Der Akkord des Monats März (3/13)

Abkürzungen: Z = Zeigefinger, M = Mittelfinger, R = Ringfinger, K = Kleiner Finger

Der heutige Akkord des Monats ist der G-Dur-Griff, der schwierigste und (für mich deshalb) wichtigste Griff in meinen (inzwischen ja der Vergangenheit angehörenden) Gitarren-Anfängerkursen. Da meine ersten Kurs-Lieder in der Tonart D-Dur gewesen sind, hießen die dazugehörigen Akkorde [in Form der Tonika, Dominante und Subdominante / mehr zu diesem Thema im nächsten Monat] D, A und G, von denen letzterer allein deshalb schon etwas Besonderes darstellt, weil er sich auf zwei völlig verschiedene Arten greifen läßt: auf eine leichtere und eine deutlich schwerere. Und ich habe in meinen Gitarrenkursen immer nur die klassische – das ist die schwerere – Variante gelehrt, da diese sich (vor allem in späteren Kursen ersichtlich) als deutlich günstiger erweist. Im Leben ist der einfachste Weg (des geringsten Widerstandes oder so) ja auch nicht immer der beste, was definitiv auch auf das G-Dur-Greifen beim Gitarrespielen zutrifft!

Mit obigem G ist in meinen Kursen zum ersten Mal ein Griff aufgetaucht, bei dem [schlechte Nachricht 1:] der sicherste Finger (Z) überhaupt nicht benutzt werden darf und [schlechte Nachricht 2:] auch noch der kleine Finger K (der üblicherweise der untrainierteste und deshalb schwächste von allen ist) zum Einsatz kommen muß. Und weil die nebeneinanderliegenden Finger R und K bei diesem Griff auf den am weitesten voneinander entfernt liegenden Saiten agieren müssen, fällt es Anfängern meistens ziemlich schwer, den K (während der zuerst aufzusetzende R auf der obersten Saite verbleiben soll) so stark zu beugen, daß er die unterste Saite (a) einerseits erreicht und (b) auch noch herunterzudrücken vermag. Und vermutlich benutzen deshalb viele Gitarrenanfänger [oder einfach, weil sie es mündlich, in Büchern oder im Internet nicht besser erklärt bekommen haben?] den leichteren G-Griff, bestehend aus: Z statt M, M statt R, und R oder K auf der untersten Saite. Und auch Kursteilnehmern mit Vorkenntnissen war meistens nur diese leichtere Variante bekannt. So daß es in der Stunde, in der ich den G-Griff vorgestellt habe, meine vordringlichste Aufgabe gewesen ist, allen Schülern überzeugend klarzumachen, weshalb das schwere G besser als das leichte ist.

Wenn man keine Akkorde, sondern nur einzelne Töne nacheinander spielen wollte, würde die Grundstellung der linken Hand (über dem Hals schwebend) so aussehen, daß der Z im 1. Bund [„Bünde“ nennt man die durch das Bundstäbchen abgegrenzten Felder auf dem Gitarrenhals. In obiger Zeichnung befindet sich der M beispielsweise im 2. Bund, während R und K im 3. Bund liegen] greifen könnte, während der M für das Greifen im 2. Bund bereit wäre, der R für die Töne im 3. und der K für die im 4. Bund.
xxxxx[Für den 5. Bund ist natürlich kein Finger mehr vorhanden, doch ließen sich die dort ansässigen Töne auch auf der jeweils darunter liegenden Saite [meist leer angeschlagen] erzeugen, so daß man die Lage der Hand, um vom tiefsten bis zum 29. Ton (in Halbtonschritten gerechnet / dazu mehr im April-Beitrag) zu gelangen, überhaupt nicht verändern müßte.]
xxxxxUnd ähnlich soll das auch beim Akkorde greifen gehandhabt werden: Auch da soll der Z für den 1. Bund zuständig sein, der M für den 2. und der R für den 3. (während der 4. Bund bei den „normalen“ Griffen nicht benutzt wird). Dieses Fingerzuordnungssystem ist allerdings nur selten perfekt anwendbar, da bei den meisten Griffen zwei (manchmal sogar drei) Saiten im selben Bund gedrückt werden müssen.

