Fußball und Logik (1)

Fußball und Logik
oder
Damals in der Karibik

Januar 1994. Die Fußballnationalmannschaften von Barbados, Grenada und Puerto Rico kämpfen in einer Qualifikationsgruppe um die Teilnahme an der Karibikmeisterschaft 1994. Jede Mannschaft hatte einmal gegen jeden Gegner anzutreten, und nur der Gruppenerste würde (nach diesen insgesamt drei Spielen) die Finalrunde des Caribbean Cup erreichen. Vor dem letzten Gruppenspiel, das Barbados gegen Grenada zu bestreiten hatte, sah die Lage so aus: Puerto Rico hatte schon keine Chance mehr aufs Weiterkommen, und Barbados mußte gegen Grenada mit mindestens 2 Toren Unterschied gewinnen, da sonst Grenada Gruppenerster wäre.

Nach 45 Minuten sah es recht gut für Barbados aus, das nämlich mit 2:0 in Front lag. Also setzte Grenada in der zweiten Hälfte alles daran, um den Anschlußtreffer zu erzielen, was in der 83. Minute auch gelang. Zu diesem Zeitpunkt war Grenada also dank des besseren Torverhältnisses in der nächsten Runde.

Und so setzte Barbados nun in den verbleibenden 6 oder 7 Minuten alles daran, den alten 2-Tore-Vorsprung wiederherzustellen. Jedoch nur bis zur 87. Minute, denn dann änderten sie ihre Taktik.

Im karibischen Fußball wird bei K.-o.-Spielen, die nach 90 Minuten unentschieden stehen, wie überall sonst auf der Welt eine zweimal 15minütige Verlängerung mit eventuell noch Elfmeterschießen drangehängt. Doch hatte die FIFA in ihrer unglaublichen Weisheit wenige Monate zuvor beschlossen, in der abgelegenen Karibik mal eine kleine Regeländerung auszuprobieren, nach der in der Gruppenphase unentschieden endende Spiele ebenfalls in die Verlängerung zu gehen hatten, um einen Sieger hervorzubringen. Und weil in der Endabrechnung ja auch die Tordifferenz von entscheidender Bedeutung sein konnte, stellte eine Verlängerung deshalb natürlich auch die Möglichkeit dar, noch einiges für das Torverhältnis zu tun.

Nun war im Vorjahr weltweit aber auch noch das Golden Goal eingeführt worden: Wenn eine Mannschaft in der Verlängerung ein Tor erzielte, war das Spiel sofort beendet und man hatte mit einem Tor Vorsprung gewonnen. Dieses stellte für die Sachlage des möglicherweise am Ende entscheidenden Torverhältnisses in der Karibik aber ein kleines Problem dar, denn wenn man in der 30minütigen Nachspielzeit bislang mehr als ein Tor erzielen konnte, war das durch das Golden Goal ja nicht mehr möglich. Und so hatte die FIFA für den Karibikraum auch noch zu bestimmen, wieviel ein Golden Goal denn am Ende für das Torverhältnis wert war, und sie entschied sich in ihrer unendlichen Weisheit für 2 Treffer. So daß mit einem einzigen Schuß also ein ergebnistechnischer Doppelpack erzielt werden konnte.

Und nun zurück zur 87. Minute des Spiels Barbados gegen Grenada. Es stand 2:1 für Barbados, und nur mit 2 Toren Vorsprung würden sie die Qualifikation erfolgreich überstehen. Sonst würde Grenada weiterkommen. Also mußte das 3:1 her. Was Barbados bis zu dieser 87. Minute auch zu erzielen versucht hatte. Doch dann änderten sie ihre Taktik. Ihnen blieben nur noch etwa 3 Minuten, um das eine, entscheidende Tor zu machen. Es sei denn … und so gingen sie hin und schossen, absolut unbedrängt, in voller Absicht ein glasklares Eigentor. 2:2. Worauf in der Karibik ja auch in der Gruppenphase schon eine Verlängerung folgte. Also 30 Minuten mehr Zeit.

