How To Be A Happy Man

Ende Oktober 2018

Nun ist also das, was mir mit 20 oder 30 noch völlig undenkbar war, eingetreten: Ich bin 65 Jahre alt geworden. Irgendwann mal dieses Alter zu erreichen hatte ich zwar nicht für völlig unmöglich gehalten, doch tatsächlich mal 50, 60 oder sogar 65 Jahre alt zu sein ist für mich früher nie vorstellbar gewesen. Ging einfach nicht. Außerdem wollte ich sowieso nicht so alt werden, weil die wenigen alten Menschen, die ich damals kannte, alle keine Ziele mehr zu haben und nur noch vor dem Fernseher zu hängen und auf das Ende zu warten schienen. Da war ich dann ganz bei den Who: I hope I die before I get old (My Generation).

Nun, ich habe Glück gehabt, mir geht’s im Kopf noch richtig gut und ich bin seit einigen Jahren tatsächlich (und in dieser Beständigkeit sogar zum ersten Mal in meinem Leben) ein glücklicher Mensch. Ich habe offenbar meinen Seelenfrieden gefunden und lebe jetzt so, wie ich es mir vor mehr als 50 Jahren schon erträumt hatte: als Schriftsteller; denn Literatur ist meine erste große Liebe gewesen [Musik dann meine zweite, die inzwischen aber nur noch eine Nebenrolle spielt und hinter Literatur und Filmen auf die dritte Stelle meiner Lieblingskünste zurückgefallen ist]. Zwar habe ich als Schriftsteller kaum finanzielle Erfolge vorzuweisen [1982 mal 100 DM für den Gewinn des „Text des Monats“ der Stadtbibliothek Duisburg / & 1986 noch einmal 100 DM bei einem Dortmunder Lyrik-Wettbewerb], doch ist finanzieller Erfolg ja auch nicht das Wichtigste, wenn man das tun kann, was man liebt. Und so verbringe ich täglich 4 bis 7 Stunden am Schreibtisch (bevor ich an drei Tagen in der Woche leider abbrechen und mich zu meinen Gitarrenkursen nach Stadtmitte und Rheinhausen auf die Fahrradsocken machen muß).

65, das ist das Alter, über das es in meiner Jugend hieß, daß man seine Lebensarbeit geleistet und sich in den Ruhestand zurückzuziehen habe, um seine Rente zu genießen oder so. Meine Geldverdienarbeit ist (seit 1977) das Gitarrenunterricht-Geben [meine Ein-glücklicher-Mensch-sein-Arbeit jedoch vor allem die Schreiberei], und weil ich bei der VHS mit 65 nicht automatisch rausgeschmissen werde, mache ich – da ich noch wirklich Lust dazu habe und auch immer noch besser werde – einfach weiter. [Von meiner zu erwartenden Rente würde ich ohnehin nicht einmal die wirklich günstige Wohnungsmiete bezahlen können…]

Eines der schönsten Komplimente, das ich je bekommen habe, stammt von Sternhagel, dem Gitarristen der in Duisburg mal recht bekannten Duisburg City Rock ’n‘ Roll All Stars: „Pelikan? Auch so’n Erfolgsverweigerer. Der hätte sauerfolgreich sein können, auf irgendeine Art…“
xxxxxErfolgsverweigerer, gefällt mir. Allerdings hat mein heutiger Nicht-gerade-top-Status wohl mehr damit zu tun, daß ich immer viel zu „nett“ und naiv und ängstlich und als Geschäftsmann eine furchtbare Niete gewesen bin. Businessmäßiges Hauen und Stechen und Ellbogen einsetzen ist mir schon immer zuwider gewesen, und als Konsequenz daraus könnte ich heute kockett damit prahlen, daß ich noch nie im Leben Steuern gezahlt habe, da ich noch nie genug verdient habe. [Allerdings habe ich auch noch nie Hilfe von Vater Staat in Anspruch genommen, weil sich meine Eltern viel zu einfach und viel zu berechenbar als „Sponsoren“ hatten ausnutzen lassen.]

Doch früher habe (natürlich) auch ich mit dem ganz großen Erfolg geliebäugelt, denn ich wollte ja nicht so was langweiliges wie Gitarrenlehrer oder so werden. In den 70er Jahren war mein Traum Rockstar,

[Mein Vater sagte immer schon:
„Im Leben braucht man Sicherheit.
Was willst du denn mal werden, Sohn?
Denn so langsam wird es Zeit.“
xxxxx„Ein bißchen noch zur Schule geh’n,
ich hab noch kein besond’res Ziel,
erst mal schau’n und dann mal seh’n,
ich werd schon merken was ich will.“

Und ich weiß jetzt wohin,
wo ich sein kann wie ich bin,
wo ich meine Angst verlier‘,
wo ich fühl daß ich gewinn‘,
und das ist hier [auf der Bühne].
xxxxxPelikanesische Übertragung von „Finally Found A Home“ von Huey Lewis & the News]

in den 80ern Rockstar und Schriftsteller,
xxxxx[Ich habe damals dreieinhalb Jahre an einem Wildwestroman gesessen und ihn tatsächlich auch fertiggestellt, doch war das Ergebnis leider nicht so gut wie erhofft, so daß das Werk bis heute in der Schublade geblieben ist, obwohl ich seine (allerdings recht leichtgewichtige) Story immer noch sehr liebe.]

in den 90ern nur noch, vom Alkohol wegzukommen,
xxxxx[was ich seit dem 27. März 2001 auch geschafft habe!]

