Erinnerungen an Willi Kissmer

Heiligabend 2018

Am 27. Juli dieses Jahres ist der Duisburger Künstler Willi Kissmer gestorben. In den 70er Jahren war er als Gitarrist der Folkrockband Bröselmaschine in Erscheinung getreten, bevor er sich in den 80ern ganz der Malerei zuwandte, die ihm mit Einzelausstellungen in verschiedenen Ländern Europas und in den USA auch überregionale Anerkennung bescherte.

Willi ist, nachdem ich ihn 1971 zum ersten Mal auf der Bühne erlebt habe, sofort zu meinem Duisburger Lieblingsgitarristen aufgestiegen, den ich wegen seiner so andersartigen Leadgitarrenspielweise [er war mehr von Folkrock-Gitarristen wie Richard Thompson und Jerry Donahue als von Chuck Berry oder Jimi Hendrix beeinflußt] sehr bewundert habe und unbedingt auch mal persönlich kennenlernen wollte. Und diese Gelegenheit ergab sich schließlich im Sommer 1973, als Willi 21 und ich 19 Jahre alt war.
xxxxxIch saß mit ein paar Typen im Kantpark herum, als Peter Bursch des Weges kam und uns fragte, ob nicht jemand beim Tapezieren seiner neuen Wohnung helfen wolle. Ich fragte zurück, wer denn sonst noch dabei sei, und als die Antwort Willi Kissmer lautete, sagte ich sofort zu. Geld gab’s keins, aber Willi kennenzulernen war Belohnung genug für mich.
xxxxxUnd ein oder zwei Tage später ging es los, und Willi und ich (die beide keine rechte Ahnung von der Sache hatten) bekamen den Auftrag, das Schlafzimmer zu tapezieren. Am schwierigsten war die Zimmerdecke. Und weil dabei alles mit über dem Kopf hochgereckten Armen zu geschehen hatte, machte uns das ziemlich zu schaffen, und so beschlossen wir, daß es viel leichter sei, die Tapetenenden einander überlappen zu lassen, anstatt zu versuchen, alles nahtlos aneinanderzufügen. Das klappte dann auch viel besser, war nur optisch nicht ganz so schön, so daß Peter beim Begutachten unserer geleisteten Arbeit auch nicht gerade in einen Freudentanz ausgebrochen ist – doch was konnte man von ungelernten Für-lau-Arbeitskräften auch schon groß erwarten? Bei Peters nächstem Umzug bin ich dann nicht mehr um Hilfe gebeten worden (gut so!), aber ich hatte Willi Kissmer kennengelernt, und dieser Kontakt ist bis zu dessen Tod erhalten geblieben.


Musik (1)

In meiner Musikantenzeit habe ich live auf der Bühne mit mehr als 200 verschiedenen Musikern zusammengearbeitet, und Willi ist einer von den allerersten gewesen [nach Tom und Zoppo von „Scarabäus Zubiss“, Kalle und Lucky von „Ausz“ und Leslie Förster (später bei „Alma Ata“)]. Und mit insgesamt 35 gemeinsamen Auftritten (der letzte fand 2016 statt) ist Willi in der Pelikan-Musikerliste auch heute noch in den Top 10 zu finden.

Einige Monate nach unserer Tapezierkünstlererfahrung sollte am 24. November 1973 mein zweiter öffentlicher Auftritt bei einem kleinen Festival in der Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg-Hamborn über die Bühne gehen. Die Top Acts des Abends waren die elektrischen Rockbands „Dhun“, „Atropos“ und „Ausz“, während ich als Solist zwischendurch mal einen etwas kleineren Set abliefern sollte. Ich hatte ein halbstündiges Programm für akustische Gitarre mit eigenen Liedern vorbereitet, doch als ich dann den Soundcheck machte, erwies sich die Übertragungs-Anlage als total überfordert und produzierte so viel Gitarren-Rückkopplung [außer wenn ich ganz hinten auf der Bühne saß, wo dann aber das Gesangsmikrophonkabel nicht mehr hinlangte], daß ich kurzerhand alles auf E-Gitarre umstellen mußte. Allerdings konnte ich mein erarbeitetes Programm nun nicht mehr aufführen, da akustische Lieder mit E-Gitarre gespielt ein ganz anderes Arrangement benötigen, und so bat ich Willi, der eigentlich nur als Zuhörer anwesend war, um Hilfe. Und während die erste Gruppe den Saal beschallte, fuhr er noch mal los, um seinen AC-30-Verstärker zu holen [die E-Gitarre hatte er für alle Fälle sowieso immer im Auto], und dann spielten wir als Duo einfach zwei pelikanesische Bluessongs und machten danach noch eine improvisierte Jam-Session mit Kalle Burandt (Baß) und Lucky Ruhnau (Schlagzeug) von Ausz zusammen. Und das war dann mein erster Auftritt mit Willi Kissmer.


