100. Geburtstag von J. D. Salinger

Ich habe mir Geburtsdaten nie gut merken können – außer denen von zwei meiner amerikanischen Lieblingsautoren, weil die Zahlenlogik darin so bestechend einfach war: „1, 1, 19, 19“ und „11+11=22“. Am 11. November 1922 ist Kurt Vonnegut geboren worden, und am 1. Januar 1919 J. D. Salinger. Und letztgenanntes Datum jährt sich heute zum hundertsten Mal.

Sein bekanntestes (und von den meisten auch als sein bestes Buch erachtetes) Werk ist zweifelsohne „Der Fänger im Roggen“ (1951), doch habe ich persönlich „Franny und Zooey“ (1961) immer viel lieber gehabt. Außer diesen beiden Bänden liegen noch „Neun Erzählungen“ (1953) und „Hebt den Dackbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt“ (1963) in Buchform vor, und das war’s dann schon. 1965 ist noch eine weitere Erzählung in der Zeitschrift New Yorker abgedruckt worden [„Hapworth 16, 1924“, die aber leider nicht besonders gut ist. Mein Freund Ralph hatte sie mir mal zum Geburtstag geschenkt: einfach die Zeitschrift per Fernleihe in der Stadtbibliothek bestellt und dann die entsprechenden Seiten fotokopiert.], und das war’s dann wirklich, denn seitdem hat Salinger nichts mehr veröffentlicht. Ihm waren der in erster Linie am Geschäftlichen orientierte Literaturbetrieb und die auf seine Person zielende öffentliche Aufmerksamkeit im Laufe der Jahre immer unsympathischer geworden, so daß er dem Ganzen im Alter von 46,5 Jahren [nach den schlechten Kritiken zu „Hapworth 16, 1924“] einfach komplett den Rücken gekehrt und seine vielen Fans (die ihm auch längst viel zu aufdringlich und lästig geworden waren) fortan mit lebenslangem Schweigen gestraft hat. Salingers zwischen Buchdeckeln veröffentlichtes Gesamtwerk umfaßt (die deutschen Taschenbuchausgaben zugrunde gelegt) lediglich 571 Seiten, und dennoch gehört er zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren (wie ich zumindest vermute).

Ich kann leider nicht genau sagen, weshalb mich Salingers Prosa so fasziniert, doch fühle ich mich bei der Lektüre seiner Bücher immer irgendwie wohltuend zuhause.
xxxxxHier als kleine Leseprobe der Anfang von „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute“:

Eines Nachts vor etwa zwanzig Jahren während eines Überfalls von Mumps auf unsere riesige Familie wurde meine jüngste Schwester Franny mit Bettchen und allem Drumherum in das offenbar bazillenfreie Zimmer geschoben, das ich mit meinem ältesten Bruder Seymour teilte. Ich war fünfzehn, Seymour war siebzehn. Etwa um zwei morgens wurde ich vom Schreien der neuen Zimmergenossin geweckt. Ein paar Minuten blieb ich ruhig und tatenlos liegen und horchte auf das Gebrüll, bis ich hörte oder fühlte, wie Seymour sich im Nebenbett rührte. Damals hatten wir auf dem Nachttisch zwischen unseren Betten immer eine Taschenlampe liegen: für Notfälle, die, soweit ich mich erinnere, nie eintraten. Seymour knipste die Lampe an und stand auf. „Mutter hat gesagt, die Flasche stände auf dem Herd“, sagte ich. „Ich hab sie ihr schon gegeben“, sagte Seymour. „Hungrig ist sie nicht.“ Er ging im Dunkeln zum Bücherregal hinüber und ließ den Strahl der Lampe langsam an den Stapeln hinauf- und hinuntergleiten. Ich setzte mich auf. „Was willst du tun?“ fragte ich. „Vielleicht lese ich ihr etwas vor“, sagte Seymour und nahm ein Buch heraus. „Um Himmels willen“, sagte ich, „sie ist zehn Monate alt.“ – „Ich weiß“, sagte Seymour, „zehn Monate alte Kinder haben Ohren. Sie können hören.“

Das Übersetzen der in Deutschland zwischen 1962 und ’66 herausgekommenen Salinger-Bücher haben (mit Ausnahme von sechs von Elisabeth Schnack übertragenen Erzählungen) Annemarie und Heinrich Böll vorgenommen.
xxxxxZwischen 2003 und 2012 ist Salingers Werk dann ein weiteres Mal (von Eike Schönfeld) ins Deutsche übertragen worden, doch halte ich lediglich Schönfelds Neufassung des Fängers für besser (wegen der etwas frecheren und moderneren Sprache) und bleibe ansonsten der alten Böll’schen Übersetzung treu.
xxxxxDas beste Buch über Salinger ist meiner Meinung nach „Salinger. Ein Leben“ von David Shields und Shane Salerno.

Jerome David Salinger ist im Januar 2010 im Alter von 91 Jahren gestorben, hat nach seinem 1965 beschlossenen Veröffentlichungs-Boykott also 44,5 Jahre lang geschwiegen, soll in dieser Zeit aber nicht untätig gewesen sein und – da er nun mal mit Leib und Seele Schriftsteller war – munter weitergeschrieben haben. Nach allerdings nicht offiziell bestätigten Informationen sollen noch fünf oder sechs vollständig abgeschlossene Manuskripte ihrer postumen Veröffentlichung harren, und ich hoffe sehr, daß ich noch so alt werde, um davon auch noch etwas lesen zu können.

Lang lebe die Kunst von J. D. Salinger!