshochschule ausgewählte Kurse im Duisburger Westen hinzuweisen, wobei er mehrfach so schlampig mit den Kurs- und Telefonnummern umgegangen ist, daß die falsch wiedergegebenen Zahlen uns [ich war damals (und bin es noch heute) Kursleiter in jener Region] eher geschadet als genützt haben.
……….Allerdings hat er auch viele sehr gute Artikel verfaßt, die gekonnt formuliert waren und das Wesentliche präzise auf den Punkt brachten – denn für Worte hat er wirklich ein Händchen gehabt.

 

D A N A C H

Meine kumpelhafte Zeit mit Motte sind die 70er Jahre gewesen. Danach nahm der Kontakt doch deutlich ab.
……….Am 2. April 1981 haben wir beide zum letzten Mal (nachdem ich bei drei früheren Gelegenheiten bei einem seiner Songs mal kurz mitgewirkt hatte) gemeinsam auf einer Bühne gestanden. Motte hatte die Idee, die drei Duisburger Liedermacher Motte, Pelikan und Andreas Kliewer zu einem Konzert zu vereinen, bei dem (neben eigenen Solostücken) auch jeder mal mit jedem zusammenspielen sollte. Verschwiegen hatte er mir allerdings, daß er diese lose und einmalige Musiker-Zusammenkunft der Presse gegenüber doch etwas anders verkauft hatte, nämlich als „Das Aprilsch(m)erzkonzert der Duisburger Wetterschlußverkaufkapelle“, was ein richtig durchdachtes Konzept vorgaukelte, das es aber überhaupt nicht gab. Der Auftritt war dann insgesamt auch eher peinlich.

 

März 1981 in Mottes Zimmer: Andreas Kliewer, Motte, Pelikan. (Fotograf: unbekannt)

 

Ein oder zwei Jahre später hat Motte dasselbe Konzept noch eine Niveaustufe höher getragen und ein Konzertpaket mit den [im Gegensatz zu Kliewer und mir] auch außerhalb Duisburgs bekannteren Musikern Frank Baier und „Frank der Schwartenhals“ zusammen gebildet.
……….[Baier betont aber, daß der Umgang mit Motte eine negative Erfahrung gewesen sei und er sich am Ende völlig von ihm distanziert habe.]

Von weiteren Motte-Konzerten in jenem Jahrzehnt ist mir nichts bekannt, so daß ich vermute, daß er seine musikalischen Aktivitäten irgendwann eingestellt oder nur noch im stillen Kämmerlein betrieben hat.

Die 80er Jahre sind auch die Zeit gewesen, in der er immer mehr von gesundheitlichen Problemen heimgesucht wurde und in der sein Körper (vielleicht auch aufgrund der vielen Pillen, die er sich damals einpfiff) irgendwie aufzuquellen begann.
……….Eines Tages überraschte er mich und meine Gäste, indem er uneingeladen auf meiner Geburtstagsparty erschien, und weil ich ihn aus alter Freundschaft nicht enttäuschen wollte, ließ ich ihn auch ein. Er blieb etwa anderthalb Stunden, trank die ganze Zeit über keinen einzigen Tropfen (während ansonsten fröhlich dem einen oder anderen Bier zugesprochen wurde) und war dennoch doppelt so gut drauf wie alle anderen und redete, redete, redete, redete und brach dann völlig überstürzt von einer Sekunde auf die andere wieder auf. Wir haben uns alle unser Teil dabei gedacht.

Im nächsten Jahrzehnt sollte es dann weiter bergab gehen. 1991 und ’92 hat Motte noch drei Songbücher mit 94 unveröffentlichten Liedertexten im Eigenverlag herausgebracht, von denen eines aber (wieder einmal) ziemlich zweifelhafte Coverkunst präsentierte: Ein Foto von zwei nackten, etwa 10jährigen Knaben, die ihre (im Bild retuschierten) Genitalien aneinanderdrücken, während auf der Rückseite eine Collage von zwei nackten Männerärschen mit einem ins Bild ragenden Kinderpenis zu bewundern ist. – Hat er sich als Werbefachmann eigentlich keine Gedanken über die eher verkaufshemmende Wirkung solch eines Covers gemacht? Oder hat die Auflage sowieso nur realitiv wenig Exemplare betragen? Oder hat er vielleicht schon nicht mehr wirklich gewußt, was er da eigentlich tat?

Etwa um diese Zeit herum muß auch seine Mutter gestorben sein, was für Motte einen gewaltigen Verlust bedeutet hat. Er blieb danach noch zwei oder drei Jahre in dem Haus auf der Gärtnerstraße wohnen (das er zuerst noch zu renovieren begonnen hatte, bis es zu einer Art wohnwüstiger Großbaustelle verkommen war), bevor er schließlich den Rat eines Bekannten annahm und die Bude einfach verkaufte.
……….Anschließend zog er in eine Mietwohnung nach Hochfeld, für die er sich unter anderem einen (wie er mir voller Stolz berichtete) 2000 DM teuren Fotokopierapparat anschaffte, und weil er ja jetzt ein gutbetuchter Mann war, fuhr er bei Bahnreisen fortan nur noch 1. Klasse.

Im November 1995 hatte ich einen recht gut besuchten Auftritt im Steinbruch, bei dem auch Motte anwesend war, der mir hinterher mitteilte, daß er sowas auch könne und die Zeit nun – nach einigen bühnenlosen Jahren – reif sei für sein Comeback. Dieses fand dann im folgenden Jahr (ebenfalls im Steinbruch) vor nur knapp 20 Zuschauern statt und war mit das Deprimierendste, was ich ich je zu hören und zu sehen bekommen habe [er trug neben ausgesucht ärmlicher Kleidung (bis auf die viel zu schicken Schuhe und Socken) auch eine Glatzenperücke]. Doch ließ Motte sich von der mageren Publikumsresonanz nur kurz aus der Fassung bringen und sprach nach diesem „Comeback“ nur noch von seinem kommenden großen Durchbruch – weil er felsenfest davon überzeugt war, richtig gut zu sein und nur alle anderen (mich eingeschlossen) einfach keine Ahnung hätten. Originalton Motte: „Was der Helge kann, kann ich auch.“
……….Ein Jahr später (1997) brachte er dann innerhalb weniger Monate zwei CDs mit insgesamt 29 eigenen Liedern heraus, auf denen er jeden Ton (mehrere Keyboardstimmen, einen Synthiebaß und eine Drumcomputerspur) mit einer Music Workstation [ein mit einem Computer gekoppeltes Keyboard] eingespielt, aufgenommen und abgemischt hatte – lediglich der Gesang war zum Schluß noch in einem professionellen Tonstudio hinzugefügt worden -, doch litt das Ganze im Zusammenklang der einzelnen Instrumente an solch unüberhörbaren Timingschwankungen, daß das Ergebnis für meine Ohren nur als ungenügend bezeichnet werden konnte.

 

Mein letztes Motte-Foto (im August 1988 bei meinem „Showtime in Neumühl“-Bühnenjubiläumskonzert): Andreas Hub, Kalle Burandt und Motte. (Foto: Rolf Köppen)

 

Im neuen Jahrtausend hat Motte seinen Wohnsitz dann noch nach Duisburg-Rheinhausen verlegt und ist länger als 10 Jahre in der dortigen NRZ/WAZ-Redaktion als freier Mitarbeiter tätig gewesen. Er war wieder etwas dünner geworden, sah aber deutlich älter aus als er war, und nachdem er 2008 einen wirklich objektiven Artikel über das Erscheinen meiner ersten CD verfaßt hatte [– in einer weiteren Parallele hatte auch ich das mir nach dem Tod meiner Eltern zugefallene Erbe dazu benutzt, um endlich eine eigene Schallplatte zu fabrizieren –], vermochten wir auch wieder ein wenig miteinander zu reden; jedoch nur, wenn wir das Thema Musik dabei völlig außen vorließen.

