A.S.H. Pelikan

(* 1953 in Zinse, Kreis Wittgenstein) ist ein deutscher Musiker, Songwriter, Gitarrenlehrer und Schriftsteller. Pelikan gilt als einer der erfolglosesten Duisburger Autoren und Liedermacher der letzten 40 Jahre. Weltweit hat er 984 Bücher und 652 CDs verkauft.
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Diese Webseite wurde als Idee im Jahr 2000 geboren (nachdem ich meinen ersten Computer mit Internetzugang bekommen hatte) und sollte ursprünglich nur das Beste meiner literarischen Bemühungen von 1971 bis zur Gegenwart präsentieren. Also ließ ich mir den Domain-Namen dafür sichern … und dann geschah lange Zeit nichts mehr.

Bis ich 2009 und 2010 in meinem zweiten und dritten CD-Booklet den Satz stehen hatte, daß die Songtexte unter www.ashpelikan.de einzusehen wären. Da die Seite damals aber immer noch nicht existierte, dachte ich, das nun baldmöglichst mal ändern zu sollen und fragte meinen Bookletdesigner Mani Wollner, wer denn eigentlich seine Seite eingerichtet habe. Antwort: er selber – und 48 Stunden später war die erste pelikanesische Homepageversion mit vorerst nur 20 Songtexten dann bereits online. Und seitdem hat sich diese Webseite einfach weiterentwickelt zu etwas, das mit dem ursprünglichen 2000er-Plan überhaupt nichts mehr zu tun hat. So kann’s gehen…

Hinweis: Alle Fotos sind durch Anklicken vergrößerbar.
Mit Ausnahme eines einzigen, das leider etwas zu unscharf ist.


When I’m 64

Pelikan über Pelikan als …

Musiker:
Ein toller Sänger ist er nicht, hat sich inzwischen (im Alter von 64 Jahren) aber halbwegs damit abgefunden. Der Rest [Gitarrist, Songwriter] ist ganz okay.

Schriftsteller:
Hat nach 45jähriger Übung endlich ein (in seinen Augen) annehmbares Niveau erreicht. Ist immer noch mit ganzem Autorenherzen dabei und plant für dieses Leben mindestens noch eine Buchveröffentlichung [die erste seit 1984].

Maler:
Nach wie vor unterste Schublade.

Innenarchitekt:
Hat die von ihm genutzten Wohnräume schon immer als art in progress angesehen und ist seinem Höhlengemütlichkeitseinrichtungsprinzip bis heute treu geblieben.

Videofilmemacher:
Hat viele Ideen, doch hapert es vor allem an technischen Kenntnissen für eine erfolgreiche Umsetzung.

Fotograf:
Hat ein gutes Auge, nur nicht die Zeit [Lust?], sich noch einmal einem gänzlich neuen Bereich zu widmen.

Koch:
Eine einzige Katastrophe. Selbst ein einfacher Salat mit Essig und Öl hat nur scheußlich geschmeckt.

Dieb:
Ein lupenreiner Amateur. Zuletzt 1985 tätig geworden, nachdem er die frisch erschienene Erstausgabe der „Zürcher Kassette“ von Arno Schmidt für 80 DM gekauft hatte. Einige Monate später erschien die 2. Auflage dann mit einem zusätzlichen Poster [Was für eine Frechheit den Erstausgabenkäufern gegenüber!], und dieses Poster entwendete er eines Tages in ebender Buchhandlung, in der er auch die Kassette (ohne Poster) erstanden hatte, unter großem Streß, aber ohne wirkliche Gewissensbisse.

Frau:
Keine Ahnung. [Und wer diesen Kategoriepunkt nicht versteht, ist vielleicht nur kein Cineast].

Liebhaber:
Ziemlich aus der Übung, vermißt es aber nur selten.

Großvater:
Keine Chance auf Vera, Chuck and Dave. In den 70er Jahren hoffte er darauf, mal Onkel zu werden, fühlte sich für eigene Kinder jedoch nie reif genug. Vermißt am Nie-Vater-geworden-Sein nur manchmal das Nie-Vorleser-gewesen-Sein.

Hausmann:
Eine absolute Niete.

Gitarrenlehrer:
Der richtige Mann im richtigen Job. Weiß inzwischen sehr viel über die Materie, doch fallen seine Erklärungen im Unterricht deswegen auch häufig etwas zu weitschweifig aus.

Künstler:
Absolut kein Genie, aber doch etwas Besonderes.

Geschäftsmann:
Der amerikanische Autor Richard Brautigan schrieb in den 60er Jahren mal: „Ich bin dreißig, und in den letzten zehn Jahren lag mein Durchschnittseinkommen bei 1400 Dollar im Jahr. Amerika ist ein sehr reiches Land, und ich komme mir manchmal unamerikanisch vor.“
mmPelikans Durchschnittseinkommen lag mit 30 [als Musiker und Gitarrenlehrer im Eschhaus] sogar noch unter dem Brautigans. Inzwischen kann er von seinen Gitarrenkursen (an der Volkshochschule) aber [wenn alle zustandekommen] fast schon leben.

Autofahrer:
Hatte mit 18 mal über einen Führerscheinerwerb nachgedacht, es ob der damals schon zu erwartenden finanziell eher mageren Zukunftsaussichten aber rasch wieder verworfen. Erledigt alles im Umkreis von 15 km mit dem Fahrrad.
mmZu Anfang des neuen Jahrtausends versuchte er sich überraschenderweise dann doch noch an einem (von Mutter finanzierten) Autoführerschein, gab nach 0 Fehlern in der theoretischen Prüfung und 70 unerquicklichen Fahrstunden aber völlig desillusioniert wieder auf. Hat sich aber trotzdem weiterentwickelt und ist seit 2007 mit einem Fahrrad mit Gangschaltung [3 Gänge] unterwegs.

Bühnenakteur:
Hat sich – trotz manchmal fast unerträglichen Lampenfiebers – auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eigentlich immer recht wohlgefühlt. Genügt seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen inzwischen aber nicht mehr und will deshalb keine Auftritte als Musiker mehr machen. Schließt Ausnahmen oder Meinungsänderungen allerdings nicht kategorisch aus.