Wenn ich den G-Griff nun auf die leichte Art (mit Z, M und R-oder-K) greifen würde, stünde mir kein Finger mehr für eine bisweilen nötige Tonerzeugung im 1. Bund zur Verfügung, was sich z. B. beim Akkordwechsel von G nach G7 recht uncool auswirkte, weil dann alle Finger versetzt werden müßten und einen insgesamt ziemlich weiten Weg zurückzulegen hätten, wohingegen ich [gute Nachricht 1:] beim klassisch gegriffenen schweren G lediglich den K wegnehmen und den Z auf der untersten Saite (im 1. Bund) hinzufügen müßte, während M und R einfach liegenbleiben würden. Und auch bei den (allerdings erst in späteren Kursen vorkommenden) Wechseln von G nach C und von G nach F ist der [gute Nachricht 2:] weniger weite Weg für die einzelnen Finger beim schwereren G [im Vergleich zum erheblich größeren Umgreif-Aufwand bei der Benutzung des leichteren G-Griffs] von unleugbarem Vorteil, was ich im Gitarrenkurs in der ersten G-Stunde dann (mit sämtlichen oben genannten Wechselbeispielen) auch immer schön deutlich demonstriert habe.
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Und zum Abschluß meiner Erläuterungen, weshalb sich das schwere G in den kommenden Kursen als das bessere erweisen wird, habe ich noch das Intro von „Father And Son“ von Cat Stevens vorgespielt, bei dem man [gute Nachricht 3:] relativ leicht und elegant vom schweren G zum [per M-und-Z-Hammering] G-Quartsextakkord [in Tabulaturnotation: 3-x-2-0-1-3] gelangen kann, was sich vom leichteren G aus dagegen überhaupt nicht sauber klingend bewerkstelligen läßt. Und danach hatte dann wirklich jeder meiner Schüler verstanden, weshalb er dem schwereren G den Vorzug geben sollte.
xxxxx[P.S.: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags erreichte mich die Frage, wie man obigen Quartsextakkord denn spielen könne, wenn die 2. Saite von oben nicht zu hören sein darf. Antwort: Indem man den Ringfinger auf der obersten Saite so leicht schräg hält, daß er die darunterliegende Saite berührt und somit beim Anschlagen „tonlos“ macht.]

G ist in meinen Anfängerkursen (nach zuvor D und A) ja der insgesamt dritte Griff gewesen, jedoch der erste, bei dem der Grundton des Akkordes sich nicht auf einer leeren Saite befindet, sondern erst noch von einem draufzulegenden Finger (in diesem Fall auf der obersten Saite im 3. Bund) erzeugt werden muß. Und weil der immer im Baßbereich (also oben) befindliche Grundton eines Akkordes bei bestimmten Spieltechniken zuerst angeschlagen wird, sollte dieser Ton [wenn er wie beim G erst noch gegriffen werden muß und nicht (wie bei D und A) auf einer leeren Saite liegt] logischerweise auch zuerst (und nicht erst an zweiter oder dritter Stelle) abgedeckt werden. Und diese Aufgabe fällt beim G-Griff dem noch sehr ungeübten und deshalb auch ziemlich unsicheren R zu, was für den Anfänger erst mal recht schwierig ist [doch ist der leichteste Weg ja nicht immer der beste], jedoch auch schon ein gutes Training [die schwächeren Finger müssen gestärkt werden] für das in späteren Kursen gewünschte gleichzeitige Aufsetzen der Finger beim Akkorde greifen darstellt. [Was auch im Januar-Beitrag schon ausführlicher erklärt worden ist.]