In den 2010er Jahren habe ich Motte noch drei- oder viermal gesehen, jeweils in Helmut Loevens „Buchhandlung Weltbühne“. Er hatte auf seine alten Tage wieder mit dem Schreiben von Prosatexten begonnen [eine weitere Parallele zu mir], und zwischen Juni 2011 und Januar 2018 sind noch achtzehn seiner „Geschichten aus dem Leben eines Lokalreporters“ in Loevens Zeitschrift „Der Metzger“ veröffentlicht worden.
……….Motte war inzwischen – vielleicht auch aufgrund eines ca. 2013 erlittenen Oberschenkelhalsbruchs – alles andere als gut zu Fuß, doch habe ich ihn nicht ein einziges Mal darüber klagen hören. Er machte sich im Gegenteil sogar lustig über seinen ihn immer mehr im Stich lassenden Körper, war stets gut gelaunt und nahm offenbar alles sehr gelassen und mit viel Humor.

Das Sehnen ist vorüber,
die Illusion verging,

die Todeszelle ist nun mein Quartier.
Erlöst bin ich vom Fieber,
das den Verstand umfing,
die Würfel sind gefallen,
ich verlier’.
……….[Aus „Abschied“, ca. 1978]

Motte fuhr in diesen letzten Jahren recht häufig von Rheinhausen mit dem Bus zum Kaffeetrinken nach Duisburg, oder mit dem Bus zu Helmuts Buchladen nach Neudorf, oder mit dem Bus zur Stadtbibliothek nach Buchholz, weil die Fußwege von zu Hause zur Bushaltestelle und von den Busausstiegen bis zu seinen Zielen vielleicht weniger weit waren, als wenn er dasselbe „daheim“ erledigt hätte. Und so ist er wenigstens auch noch mal rausgekommen aus seiner Bude und hat seine Einsamkeit etwas durchlüften können – ähnlich wie bei meiner zuletzt über ihn vernommenen Lieblingsgeschichte, in der er sich über einen längeren Zeitraum hinweg jeden zweiten Tag bei einem Frisör in seiner Nachbarschaft hat rasieren lassen. Wahrscheinlich, weil es einfach verrückt war, aber wohl auch, um mehr Kontakt zum „normalen“ Leben zu haben und sich weniger allein zu fühlen.

Die meisten Leute, die mit Motte zu tun gehabt haben, sind von seiner speziellen Art eher abgestoßen als angezogen worden, doch möchte ich selbst ihn trotz seiner unrühmlichen Seiten am liebsten als den so schön schräg schillernden Vogel in Erinnerung behalten, den er in den 70er Jahren so gekonnt verkörpert hat und der (in den Worten eines alten Weggefährten) auch in der nachfolgenden Momentaufnahme in vollem Glanze erstrahlt:
……….„Unvergessen auch sein spontaner Wildschwein-grün-Urschrei auf dem Duisburger Hauptbahnhof, langsam ansteigend bis zu einem alles vernichtenden Freudengeheul, einfach so!“

Duisburg, Mai bis Juni 2018

[Zur Motte Biblio- und Diskographie]


Mein 40,5-Jahre-Gitarrenlehrerjubiläum

Ich bin schon öfter mal gefragt worden, welches Gitarrenanfänger-(Selbstlern-)Lehrbuch ich als Gitarrenlehrer denn empfehlen könne. Meine Antwort lautete immer: keines – weil ich auch bis heute noch keins zu Gesicht bekommen habe, das meinen Vorstellungen entsprochen hätte.

„Weshalb schreibst du dann nicht selber eins?“ kam häufig hinterher, und ich antwortete jedesmal: „Weil kein Gitarrenlehrbuch einen guten (und erst recht keinen sehr guten) menschlichen Lehrer ersetzen könne, da (a) in einem wirklich guten Lehrbuch, in dem alles Wichtige angesprochen würde, SEHR viel erläutert werden müßte [was die meisten Käufer vermutlich nicht aufmerksam genug studieren würden, da sie ja weniger ein Buch lesen als Gitarre spielen (lernen) wollten], (b) die Schüler häufig schon viel zu früh weiterblättern würden [ohne die bis dahin gestellten Aufgaben ausreichend gut zu beherrschen] und (c) kein Buch der Welt imstande wäre, dem Schüler eine Fehlermeldung bei falscher Handhaltung, Greif- oder Schlagart und so weiter zu geben.“

Und damit war der Punkt dann geklärt, bis eines Tages jemand vorschlug: „Dann schreib doch, ob deines großen Erfahrungsschatzes, ein Anfängerbuch für Gitarrenlehrer.“ Diese Idee fand ich tatsächlich ausgezeichnet, doch konnte ich sie damals nicht in die Tat umsetzen, weil ich gerade mit der (mehrere Jahre dauernden) Herausgabe meiner sechsteiligen CD-Werkschau beschäftigt war und meine Zeit danach lieber für künstlerische Arbeiten als für nur ein Sachbuch nutzen wollte.

Zu meinem 40,5-Jahre-Gitarrenlehrer-Jubiläum (am 2. März 2018) möchte ich an dieser Stelle aber wenigsten ein paar elementare Tips [vor allem Griffwechsel und Tonarten betreffend] veröffentlichen, damit zumindest ein Teil meiner in vier Jahrzehnten gesammelten Erfahrungen auf diesem Wege auch noch anderen Gitarrenspielern zugute kommen kann.

 

Und hier geht’s zu Pelikans Tips für Gitarrenlehrer


100 Lieblingsbücher

Januar 2018

Vor drei Jahren hatte ich mal meine 100 Lieblingsfilme vorgestellt und möchte nun als Lesetips auch noch meine 100 Lieblingsbücher aufführen. Pelikanesische Top-100-Bücheraufstellungen hat es [im Gegensatz zu der eigens für diese Webseite erstmalig erstellten Filmliste] auch früher schon gegeben. Die älteste stammt aus dem Jahr 1980, und weil ich in jenen Tagen noch nicht so viele Bücher wie heute gelesen hatte, waren die 100 Plätze damals mit Werken von nur 37 verschiedenen Autoren besetzt, während es heute schon doppelt so viele sind.

Zwanzig Bücher der 1980er Liste stehen auch 2018 in meiner Gunst noch ganz oben:
12 aus Nordamerika von Faulkner, Hemingway, Kerouac, Miller, Salinger, Steinbeck, Twain und Wolfe.
1 aus Lateinamerika von Garcia Marquez.
3 aus Deutschland von Hesse.
4 aus Resteuropa von Lawrence, Saint-Exupery, Simenon und Stevenson.

Autoren, die in beiden Listen vertreten sind, jedoch nicht mit denselben Werken:
Charles Bukowski / Michael Ende / Yasushi Inoue / Astrid Lindgren / Jack London / Vladimir Nabokov.

Autoren der 1980er Liste, die heute nicht mehr dabei sind:
Sherwood Anderson / H.C. Artmann / Max Brod / Harold Brodkey / Karlheinz Burandt / Raymond Chandler / Dashiell Hammett / Patricia Highsmith / Nikos Kazantzakis / Stanislaw Lem / Sinclair Lewis / Jay Martin / Peter Rosei / Antony Scaduto / Enid Starkie.