 


Gilla

 

mit Gilla Fischer
[1956 – 2017]
in der guten alten Zeit


Born to be wild

Als ich ein kleiner Junge war, gab es im Duisburger Zoo auch schon Löwen und Tiger. Sie wurden damals in relativ kleinen Käfigen gehalten, und ich weiß noch, daß ich beim Anblick dieser wilden Tiere [man durfte bis auf etwa zwei Meter an die mit dicken Gitterstäben bewehrten Käfige herantreten] sowohl beeindruckt als auch abgestoßen war. Beeindruckt von der Kraft, die man in jeder geschmeidigen Bewegung dieser Geschöpfe erahnen konnte, und abgestoßen von der Zurschaustellung ihrer so trostlos erscheinenden lebenslänglichen Gefangenschaft.

Heutzutage kann man Löwen und Tiger im Duisburger Zoo zwar nicht mehr aus gleicher Nähe betrachten (falls sie sich nicht – wie auf dem Foto – gleich hinter der Glasscheibe aufhalten), doch sind sie dafür in Freigehegen untergebracht, was zugegebenermaßen schon eine deutliche Verbesserung zu ihrer alten Zweiraumbehausung [zum Schlafen gab es noch einen Bereich hinter den Käfigen] darstellt. Ich bin allerdings immer noch sehr zwiegespalten, wenn es um die Frage geht, ob man Raubkatzen überhaupt in Zoos halten soll, wo ihr natürlicher Lebensmittelpunkt, der Jagdinstinkt, ja vollkommen unterdrückt wird. Ein alternatives Leben in freier Wildbahn hätte für Löwen und Tiger allerdings auch nicht nur Vorteile, da die Tiere in ihren Heimatländern Gefahr liefen, von Wilderern getötet oder von Krankheiten dahingerafft zu werden. Wäre eine nicht ganz risikolose Freiheit in den großen Nationalparks also dem Aufenthalt in Zoos vorzuziehen? Werden Tiere in Zoos gehalten, weil sie dort ein besseres Leben als in ihrer jeweiligen Heimat haben sollen? Oder doch nur, damit die Menschen ihren Spaß an ihnen haben?

Löwe im Duisburger Zoo

(Das Foto vom Löwen ist übrigens vom Loeven.)

 

An dieser Stelle möchte ich gern noch zwei Literaturbeispiele aus dem ersten Viertel des letzten Jahrhunderts anführen, als die Verhältnisse in den Tierparks noch sehr viel unmenschlicher [oder müßte es korrekterweise untierischer heißen?] als heute waren, welche mir trotz inzwischen viel modernerer Tierhaltung jedoch immer noch zu denken geben.

Wenn’s nach mir ginge, gäbe es auf der ganzen Welt keinen einzigen gefangenen Löwen oder Tiger. Die gewöhnen sich nie daran. Sie sind nie glücklich, finden sich nie damit ab. Sie denken immer an die riesigen Länder, die sie verlassen haben. Das kann man in ihren Augen lesen – sie träumen immer von der weitläufigen Landschaft, in der sie geboren wurden, von den dichten, dunklen Dschungeln, in denen ihre Mütter ihnen beigebracht haben, wie man Beute wittert und Fährte aufnimmt. Und was kriegen sie zum Ausgleich für all das?“ fragte der Doktor, blieb stehen und wurde ganz rot und zornig. „Was gibt man ihnen zum Ausgleich für die Pracht eines afrikanischen Sonnenaufgangs, für die Dämmerbrise, die in den Palmen flüstert, für die grünen Schatten der verflochtenen und verschlungenen Ranken, für die kühlen sternenreichen Nächte der Wüste, für das Murmeln des Wasserfalls nach einem harten Tag der Jagd? Was, frage ich dich, kriegen sie für all das? Einen nackten Käfig mit Eisenstäben, ein häßliches Stück totes Fleisch, das ihnen einmal am Tag hineingeschoben wird, und eine Menge Narren, die vorbeikommen und sie mit offenem Mund anstarren! Nein, Löwen und Tiger, diese großen Jäger, sollte man nie, niemals in einem Zoo sehen.“

Hugh Lofting, „Doktor Dolittles schwimmende Insel“ (1922)

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1902 oder 1903

 


Neues von Pelikan und Julius

Meine letzte literarische Veröffentlichung in Buchform liegt schon eine ganze Weile zurück und ist eine Erinnerung ans Eschhaus gewesen, die ich für die 1994 erschienene Anthologie „Duisburg auf den zweiten Blick“ geschrieben und – aus gegebenem Anlaß: 30 Jahre Eschhaus zu! – vor einem Monat auf dieser Webseite wiederveröffentlicht habe.

Frage: Hat es (von Beiträgen zum Eschhaus-Heft abgesehen) im letzten Jahrhundert eigentlich auch pelikanesische Veröffentlichungen in Zeitschriften gegeben?
Antwort: Ich kann mich an keine erinnern – aber was heißt das schon bei schlechter werdendem Gedächtnis…

Aufs neue Jahrhundert bezogen würde meine Antwort auf diese Frage jedoch anders ausfallen, womit auch mein Umzug vor 10 Jahren nach Duisburg Neudorf etwas zu tun gehabt haben dürfte. Als Neu-Neudorfer und großem Bücherfan hatten mich meine Neu-Wege natürlich auch mal in Helmut Loevens nahegelegene Buchhandlung „Weltbühne“ [Gneisenaustraße 226] geführt, die ich auch heute noch alle paar Monate aufsuche – allerdings weniger, um nach Büchern zu forschen [ich besitze inzwischen genug], sondern mehr, um ein wenig mit dem Chef zu plaudern. [Und bei einem dieser Geplaudere hatte ich eines Jahres auch mal Marvin Chlada kennengelernt – was sich im nächsten Abschnitt noch als bedeutungsvoll erweisen wird.]