Anderes (1)

In den folgenden drei Jahren hat es zwar keine weiteren gemeinsamen Gigs mehr gegeben, doch sind Willi und ich uns in dieser Zeit häufiger in der Stadt über den Weg gelaufen (im 1974 eröffneten Eschhaus zum Beispiel), und ich habe ihn auch mehrfach besucht.

1975 gab es zwei besondere, mit Willi Kissmer zusammenhängende Ereignisse. Zum einen hat er sich (was mich damals wirklich mit Stolz erfüllte) für die Studioaufnahmen zur zweiten Bröselmaschine-LP meine elektrische „Gibson Les Paul“-Gitarre ausgeliehen (um neben seiner „Fender Telecaster“ auch noch einen anderen Gitarrensound zu haben), und zum anderen habe ich in diesem Jahr einen echten Kissmer erworben (für 150 DM), der auch heute noch die Wand meines Arbeitszimmers schmückt. Auf dieser Lithographie ist Willis damalige Freundin Imke zu sehen, in deren beste Freundin Beate [die später Willis Modell und Ehefrau werden sollte] ich mich 1976 dann zu verlieben gewagt habe, obwohl ich damals viel zu große Probleme mit mir selber hatte, um schon in einer richtigen Beziehung leben zu können. Willi, Imke und Beate (die von meinen Gefühlen für sie wußte, nur mit meiner zurückhaltenden Untätigkeit nichts Rechtes anfangen konnte) haben mich in jener Zeit auch mal eingeladen, einige Tage mit ihnen zusammen auf Texel zu verbringen, doch hatte ich einfach zuviel Angst vor möglichen Konflikten oder Entscheidungen, so daß ich es ausgeschlagen habe, um anschließend umso selbstmitleidiger meiner mir unmöglichen Liebe nachzuhängen. [Ich bin damals ein ziemlich verklemmter, problembeladener und selbstbewußtloser Bursche gewesen.]


Musik (2)

Anfang Januar 1977 spielte ich (bereits zum dritten Mal) eine ganze Woche lang im Folkklub „Bob’s Stage“ in Hemmerden (einem Ortsteil von Grevenbroich), wo Willi, Imke und Beate eines Abends überraschend auftauchten, was in der Folgezeit zu neuerlichen gemeinsamen Auftritten mit Willi geführt hat, die genau dort begannen, wo unsere Bühnen-Zusammenarbeit drei Jahre und zwei Monate zuvor geendet hatte:
xxxxxAm 21. Januar 1977 im Clauberg-Gymnasium [wo ich erstmals auch den in der Bob’s-Stage-Woche geschriebenen neuen Song „Away from you“ für Beate vorgetragen habe, der zufälligerweise auch auf meiner im kommenden Jahr erscheinenden CD „Im Bann der Subdominante“ zu hören sein wird],
xxxxxund am 25. Januar und 15. Februar in Bob’s Stage, wo diesmal Ramesh Weeratunga und Francis Serafini (die ich bei meinem Berlinaufenthalt 1974 kennengelernt hatte) die Wochenattraktionen waren.