 

Meine (inzwischen) 101 Lieblingsbücher

Jorge Amado – Gabriela wie Zimt und Nelken (1958)
Jorge Amado – Die Abenteuer des Kapitäns Vasco Moscoso (1961)

Thommie Bayer – Eine Überdosis Liebe (1985)
Jorge Luis Borges/Osvaldo Ferrari – Lesen ist denken mit fremdem Gehirn (1985-87)
T.C. Boyle – Wassermusik (1980)
T.C. Boyle – Drop City (2003)
T.C. Boyle – Dr. Sex (2004)
Richard Brautigan – Die Abtreibung: Eine historische Romanze 1966 (1971)
Charles Bukowski – Der Mann mit der Ledertasche (1971)
Charles Bukowski – Schreie vom Balkon [Briefe] (1995)

Guillermo Cabrera Infante – Drei traurige Tiger (1967)
Truman Capote – Andere Stimmen, andere Räume (1948)
Alex Capus – Reisen im Licht der Sterne (2005)
Orson Scott Card – Das große Spiel/Enders Spiel (1985)
Michael Crichton – Andromeda (1969)

Virginie Despentes – Das Leben des Vernon Subutex, Band 1 (2015)
Philippe Djian – Betty Blue (1985)
Philippe Djian – Verraten und verkauft (1986)
Gerald Durrell – Meine Familie und anderes Getier (1956)

Michael Ende – Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)
Michael Ende – Jim Knopf und die Wilde 13 (1962)
Louise Erdrich – Das Haus des Windes (2012)

William Faulkner – Als ich im Sterben lag (1930)
William Faulkner – Licht im August (1932)
William Faulkner – Das Dorf (1940)
James Frey – Strahlend schöner Morgen (2008)
Cornelia Funke – Tintenherz (2003)
Cornelia Funke – Tintenblut (2005)

Daniel Galera – Flut (2012)
Gabriel Garcia Marquez – Hundert Jahre Einsamkeit (1967)
William Gibson – Virtuelles Licht (1993)
Daniel Glattauer – Gut gegen Nordwind (2006)
John Griesemer – Rausch (2003)
David Guterson – Schnee, der auf Zedern fällt (1994)

Wolf Haas – Verteidigung der Missionarsstellung (2012)
Ernest Hemingway – Fiesta (1926)
Ernest Hemingway – Paris, ein Fest fürs Leben (1964)
Ernest Hemingway – Inseln im Strom (1970)
Werner Herzog – Eroberung des Nutzlosen (2004)
Hermann Hesse – Siddhartha (1922)
Hermann Hesse – Das Glasperlenspiel (1943)
Hermann Hesse – Lektüre für Minuten (1971 + 1975)
Nick Hornby – High Fidelity (1995)
Khaled Hosseini – Drachenläufer (2003)

Yasushi Inoue – Die Höhlen von Dun-Huang (1959)
John Irving – Das Hotel New Hampshire (1981)
John Irving – Owen Meany (1989)
John Irving – Letzte Nacht in Twisted River (2009)

Janosch – Ach, so schön ist Panama [Sämtliche sechs Tiger-und-Bär-Geschichten (1978-1989) in einem Band]

Erich Kästner – Das doppelte Lottchen (1949)
Jack Kerouac – Unterwegs (1957)
Jack Kerouac – Gammler, Zen und hohe Berge (1958)

Reif Larsen – Die Karte meiner Träume (2009)
Björn Larsson – Long John Silver (1995)
D.H. Lawrence – John Thomas & Lady Jane (1954)
Harper Lee – Wer die Nachtigall stört (1960)
Astrid Lindgren – Wir Kinder aus Bullerbü (1946)
Astrid Lindgren – Mehr von uns Kindern aus Bullerbü (1949)
Astrid Lindgren – Immer lustig in Bullerbü (1952)
Jack London – Der Ruf der Wildnis (1903)
Jack London – Wolfsblut (1906)

Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger (2001)
Cormac McCarthy – All die schönen Pferde (1992)
Carson McCullers – Das Herz ist ein einsamer Jäger (1940)
Henry Miller – Wendekreis des Krebses (1934)
A.A. Milne – Pu der Bär (1926)
J.R. Moehringer – Tender Bar (2005)
Walter Moers – Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (1999)
Walter Moers – Die Stadt der träumenden Bücher (2004)
Harry Mulisch – Die Entdeckung des Himmels (1992)
Haruki Murakami – Naokos Lächeln (1987)

Vladimir Nabokov – Ada oder Das Verlangen (1969)
V.S. Naipaul – Ein Haus für Mr. Biswas (1961)

Raquel J. Palacio – Wunder (2012)
Annie Proulx – Das grüne Akkordeon (1996)
Annie Proulx – Aus hartem Holz (2016)

Raymond Queneau – Zazie in der Metro (1959)

Sven Regener – Neue Vahr Süd (2004)
Jacques Roubaud – Die schöne Hortense (1985)
Joao Guimaraes Rosa – Grande Sertao (1956)

Antoine de Saint-Exupery – Der kleine Prinz (1943)
J.D. Salinger – Der Fänger im Roggen (1951)
J.D. Salinger – Franny und Zooey (1961)
Arno Schmidt – Schwarze Spiegel (1951)
Arno Schmidt – Kaff auch Mare Crisium (1960)
Georges Simenon – Die Unbekannten im eigenen Haus (1940)
Georges Simenon – Die Fantome des Hutmachers (1949)
Dan Simmons – Hyperion (1989)
Bruce Springsteen – Born to Run (2016)
John Steinbeck – Die Straße der Ölsardinen (1945)
John Steinbeck – Jenseits von Eden (1952)
Neal Stephenson – Cryptonomicon (1999)
Robert Louis Stevenson – Die Schatzinsel (1883)

Dylan Thomas – Unter dem Milchwald (1954)
Pete Townshend – Who I Am (2012)
Mark Twain – Tom Sawyers Abenteuer (1876)
Mark Twain – Huckleberry Finns Abenteuer (1884)

Kurt Vonnegut – Galapagos (1985)
Kurt Vonnegut – Zeitbeben (1997)

John Williams – Butcher’s Crossing (1960)
Thomas Wolfe – Schau heimwärts, Engel! (1929)

 

P.S.: Und wer noch weitere (und ausführlichere) Anmerkungen zu diesem Thema sucht, könnte mal einen Blick auf meine Bücher-Guide-Seite werfen.


Die nebulöse Vergangenheit des Internets

Einer meiner Gitarrenschüler erzählte mal, wie er mit einem Freund und dessen 9jähriger Tochter zusammengesessen und über alte Zeiten geplaudert habe. Dabei war dann auch der Satz „als wir so alt waren wie du, gab es noch keine Computer“ gefallen.

Das Mädchen zeigte sich überrascht, dachte kurz nach und erwiderte: „Wenn ihr noch keine Computer hattet, wie seid ihr dann ins Internet gekommen?“

Gute Frage!


When I’m 64

Pelikan über Pelikan als …

Musiker:
Ein toller Sänger ist er nicht, hat sich inzwischen (im Alter von 64 Jahren) aber halbwegs damit abgefunden. Der Rest [Gitarrist, Songwriter] ist ganz okay.

Schriftsteller:
Hat nach 45jähriger Übung endlich ein (in seinen Augen) annehmbares Niveau erreicht. Ist immer noch mit ganzem Autorenherzen dabei und plant für dieses Leben mindestens noch eine Buchveröffentlichung [was die erste seit 1984 wäre].

Maler:
Nach wie vor unterste Schublade.

Innenarchitekt:
Hat die von ihm genutzten Wohnräume schon immer als „art in progress“ angesehen und ist seinem Höhlengemütlichkeitseinrichtungsprinzip bis heute treu geblieben.

Videofilmemacher:
Hat viele Ideen, doch hapert es vor allem an technischen Möglichkeiten für eine erfolgreiche Umsetzung.

Fotograf:
Hat ein gutes Auge, nur nicht die Zeit [Lust?], sich noch einmal einem gänzlich neuen Bereich zu widmen.