Aufgrund meiner neuen Bekanntschaft mit Helmut Loeven [zu Eschhauszeiten bin ich noch zu „klein“ und zu selbstbewußtlos für interessante Gespräche mit ihm gewesen] hat es sich dann auch ergeben, daß mal zwei Pelikan-Texte in „Der Metzger“ [Loevens seit 1968 herausgegebener Alternativzeitschrift] abgedruckt worden sind: einer, der zuvor schon auf meiner Webseite zu lesen war, und einer, der noch nicht auf meiner Webseite zu lesen war. Und weil es sich bei letzterem um eine lupenreine Erstveröffentlichung gehandelt hat, möchte ich diesen Beitrag [zu dem mich Marvin Chladas Sohn Julius inspiriert hat] nun endlich auch noch allen Nicht-Metzger-Lesern [von denen es immer noch erschreckend viele zu geben scheint] präsentieren. Nicht-Metzger- und Nicht-Pelikan-Website-Leser [von denen es ebenfalls noch erschreckend viele zu geben scheint] werden allerdings auch weiterhin in die Röhre gucken müssen, bis mein in Arbeit befindliches neues Buchprojekt („Am Morgen nach der Nacht davor“) vielleicht doch eines Jahres mal fertiggestellt sein wird. Hier also ein erster (wenn auch nur ganz kleiner) Vorgeschmack darauf:

 

Julius der Filius
fuhr in einem Omnibus
nach Hause.

Er trug Regenkleidung grün,
Stiefel rot und glänzend schön,
kam dann heim und ging
unter die Brause.

(September 2015)



30 Jahre Eschhaus zu!

1. Mai 2017

Im Winter 1993/94 bekam ich das Angebot, an einer Anthologie zum Thema Duisburg mitzuwirken. Verschiedene Autoren waren gebeten worden, über den Stadtteil zu schreiben, der ihnen zur Heimat geworden war, und man lud mich ein, einen Text über Wanheimerort beizusteuern. Doch obwohl ich diesen Stadtteil, in dem ich seit 40 Jahren lebte, gut kannte und auch wirklich mochte, wollte sich angesichts dieses Themas bei mir einfach kein rechtes mich zum Schreiben drängendes Heimatgefühl einstellen, so daß ich kurz davor stand, meine Mitarbeit an dem Buchprojekt wieder abzusagen, als mir noch ein ganz anderer Ort in den Sinn kam, der für mich mehr als alles andere wirklich Heimat bedeutet hatte. Und so schrieb ich am Ende nicht über Wanheimerort, sondern übers Eschhaus.

Und weil es heute auf den Tag genau 30 Jahre her ist, daß das Eschhaus geschlossen wurde, habe ich meinen Beitrag aus dem im Oktober 1994 im Mercator-Verlag erschienenen „Duisburg auf den zweiten Blick“ jetzt noch einmal hervorgekramt. Diese Erinnerungen stellen meinen allerersten Versuch dar, mal etwas essayartiges zu Papier zu bringen, und auch wenn ich das Ganze heutzutage etwas anders strukturieren würde, sind meine Gefühle und Meinungen im großen und ganzen noch dieselben wie damals. Ich habe diesen 23 Jahre alten Text hie und da allerdings ein wenig überarbeitet und auch noch um ein paar [kursiv in eckige Klammern gefaßte] zusätzliche Informationen erweitert.

 

Heimatplanet

Mein Universum heißt Erde, meine Galaxis Deutschland, und mein Sonnensystem Duisburg. Es ist ein recht großes System mit vielen verschiedenen Welten, und eine davon wurde [als ich 20 Jahre alt war] für die Dauer eines ganzen Jahrzehnts zu meinem Heimatplaneten. Dieser besondere Planet lag auf der Sternenkarte Rhein/Ruhr in Zentralebene 2 des Planquadrats 85/4, trug die astronomische Benennung 32-34 und war durch den Einflugkorridor Niederstraße bequem zu erreichen. Er hatte eine Größe von etwa 5000 m³, eine Erdanziehungskraft von 1 g, drehte sich in 24 Stunden um 360° und besaß eine äußerst atembare Atmosphäre. Die Landmasse bestand aus einem runden Dutzend Kontinente, welche Café, Sport- und Tagungsraum, Grüner Salon, Blauer Salon, Teestube, Büro, Veranstaltungsraum, Werkraum, Buchladen, Abstellraum 1, Abstellraum 2 und so weiter genannt worden waren. Die Bewohner dieser Welt waren ein humanoides, friedfertiges und recht bunt gemischtes junges Volk, das sich – laut Aussage eines intergalaktischen Völkerkundlers – aus Hippies, Ökos, Alternativen, Anti-Atomlern, Punkern, Schwulen, Lesben, Anarchos, Makrobioten, Afro- und Xenophilen, Hanffreunden, Autonomen, Antifaschisten, Frauenbewegten, Solarbastlern, Folkies, Rockfans, Musikern, Kabarettisten, Tänzern, freien Theaterschaffenden, Teetrinkern, Naturköstlern, Existenzgründern, Cineasten, Zivis, Totalverweigerern, Sozialhilfeempfängern, Internationalisten, Motorradliebhabern, Multimediaartisten und vielen anderen mehr zusammensetzte, die alle relativ normal bis ganz schön seltsam redeten, allerdings nie so hochtrabend wie der Autor von einem „Planeten“ schwafelten, sondern einfach nur „Eschhaus“ dazu sagten. Und dieses Eschhaus war im Grunde genommen nichts anderes als ein Jugendzentrum, jedoch ein vollkommen selbstverwaltetes und damit doch schon etwas ziemlich Besonderes.

Allein das Programmangebot war schon nicht von städtischen Eltern: Man konnte Konzerte besuchen, Theateraufführungen, den Film am Mittwoch oder samstags auch ganze Filmnächte, Malerei- und Fotoausstellungen, Dia- und Videovorführungen, zu Diskussionen gehen, zum Tanzen ins Rockcafé, bei Musiksessions mitmachen, Billard und Tischtennis spielen, Musik hören, was essen und trinken, Zeitungen lesen, im Buchladen stöbern, sonntags zum Frühstücken kommen, kostenlose Beratung bei medizinischen, psychologischen und juristischen Fragen erhalten, an einem der über 50 Kurse des Weiterbildungsprogramms teilnehmen oder einfach nur im Café sitzen um zu gucken und Leute zu treffen.