Im selben Jahr ging es bei mir auch mit Bands los: Im Mai ’77 starteten die „Sheffield Shakers“, aus denen sich im August „Lucky Mac, Happy Mac und die Anderen“ entwickelten, welche am 1. Januar 1978 (um 0:01 Uhr live im Eschhaus) in „Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars“ umbenannt wurden. Und Willi ist ein All-Stars-Fan der allerersten Stunde gewesen [er mochte meine inzwischen deutlich verbesserte Bühnenpräsenz (auch wenn ich, wie er mal sagte, bewegungs- und gesangstechnisch nicht gerade ein zweiter Mick Jagger war), und er liebte Schnuffs Baßspiel], der auch schon beim ersten offiziellen Lucky-Mac-Gig im November ’77 als Special Guest Mac dabeiwar.
xxxxx8 Monate und 17 All-Stars-Auftritte später hatte unser Leadgitarrist Congo Johnson dann die Nase voll von dem Dauerstreß mit zwei parallel laufenden Rockgruppen, so daß er [nach unserer ersten Marburg-Tournee, die eigentlich nach Norwegen hatte führen sollen – was aber eine ganz andere Geschichte für einen ganz anderen Beitrag ist]) die All Stars verließ, um fortan wieder das doch etwas ruhigere Fahrwasser seiner Leib-und-Magen-Band „Menthol“ genießen zu können. Für den dadurch frei gewordenen Posten hatte unsere Band nur einen einzigen Wunschkandidaten, Willi Kissmer! Der zu unserem größten Bedauern aber ablehnen mußte, weil er gerade beschlossen hatte, seine Zukunft nur noch in der Malerei zu sehen und keine Zeit mehr an regelmäßig probende und auftretende Bands zu verschwenden. Bis zum Jahresende hat er uns (weil wir immer noch keinen Gitarristen gefunden, bzw. den ersten Nachfolger schon wieder gefeuert hatten) aber noch zweimal ausgeholfen: beim 2. OTZ-Festival im Eschhaus und beim legendären Gig im Knast in Duisburg-Hamborn zwei Tage vor Silvester. [Wir hatten dort eigentlich für lau spielen sollen, doch war die Anstaltsleitung aufgrund unseres absolut begeisternden Auftritts (der im Publikum so viel euphorische Stimmung und Energie erzeugt hatte, daß ich zwischenzeitlich tatsächlich in Sorge war, daß die Knackis gleich die Wachen überwältigen und den Laden auseinandernehmen würden: Riot in Cell Block #9 und so) wohl der Meinung, daß wir viel zu gut seien, um wie eine kleine Anfängerband ohne Gage davonkommen zu dürfen, so daß wir im Nachhinein noch vollkommen unerwartet mit 300 DM entlohnt worden sind. Ist eine wahre Geschichte!]

Nach einer knapp zweijährigen und wirklich tollen Zeit mit den Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars wollte ich Ende 1979 dann eine eigene Band mit ausschließlich eigenen Liedern auf die Beine stellen, und als ich das Willi gegenüber mal erwähnte, sagte er, daß er gerne mitmachen würde [offenbar hatte er seine Meinung in bezug auf die Vergabe seiner Zeit geändert], und das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Und so haben wir 198o einige Monate lang in der Besetzung Willi Kissmer (Gitarre), Dieter Stein (Baß), Mike Gosen (Schlagzeug) und Pelikan (Gitarre, Gesang) geprobt, bis Willi eines Tages sagte, daß er irgendwann im kommenden Jahr nach Hamburg ziehen würde; und weil es unlogisch war, bis dahin noch mit ihm weiterzuarbeiten, sah ich mich lieber gleich nach einem neuen Gitarristen um, so daß das Bandkapitel mit Willi und mir nach weniger als einem halben Jahr leider schon wieder beendet war. – Was ich damals natürlich nicht ahnen konnte, war, daß Willis Pläne mit Hamburg sich zerschlagen sollten und er nie aus Duisburg weggegangen ist. Tja…
xxxxx[Meine Band (zu Willis Zeiten noch „Hot Rod and the Rubber Rats“ geheißen) feierte ihre Live-Premiere aufgrund diverser Umbesetzungen erst rund 20 Monate später unter dem Namen „Al & the Hollywood Rats“,  featuring Mike Gosen (Schlagzeug), Schnuff (Baß), Arenor Meyer (Leadgitarre) und Pelikan (Gitarre, Gesang). Arenor wurde ein Jahr später dann noch durch Manni „Slowfoot“ Roßmann ersetzt.]