Um es meinen Schülern in dieser frühen Phase des Kurses aber nicht so irre schwer zu machen, habe ich in der Stunde, bevor das komplette G vorgestellt wurde, erst mal mit dem „Vorstufen“-Griff G6 begonnen (3-2-0-0-0-0) [also einem G, bei dem die unterste Saite frei bleibt], wobei ich ausdrücklich darauf hingewiesen habe, daß zuerst der Ringfinger (auf die oberste Saite) gesetzt werden muß [ganz der im Januar-Beitrag vorgestellten Pelikanesischen Regel entsprechend, daß immer der (beim jeweiligen Griff) am weitesten oben zu liegen kommende Finger zuerst aufgesetzt werden soll], und danach erst der Mittelfinger (auf die zweite Saite von oben) [um die schwächeren Finger – der R ist schwächer als der M – zu trainieren und unabhängig(er) von den anderen zu machen], während der Zeigefinger bei diesem G6Griff überhaupt nicht verwendet werden darf, da er für einen möglichen Einsatz im 1. Bund zur Verfügung stehen soll. Und als Lied hatte ich – nachdem eine Woche zuvor der Refrain mit nur D und A drangekommen war – die Strophe von „Go Tell It On The Mountain“ genommen, in dem (in der Tonart D-Dur) neben den Griffen D und A zwar eigentlich G-Dur gespielt werden soll, was hier aber (da der Gesangston an diesen Stellen zufälligerweise passend ist) auch mit dem G6-Akkord sehr gut klingt.
xxxxxUnd eine Woche später muß für den richtigen G-Dur-Griff dann „nur noch“ der kleine Finger hinzugenommen werden.

Etwas problematischer ist die Sache mit dem von mir gewünschten G nur manchmal dann geworden, wenn quereinsteigende Teilnehmer (in den Kursen 2 bis 4) lediglich den leichten G-Griff kannten. Diese Personen hatte ich dann davon zu überzeugen, daß das Kennenlernen eines alternativen G-Griffs garantiert nicht schaden könne, sondern im Gegenteil eine besondere Chance böte [welche leider aber nicht alle auch genutzt haben].
xxxxxUnd einmal hatte ich in der ersten Stunde des 2. Kurses sogar mal eine Frau sitzen, die den G-Griff nur mit einem einzigen Finger auf der untersten Saite gespielt hat. „Das ist kein G-Dur“, sagte ich dann. „Doch, das ist G-Dur“, war die überzeugte Antwort. „Nein, das ist kein richtiges, sondern nur ein unvollständiges G-Dur“, hatte ich erwidert, woraufhin die Dame mir mit Nachdruck zu verstehen gab, daß sie diesen Griff von dem bekannten Gitarrenlehrer Peter Bursch [der nämlich genau wie ich in Duisburg lebt und arbeitet] persönlich gezeigt bekommen habe. Doch nützte das leider alles nichts, da es mir bei diesem Kenntnisstand einfach nicht möglich war, sie an meinem Fortgeschrittenenkurs teilnehmen zu lassen, obwohl sie bereits einen ganzen Anfängerkurs hinter sich hatte.

Das „einfingrige G“ kommt in Peter Burschs Gitarren-Anfängerbuch übrigens tatsächlich (und zwar als allererstem Griff) vor, doch darf man die obersten beiden Saiten dann natürlich nicht mitspielen, da sie ja nicht gegriffen sind und deshalb nicht die richtigen Töne haben. Das komplettierte G wird dann ein paar Gitarrenbuch-Lieder später vorgestellt, doch leider nur auf die leichte und in meinen Augen ja deutlich schlechtere Art, was auch einer der Gründe dafür ist, weshalb ich Gitarrenanfänger-Lehrbücher von anderen Autoren bevorzuge.

