Der Akkord des Monats September (9/13)

Und nun also – mit sage und schreibe fünfzehntägiger Verspätung – doch noch der Akkord des Monats September:

Als Lehrer habe ich mich schon mehr als einmal über Ungereimtes und Unlogisches bei Musikregeln gewundert und geärgert, und während ich das meiste davon einfach (machtlos) hinnehmen mußte, habe ich mich in zumindest einem Punkt stets geweigert, der allgemeinen Ansicht zu folgen, und zwar bei der Bezifferung der sechs Gitarrensaiten.
xxxxxJede Saite trägt den Namen des Tones, den sie leer angeschlagen erzeugen soll. Die E-Saite muß also auf E gestimmt werden, die A-Saite auf A usw., was (vom tiefsten Ton an gerechnet) die Folge E, A, D, G, H und E ergibt.
xxxxxWeil ich es aber nicht für sinnvoll erachtet habe, die Teilnehmer meiner Anfängerkurse gleich zu Beginn auch noch mit dem Auswendiglernen der Gitarrensaitennamen zu belasten, habe ich die Saiten erst mal nur durchgezählt. Die (wenn die Gitarre spielbereit gehalten wird) oberste Saite ist von mir dann als die 1. definiert worden, und die unterste Saite folgerichtig als die 6. und letzte. Aus einem mir absolut unerklärlichen Grund zählt die Musikwelt – zumindest Gitarrensaiten- und Stimmgerätehersteller – aber genau andersrum: bei denen ist mit Saite 1 die unterste gemeint, und mit Saite 6 die oberste.
xxxxxUnd diesen Unsinn mitzumachen habe ich mich in meinen Gitarrenkursen einfach immer schon geweigert. Wenn in den ersten Stunden statt A-Dur beispielsweise mal versehentlich ein Esus4 gegriffen worden ist [Tabulatur: 0-2-2-2-0-0], habe ich das korrigiert, indem ich erklärte, daß die Finger erst ab der 3. Saite aufgesetzt werden dürften (was in meinen Kursen dann „ab der D-Saite“ bedeutete und von allen auch immer problemlos verstanden worden war). (Auf die leider übliche Andersrum-Zählweise hatte ich natürlich aber auch hingewiesen.)

Meine Begründungen für den pelikanesischen „Ungehorsam:
a) Die oberste Saite ist die erste, auf die ich schaue (demnach für mich „logischerweise“ Saite Nr. 1).
b) Die oberste Saite ist diejenige, welche beim normalen Anschlag (der üblicherweise von oben nach unten erfolgt) zuerst drankommt (und zuerst kommt halt die 1).
c) Die oberste Saite beherbergt den tiefsten Ton, und bei einem Akkord stellt der tiefste Ton in der Regel die Prime (= Ton Nr. 1 der Tonleiter) dar. Ein Akkord wird klanglich also immer von tief nach hoch errichtet und gerechnet, was der Gitarrensaitenrichtung von meiner 1. Saite an entspricht.
d) Und auch die mir bekannten Gitarrensaitenmerksätze benutzen die Abfolge von oben nach unten. Am bekanntesten dürften im Deutschen wohl diese drei Sprüche sein.
Ein Anfänger Der Gitarre Hat Eifer
Eine Alte Dame Geht Heute Einkaufen
Eine Alte Dame Geht Hering Essen
xxxxxDer erste Satz ist sinngemäß leider nicht zutreffend (wie ich in meiner mehr als 40jährigen Gitarrenlehrertätigkeit schon viel zu häufig habe erfahren müssen) [ein Gitarrist habe Eifer fände ich deshalb definitiv besser], und auch die grammatikalische Seite läßt mich etwas ins Grübeln kommen. Ein „Anfänger der Gitarre“ klingt in meinen Ohren nämlich genauso irgendwie falsch wie „ein Anfänger des Klaviers“ oder „ein Anfänger der Schule“ und ähnliches. Müßte es nicht vielmehr „ein Anfänger des Gitarrenspiels“ heißen?
xxxxxDoch wenn ich derartige „Bedenken“ mal in meinen Kursen zum Ausdruck gebracht habe, ist mir eigentlich immer (nachsichtig lächelnd) entgegnet worden, daß ich das wohl einfach zu verkniffen sähe: es wäre schließlich nur ein Spruch, der seine kleine Aufgabe perfekt erfüllen würde – und keine Literatur oder so. (Doch hatte mich, einen „Wortmensch“ (Autor), dieses Argument nie ganz überzeugen können.)
xxxxx(Ich hab ja sogar „Probleme“ damit, daß ich vermute, daß viele Menschen den Titel eines der bekanntesten deutschen Schlager der 60er Jahre für grammatikalisch völlig in Ordnung halten: „Marmor, Stein und Eisen bricht“.)