Worte
und Wohnungen

Obwohl Willi nie mit den Hollywood Rats zusammen auf der Bühne gestanden hat, ist er dennoch auf eine spezielle Art bei jedem Auftritt dabeigewesen, weil ich es mir bei einer meiner schrägsten Nummern [dem Titelsong der Pelikan-CD „Welcome to Chilligoo“] einfach nicht hatte verkneifen können, ein Mädchen an einer Stelle mal „Kiss me, Kissmer!“ sagen zu lassen. Und eine Strophe später noch: „Ooh, kiss me again, Kissmer!“
xxxxxAber auch vorher war Willi schon in anderen pelikanesischen Songs erwähnt worden. So 1978 in „Singing for you“ [das auf der CD „The Wizard of OTZ“ zu hören ist], und 1977 bereits in „Colours I“: „So if Joni comes along with a brand new song, call three times a three and a seven six five and tell Willie who did arrive“. – Willi war damals ein großer Joni-Mitchell-Fan, und seine Telefonnummer lautete 333 765.
xxxxxUnd in dem im Januar 1980 verfaßten Song „The Story Of The Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars“ hatte jeder Gitarrist eine eigene Strophe bekommen, so natürlich auch Willi:

Our third guitarist was my old friend Willie
he played as good as we thought he would
and we wanted him to stay but had no cash to pay
so we promised him a lot of girls for every day
but our next performance was in the city-jail
and Willie said: not with me, you’re telling me a tale

So bye-bye, Willie, bye-bye
bye-bye, Willie, bye-bye
it’s alright, Willie
get a brush and paint your pictures of Lily

Willi Kissmer (1951-2018) als „Galaktischer Gigant“, 1991.

Außer selbstkomponiert- und -getexteten Liedern hat es (ab 1974) aber auch noch ein paar in Kleinauflagen herausgebrachte pelikanesische Prosabände gegeben, in denen Willi [abgesehen von den Erwähnungen in den zwischen 1974 und ’76 erschienenen drei Ausgaben des Pelikan/Scharmachschen Lexikons: „Kissmer, Willi – Gitarrenkünstler, AC-30-Fan & mehrfacher Lieblingsstar“] erstmalig im 1978 veröffentlichten „Was ich noch wagen sollte oder Was ich noch sagen wollte“ auftauchte. Und zwar auf Seite -2 (sprich: minus zwei) ganz vorn im Klappentext zu dem Buch, der sich allerdings auf ein ganz anderes Werk eines ganz anderen Autoren bezieht. Und weil dieses andere Buch aus einer Sammlung von Filmdrehbüchern oder Theaterstücken zu bestehen scheint, ist in dieser Klappentexteinleitung als exemplarisches Beispiel auch mal eine kleine Besetzungsliste aufgeführt, die angeblich aus dem Script „Flußpiraten in Paris“ stammen soll:
Pete Kissmer als Kulisse,
Willi Bursch als Frank Zappa,
Liz Taylor als Imke,
Eddie Constantine als Willi Kissmer,
Tisch als Stuhl,
Beate Uhse als 10 Girls
& M. Gosen als Gugelhupf.
xxxxxMehr als die Hälfte dieser Angaben hat übrigens Willi beigesteuert, als wir bei einem meiner Besuche mal ein wenig rumgesponnen haben. [Und obwohl ich damals überhaupt nicht wußte, wer oder was M. Gosen gewesen ist, habe ich die Gosen-als-Gugelhupf-Formulierung einfach abgedruckt. / Lustigerweise ist ebendieser Mike Gosen zwei oder drei Jahre später dann (von Willi dazugeholt) Schlagzeuger in meiner Band geworden. Ob es aber mal eine ihn betreffende Geschichte mit einem Gugelhupf gegeben hat (ich selbst denke bei Gugelhupf immer an Frau Waas), habe ich nie in Erfahrung gebracht.]
xxxxxUnd auch der Titel dieses imaginären Stücks hat einen Bezug zu Willi. Als wir uns mal über Lieblingsbücher aus unserer Jugendzeit unterhielten, nannte er nämlich [während es bei mir immer Karl-May-Romane gewesen waren] das mir (bis heute) völlig unbekannte „Die Flußpiraten des Mississippi“ von Friedrich Gerstäcker. (Und einige Jahre später hat er auch „Gullivers Reisen“ mal als ein frühes Lieblingsbuch bezeichnet.)
xxxxxIn meinem nächsten Prosawerk („Herzlichen Glückwunsch“ von 1982) wird in den fast vollständig erlogenen Angaben zur Vita des Autors dann auch mal Pelikans Eheschließung mit einer Elisabeth Kissmer erwähnt – bei der ich mir immer eine (in Wahrheit nicht existierende) Schwester von Willi vorgestellt habe.