Als ich im August 1974, wenige Tage nach Inbetriebnahme – die offizielle Eröffnung sollte allerdings erst Ende Oktober stattfinden – zum ersten Mal einen Fuß ins Eschhaus setzte (ein unbedeutender Schritt für die Menschheit, jedoch ein lebensbeeinflussender für mich), steckte die Erschließung desselben noch sichtlich in den Kinderschuhen. Die Getränke- und Küchentheke zum Beispiel war wenig mehr als eine ordentlich zusammengezimmerte Bretterbude (die monumentale Steinversion sollte erst nach dem Anfang 1976 erfolgten Brand im Haus das Licht dieses Planeten erblicken), und wenn man die Treppe vom Café zur ersten Etage hinaufstieg, gelangte man (wo später ein Flur zu drei neuerschaffenen Zimmerkontinenten führen würde) in einen einzigen großen kargen Raum, dem ein einsamer Schreibtisch nebst Aktenschrank nur wenig glaubhafte Büroraumstimmung zu verleihen vermochte. Es war alles noch sehr primitiv und ein bißchen durcheinander, eben nach eigenen Kräften hausgemacht, und genau das gefiel mir ausnehmend gut. Die Atmosphäre war einfach nicht so abgestanden wie in ähnlichen Einrichtungen, und schiefe Blicke wegen mangelnden Konsumverhaltens brauchte man hier auch nicht zu befürchten.

Über die Entstehungsgeschichte und die Hürden, welche die Streiter für ein unabhängiges Jugendzentrum zu überwinden hatten, um den Laden überhaupt erstmal auf die Beine zu stellen und ihn allen Angriffen und vielfältigen Problemen zum Trotz auch noch bis ins dreizehnte Jahr hinein auf denselben zu halten, vermag ich – da mich dieses Thema damals [als ziemlich einfältiger Hippie und sehr unpolitischer Mensch] kaum interessiert hatte – allerdings kaum etwas zu sagen. Ich hatte 1972 oder so zwar mal an einer großen Wir-wollen-ein-eigenes-Jugendzentrum-haben-Hausbesetzung auf der Kolonie- oder Wildstraße teilgenommen, aber wohl weniger aus Überzeugung zur Sache, sondern vielmehr, weil an dem Tag da eben was los war. Politisches Verantwortungsbewußtsein gehörte damals nicht zu meinen Tugenden, und die späteren eschhausinternen Debatten haben mich auch eher gelangweilt als interessiert, doch fühlte ich mich als häufiger Gast des Hauses zumindest dazu verpflichtet, bei jeder öffentlichen Vollversammlung anwesend zu sein. Einerseits, um meine Solidarität zu dieser Gemeinschaft zu bekunden, und andererseits um mitzuhelfen, die „richtigen“ Leute für den siebenköpfigen Beirat (der Quasi-Regierung des Hauses) zu wählen.

[Hier noch meine Lieblingserinnerung an eine dieser Versammlungen: Ein in der damaligen Szene nicht unbekannter Duisburger Künstler, der aber nur äußerst selten im Eschhaus als Besucher zu sehen gewesen war, tauchte überraschend bei einer Vollversammlung auf, um für den Beirat zu kandidieren. In seiner Vorstellungsrede erwähnte er großspurig auch einige seiner ihn sogar bis nach Indien führenden Studienreisen und berichtete, daß er – zu künstlerischer Weiterbildung – demnächst auch einige Monate in Afrika verbringen würde. Nachdem der Künstler seinen Bewerbungsvortrag beendet und sich wieder gesetzt hatte, stand eine andere Person auf und stellte dem Kandidaten folgende Frage: „Wie gedenkst du, die Interessen des Eschhauses in Afrika zu vertreten?“ Womit sich die Wahlaussichten des Kandidaten faktisch zerschlagen hatten.]

Neben der Pflichtübung meiner Teilnahme an den Vollversammlungen blieben meine Tätigkeiten im Haus zu Anfang auf reines Besucherverhalten beschränkt (hinkommen, rumhängen, quatschen, abhauen), doch begannen die weitaus größeren Möglichkeiten, sich am eschhäuslichen Leben zu beteiligen, mich mit der Zeit dann auch allmählich zu erreichen und etwas einzuspannen. Das monatlich erscheinende Eschhausheft zum Beispiel brachte mich dazu, hin und wieder auch einen kleinen Artikel dafür zu verfassen, und die Bühnen in Café und Veranstaltungsraum luden zur Vorstellung von musikalischen Werken ja geradezu ein. Die Gründung einer regelmäßig im Grünen (oder Blauen?) Salon tagenden Musikerinitiative brachte mir schließlich die Bekanntschaft einer Menge neuer Leute (von denen der eine oder andere in späteren gemeinsamen Bands eine wichtige Rolle spielen sollte), und als literarisches Gegenstück zur „Kooperative Montan Musik“ fing dann auch noch das OTZ Konzern/Kollektiv im Hause an zu keimen, zu sprießen und erste Blüten in Form von kleinen Büchlein (auch ein paar von Pelikan) zu treiben, die im Eschhausbuchladen sogar käuflich zu erwerben waren. Als die Aktivitäten des Konzerns ob zusätzlicher Abteilungen sowie einer deutlich gewachsenen Mitarbeiterzahl immer unübersichtlicher zu werden begannen, durften wir sogar den Dienstag (an dem offiziell geschlossen war) nutzen, um in Ruhe im Eschhaus-Café unsere bis zu 20 Personen starken Arbeitssitzungen abzuhalten, so daß auch größere Projekte wie das – natürlich im Eschhaus selbst über die Bühne gehende – erste nichtstädtische Drei-Tage-Musik-und-Kunstfestival von Duisburg geplant, koordiniert und verwirklicht werden konnten. Daß ich irgendwann anfing, auch kleinere Aushilfstätigkeiten beim Küchen- und Thekendienst zu übernehmen, war für mich dann auch schon fast selbstverständlich, und als der Typ, der den neuen Gitarrenkurs leiten sollte, im Sommer 1977 kurzfristig absagte, war ich halt in die Bresche gesprungen und so nicht nur zu meinem ersten regelmäßigen kleinen Einkommen gekommen [- ich hatte bis dahin weder eine Lehre gemacht noch einen Job gehabt und konnte mir vom elterlichen Taschengeld lediglich ein einziges Glas Apfelsaft pro Eschhausbesuch leisten –], sondern hatte damit auch die Arbeit meines Lebens gefunden (neben meinen künstlerischen Bemühungen, die aber kaum zum Geldverdienen taugten). Und wenn es dem Eschhaus selbst finanziell mal wieder so schlecht ging, daß seine gesamte Existenz auf dem Spiel stand, wurden eben ein paar Benefizveranstaltungen durchgeführt, und es war überhaupt keine Frage, daß die sich dem Haus verbunden fühlenden Musikgruppen und Solisten sich ihrer Möglichkeiten entsprechend daran beteiligten, denn dem Eschhaus zu helfen und es dadurch zu erhalten bedeutete ja auch, den für eigene Aktivitäten wertvollen Lebensraum zu bewahren, was für alle Mitwirkenden natürlich eine sinnvolle und lohnenswerte Aufgabe war.