Koch:
Eine einzige Katastrophe. Selbst ein einfacher Salat mit Essig und Öl hat nur scheußlich geschmeckt.

Dieb:
Ein lupenreiner Amateur. Zuletzt 1985 tätig geworden. Nachdem er die frisch erschienene Erstausgabe der „Zürcher Kassette“ von Arno Schmidt für 80 DM gekauft hatte, erschien einige Monate später die 2. Auflage mit einem zusätzlichen Poster [Was für eine Frechheit den Erstausgabenkäufern gegenüber!], und dieses Poster entwendete er eines Tages in ebender Buchhandlung, in der er auch die Kassette (ohne Poster) erstanden hatte, unter großem Streß, aber ohne wirkliche Gewissensbisse.

Frau:
Keine Ahnung. [Und wer diesen Kategoriepunkt nicht versteht, ist vielleicht nur kein Cineast oder hat bei den Stichworten was übersehen.]

Liebhaber:
Zärtlicher Durchschnitt. (Heißt: völlige Ahnungslosigkeit in bezug auf den weiblichen Orgasmus und seine Erzeugung.)

Großvater:
Keine Chance auf Vera, Chuck and Dave. In den 70er Jahren hoffte er darauf, mal Onkel zu werden, fühlte sich für eigene Kinder jedoch nie reif genug. Vermißt am Nie-Vater-geworden-Sein nur manchmal das Nie-Vorleser-gewesen-Sein.

Hausmann:
Eine absolute Niete.

Gitarrenlehrer:
Der richtige Mann im richtigen Job. Weiß inzwischen sehr viel über die Materie, doch fallen seine Erklärungen im Unterricht deswegen auch schon mal etwas zu weitschweifig aus.

Künstler:
Absolut kein Genie, aber doch etwas Besonderes.

Geschäftsmann:
Der amerikanische Autor Richard Brautigan schrieb in den 60er Jahren mal: „Ich bin dreißig, und in den letzten zehn Jahren lag mein Durchschnittseinkommen bei 1400 Dollar im Jahr. Amerika ist ein sehr reiches Land, und ich komme mir manchmal unamerikanisch vor.“
mmPelikans Durchschnittseinkommen lag mit 30 (als Musiker und Gitarrenlehrer im Eschhaus) sogar noch unter dem Brautigans. Inzwischen kann er von seinen Gitarrenkursen (an der Volkshochschule) aber fast schon leben.

Autofahrer:
Hatte mit 18 mal über einen Führerscheinerwerb nachgedacht, es ob der damals schon zu erwartenden finanziell eher mageren Zukunftsaussichten aber rasch wieder verworfen. Erledigt alles im Umkreis von 15 km mit dem Fahrrad.
mmZu Anfang des neuen Jahrtausends versuchte er sich überraschenderweise dann doch noch an einem (von Mutter finanzierten) Autoführerschein, gab nach 0 Fehlern in der theoretischen Prüfung und 70 unerquicklichen Fahrstunden aber völlig desillusioniert wieder auf. Hat sich aber trotzdem weiterentwickelt und ist 2007 auf ein Fahrrad mit Gangschaltung [3 Gänge] umgestiegen.

Bühnenakteur:
Hat sich – trotz manchmal fast unerträglichen Lampenfiebers – auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eigentlich immer recht wohlgefühlt. Genügt seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen inzwischen aber nicht mehr und will deshalb keine Auftritte als Musiker mehr machen. Schließt Ausnahmen oder Meinungsänderungen allerdings nicht kategorisch aus.

 


Gilla

 

mit Gilla Fischer
[27.12.1956 bis 3.8.2017]
in der guten alten Zeit


Born to be wild

Als ich ein kleiner Junge war, gab es im Duisburger Zoo auch schon Löwen und Tiger. Sie wurden damals in relativ kleinen Käfigen gehalten, und ich weiß noch, daß ich beim Anblick dieser wilden Tiere [man durfte bis auf etwa zwei Meter an die mit dicken Gitterstäben bewehrten Käfige herantreten] sowohl beeindruckt als auch abgestoßen war. Beeindruckt von der Kraft, die man in jeder geschmeidigen Bewegung dieser Geschöpfe erahnen konnte, und abgestoßen von der Zurschaustellung ihrer so trostlos erscheinenden lebenslänglichen Gefangenschaft.

Heutzutage kann man Löwen und Tiger im Duisburger Zoo zwar nicht mehr aus gleicher Nähe betrachten (falls sie sich nicht – wie auf dem Foto – gleich hinter der Glasscheibe aufhalten), doch sind sie dafür in Freigehegen untergebracht, was zugegebenermaßen schon eine deutliche Verbesserung zu ihrer alten Zweiraumbehausung [zum Schlafen gab es noch einen Bereich hinter den Käfigen] darstellt. Ich bin allerdings immer noch sehr zwiegespalten, wenn es um die Frage geht, ob man Raubkatzen überhaupt in Zoos halten soll, wo ihr natürlicher Lebensmittelpunkt, der Jagdinstinkt, ja vollkommen unterdrückt wird. Ein alternatives Leben in freier Wildbahn hätte für Löwen und Tiger allerdings auch nicht nur Vorteile, da die Tiere in ihren Heimatländern Gefahr liefen, von Wilderern getötet oder von Krankheiten dahingerafft zu werden. Wäre eine nicht ganz risikolose Freiheit in den großen Nationalparks also dem Aufenthalt in Zoos vorzuziehen? Werden Tiere in Zoos gehalten, weil sie dort ein besseres Leben als in ihrer jeweiligen Heimat haben sollen? Oder doch nur, damit die Menschen ihren Spaß an ihnen haben?

Löwe im Duisburger Zoo

(Das Foto vom Löwen ist übrigens vom Loeven.)

 

An dieser Stelle möchte ich gern noch zwei Literaturbeispiele aus dem ersten Viertel des letzten Jahrhunderts anführen, als die Verhältnisse in den Tierparks noch sehr viel unmenschlicher [oder müßte es korrekterweise untierischer heißen?] als heute waren, welche mir trotz inzwischen viel modernerer Tierhaltung jedoch immer noch zu denken geben.

Wenn’s nach mir ginge, gäbe es auf der ganzen Welt keinen einzigen gefangenen Löwen oder Tiger. Die gewöhnen sich nie daran. Sie sind nie glücklich, finden sich nie damit ab. Sie denken immer an die riesigen Länder, die sie verlassen haben. Das kann man in ihren Augen lesen – sie träumen immer von der weitläufigen Landschaft, in der sie geboren wurden, von den dichten, dunklen Dschungeln, in denen ihre Mütter ihnen beigebracht haben, wie man Beute wittert und Fährte aufnimmt. Und was kriegen sie zum Ausgleich für all das?“ fragte der Doktor, blieb stehen und wurde ganz rot und zornig. „Was gibt man ihnen zum Ausgleich für die Pracht eines afrikanischen Sonnenaufgangs, für die Dämmerbrise, die in den Palmen flüstert, für die grünen Schatten der verflochtenen und verschlungenen Ranken, für die kühlen sternenreichen Nächte der Wüste, für das Murmeln des Wasserfalls nach einem harten Tag der Jagd? Was, frage ich dich, kriegen sie für all das? Einen nackten Käfig mit Eisenstäben, ein häßliches Stück totes Fleisch, das ihnen einmal am Tag hineingeschoben wird, und eine Menge Narren, die vorbeikommen und sie mit offenem Mund anstarren! Nein, Löwen und Tiger, diese großen Jäger, sollte man nie, niemals in einem Zoo sehen.“

Hugh Lofting, „Doktor Dolittles schwimmende Insel“ (1922)

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1902 oder 1903

 


Neues von Pelikan und Julius

Meine letzte literarische Veröffentlichung in Buchform liegt schon eine ganze Weile zurück und ist eine Erinnerung ans Eschhaus gewesen, die ich für die 1994 erschienene Anthologie „Duisburg auf den zweiten Blick“ geschrieben und – aus gegebenem Anlaß: 30 Jahre Eschhaus zu! – vor einem Monat auf dieser Webseite wiederveröffentlicht habe.