Zurück zum Gitarrensaitenmerkspruchthema.
xxxxxEine alte Dame geht heute einkaufen/bzw. Hering essen. Finde ich okay, wenngleich immer noch nicht wirklich toll, so daß ich irgendwann doch mal meinem „Das geht doch bestimmt besser“-Gedanken nachgegeben und einen Termin mit meiner Muse gemacht habe. Und nach einem intensiven kleinen Brainstorming war dann „Ein alter Duisburger Gitarrenlehrer hortet Euros“ geboren, was ich sowohl von der Aussage als auch der Grammatik her absolut einwandfrei finde … und eigentlich sogar fast schon genial, weil deutsche Gitarrenlehrer und -schüler, die statt des inländischen Tones h lieber das international bevorzugte b verwenden möchten, ebenfalls nicht leer auszugehen brauchen: „Ein alter Duisburger Gitarrenlehrer bunkert Euros“ [Dank dafür an meine ehemalige Gitarrenschülerin Monika K., verbunden mit herzlichen Grüßen!]
xxxxx– was uns das Stichwort für die nächste leidige Musikunlogik liefert.

Der 7. Ton der C-Dur-Tonleiter heißt im Deutschen h [wie übrigens auch im Dänischen, Norwegischen, Schwedischen, Polnischen, Slowakischen, Tschechischen, Serbischen, Kroatischen und Ungarischen],
xxxxxim Englischen [als auch Niederländischen und Chinesischen] dagegen b. Das wäre ja gar nicht so furchtbar schlimm, wenn es im Deutschen nicht ebenfalls einen Ton b gäbe, der blöderweise nicht mit dem englischen b identisch ist.
xxxxxDie Benennung der 7 Stammtöne ist irgendwann mal alphabetisch erfolgt, so daß die ursprüngliche (und im Englischen nach wie vor verwendete) Tonfolge a, b, c, d, e, f, g [= die A-Moll-Tonleiter] viel sinnverständlicher daherkommt als die deutsche mit dem „krummen“ a, h, c, d, e, f, g. Im 16. Jahrhundert ist das logische b in mehreren Ländern dann leider zum h verkommen – doch hat dies noch gar nicht das Problem dargestellt, sondern erst die nachfolgend geschilderte Inkonsequenz.