Das Eschhaus gibt es inzwischen nicht mehr. Es wurde am 1. Mai 1987 geschlossen und vor Ablauf einer einzigen Woche auch schon in Schutt und Asche gelegt. Meine eigene Zeit als Besucher war dort zwar schon drei Jahre vorher zu Ende gegangen [weil ich mich wegen der vielen Punks und ihrer provozierenden Respektlosigkeit einfach nicht mehr wohl gefühlt hatte], aber ich war dennoch ziemlich traurig, als ich von dieser so rasch erfolgenden radikalen Eliminination hörte, denn das Eschhaus ist nun mal der absolut wichtigste Ort für die Entwicklung meiner Persönlichkeit gewesen. Ich habe dort viele Leute getroffen, die mein Tun und Denken nachhaltig beeinflußt haben, habe auf meinem Weg als Künstler dort Übungs-, Auftritts- und Publikationsmöglichkeiten gefunden, habe die Arbeit als Gitarrenlehrer, mit der ich auch heute noch [– ich bin, nach zuvor 6½-jähriger Tätigkeit im Eschhaus, seit 1984 Leiter diverser Gitarrenkurse an der Volkshochschule Duisburg –] meinen Lebensunterhalt bestreite, dort beginnen und also erlernen können, und habe auch die wichtigste [inzwischen nur noch zweitwichtigste] Frau meines Lebens dort kennengelernt. Ich habe 10 Jahre lang einen Großteil meiner Zeit im Eschhaus verbracht, habe dort gearbeitet, gefeiert, geträumt, mich unterhalten, andere unterhalten, mich unterhalten lassen, und einmal [nachdem schon Feierabend war] sogar Liebe dort gemacht, habe mich – kurz gesagt – einfach mehr als irgendwo sonst auf der Welt im Eschhaus wirklich zu Hause gefühlt; und was kann man sich von einem Heimatplaneten schon noch mehr wünschen … außer, daß er nicht zerstört werde, natürlich.

(Leider nötiger) Nachtrag:
Ein zentraler Nicht-Kneipen-Jugend-Szene-Treff-Veranstaltungsort fehlt in Duisburg seitdem völlig [Stand: 1994], und die Stadt tut nicht gerade viel, um dem Abhilfe zu schaffen. Zwar wurden sogar einmal [in welchem Jahr, weiß ich aber nicht mehr] 800.000 DM für solch ein Projekt in Aussicht gestellt, doch auch der extra für diesen Zweck (damit es nicht bei der schönen Geste und ansonsten nur leeren Worten bleiben sollte) gegründete „Verein für unabhängige Jugend- und Kulturarbeit in Duisburg“ war letztendlich immer noch auf den guten Mithilfswillen der Stadt angewiesen, und diese bot halt nur ein Haus an der Wörthstraße an, das man einfach ablehnen mußte. Zum einen war seine Lage nicht gerade zentral zu nennen, zum anderen fehlte dort ein größerer konzerttauglicher Veranstaltungsraum, und zum letzten bis allerletzten wollte die Stadt ihre Mitarbeiter im künftigen Beirat auch noch zu 50 und später sogar zu 100 Prozent vertreten wissen, und da bliebe die Unabhängigkeit dann ja doch wohl irgendwie auf der Strecke. Der harte Kern des Vereins machte aber dennoch weiter (zumal die Gelder ja immer noch vorhanden waren), fand ein geeignetes leerstehendes Gebäude im Innenstadtbereich, entwickelte in mehrwöchiger Zusammenarbeit mit anderen Kulturinitiativen ein festes, klares Konzept, reichte es ein – und das war’s dann: Die Stadt reagierte überhaupt nicht darauf. Bei einer späteren Nachfrage bekam man lediglich zur Antwort, daß der Konzeptvorschlag in die allgemeinen Diskussionen mit einfließen würde, woraufhin der Verein den Glauben daran verlor, in dieser Stadt noch etwas bewegen zu können und seine Existenz zutiefst enttäuscht einstellte.

Ich selbst werde das bestimmte Gefühl nicht los, daß die Stadt Duisburg an einem neuen unabhängigen Jugendzentrum mit einem neuen Haufen eigenwilliger junger Menschen gar nicht interessiert ist, vor allem, wenn mir bei meinen Recherchen von verschiedenen Seiten her zu Ohren kommt, daß im Kulturamt die Meinung vertreten sei (oder zumindest mit ihr argumentiert würde), daß es ja gar keine richtige Duisburger Szene gäbe [für die eine Heimstatt zu schaffen sich lohnen würde], denn sonst wäre ja schon längst irgendwo ein Ort daraus entstanden – was natürlich nur gequirlte Scheiße ist, wenn einem in Wahrheit ständig Felsbrocken in den Weg geräumt werden, um ebendiesen Bemühungen keinen Erfolg zu ermöglichen. Außerdem würde eine Szene sich durch ein eigenes Zenrum erst richtig herauskristallisieren und wachsen können, denn in irgendeiner Kneipe hätte sich das, was – vor allem in den 70er Jahren – im Eschhaus entstanden ist, garantiert nicht auf gleiche Weise so großartig entwickeln können.

