Mein kleiner Woodstock-Auftritt

Januar 2020

Im Sommer des vergangenen Jahres fand auf einem abgelegenen Acker im Duisburger Süden das (von der lokalen Presse anscheinend vollkommen ignorierte) „Duisburger Amateurmusiker feiern 50 Jahre Woodstock“-Festival statt. Einer meiner Schüler aus dem Gitarrenanfängerkurs hatte mich darauf hingewiesen. Vielleicht wird das ja ganz nett dort, dachte ich, und ging mal hin. Das Wetter war gut, und die Musik, wie versprochen, amateurhaft. Und als ich (da mich offenbar niemand zu erkennen oder mich wenigstens mit – wie früher häufiger geschehen – Peter Bursch zu verwechseln schien) schon überlegte, wieder nach Hause zu gehen und mir lieber einen dummen Film im Fernsehen anzuschauen, sah ich plötzlich meine Chance. Zwischen den Auftritten der Creedence Clearwater- und der Greatful Dead-Revivalband entstand eine unerwartete Pause (weil Jerry Garcia geschlagene zehn Minuten lang nicht aufzutreiben war), und die wollte ich nutzen, um diesen Anfängern mal zu zeigen, was ’ne Harke war. Und so sprang ich auf die (angesichts meines großväterlichen Alters glücklicherweise nur treppenstufenhohe) Bühne, machte meinen Luftgitarrenkoffer auf und … mußte entsetzt feststellen, daß ich das Instrument wohl nach dem heutigen Einüben des Star-Spangled Banner zu Hause vor dem Spiegel stehengelassen und einzupacken vergessen hatte (was bei kompletter Durchsichtigkeit ja schon mal passieren kann). Also machte ich den Koffer wieder zu und tat geistesgegenwärtig so, als wenn ich ein am Boden liegendes Kabel zu überprüfen hätte, richtete mich dann wieder auf, sprach „1, 2, 3, Test“ ins Mikrophon, streckte meine Faust mit dem erhobenen Daumen in die Richtung, in der das Mischpult vermutlich aufgebaut gewesen wäre, wenn der Veranstalter sich eins hätte leisten können, und ging wieder ab. Niemand klatschte, niemand schien meinen kleinen Auftritt überhaupt bemerkt zu haben. Und so blieb ich dann auch nicht mehr lange und machte mich, als Jerry Garcia seine ersten krummen Töne erklingen ließ, auf den Heimweg und dankte dem großen Musikgott dafür, daß er mich vor mehr als vier Jahrzehnten schon dem erbärmlichen Status eines reinen Amateurmusikers, den niemand auf der Welt kennt, glücklich enthoben hatte.