Ich hatte Willi immer sehr gern besucht, weil ich ihn einerseits sehr schätzte und mich andererseits in seinen Wohnungen [Neue Marktstraße, Liliencronstraße, Felsenstraße, Heckenstraße und Lenzmannstraße] immer sehr wohl gefühlt hatte, da sie ein auf mich sehr anziehendes künstlerisches Flair ausstrahlten und von einer Freiheit kündeten, die ich in meinem eigenen Zuhause (bei immer noch meinen Eltern) doch etwas vermißt habe.
xxxxxAm besten in Erinnerung habe ich aber natürlich Willis 1989 erworbenes ganz besonderes Eigenheim, den alten Hebeturm in Duisburg Homberg. In den 1990er Jahren bin ich mindestens einmal im Jahr in diesem 1854 errichteten und mit 5 oder 6 Etagen ausgestatteten altehrwürdigen Gemäuer zu einem Musikhör-, Laber- und Schachspielabend zu Gast gewesen, und irgendwann stand sogar mal die Frage an, ob ich nicht als Mieter dort einziehen sollte, doch haben mich vor allem finanzielle Gründe und die für mich als Fahrradfahrer [ich habe ja nie einen Autoführerschein besessen] nicht gerade optimale Lage dann doch davon abgehalten.
xxxxxIm neuen Jahrtausend habe ich es nur noch alle paar Jahre mal zu Willis Turm geschafft (zuletzt im März 2017), wohl auch, weil er nach Erwerb seines französischen Zweitdomizils in den wärmeren Jahreszeiten (also in genau den für mich deutlich angenehmeren Fahrradfahr-Monaten) fast immer fort war. Ich bin von Willi und Beate zwar auch nach Frankreich eingeladen worden, doch haben mich meine im Alter immer ausgeprägter gewordene Reiseunlust und meine hasenfüßigen „Was mache ich, wenn ich mich dort nicht wohl fühlen sollte?“-Gedanken immer davon abgehalten. [Und diese meine Ängstlichkeit stellt ein gutes Stichwort für das nächste Kapitel dar.]


Willi als Freund

Willi und ich haben in den vergangenen 45 Jahren zwar auch manchmal ein paar tiefschürfende Gespräche geführt, doch haben wir einander nie sehr gut gekannt. Und das hat vor allem an mir gelegen, weil ich früher einfach ungeheuer verschlossen gewesen bin und nie (auch meinem besten Freund gegenüber nicht) den Mut aufgebracht hatte, meine größten Ängste vielleicht etwas weniger übermächtig werden zu lassen, indem ich mal jemandem davon erzählte. Eigentlich bin ich ja nicht mal fähig gewesen, mir selber davon zu erzählen, weil ich seit frühester Jugend schon dazu übergegangen war, mir schwierige und unangenehme Sachen aus dem Sinn zu schaffen, indem ich gedanklich komplett den Kopf in den Sand gesteckt und alles lieber zu verdrängen als daran zu arbeiten versucht habe. Und Willi hatte natürlich mitbekommen, daß da einiges mit mir nicht in Ordnung war, doch weil ich keine Anstalten machte, mich ihm gegenüber mal mehr zu öffnen, hat er mich auch nie bedrängt.
xxxxxWilli hatte (im Gegensatz zu meinem besten Freund) aber einen großen Vorteil: er war eben nicht mein bester Freund und versuchte mich deshalb auch nicht immer aus behüten wollender Nachsicht oder so zu schonen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich ihm gegenüber mal erwähnte, daß ich ja gar nicht besonders viel Geld zum Leben bräuchte und auch in höherem Alter mit ein paar regelmäßigen Auftritten einigermaßen über die Runden kommen sollte, als er mir deutlich widersprach und mir vorrechnete, daß ich, bevor ich mir überhaupt irgendwas zu essen oder so kaufen könne, erst mal Geld für Miete, Strom, Wasser, Krankenversicherung und ähnliches abzudrücken habe. Solche Worte wollte ich damals allerdings überhaupt nicht hören, und die haben mir an dem Tag auch ziemlich die Laune verdorben, weil sie mir wieder mal unerbittlich vor Augen geführt haben, wie wenig ich für die Realität, fürs wahre Leben, doch gerüstet war. Doch daß Willi es mit seiner Aussage nur gut gemeint hatte und mich nicht einfach nur verletzen wollte, hatte ich trotz allem Überhaupt-nicht-hören-Wollen ganz deutlich gespürt.