Überall sonst auf der Welt würde dieses absichtliche Eigentor überhaupt keinen Sinn ergeben haben, weil das Spiel dort einfach unentschieden ausgegangen wäre und Barbados damit den Einzug in die Endrunde verpaßt hätte. Doch gab es in der Karibik ja die Bei-Unentschieden-Verlängerung-Regel. Und selbst damit wäre durch das Eigentor nichts gewonnen gewesen, weil man aufgrund der Golden-Goal-Regel überall sonst auf der Welt in der Verlängerung höchstens 1 Tor (und nicht die für Barbados benötigten 2) schießen konnte. Doch nicht so in der Karibik damals, wo ein Golden Goal ja 2 Tore fürs Endergebnis bedeutete. So daß die Entscheidung von Barbados, das Spiel durch ein Eigentor um 30 Minuten zu verlängern und dann auf ein doppelt zählendes Golden Goal zu hoffen, vollkommen logisch war. [Mr. Spock wäre stolz auf die Jungs gewesen.]

Aber die 90 Minuten waren ja noch nicht vorüber. Es stand 2:2 und Grenada hatte noch etwa 3 Minuten Zeit, um in der regulären Spielzeit ein weiteres Tor zu erzielen und die Verlängerung dadurch abzuwenden. Und deshalb machte der Gegner (Barbados) sich also daran, mit 10 Feldspielern den eigenen Strafraum zu verteidigen – sollte man eigentlich denken. Doch weit gefehlt, denn Barbados mußte Grenada ja nicht nur daran hindern, mit 3:2 in Führung zu gehen, sondern gleichzeitig auch davon abhalten, ein mögliches Eigentor zu schießen. Denn auch bei einer Niederlage mit nur einem Tor Unterschied hätte Grenada aufgrund der Tordifferenz in der Endabrechnung ja die Nase vorn gehabt.

Und so zauberte Barbados also [während Spock bei der Sichtung von Kirks Lieblings-Best-of-Homo-sapiens-DVD an dieser Stelle fast ein Lächeln entschlüpft wäre] die revolutionäre Strategie eines 5-0-5-Systems aus dem Hut, stellte 5 Mann zur Verteidigung des eigenen und 5 Mann zur Verteidigung des generischen Tores ab, und kam damit auch wirklich durch.

Und in der Verlängerung schossen sie tatsächlich ihr Golden Goal, gewannen das Spiel also mit 4:2 und zogen damit in das Hauptfeld des Caribbean Cup 1994 ein. Und wie Barbados dort abgeschnitten hat, war nicht mal für Spock mehr von Interesse, weil die neuen Regeln (Unentschieden gilt nicht & Golden Goal zählt doppelt) vor Beginn der Finalrunde von der FIFA in ihrer unermeßlichen Weisheit nämlich wieder rückgängig gemacht worden waren.

[Von diesem irren Fußballspiel habe ich aus dem Buch „90 oder Die ganze Geschichte des Fußballs in neunzig Spielen“ von Christian Eichler erfahren. Und wer vielleicht auch noch wissen möchte, wie es 2002 in der madegassischen Meisterschaft zu einem 149:0-Sieg kommen konnte, würde bei dieser Lektüre (neben 88 weiteren Spielberichten) ebenfalls fündig werden.]

Für Eichler, Wikipedia und Co. ist die Geschichte dieser Qualifikationsrunde zum Caribbean Cup 1994 nun allerdings beendet gewesen – nicht aber für den Autor dieses Beitrags.

Die Spielergebnisse lauteten:
Spiel 1: Barbados – Puerto Rico = 0:1
Spiel 2: Grenada – Puerto Rico = 2:0 (durch Golden Goal in der Verlängerung)
Spiel 3: Barbados – Grenada = 4:2 (durch Golden Goal in der Verlängerung)

Aber was wäre eigentlich gewesen, wenn es diese schwachsinnige Regeländerung nicht gegeben hätte? Dann wäre es vollkommen egal gewesen, ob Barbados im letzten Gruppenspiel ein Eigentor zum Unentschieden geschossen oder mit 2:1 oder 3:1 gewonnen hätte, weil der Gruppenerste in beiden Fällen nämlich Puerto Rico geheißen haben würde – mit 4 Punkten auf dem Konto, resultierend aus einem Sieg gegen Barbados und einem Unentschieden gegen Grenada.

Alles klar? Dann bis zum „Fußball und Logik 2“-Beitrag.