Daß es durchaus aber auch anders gehen kann, zeigt schon ein kleiner Seitenblick auf unser nicht einmal halb so großes Nachbarsystem Oberhausen, in dem gleich zwei unabhängige und von der Stadt etwas mitunterstützte Jugendkultursterne ihre Bahn ziehen, doch scheint so etwas in „Duisburg am Rhein, [die Stadt] im Herzen Europas“ (wie ihr neuer Poststempel voller Stolz verkündet) einfach nicht machbar zu sein, so daß dieses recht einfältige Stempelmotto in Bezug auf den Jugendkulturbereich wohl doch treffender „Duisburg, am Arsch des Ruhrgebiets“ lauten sollte (was vielleicht sogar noch harmlos ausgedrückt wäre angesichts des Gedankens, daß Duisburg in ganz Europa womöglich die einzige Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern ist, die kein – ob unabhängig oder nicht – multikulturelles Zentrum besitzt), oder ganz geradlinig, schlicht und einfach nur: „Duisburg? Vergiß es!“

 

[Winter 1993/94]

 


Noch ein 40,5-Jahre-Jubiläum (und ein bisher unveröffentlichter Song)

11. April 2017

Im November 2012 hatte ich vorgehabt, mein 40-Jahre-Bühnenjubiläum mit einem Konzert zu feiern, das vor allem durch Gastmusiker zu etwas Besonderem werden sollte. Leider hatte ich mich bei der Generalprobe [um meine Gesangskollegen zu beeindrucken oder so] aber ziemlich ins Zeug gelegt und [bin halt nie ein Profi gewesen] dermaßen überanstrengt, daß eine Stimmbandüberdehnung die Folge war und der Auftritt deshalb abgesagt werden mußte, da ich am entscheidenden Tag weder singen noch richtig sprechen konnte. Das Konzert wurde ein halbes Jahr später zwar nachgeholt, doch entsprach es nun nicht mehr dem 40-Jahre-danach-Termin, so daß die neuen Plakate deshalb mein „40,5-Jahre-Bühnenjubiläum“ ankündigten.

Und im Nachhinein fand ich die 40,5 auch viel interessanter als diese langweilige glatte 40, was mich dann auf die Idee brachte, in Zukunft auch noch weitere 40,5-Jahre-Jubiläen begehen zu können. Und heute ist das erste davon dran.

Vor auf den Tag genau 40,5 Jahren hat in Rammis Zimmer bei dessen Eltern in Duisburg Marxloh meine erste große Aufnahmesession mit eigenen Liedern stattgefunden. Mikrophone und Bandmaschine hatten wir vom Eschhaus entliehen, und so machten wir uns an die Arbeit und nahmen am 11. und 12. Oktober 1976 insgesamt sechzehn Lieder auf. Weil Bandmaterial damals aber [zumindest für uns beide, die wir – mit 22 und 21 Jahren – noch über kein regelmäßiges Einkommen verfügten] recht teuer war, hatten wir nur ein einziges Tonband zur Verfügung, so daß wir sparsam mit dessen Platz umgehen mußten und uns keine „Alternate Takes“ leisten konnten. Nach jeder Aufnahme wurde sogleich entschieden, ob diese Version gut genug war oder im nächsten Versuch überspielt (und unwiederbringlich gelöscht) werden würde.

Von den sechzehn „Live in Rammi’s Room“-Songs haben es acht schließlich auf meine 2009 erschienene Doppel-CD „The Wizard of OTZ“ geschafft, und ein bis dato unveröffentlichter wird zur Feier des Tages nun auch hier zu hören sein.

Real Good Mama“ habe ich im Mai 1974 geschrieben, und zwar als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter – weil mir nichts Besseres eingefallen war und ich für andere Geschenke sowieso keine Knete hatte. Der Text ist allerdings ziemlich banal [1. Strophe: „Mutter find‘ ich gut.“ / 2. Strophe: „Morgen wird sie 52.“ / 3. Strophe: „Im nächsten Jahr dann 53.“], was vermutlich auch den Ausschlag dafür gegeben hat, dieses Stück nicht auf die Wizard-CD zu packen. Aber so kann ich euch heute wenigstens noch eine bislang unveröffentlichte Pelikan-Aufnahme präsentieren:

 

real-good-mama.mp3

 

P.S.: Die „Live in Rammi’s Room“-Session ist allerdings nicht die früheste Sammlung von Pelikan-Songs gewesen. In den frühen 70er Jahren bin ich mit dem Duisburger Gitarristen Pete Eckardt befreundet gewesen, der ein Tonbandgerät besaß und mich, jedesmal wenn ich ihn besuchte, dazu ermunterte, auch kurz mal meine neuesten Lieder vorzuspielen, um sie bei der Gelegenheit gleich mitzuschneiden. Im Booklet meiner Wizard-of-OTZ-CD wurde dann mitgeteilt, daß Petes Mutter dieses Tonband später mal weggeschmissen habe – was ich aber wohl falsch in Erinnerung hatte, da er mich kürzlich darüber in Kenntnis setzte, daß das Band irgendwann mal verliehen wurde und der neue Besitzer es dann verschlampt habe. Also: Petes Mama war unschuldig! Was uns diese (zumindest historisch gesehen) hochinteressanten frühen Pelikan-Aufnahmen allerdings auch nicht zurückzubringen vermag. Aber egal, weil ich damals ohnehin noch nicht auf der Höhe meiner späteren Liederschreibkunst [die bei Real Good Mama übrigens auch noch auf sich warten hat lassen] gewesen bin.

P.P.S.: Und übermorgen fahre ich zum Rammi. Und was haben wir da vor? Na klar: Aufnahmen machen. Und zwar für die Bonus-CD meines neuen Songbook-Projekts.


LG

In den letzten Jahren hat sich die wahrscheinlich zuerst für SMS-Nachrichten benutzte Abkürzung LG auch auf den Bereich der E-Mails ausgeweitet, so daß selbst ich mich [ich habe kein Handy] irgendwann mal fragen mußte, was das denn wohl bedeuten solle. Ich bin schließlich auf „Liebe Grüße“ gekommen, und das vermute ich auch heute noch.