Zu Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre ging es mir – trotz musikalischer Anerkennung von vielen Seiten – manchmal ziemlich schlecht, und Willi und Birgitta [schönen Gruß nach Wiesbaden!], meine damaligen besten Nicht-besten-Freunde, haben mir (vollkommen unabhängig voneinander) in jener Zeit mehrfach klarzumachen versucht, daß ich etwas ändern müßte an meinem Leben, daß ich mich nicht immer nur bei meinen Eltern vergraben und vor dem Erwachsenwerden auf ewig verstecken könne.
xxxxxTagebucheintrag vom Februar 1982: „Und dann hat Willi mich mal wieder mit vollkommen überzeugenden Argumenten zum Thema leben, wagen, riskieren, sich verändern und so ziemlich fertiggemacht.“

[Fast 20 Jahre später habe ich Willi mal wegen eines persönlichen Problems um Rat gefragt und eine ganz unerwartete, salomonisch anmutende Antwort von ihm bekommen, doch habe ich mich jetzt (einen Tag vor der Veröffentlichung dieses Beitrags) dazu entschlossen, doch nicht näher auf die Details dieser Angelegenheit einzugehen, weil sie ein schlechtes Licht auf einen anderen Musiker werfen würden. Und mein ursprünglicher Schlußsatz dieses Abschnitts hatte sinngemäß gelautet, daß solch ein Verhalten bei Willi undenkbar gewesen wäre, weil er ein sehr gutes Gespür dafür hatte, worauf es bei Freundschaft wirklich ankommt.]

Ich habe Willi immer für einen sehr integren und ehrlichen Menschen gehalten, doch zumindest einmal – bei einer total harmlosen Sache – war ich dann doch der Meinung, daß er etwas zu ehrlich gewesen sei. Als ich ihm irgendwann in den 70er Jahren zum Geburtstag mal meinen damaligen Lieblingsakkord „geschenkt“ habe [ein durch Zufall entdecktes, im 5. Bund zu greifendes verträumt-romantisches Amadd9], guckte er nur kurz hin und sagte trocken: „Kenn ich schon.“ Da wäre mir eine kleine Freundschaftslüge doch wirklich lieber gewesen.


Anderes (2)