Frage: Hat es (von Beiträgen zum Eschhaus-Heft abgesehen) im vergangenen Jahrhundert eigentlich auch pelikanesische Veröffentlichungen in Zeitschriften gegeben?
Antwort: Ich kann mich an keine erinnern – aber was heißt das schon bei schlechter werdendem Gedächtnis…

Aufs neue Jahrhundert bezogen würde meine Antwort auf diese Frage jedoch anders ausfallen, womit auch mein Umzug vor 10 Jahren nach Duisburg Neudorf etwas zu tun gehabt haben dürfte. Als Neu-Neudorfer und großem Bücherfan hatten mich meine Neu-Wege natürlich auch mal in Helmut Loevens nahegelegene Buchhandlung „Weltbühne“ [Gneisenaustraße 226] geführt, die ich auch heute noch alle paar Monate aufsuche – allerdings weniger, um nach Büchern zu forschen [ich besitze inzwischen genug], sondern mehr, um ein wenig mit dem Chef zu plaudern. [Und bei einem dieser Geplaudere hatte ich eines Jahres auch mal Marvin Chlada kennengelernt – was sich im nächsten Abschnitt noch als bedeutungsvoll erweisen wird.]

Aufgrund meiner neuen Bekanntschaft mit Helmut Loeven [zu Eschhauszeiten bin ich noch zu „klein“ und zu selbstbewußtlos für interessante Gespräche mit ihm gewesen] hat es sich dann auch mal ergeben, daß zwei Pelikan-Texte in „Der Metzger“ [Loevens seit 1968 herausgegebener Alternativzeitschrift] abgedruckt worden sind: einer, der zuvor schon auf meiner Webseite zu lesen war, und einer, der noch nicht auf meiner Webseite zu lesen war. Und weil es sich bei letzterem um eine lupenreine Erstveröffentlichung handelte, möchte ich diesen Beitrag [zu dem mich Marvin Chladas Sohn Julius inspiriert hat] nun endlich auch noch allen Nicht-Metzger-Lesern [von denen es immer noch erschreckend viele zu geben scheint] präsentieren. Nicht-Metzger- und Nicht-Pelikan-Website-Leser [von denen es ebenfalls noch erschreckend viele zu geben scheint] werden allerdings auch weiterhin in die Röhre gucken müssen, bis mein in Arbeit befindliches neues Buchprojekt („Am Morgen nach der Nacht davor“) vielleicht doch eines Jahres mal fertiggestellt sein wird. Hier also ein erster (wenn auch nur ganz kleiner) Vorgeschmack darauf:

 

Julius der Filius
fuhr in einem Omnibus
nach Hause.

Er trug Regenkleidung grün,
Stiefel rot und glänzend schön,
kam dann heim und ging
unter die Brause.

(September 2015)



30 Jahre Eschhaus zu!

1. Mai 2017

Im Winter 1993/94 bekam ich das schmeichelhafte Angebot, an einem Buch zum Thema Duisburg mitzuwirken. Verschiedene Autoren waren gebeten worden, über den Stadtteil zu schreiben, der ihnen zur Heimat geworden war, und man lud mich ein, einen Text über Wanheimerort beizusteuern. Doch obwohl ich diesen Stadtteil, in dem ich seit 40 Jahren lebte, gut kannte und auch wirklich mochte, wollte sich angesichts dieses Themas bei mir einfach kein rechtes mich zum Schreiben drängendes Heimatgefühl einstellen, so daß ich kurz davor stand, meine bereits erfolgte Zusage wieder rückgängig zu machen, als mir noch ein ganz anderer Ort in den Sinn kam, der für mich mehr als alles andere auf der Welt wahrlich Heimat bedeutet hatte. Und so schrieb ich am Ende nicht über Wanheimerort, sondern übers Eschhaus.

Und weil es heute auf den Tag genau 30 Jahre her ist, daß das Eschhaus geschlossen wurde, habe ich meinen Beitrag aus der im Oktober 1994 im Mercator-Verlag erschienenen Anthologie „Duisburg auf den zweiten Blick“ jetzt noch einmal hervorgekramt. Diese Erinnerungen stellen meinen ersten Versuch dar, mal etwas essayartiges zu Papier zu bringen, und auch wenn ich das Ganze heutzutage wohl etwas anders gestalten würde, sind meine Gefühle und Meinungen doch immer noch dieselben wie damals. Ich habe den 23 Jahre alten Text für diese Wiederveröffentlichung aber noch mal überarbeitet und im Satzbau geringfügig verändert, sowie noch um ein paar [kursiv in eckige Klammern gefaßte] zusätzliche Informationen erweitert.

 

Heimatplanet

Mein Universum heißt Erde, meine Galaxis Deutschland, und mein Sonnensystem Duisburg. Es ist ein recht großes System mit vielen verschiedenen Welten, und eine davon wurde [als ich 20 Jahre alt war] für die Dauer eines ganzen Jahrzehnts zu meinem Heimatplaneten. Dieser besondere Planet lag auf der Sternenkarte Rhein/Ruhr in Zentralebene 2 des Planquadrats 85/4, trug die astronomische Benennung 32-34 und war durch den Einflugkorridor Niederstraße bequem zu erreichen. Er hatte eine Größe von etwa 5000 m³, eine Erdanziehungskraft von 1 g, drehte sich in 24 Stunden um 360° und besaß eine äußerst atembare Atmosphäre. Die Landmasse bestand aus einem runden Dutzend Kontinente, welche Café, Sport- und Tagungsraum, Grüner Salon, Blauer Salon, Teestube, Büro, Veranstaltungsraum, Werkraum, Buchladen, Abstellraum 1, Abstellraum 2 und so weiter genannt worden waren. Die Bewohner dieser Welt waren ein humanoides, friedfertiges und recht bunt gemischtes junges Volk, das sich – laut Aussage eines intergalaktischen Völkerkundlers – aus Hippies, Ökos, Alternativen, Anti-Atomlern, Punkern, Schwulen, Lesben, Anarchos, Makrobioten, Afro- und Xenophilen, Hanffreunden, Autonomen, Antifaschisten, Frauenbewegten, Solarbastlern, Folkies, Rockfans, Musikern, Kabarettisten, Tänzern, freien Theaterschaffenden, Teetrinkern, Naturköstlern, Existenzgründern, Cineasten, Zivis, Totalverweigerern, Sozialhilfeempfängern, Internationalisten, Motorradliebhabern, Multimediaartisten und vielen anderen mehr zusammensetzte, die alle relativ normal bis ganz schön seltsam redeten, allerdings nie so hochtrabend wie der Autor von einem „Planeten“ schwafelten, sondern einfach nur „Eschhaus“ dazu sagten. Und dieses Eschhaus war im Grunde genommen nichts anderes als ein Jugendzentrum, jedoch ein vollkommen selbstverwaltetes und damit doch schon etwas ziemlich Besonderes.

Allein das Programmangebot war schon nicht von städtischen Eltern: Man konnte Konzerte besuchen, Theateraufführungen, den Film am Mittwoch oder samstags auch ganze Filmnächte, Malerei- und Fotoausstellungen, Dia- und Videovorführungen, zu Diskussionen gehen, zum Tanzen ins Rockcafé, bei Musiksessions mitmachen, Billard und Tischtennis spielen, Musik hören, was essen und trinken, Zeitungen lesen, im Buchladen stöbern, sonntags zum Frühstücken kommen, kostenlose Beratung bei medizinischen, psychologischen und juristischen Fragen erhalten, an einem der über 50 Kurse des Weiterbildungsprogramms teilnehmen oder einfach nur im Café sitzen um zu gucken und Leute zu treffen.