Allerdings war ich gar nicht so froh darüber, wenn eine E-Mail an mich mit LG endete, da mich das vor allem irritierte. Für mich als ehemaligem Perry-Rhodan-Leser steht LG nämlich seit einem halben Jahrhundert schon für etwas ganz anderes: Lichtgeschwindigkeit. Und diese Erklärung ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich mich bis heute nicht an die e-mailische Bedeutungsalternative gewöhnen konnte.

Im Dezember 2015 habe ich meinem Freund Kalle Burandt dann diesbezüglich mal mein Leid geklagt, woraufhin er seine nächste Mail an mich prompt mit „Lichtgeschwindigkeit“ abschloß. Und das brachte mich auf die Idee, in unserem E-Mailwechsel vielleicht auch andere Ursprungsbedeutungen für die Abkürzung LG finden zu dürfen, und so begannen wir am 1. Januar 2016 mit ganz neuartigen Liebe-Grüße-aber-anders-Formeln.

Hier meine Lieblingsbegriffe aus den letzten 14 Monaten:

Lady Gaga
Ludwig Götz
Loriots Gesellenstück
Lachende Großtanten
Lästige Grillen
Lahmarschige Grashüpfer
Lesende Glasgower
Lindgrens Geschwister
Lennons Geheimnis
Leichtfüßige Grazien
Lichtlose Gänge
Loses Gerümpel
Linksdrehende Gewinde
Lauwarmes Gemüse
Leichtes Gefälle
Läutende Glocken
Langfristige Geldanlagen
Lebenslange Garantie
Lateinisches Grundvokabular
Ledergebundene Gesamtausgaben
Lasches Gekicke
Libudas Gewaltschuß
Löws Gelassenheit
Lärmende Gegengerade
Lukrative Gegner
Liverpool gewinnt
Leichtsinnige Ganoven
Linke Geraden
Liechtensteiner Geheimdienst
Lesbische Gemeindeschwestern
Launenhafte Go-go-Girls
Leichtgewichtige Gasriesen
Leckerer Grünkohl
Legendäre Gartenpartys
Lemurisches Geschnatter
Linkische Gigolos
Letzte Gelegenheit
Lapislazuli gefunden
Leberwurst gekauft
Luftdruck gefallen
Leuchtfeuer gesichtet

In diesem Sinne: Leistung gebracht


Pelikan, Müll, Pink Floyd und John Cleese

1993 kaufte ich mir eine Box mit sieben Pink Floyd-CDs, die im Vorjahr zur Feier des 25jährigen Bandbestehens herausgebracht worden war. Enthalten war außerdem noch ein Buch mit Songtexten, Platteninfos und einer Zeittafel. Und diese exakt 25 Jahre umspannende Zeittafel listete natürlich Pink Floyd-Ereignisse auf … sowie noch sonstiges aus der großen Welt des Pop und der Politik. Das fand ich aber schon sehr überheblich [Israel gewinnt 6-Tage-Krieg / Erster Pink Floyd-Auftritt im Powis Square / Rassenkrawalle in Detroit usw.] und glaubte (überheblicherweise), mit mehr Humor und mehr Selbstironie etwas Besseres hinbekommen zu können.

Im darauffolgenden Jahr entwickelte ich die Idee zu einem autobiographischen Buchprojekt („Portät des Künstlers als komischer Vogel“) und beschloß, es mit einer Pink-Floyd-ähnlichen Zeittafel beginnen zu lassen, und so setzte ich mich hin und erstellte meine eigene „Pelikan und der Rest der Welt„-Chronik.

Das Buch wurde gegen Ende der 90er Jahre nach mehrjähriger Arbeit daran zwar wieder aufgegeben, doch hat die Zeittafel überdauert und ist 2010 zum ersten Menüpunkt der pelikanesischen „Listen“ auf meiner damals gerade frisch eröffneten Webseite geworden. Und neben normalen Aktualisierungen (wenn in meinem Leben halt wieder mal was „Erwähnenswertes“ passiert ist) habe ich manchmal auch noch Sachen nachzutragen, wie folgende gestern zufällig in mein Blickfeld geratenen Ereignisse zum Beispiel:

2005 – John Cleese bezeichnet Palmerston North als Selbstmord-Hauptstadt Neuseelands.

2007 – Palmerston North benennt eine Müll-Deponie nach John Cleese.

Und was ich sonst noch alles für mitteilenswert erachtet habe, läßt sich hier begutachten.


Meine Lieblingsbücher 2016

Ich bin schon immer eine große Leseratte gewesen, die vor etwas über einem halben Jahrhundert mit Astrid Lindgren, Michael Ende [Jim Knopf] und Karl May und so begonnen hat. Rund 10 Jahre später gab Mutter mir mal Geld, um neue Stiefel zu kaufen, da meine alten schon ziemlich aus dem Leim waren. Ich fand allerdings, daß sie auch eine weitere Saison noch durchhalten würden, so daß ich von dem Einkaufstrip nicht mit Stiefeln, sondern mit einem halben Dutzend Romanen von nordamerikanischen Literaturnobelpreisträgern zurückkehrte, was den Beginn meiner lebenslangen Liebe zu Hemingway, Faulkner und Steinbeck markierte.

1977 hatte ich – zuerst im Eschhaus und ab 1984 auch an der Volkshochschule – mit Gitarrenunterrichtgeben begonnen und mir von dem Honorar vor allem Bücher gekauft, so daß ich seitdem nie wieder ohne noch mindestens ein nicht gelesenes Buch zuhause zu haben auskommen mußte. Meine bevorzugte Lesezeit ist bis zum Ende der 80er Jahre die Nacht gewesen, häufig bis 3 oder 4 Uhr morgens, und ich hatte es mir damals seltsamerweise zur Pflichtaufgabe gemacht, alle begonnenen Bücher auch zu Ende zu lesen und es mehrfach auf rund 100 gelesene Bücher im Jahr gebracht.