Zum reichhaltig bestückten pelikanesischen Ängste-Arsenal gehörte auch die Sorge, bei (vor allem größeren) Anschaffungen nicht das Richtige zu wählen und mich am Ende wie ein totaler Trottel zu fühlen. Weil ich hin und wieder aber doch mal eine neue Gitarre oder einen neuen Verstärker benötigte, brachte mich das jedesmal in gewisse Nöte, da solch ein Kauf für mich aufgrund meiner finanziellen Lage [ich hatte ja keinen Job, der eine stete Einnahmequelle für mich darstellte] auch immer eine enorme Geldausgabe bedeutete, so daß ich deshalb noch mehr Angst vor einer Entscheidung hatte, weil es ja die falsche sein könnte. Und weil ich Willi so einschätzte, daß er mit derartigen „Problemen“ nichts am Hut hätte und immer wüßte, was er täte, habe ich mir in den 80ern einmal den gleichen Gitarren-Amp und in den 90ern einmal die gleiche Gitarre wie er zugelegt, obwohl letzteres dann doch nicht das gewünschte Ergebnis geliefert hat. Als ich Willi 1995 mal besuchte, war er gerade stolzer Besitzer einer brandneuen akustischen Westerngitarre geworden, deren Klang ich wirklich großartig fand, und weil ich nach 25jährigem Nylonsaitengitarrenspiel beschloß, mich noch einmal einer neuen Herausforderung zu stellen (da das Spielen auf einer Stahlsaitengitarre doch etwas anders ist), besorgte ich mir dasselbe Modell wie Willi und dachte, damit nicht falschliegen zu können. Doch stellte sich im direkten Vergleich leider heraus, daß der Klang doch hörbar anders war; mein Instrument klang zwar nicht schlecht, war aber längst nicht so warm und voll im Ton wie Willis Exemplar. Und um mich zu trösten sagte er dann scherzhaft, daß er mir seine Gitarre ja testamentarisch vermachen könne. Was mich heute, selbst wenn es damals ernst gemeint gewesen wäre, aber auch nicht gerade fröhlich stimmen würde.

Daß sich meine finanzielle Situation mit über 30 schließlich doch noch etwas positiver gestaltet hat, habe ich indirekt übrigens Willi Kissmer zu verdanken. Er hatte sich Ende der 70er Jahre ja dazu entschlossen, das Musikmachen ziemlich hintanzustellen und statt dessen zu versuchen, ganz von seiner Malerei zu leben, was dann auch zu funktionieren schien, so daß er Ende 1983 auch seine vier Volkshochschulgitarrenkurse aufgeben konnte, die ihm bis dahin ein willkommenes Zubrot beschert hatten, nun aber doch mehr einen eher lästigen (da zeitraubenden) Klotz am Bein darstellten. Und ich war dann der Glückliche, der diese vier Kurse ab Januar 1984 übernehmen konnte, was aber ein Zufall und nicht etwa von Willi in die Wege geleitet worden war.
xxxxxDie namhafte Konkurrenz im eigenen Hause (nämlich Peter Bursch) war für zwei meiner (im selben Stadtteil wie seine laufenden) neuen Gitarrenkurse aber wohl doch etwas zu groß, so daß sie nach nur drei Semestern wieder eingestampft werden mußten, während die anderen beiden ehemaligen Kissmer-Kurse in Duisburg Buchholz noch 16 Jahre lang unter meiner Leitung weiterexistierten, bevor sich im Duisburger Süden dann ebenfalls nicht mehr genügend Teilnehmer dafür fanden. Doch wurde die Lücke rasch durch den für mich neuen Standort Rheinhausen geschlossen, während ich in Stadtmitte längst auch schon die ehemaligen Burschkurse übernommen und ausgebaut hatte. Aktuell sind pro Semester acht pelikanesische Gitarrenkurse an der Duisburger Volkshochschule im Angebot, die ich – trotz erreichtem Rentenalter von 65 Jahren (nur leider ohne nennenswerte Rente) – auch noch lange nicht aufzugeben gedenke. Willi hat mir mal gestanden, daß er nie so lange wie ich hätte durchhalten können, weil ihn das Unterrichten nie wirklich befriedigt habe, doch habe ich einfach das Glück gehabt, nach 15 bis 20 Jahren noch meine inzwischen erblühlte große Liebe zu dieser Tätigkeit zu entdecken, als ich merkte, wieviel Spaß ich daran hatte, immer noch dazuzulernen und auf diesem Wege auch immer noch besser werden zu können.


Musik (3)

In den 80er Jahren gab es außer einer Eschhaus-Heiligabend-Session nur noch einen weiteren Auftritt mit Willi zusammen, der dafür aber um so schöner war. Im August 1988 feierte ich mein erstes großes Bühnenjubiläum [das auf der CD „Showtime in Neumühl“ verewigt ist] mit Scarabäus Zubiss, den neuen (diesmal deutschsprachigen) Hollywood Rats und den (nur für diesen Abend noch einmal zusammengestellten) Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars, letztere mit Willi Kissmer. Und auch wenn Willi damals seit Jahren schon nicht mehr in einer Band gespielt hatte, hatte er das Gitarrespielen noch nicht verlernt, wie das nachfolgende kleine Klangbeispiel von diesem Abend überzeugend belegt.