Als ich im August 1974, wenige Tage nach Inbetriebnahme – die offizielle Eröffnung sollte allerdings erst Ende Oktober stattfinden – zum ersten Mal einen Fuß ins Eschhaus setzte (ein unbedeutender Schritt für die Menschheit, jedoch ein lebensbeeinflussender für mich), steckte die Erschließung desselben noch sichtlich in den Kinderschuhen. Die Getränke- und Küchentheke zum Beispiel war wenig mehr als eine ordentlich zusammengezimmerte Bretterbude (die monumentale Steinversion sollte erst nach dem Anfang 1976 erfolgten Brand im Haus das Licht dieses Planeten erblicken), und wenn man die Treppe vom Café zur ersten Etage hinaufstieg, gelangte man (wo später ein Flur zu drei neuerschaffenen Zimmerkontinenten führen würde) in einen einzigen großen kargen Raum, dem ein einsamer Schreibtisch nebst Aktenschrank nur wenig glaubhafte Büroraumstimmung zu verleihen vermochte. Es war alles noch sehr primitiv und ein bißchen durcheinander, eben nach eigenen Kräften hausgemacht, und genau das gefiel mir ausnehmend gut. Die Atmosphäre war einfach nicht so abgestanden wie in ähnlichen Einrichtungen, und schiefe Blicke wegen mangelnden Konsumverhaltens brauchte man hier auch nicht zu befürchten.

Über die Entstehungsgeschichte und die Hürden, welche die Streiter für ein unabhängiges Jugendzentrum zu überwinden hatten, um den Laden überhaupt erstmal auf die Beine zu stellen und ihn allen Angriffen und vielfältigen Problemen zum Trotz auch noch bis ins dreizehnte Jahr hinein auf denselben zu halten, vermag ich – da mich dieses Thema damals [als ziemlich einfältiger Hippie und sehr unpolitischer Mensch] kaum interessiert hatte – allerdings kaum etwas zu sagen. Ich hatte 1972 oder so zwar mal an einer großen Wir-wollen-ein-eigenes-Jugendzentrum-haben-Hausbesetzung auf der Kolonie- oder Wildstraße teilgenommen, aber wohl weniger aus Überzeugung zur Sache, sondern vielmehr, weil an dem Tag da eben was los war. Politisches Verantwortungsbewußtsein gehörte damals nicht zu meinen Tugenden, und die späteren eschhausinternen Debatten haben mich auch eher gelangweilt als interessiert, doch fühlte ich mich als häufiger Gast des Hauses zumindest dazu verpflichtet, bei jeder öffentlichen Vollversammlung anwesend zu sein. Einerseits, um meine Solidarität zu dieser Gemeinschaft zu bekunden, und andererseits um mitzuhelfen, die „richtigen“ Leute für den siebenköpfigen Beirat (der Quasi-Regierung des Hauses) zu wählen.

[Hier noch meine Lieblingserinnerung an eine dieser Versammlungen: Ein in der damaligen Szene nicht unbekannter Duisburger Künstler, der aber nur äußerst selten im Eschhaus als Besucher zu sehen gewesen war, tauchte überraschend bei einer Vollversammlung auf, um für den Beirat zu kandidieren. In seiner Vorstellungsrede erwähnte er großspurig auch einige seiner Studienreisen, die ihn in den letzten Jahren sogar bis nach Indien geführt hätten und berichtete weiter, daß er demnächst auch einige Monate in Afrika zur künstlerischen Fortbildung verbringen würde. Nachdem er seinen Vortrag schließlich beendet und sich wieder gesetzt hatte, stand jemand anderes auf und stellte ihm folgende Frage: „Wie gedenkst du, die Interessen des Eschhauses in Afrika zu vertreten?“ Wodurch – als das allseitige Gelächter beendet war – die Wahlaussichten des Kandidaten faktisch auf null gesunken waren.]

Neben der Pflichtübung meiner Teilnahme an den Vollversammlungen blieben meine Tätigkeiten im Haus zu Anfang auf reines Besucherverhalten beschränkt (hinkommen, rumhängen, quatschen, abhauen), doch begannen die weitaus größeren Möglichkeiten, sich am eschhäuslichen Leben zu beteiligen, mich mit der Zeit dann auch allmählich zu erreichen und etwas einzuspannen. Das monatlich erscheinende Eschhausheft zum Beispiel brachte mich dazu, hin und wieder auch einen kleinen Artikel dafür zu verfassen, und die Bühnen in Café und Veranstaltungsraum luden zur Vorstellung von musikalischen Werken ja geradezu ein. Die Gründung einer regelmäßig im Grünen (oder Blauen?) Salon tagenden Musikerinitiative brachte mir schließlich die Bekanntschaft einer Menge neuer Leute (von denen der eine oder andere in späteren gemeinsamen Bands eine wichtige Rolle spielen sollte), und als literarisches Gegenstück zur „Kooperative Montan Musik“ fing dann auch noch das OTZ Konzern/Kollektiv im Hause an zu keimen, zu sprießen und erste Blüten in Form von kleinen Büchlein (auch ein paar von Pelikan) zu treiben, die im Eschhausbuchladen sogar käuflich zu erwerben waren. Als die Aktivitäten des Konzerns ob zusätzlicher Abteilungen sowie einer deutlich gewachsenen Mitarbeiterzahl immer unübersichtlicher zu werden begannen, durften wir sogar den Dienstag (an dem offiziell geschlossen war) nutzen, um in Ruhe im Eschhaus-Café unsere bis zu 20 Personen starken Arbeitssitzungen abzuhalten, so daß auch größere Projekte wie das – natürlich im Eschhaus selbst über die Bühne gehende – erste nichtstädtische Drei-Tage-Musik-und-Kunstfestival von Duisburg geplant, koordiniert und verwirklicht werden konnten. Daß ich irgendwann anfing, auch kleinere Aushilfstätigkeiten beim Küchen- und Thekendienst zu übernehmen, war für mich dann auch schon fast selbstverständlich, und als der Typ, der den neuen Gitarrenkurs leiten sollte, im Sommer 1977 kurzfristig absagte, war ich halt in die Bresche gesprungen und so nicht nur zu meinem ersten regelmäßigen kleinen Einkommen gekommen [- ich hatte bis dahin weder eine Lehre gemacht noch einen Job gehabt und konnte mir vom elterlichen Taschengeld lediglich ein einziges Glas Apfelsaft pro Eschhausbesuch leisten –], sondern hatte damit auch die Arbeit meines Lebens gefunden (neben meinen künstlerischen Bemühungen, die aber kaum zum Geldverdienen taugten). Und wenn es dem Eschhaus selbst finanziell mal wieder so schlecht ging, daß seine gesamte Existenz auf dem Spiel stand, wurden eben ein paar Benefizveranstaltungen durchgeführt, und es war überhaupt keine Frage, daß die sich dem Haus verbunden fühlenden Musikgruppen und Solisten sich ihrer Möglichkeiten entsprechend daran beteiligten, denn dem Eschhaus zu helfen und es dadurch zu erhalten bedeutete ja auch, den für eigene Aktivitäten wertvollen Lebensraum zu bewahren, was für alle Mitwirkenden natürlich eine sinnvolle und lohnenswerte Aufgabe war.