Immerhin erwähnt Peter aber, daß es auch noch andere Möglichkeiten des G-Dur-Greifens gibt, doch bleibt er dann leider auf halber Strecke stehen.
xxxxxIn der 70er-Jahre-Ausgabe seines Anfängerbuches heißt es etwa: „Es gibt noch mehrere verschiedene Grifformen für G-Dur, die ich jedoch nicht alle anführen möchte.“ Von diesen „noch mehreren“ Formen führt er dann allerdings nicht mal eine einzige an!
xxxxxIn der neubearbeiteten 90er-Jahre-Version macht er es – obwohl er (mit Foto und Akkord-Diagramm) leider immer noch nur das leichte G vorstellt – zumindest am Anfang ein wenig besser: „Andere Gitarristen greifen mit dem Mittelfinger in den 2. Bund der A-Saite, mit dem Ringfinger in den 3. Bund der dicken E-Saite und dann mit dem kleinen Finger in den 3. Bund der dünnen e-Saite.“
xxxxxSo weit, so gut – doch macht er diesen löblichen Hinweis auf das klassische G im nächsten Satz leider schon wieder völlig zunichte: „Probiere es selber aus und entscheide, welche Form für Dich am einfachsten ist.“ Keine Frage, daß das „Bursch-G“ einfacher, da viel leichter zu greifen ist. So daß ohne Anführung von Gründen, weshalb das alternative G sinnvoll sein könnte, sich natürlich NIEMAND von seinen Lesern für die schwerere Variante entscheiden wird. (Also macht er mit obigem Satz tatsächlich mehr kaputt, als wenn er diese andere G-Greifmöglichkeit überhaupt nicht erwähnt hätte. Dabei sollte ein Lehrer seinen Schülern doch eigentlich Möglichkeiten eröffnen anstatt sie zu verschließen.)

Noch ein letzter Punkt:
xxxxxDer häufigste Akkordwechsel zum G wird in der Tonart D vom D-Griff aus erfolgen. Und ein Lehrer sollte darauf achten, daß dabei keiner seiner Schüler den kleinen Finger zuerst drauflegt [die Pelikanesische Gitarrenlehrer-Philosophie ist in diesem Punkt der Bursch’schen also total entgegengesetzt!] – weil das nämlich ein zu Hause [deine Vorgabe des „zuerst den am weitesten oben zu plazierenden Finger aufsetzen“ mißachtend] recht gern gemachter Fehler ist. Da
xxxxx(a) der K bei der D-Griffhaltung ja fast schon über dem Zielpunkt für’s nachfolgende G schwebt und eigentlich nur noch abgesetzt zu werden braucht, und
xxxxx(b) das Aufsetzen des R, wenn der K schon gesetzt ist, etwas leichter vonstatten geht als umgekehrt. Doch auch hier gilt wieder, Abhängigkeiten [in dem Fall vom kleinen Finger] zu vermeiden und das Ringfinger-Beweglichkeitstraining (durch das beim G-Griff gewünschte Zuerst-Aufsetzen) nicht zu untergraben.

Doch sollte ein Lehrer auch im Blick haben, wie sich der K seiner Schüler beim D-nach-G-Wechsel verhält, wenn sich der R zum Greifen nach oben bewegt. In vielen Fällen wird der K dabei nämlich vom R mit nach oben gezogen, wodurch er (K) aber einen Umweg macht und anschließend zum Greifen wieder nach unten zurückgeführt werden muß, obwohl er sich während des vorherigen D-Griffs [falls er dabei nicht ausgestreckt war] doch schon über den richtigen „Koordinaten“ befunden hat.
xxxxx[Das ausgestreckte Abspreizen eines bei einem Akkord nicht benötigten Fingers ist auf jeden Fall zu beanstanden, da es diesem Finger nur einen unnötig weiten Weg zum nächsten Greifpunkt beschert. Beim Greifen nicht gebrauchte Finger sollten immer gekrümmt sein, um sich in (größerer) „Tatort-Nähe“ aufzuhalten.]

Eine gute Übung [um herauszufinden, wie abhängig (oder unabhängig) der K beim G-Greifen vom nach oben gehenden R ist] ist auch, den D-Griff 1-2 cm abzuheben und dann (die Finger in der Luft haltend) zu versuchen, den R nach oben zu bewegen, während der K NICHT mitgehen sondern gekrümmt (in Tatort-Nähe verharrend) bleiben soll. Das wird einigen Gitarren-Anfängern bei ersten Versuchen noch überhaupt nicht gut gelingen, doch wird sich – wenn man diese Übung beibehält und immer wieder mal probiert – die Beweglichkeit des kleinen Fingers im Laufe der Wochen dadurch definitiv verbessern.

Und so viel zum Akkord des Monats März.