Willi Kissmer on lead guitar:

willisolo.mp3

Eine bestimmte Sache bei diesem Auftritt werde ich nie vergessen: Willi sollte das Solo bei „Under My Thumb“ spielen, und weil dessen Länge nicht vorgegeben war, sollte er mich ansehen, wenn er damit zu Ende war, weil wir dann direkt in den andersakkordfolgigen [wat is’n dat für’n Wort?] Refrain übergehen wollten. Also, Willi begann sein Solo und guckte mich sofort an, stierte die ganze Zeit über genau durch mich hindurch, weil dieser stiere Blick halt Willis Art war, sich beim Leadgitarrespielen zu konzentrieren. Den Einstieg in den Refrain haben wir dann [wie auf der CD deutlich zu hören ist] auch fröhlich versemmelt, doch war das gar nicht so schlimm, weil der Rest der Nummer nämlich echt prima gewesen ist (wie die anderen Songs mit Willi auf dieser CD übrigens auch).

1990 hatte in Duisburg eine neue Kneipe namens Steinbruch eröffnet, die in ihrer Anfangszeit dermaßen schlecht lief, daß der Pächter eines Tages den Schlagzeuger Lucky Ruhnau fragte, ob dieser nicht mal mit einer Band dort Musik machen könne, um den Laden ein wenig bekannter zu machen. Und weil Lucky damals gerade keine Gruppe hatte, trommelte er einfach ein paar seiner aktuellen Lieblingsmusiker zusammen, und so kam es zum ersten Auftritt der „Galaktischen Giganten“, die bei ihrem Debut aus sieben Leuten bestanden, von denen vier Gitarre spielten: Greg Henley, Holger Karen, Willi Kissmer und Pelikan. Diese Session-Band [deren Maxime es zu meinem Leidwesen war, nie zu proben] blieb dann bis 1998 in immer wieder leicht variierenden Besetzungen zusammen und spielte 2016 noch einmal [diesmal aber mit vorheriger Probe: Hurra!] groß beim Lucky-Day-Konzert im Grammatikoff auf, was dann das letzte Mal war, daß ich mit Willi zusammen auf einer Bühne gestanden habe. Damals war bei ihm schon Krebs festgestellt worden, doch als ich ihn ein Jahr später zum letzten Mal in seinem Turm besuchte, schien es ihm noch ganz gut zu gehen. Er machte allerdings (auch in den paar noch folgenden Telefonaten) immer wieder mal Andeutungen darüber, daß seine Zeit wohl nicht mehr ewig währen würde.
xxxxxZwei Tage vor seinem Tod hätte ich ihn mit einem Freund zusammen noch mal im Hospiz besuchen können, doch hatte ich zuviel Angst davor und habe mich am Ende einfach nicht getraut. Mein Freund erzählte mir später, daß das wahrscheinlich auch ganz gut so war, weil diese zuletzt eigentlich nur noch Hülle eines Menschen nicht mehr viel mit dem Willi, den wir kannten und liebten, zu tun hatte.

Eine kleine Anekdote habe ich noch: Irgendwann in den 90er Jahren war ich bei Willi zum Schachspielen, als das Telefon klingelte. Willi nahm ab:
xxxxx„Kissmer.“
xxxxxJemand wollte in Erfahrung bringen, wie teuer seine Bilder seien.
xxxxxWilli: „Ab 5000 DM.“
xxxxxUnd drei, vier Sekunden später sagte Willi: „Hallo? Sind Sie noch dran?“
Und ich werde niemals Willis Gesichtsausdruck dabei vergessen, der am besten als Mischung aus leicht überrascht und spitzbübisch amüsiert wiedergegeben werden kann, während ich dabeigesessen habe und ziemlich stolz darauf gewesen bin, einen Künstler, dessen Bilder ab 5000 DM [einer Summe, die fast der Hälfte meines damaligen Jahresgehalts entsprach] kosteten, persönlich zu kennen und sogar als Freund bezeichnen zu können.

Am heutigen 24. Dezember wäre Willi Kissmer 67 Jahre alt geworden.