In den 90ern hatte ich meine Abende dann meist mit Saufen verplempert – da war natürlich nicht mehr viel drin mit Lesen -, und im neuen Jahrhundert, als ich endlich wieder trocken war, habe ich (weil ich nachts einfach nicht mehr genügend Konzentration besaß) die morgendliche Zeitungslektüre [standen eh meist nur schlechte Nachrichten drin!] dann komplett durch Belletristik ersetzt. Und so halte ich es auch heute noch: aufstehen, Tee machen, ins Bett legen und lesen, einen zweiten Tee machen und weiterlesen, bevor ich nach einer erfrischenden Lesestunde dann meinen Arbeitstag beginne.

Auf 100 Bücher im Jahr komme ich bei diesem relativ kleinen Zeitfenster allerdings nicht mehr, doch sind es 2016 immerhin noch 40 komplett gelesene Bücher gewesen, und 17 weitere habe ich [nach 30 bis 338 Seiten] vorzeitig wieder beiseite gelegt. „Ich habe einfach nicht mehr die Zeit, Bücher auszulesen, die mir nur bedingt gefallen“ hat Elke Heidenreich sinngemäß mal vor einigen Jahren gesagt, bevor sie fortfuhr: „und auch keine Zeit mehr, mit Leuten zu reden, die mich nicht besonders interessieren.“ Eine sehr vernünftige Einstellung, wie ich finde.

Unter den 40 im vergangenen Jahr gelesenen Büchern sind auch ein paar wenige gewesen, die ich mehr als nur gut fand, die mich während der Lektüre regelrecht begeistert haben und die ich nachfolgend kurz vorstellen möchte. – Die erklärenden Texte dazu sind meiner großen Bücher-Tip-Seite entnommen.


Zum erstenmal gelesen
:

Emma Donoghue, „Raum“
xx[Roman, 2010 unter dem Titel „Room“ veröffentlicht, seit 2011 in deutscher Übersetzung von Armin Gontermann vorliegend, 410 Seiten]
xxDer Ich-Erzähler dieses sprachlich ungewöhnlichen Romans ist ein fünfjähriger Junge mit natürlich noch recht simpler Ausdrucksweise, der seit seiner Geburt mit seiner Mutter in einem 14 Quadratmeter großen Raum lebt und diesen für die ganze Welt hält. Bis ihm seine Mutter eines Tages erklärt, daß es noch ein riesengroßes Draußen gibt und sie beide hier gefangengehalten werden. Und dann wird ein Fluchtplan geschmiedet…


John Williams, „Butcher’s Crossing“

xx[Roman, 1960 veröffentlicht, seit 2015 in der Übersetzung von Bernhard Robben endlich auch auf deutsch vorliegend, 365 Seiten]
xxNordamerika 1870. Ein studierter junger Mann aus Boston kommt nach Butcher’s Crossing, einen kleinen Ort am Rande der Zivilisation, um die wahre Natur des Westens kennenzulernen und schließt sich dort ein paar Büffeljägern an. // Ein realistischer “Western”, in dem allerdings weder Indianer noch Schießereien vorkommen.


Bruce Springsteen, „Born to Run“

xx[Autobiographie aus dem Jahr 2016, in deutscher Übersetzung von Teja Schwaner, Daniel Müller, Alexander Wagner und Urban Hofstetter vorliegend, 666 Seiten]

  • Die meisten selbstgeschriebenen oder mit Ghostwriterhilfe verfaßten Rockmusikererinnerungen finde ich (mit Ausnahme der Pete Townshendschen) ziemlich langweilig. Egal ob die von Eric Clapton, Keith Richards, Steven Tyler, Ozzy Osbourne und so weiter: Die ersten Jahre vor dem Musikmachen werden eher uninspiriert geschildert, und nach dem großen Ruhm werden dann jede Menge Alkohol- und Drogenexzesse sowie Star-Anekdoten zum besten gegeben, die dem bislang bekannten Porträt des Autors aber kaum neue Aspekte hinzuzufügen vermögen.
  • Das ist in diesem Buch anders, unter anderem auch deshalb, weil Springsteen so gut wie nie etwas mit Alkohol und Drogen zu tun gehabt hat (er hatte es nicht als lohnenswert erachtet). Und gleich schon die ersten Kapitel über seine Vorfahren und seine Welt als Kind und Jugendlicher haben mich davon überzeugt, es auch beim Buchautor Springsteen mit einem hervorragenden Geschichtenerzähler zu tun zu haben, der ganz genau weiß, was er tut … und deshalb natürlich auch keinen Ghostwriter benötig.
  • Ich bin vorher kein großer Springsteen-Fan gewesen, was sich während der Lektüre dieses Buches jedoch ein wenig geändert hat, da ich eine Menge Respekt vor dem Menschen und Künstler Bruce Springsteen bekommen habe, der mir tiefe Einblicke in seine Fühl- und Denkweise gestattet hat und für mich nun ein wirklich faßbarer Mensch geworden ist, während er vorher nur Der Boß war, das übliche imagetriefende Abbild eines Rockstars eben.


Wiedergelesen (zum 3. oder 4. Mal)
:

John Steinbeck, „Jenseits von Eden“
xx[Roman, 1952 unter dem Titel „East of Eden“ veröffentlicht, seit 1953 in deutscher Übersetzung von Harry Kahn vorliegend, 572 Seiten]
xxWer nur den gleichnamigen Film mit James Dean kennt, kennt nur das letzte Viertel des Buches. // Der Romantitel bezieht sich auf eine Stelle aus der Bibel, und die Hauptthematik des Buches hat viel mit der Kain-und-Abel-Geschichte zu tun [deshalb auch die nur mit A und C beginnenden Vornamen der Protagonisten]. Erzählt wird [neben der Chronik der Hamiltons = Steinbecks Vorfahren] die Lebensgeschichte von Adam Trask [dem Vater der James Dean-Figur] und dessen nicht immer ganz einfachen Beziehungen zu seinem Vater Cyrus, seiner Stiefmutter Alice, seinem Halbbruder Charles, seiner Frau Cathy und seinen Söhnen Aaron und Caleb. Die Handlung spielt überwiegend in Connecticut und Kalifornien der Jahre 1862–1918.