Das Eschhaus gibt es inzwischen nicht mehr. Es wurde am 1. Mai 1987 geschlossen und vor Ablauf einer einzigen Woche auch schon in Schutt und Asche gelegt. Meine eigene Zeit als Besucher war dort zwar schon drei Jahre vorher zu Ende gegangen [weil ich mich wegen der vielen Punks und ihrer provozierenden Respektlosigkeit einfach nicht mehr wohl gefühlt hatte], aber ich war dennoch ziemlich traurig, als ich von dieser so rasch erfolgenden radikalen Eliminination hörte, denn das Eschhaus ist nun mal der absolut wichtigste Ort für die Entwicklung meiner Persönlichkeit gewesen. Ich habe dort viele Leute getroffen, die mein Tun und Denken nachhaltig beeinflußt haben, habe auf meinem Weg als Künstler dort Übungs-, Auftritts- und Publikationsmöglichkeiten gefunden, habe die Arbeit als Gitarrenlehrer, mit der ich auch heute noch [– ich bin, nach zuvor 6½jähriger Tätigkeit im Eschhaus, seit 1984 Leiter diverser Gitarrenkurse an der Volkshochschule Duisburg –] meinen Lebensunterhalt bestreite, dort beginnen und also erlernen können, und habe auch die wichtigste [inzwischen nur noch zweitwichtigste] Frau meines Lebens dort kennengelernt. Ich habe 10 Jahre lang einen Großteil meiner Zeit im Eschhaus verbracht, habe dort gearbeitet, gefeiert, geträumt, mich unterhalten, andere unterhalten, mich unterhalten lassen, und einmal [nachdem schon Feierabend war] sogar Liebe dort gemacht, habe mich – kurz gesagt – einfach mehr als irgendwo sonst auf der Welt im Eschhaus wirklich zu Hause gefühlt; und was kann man sich von einem Heimatplaneten schon noch mehr wünschen … außer, daß er nicht zerstört werde, natürlich.

(Leider nötiger) Nachtrag:
Ein zentraler Nicht-Kneipen-Jugend-Szene-Treff-Veranstaltungsort fehlt in Duisburg seitdem völlig [Stand: 1994], und die Stadt tut nicht gerade viel, um dem Abhilfe zu schaffen. Zwar wurden sogar einmal [in welchem Jahr, weiß ich aber nicht mehr] 800.000 DM für solch ein Projekt in Aussicht gestellt, doch auch der extra für diesen Zweck (damit es nicht bei der schönen Geste und ansonsten nur leeren Worten bleiben sollte) gegründete „Verein für unabhängige Jugend- und Kulturarbeit in Duisburg“ war letztendlich immer noch auf den guten Mithilfswillen der Stadt angewiesen, und diese bot halt nur ein Haus an der Wörthstraße an, das man einfach ablehnen mußte. Zum einen war seine Lage nicht gerade zentral zu nennen, zum anderen fehlte dort ein größerer konzerttauglicher Veranstaltungsraum, und zum letzten bis allerletzten wollte die Stadt ihre Mitarbeiter im künftigen Beirat auch noch zu 50 und später sogar zu 100 Prozent vertreten wissen, und da bliebe die Unabhängigkeit dann ja doch wohl irgendwie auf der Strecke. Der harte Kern des Vereins machte aber dennoch weiter (zumal die Gelder ja immer noch vorhanden waren), fand ein geeignetes leerstehendes Gebäude im Innenstadtbereich, entwickelte in mehrwöchiger Zusammenarbeit mit anderen Kulturinitiativen ein festes, klares Konzept, reichte es ein – und das war’s dann: Die Stadt reagierte überhaupt nicht darauf. Bei einer späteren Nachfrage bekam man lediglich zur Antwort, daß der Konzeptvorschlag in die allgemeinen Diskussionen mit einfließen würde, woraufhin der Verein den Glauben daran verlor, in dieser Stadt noch etwas bewegen zu können und seine Existenz zutiefst enttäuscht einstellte.

Ich selbst werde das bestimmte Gefühl nicht los, daß die Stadt Duisburg an einem neuen unabhängigen Jugendzentrum mit einem neuen Haufen eigenwilliger junger Menschen gar nicht interessiert ist, vor allem, wenn mir bei meinen Recherchen von verschiedenen Seiten her zu Ohren kommt, daß im Kulturamt die Meinung vertreten sei (oder zumindest mit ihr argumentiert würde), daß es ja gar keine richtige Duisburger Szene gäbe [für die eine Heimstatt zu schaffen sich lohnen würde], denn sonst wäre ja schon längst irgendwo ein Ort daraus entstanden – was natürlich nur gequirlte Scheiße ist, wenn einem in Wahrheit ständig Felsbrocken in den Weg geräumt werden, um ebendiesen Bemühungen keinen Erfolg zu ermöglichen. Außerdem würde eine Szene sich durch ein eigenes Zenrum erst richtig herauskristallisieren und wachsen können, denn in irgendeiner Kneipe hätte sich das, was – vor allem in den 70er Jahren – im Eschhaus entstanden ist, garantiert nicht auf gleiche Weise so großartig entwickeln können.

Daß es durchaus aber auch anders gehen kann, zeigt schon ein kleiner Seitenblick auf unser nicht einmal halb so großes Nachbarsystem Oberhausen, in dem gleich zwei unabhängige und von der Stadt etwas mitunterstützte Jugendkultursterne ihre Bahn ziehen, doch scheint so etwas in „Duisburg am Rhein, [die Stadt] im Herzen Europas“ (wie ihr neuer Poststempel voller Stolz verkündet) einfach nicht machbar zu sein, so daß dieses recht einfältige Stempelmotto in Bezug auf den Jugendkulturbereich wohl doch treffender „Duisburg, am Arsch des Ruhrgebiets“ lauten sollte (was vielleicht sogar noch harmlos ausgedrückt wäre angesichts des Gedankens, daß Duisburg in ganz Europa womöglich die einzige Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern ist, die kein – ob unabhängig oder nicht – multikulturelles Zentrum besitzt), oder ganz geradlinig, schlicht und einfach nur: „Duisburg? Vergiß es!“

 

[Winter 1993/94]

 


Noch ein 40,5-Jahre-Jubiläum (und ein bisher unveröffentlichter Song)

11. April 2017

Im November 2012 hatte ich vorgehabt, mein 40-Jahre-Bühnenjubiläum mit einem Konzert zu feiern, das vor allem durch Gastmusiker zu etwas Besonderem werden sollte. Leider hatte ich mich bei der Generalprobe [um meine Gesangskollegen zu beeindrucken oder so] aber viel zu sehr ins Zeug gelegt und dabei [bin (auch technisch) halt nie ein Profi gewesen] dermaßen überanstrengt, daß eine Stimmbandüberdehnung die Folge war und der Auftritt deshalb abgesagt werden mußte, da ich am entscheidenden Tag weder normal sprechen noch singen konnte. Das Konzert wurde ein halbes Jahr später zwar nachgeholt, doch entsprach es nun nicht mehr dem 40-Jahre-danach-Termin, so daß die neuen Plakate dann von meinem „40,5-Jahre-Bühnenjubiläum“ kündeten.

Und im Nachhinein fand ich diese 40,5 viel interessanter als die langweilig glatte 40, was mich dann auf die Idee brachte, in Zukunft auch noch weitere 40,5-Jahre-Jubiläen begehen zu wollen. Und heute ist das erste davon dran.

Vor auf den Tag genau 40,5 Jahren hat in Rammis Zimmer bei dessen Eltern in Duisburg Marxloh meine erste große Aufnahmesession mit eigenen Liedern stattgefunden. Mikrophone und Bandmaschine hatten wir vom Eschhaus entliehen, und so machten wir uns an die Arbeit und nahmen am 11. und 12. Oktober 1976 insgesamt sechzehn Lieder auf. Weil Bandmaterial damals aber [zumindest für uns beide, die wir – mit 22 und 21 Jahren – noch über kein regelmäßiges Einkommen verfügten] recht teuer war, hatten wir nur ein einziges Tonband zur Verfügung, so daß wir sparsam mit dessen Platz umgehen mußten und uns keine „Alternate Takes“ leisten konnten. Nach jeder Aufnahme wurde sogleich entschieden, ob diese Version gut genug war oder im nächsten Versuch überspielt (und damit unwiederbringlich gelöscht) werden würde.