und im neuen Jahrhundert, vor allem erwachsen zu werden (mit erster eigener Wohnung und so) und zu versuchen, das bisher Erreichte nicht ganz so gering zu schätzen. Und so habe ich – um den Beweis zu liefern, als Duisburger Songwriter [mit rund 250 Eigenkompositionen] wirklich existiert zu haben – von 2008 bis 2015 meine (durch eine kleine Erbschaft nach dem Tod meiner Mutter erst möglich gewordene) 6teilige CD-Reihe mit überwiegend alten Live-Aufnahmen herausgebracht. Zwar ist keine der Scheiben richtig toll zu nennen, doch war das Projekt auch mehr als Songwriter- und Band-Werkschau angelegt, in der neben den eigenkompositorischen Perlen auch die nicht ganz erstligareifen Lieder ihre Existenzberechtigung haben sollten.
xxxxx[Ich habe – Stand: Oktober 2018 – zwar nur 51,7 Prozent der Gesamtkosten wieder eingenommen, doch ist das Wichtigste für mich ja gewesen, daß ich mir endlich doch noch einen schon so gut wie begraben gewesenen alten Traum erfüllen konnte: eine eigene Schallplatte!]

Als die CD-Reihe [mit insgesamt 67 Eigen- und 34 Fremdkompositionen] im Sommer 2015 abgeschlossen war, machte ich mich daran, mir nun ein Schreibprojekt zu suchen, weil ich als Schriftsteller in Duisburg noch etwas zu beweisen hatte. Seit meinem letzten veröffentlichten Buch („Herzlichen Glückwunsch“, 1982) waren ja schon einige Jahrzehntchen ins Land gegangen, doch hatte ich in der ganzen Zeit – selbst in den depressiven Phasen meiner alkoholdurchtränkten Midlife-Krise in den 90er Jahren – nie völlig mit dem Schreiben aufgehört und spätestens nach den mehr als 100 Bookletseiten meiner CD-Reihe das Gefühl, einen deutlichen Niveauschritt nach vorne getan zu haben. Und das finde ich bei der aktuellen Arbeit am neuen Buch (Titel: „In Ermangelung eines aldebaranischen Sternenhimmels“, Erscheinungsjahr: 2020 oder ’21) auch immer noch bestätigt.

Zuvor wird 2019 allerdings noch „Im Bann der Subdominante“ erscheinen, eine neue Pelikan-CD, die 17 Eigenkompositionen enthält (von denen 14 noch unveröffentlicht sind, da keine vernünftigen Aufnahmen davon existierten oder sie erst in den letzten Jahren geschrieben worden sind), die ich 2017 und 2018 (bis auf drei Bonussongs von 1980) neu eingespielt habe.

„65 und keine Ziele mehr und nichts mehr zu tun“ war ja mein jugendlich irriger Glaube, die allgemeine Situation beim Eintritt ins „Rentenalter“ betreffend, doch wenn ich für ein neues Pelikan-Buch mit ca. 3 Jahren Schreibzeit rechne, habe ich bereits genügend Ideen für ein weiteres Jahrzehnt auf Lager. Ihr braucht euch für die Zukunft um mich als Künstler also keine Sorgen zu machen [wenn man den finanziellen Aspekt mal außer acht läßt], denn solange ich noch denken und sehen und schreiben kann, habe ich alle Aussichten, auch weiterhin ein glücklicher Mensch zu sein.

Stichwort glücklicher Mensch: Zum Abschluß dieses „Wie läuft’s denn so mit 65?“-Beitrags möchte ich euch noch den Text eines Liedes von der kommenden CD vorstellen, das zur Fertigstellung 42 Jahre benötigt hat. Die erste Strophe habe ich im Frühjahr 1973 verfaßt, während der Rest im April und Oktober 2015 hinzugekommen ist.

 

How To Be A Happy Man

1) Here I am, a young guy, who didn’t finish school
I don’t have any plans for life, just wanna play it cool
good morning, mother sun, thank you for the day
good morning, mother sun, now I’m gonna take this day away
a lot of freaks all around in the streets
I think there are some friends of mine I will meet
hello, Mr. Dealer, do you have some shit today?
I’d like a piece for 10 and then I’m going to smoke the day away

2) I woke up this morning with a tear in my eye
I’m thirty years of age now and I wish it were a lie
I luckily quit drugs about ten years ago
it didn’t change my way of life, I’m still moving rather slow
I’m writing stories and I play my guitar
I still dream my dream of becoming a star
I don’t think of tomorrow cause I live from day to day
the future might bring sorrow so let’s take a guitar and make it play

3) Now it’s ten years later and things are going wrong
I still live with my parents without knowin‘ where I belong
my novel wasn’t published, my band was no hit
I’m giving guitar lessons, but it’s just a job, I must admit
so what’s it all about when nothing’s pleasing me
my dreams are over and I’m drinking heavily
I need to ease my mind cause I’ve got so much to hide
to keep myself from feeling that emptiness inside

I have been hoping for years
to find that one true romance
so I searched in ev’ry woman that I met for my last chance
to become a happy man

4) The years went by and slowly I got something quite clear
my life was ruled by alcohol, by weakness and by fear
then I finally reached the point, the moment of fate
when I met my future as I found out it was not too late
to change my ways, to be my own best friend
to bring that drunkard’s misery to an end
to stop my senseless waiting, to give things a try
to make myself believe that I could solve all my problems by and by

5) And now with over sixty I found my place in the sun
I didn’t touch any alcohol since two thousand and one
and I’m trying not to waste my time like I did before
not to wait for miracles to manage all I’m looking for
I no longer need to be famous at all
don’t need great success, no golden records on the wall
I really like my work, teaching how to play guitar
and I still love writing, so I’m following my star

For me the meaning of life
is individuality
because working on my talents was the perfect way to see
how to be a happy man