Von den sechzehn „Live in Rammi’s Room“-Liedern haben es acht schließlich auf meine 2009 erschienene Doppel-CD „The Wizard of OTZ“ geschafft, und ein bis dato unveröffentlichter Song dieser Session wird zur Feier des heutigen Tages nun exklusiv auch noch auf dieser Webseite zu hören sein.

Real Good Mama“ habe ich im Mai 1974 geschrieben, und zwar als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter – weil mir nichts Besseres eingefallen war und ich für andere Geschenke sowieso keine Knete hatte. Der Text ist allerdings ziemlich banal [1. Strophe: „Mutter find‘ ich gut.“ / 2. Strophe: „Morgen wird sie 52.“ / 3. Strophe: „Im nächsten Jahr dann 53.“], was vermutlich auch den Ausschlag dafür gegeben hat, dieses Stück nicht auf die Wizard-CD zu packen. Aber so kann ich euch heute wenigstens noch eine bislang unveröffentlichte Pelikan-Aufnahme präsentieren:

 

real-good-mama.mp3

 

P.S.: Die „Live in Rammi’s Room“-Session ist allerdings nicht die früheste Aufnahme-Sammlung von Pelikan-Songs gewesen. In den frühen 70er Jahren bin ich mit dem Duisburger Gitarristen Pete Eckardt befreundet gewesen, der ein Tonbandgerät besaß und mich, jedesmal wenn ich ihn besuchte, dazu anhielt, kurz meine neuesten Lieder anzustimmen, um sie bei der Gelegenheit auch mitzuschneiden. Im Booklet meiner Wizard-of-OTZ-CD habe ich erzählt, daß Petes Mutter dieses Tonband später mal weggeschmissen habe, was ich aber wohl falsch in Erinnerung hatte, da er mich kürzlich darüber in Kenntnis setzte, daß er das Band irgendwann nur mal verliehen und der neue Besitzer es dann verschlampt habe. Also: Petes Mama war unschuldig! Was uns diese (historisch gesehen hochinteressanten) frühen Pelikan-Aufnahmen allerdings auch nicht zurückzubringen vermag. Aber egal, denn ich bin damals ohnehin noch nicht auf der Höhe meiner späteren Liederschreibkunst gewesen [die bei Real Good Mama übrigens auch noch auf sich hat warten lassen].

P.P.S.: Und übermorgen fahre ich zum Rammi. Und was haben wir da vor? Na klar: Aufnahmen machen. Und zwar für die Bonus-CD meines neuen Songbook-Projekts.


LG

In den letzten Jahren hat sich die wahrscheinlich zuerst für SMS-Nachrichten benutzte Abkürzung LG auch auf den Bereich der E-Mails ausgeweitet, so daß selbst ich mich [ich habe kein Handy] irgendwann mal fragen mußte, was das denn wohl bedeuten solle. Ich bin schließlich auf „Liebe Grüße“ gekommen, und das vermute ich auch heute noch.

Allerdings war ich gar nicht so froh darüber, wenn eine E-Mail an mich mit LG endete, da mich das vor allem irritierte. Für mich als ehemaligem Perry Rhodan-Leser steht LG nämlich seit einem halben Jahrhundert schon für etwas ganz anderes: Lichtgeschwindigkeit. Und diese Erklärung ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich mich bis heute nicht an die e-mailische Bedeutungsalternative gewöhnen konnte.

Im Dezember 2015 habe ich meinem Freund Kalle Burandt dann diesbezüglich mal mein Leid geklagt, woraufhin er seine nächste Mail an mich prompt mit „Lichtgeschwindigkeit“ abschloß. Und das brachte mich auf die Idee, in unserem E-Mailwechsel vielleicht auch andere Ursprungsbedeutungen für die Abkürzung LG finden zu dürfen, und so begannen wir am 1. Januar 2016 mit ganz neuartigen Liebe-Grüße-aber-anders-Formeln.

Hier meine Lieblingsbegriffe aus den letzten 14 Monaten:

Lady Gaga
Ludwig Götz
Loriots Gesellenstück
Lachende Großtanten
Lästige Grillen
Lahmarschige Grashüpfer
Lesende Glasgower
Lindgrens Geschwister
Lennons Geheimnis
Leichtfüßige Grazien
Lichtlose Gänge
Loses Gerümpel
Linksdrehende Gewinde
Lauwarmes Gemüse
Leichtes Gefälle
Läutende Glocken
Langfristige Geldanlagen
Lebenslange Garantie
Lateinisches Grundvokabular
Ledergebundene Gesamtausgaben
Lasches Gekicke
Libudas Gewaltschuß
Löws Gelassenheit
Lärmende Gegengerade
Lukrative Gegner
Liverpool gewinnt
Leichtsinnige Ganoven
Linke Geraden
Liechtensteiner Geheimdienst
Lesbische Gemeindeschwestern
Launenhafte Go-go-Girls
Leckerer Grünkohl
Legendäre Gartenpartys
Lemurisches Geschnatter
Linkische Gigolos
Letzte Gelegenheit
Lapislazuli gefunden
Leberwurst gekauft
Luftdruck gefallen
Leuchtfeuer gesichtet

In diesem Sinne: Leistung gebracht


Pelikan, Müll, Pink Floyd und John Cleese

1993 kaufte ich mir eine Box mit sieben Pink Floyd-CDs, die im Vorjahr zur Feier des 25jährigen Bandbestehens herausgebracht worden war. Enthalten war außerdem noch ein Buch mit Songtexten, Platteninfos und einer Zeittafel. Und diese exakt 25 Jahre umspannende Zeittafel listete natürlich Pink Floyd-Ereignisse auf … sowie noch sonstiges aus der großen Welt des Pop und der Politik. Das fand ich aber schon sehr überheblich [Israel gewinnt 6-Tage-Krieg / Erster Pink Floyd-Auftritt im Powis Square / Rassenkrawalle in Detroit usw.] und glaubte (überheblicherweise), mit mehr Humor und mehr Selbstironie etwas Besseres hinbekommen zu können.

Im darauffolgenden Jahr entwickelte ich die Idee zu einem autobiographischen Buchprojekt („Portät des Künstlers als komischer Vogel“) und beschloß, es mit einer Pink Floyd-ähnlichen Zeittafel beginnen zu lassen, und dann setzte ich mich hin und erstellte meine eigene „Pelikan und der Rest der Welt“-Chronik.

Das Buch wurde gegen Ende der 90er Jahre (nach mehrjähriger Arbeit daran) zwar wieder aufgegeben, doch hat die Zeittafel überdauert und ist 2010 zum ersten Menüpunkt der pelikanesischen „Listen“ auf meiner damals gerade frisch eröffneten Webseite geworden. Und neben normalen Aktualisierungen (wenn in meinem Leben halt wieder mal was „Erwähnenswertes“ passiert ist) habe ich manchmal auch noch andere Sachen nachzutragen, wie folgende gestern zufällig in mein Blickfeld geratenen Ereignisse zum Beispiel:

2005 – John Cleese bezeichnet Palmerston North als Selbstmord-Hauptstadt Neuseelands.

2007 – Palmerston North benennt eine Müll-Deponie nach John Cleese.

Und was ich sonst noch alles für mitteilenswert erachtet habe, läßt sich hier begutachten.