Zwischen den deutschen Stammtönen a und h liegt noch ein weiterer Ton, der auf dem Klavier eine schwarze Taste ist und im Notensystem [weil die Noten(kreise) nur die Stammtöne (= weißen Tasten) darstellen] deshalb nur mittels eines davorgesetzten „#“ (= 1 Halbtonschritt erhöht) oder eines „b“ (= 1 Halbtonschritt erniedrigt) zu erreichen ist.
xxxxxSolcherart erhöhte Stammtöne werden endungsmäßig „is“ gesprochen, während erniedrigte ein „es“ bekommen. Der zwischen a und h gelegene Ton kann also als ais (a#) oder als hes (hb) betrachtet werden. Blöderweise (= die nächste doofe Unlogik) wird ein hes im Deutschen aber nicht hes sondern b genannt. Obwohl – und weiter geht’s mit der Unlogik-Scheiße! – die zweifache Verminderung des Tones h dann doch heses und nicht etwa bes genannt wird.
xxxxxWeil das Intervall von h zum nächsthöheren Stammton c ja nur eine kleine Sekunde ist, lautet die Halbtonschrittfolge von a nach c im Deutschen also entweder a, a#, h, c oder a, b, h, c. Und weil die a#-Definition in der Praxis nur recht selten zur Anwendung kommt, taucht dieser zwischen a und h gelegene Ton meistens als b auf, was die Verwechslungsgefahr mit dem englischen b leider enorm erhöht.
xxxxxDer deutsche Ton h entspricht also dem englischen Ton b, und weil auch im Englischen der darunterliegende Halbton meist als erniedrigtes b (und nur selten als erhöhtes a = a#) gerechnet wird, heißt dieser Ton dann bb („b flat“).
xxxxxEnglische Halbtonschrittfolge: a, bb, b, c.
xxxxxDeutsche Halbtonschrittfolge: a, b, h, c.
Was nun bedeutet, daß immer, wenn in einem Musikstück der Akkord B vorkommt, nicht sofort klar ist, um welches B es sich hier handelt. [Mein Tip (falls ihr nicht über den Weg der Tonartbestimmung und den dazugehörenden Akkorden die Lösung finden wolltet): probiert einfach beide B-Akkorde im Zusammenhang aus und nehmt dann den passenderen.]
xxxxxWenn in einem Lied aber ein H- oder ein Bb-Akkord auftaucht, gibt es keinerlei Erkennungsprobleme, da es sich dann nur um das deutsche H oder das englische Bb handeln kann.
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Nächster Punkt:
xxxxxVor dem B-H-Bb-Durcheinander sind wir ja beim Thema Merksprüche gewesen, von denen es im Musikbereich noch weitere gibt.
xxxxxWenn ihr z. B. nie Noten lesen gelernt oder (wie in meinem Fall nach dem ungeliebten Klavierunterricht in frühen Jahren) sie schon lange wieder vergessen habt und deshalb nicht wißt, welche Note auf und zwischen einer Linie welchem Ton entspricht, dürften folgende Informationen hilfreich sein:
xxxxx(a) Die Noten zwischen den 5 Notenlinien sind (auf dem Blatt von unten nach oben gerechnet / also vom tieferen zum höheren Ton gehend) die Töne f, a, c und e, die man sich mit Hilfe des englischen Wortes FACE sehr gut merken kann.
xxxxx(b) Die durch eine Linie gehenden Noten heißen (ebenfalls von unten nach oben gesehen) e, g, h, d, f, was sich mittels des leider nicht so geläufigen klingonischen Wortes EGHDF leider nicht so gut merken läßt, so daß in diesem Fall wohl doch ein Merkspruch hilfreicher sein dürfte. Der einzige Spruch, den ich dazu aber jemals vernommen habe, lautet „Ein guter Hund, der folgt“ – und wie ihr vielleicht verstehen könnt, bin ich von diesem „Geniestreich“ alles andere als begeistert gewesen, so daß ich wieder mal mit meiner Muse Kontakt aufgenommen habe und am Ende eines erfolgreichen Sitzung schließlich „Ein Gorilla hat dicke Finger“ präsentieren konnte, was ich für viel schicker als das hölzerne Hunde-Teil halte.
xxxxx(Tatsächlich bin ich so angetan davon, daß, wenn dies das einzige sein sollte, was ich der deutschen Musikwelt (nach meinem Ableben) hinterlassen haben würde, ich durchaus nicht unzufrieden wäre. Also nehmt dies zum Hinweis und mehret und verbreitet meinen Wortmensch-Ruhm und verkündet die frohe Botschaft: Ein Gorilla hat dicke Finger.)

Und noch zwei weitere nützliche Musiksprüche, an denen ich ausnahmsweise mal nichts auszusetzen habe [weil ich den zweiten für nahezu perfekt halte und für den ersten (trotz allen Bemühens) einfach (noch) nichts Besseres habe finden können]:
xxxxxGeh Du Alter Esel Hole Fisch
xxxxxFrische Brötchen Essen Asse Des Gesangs
Mit Hilfe dieser beiden Sätze lassen sich z. B. Tonarten bestimmen, was wichtig sein könnte, wenn man mal ein Lied transponieren wollte. [Transponieren = ein Musikstück von einer Tonart in eine andere umschreiben, wodurch als wichtigstes Ergebnis die Gesangsmelodie (je nachdem, was dem Sänger entgegenkommt) höher oder tiefer gelegt wird.]
xxxxxAuf Liederblättern mit Noten ist vorne zwischen Notenschlüssel und Taktangabe die Position der Vorzeichen [Kreuzchen (#) oder Bes (b)] vermerkt, von denen uns zur Tonarbestimmung aber nur die jeweilige Art und Anzahl zu interessieren braucht. Während man einfach nur wissen muß, daß die Tonart C-Dur ganz ohne Vorzeichen auskommt [weil die C-Dur-Tonleiter nur aus Stammtönen, also den „weißen Tönen“ auf dem Klavier, besteht und somit keine (nur durch Vorzeichen erzielbare) Veränderung zu einem „schwarzen Ton“ hin benötigt], hilft der erste Spruch dabei, sich die Tonartenfolge G, D, A, E, H und F# (jeweils in Dur) zu merken, weil jede dieser Tonarten ein Kreuzchen mehr als die nachfolgende aufzuweisen hat: G-Dur kommt mit einem Kreuzchen daher, D-Dur mit zweien, A-Dur mit dreien … und so weiter bis zum F#-Dur mit 6 Kreuzchen. Und der zweite Spruch benennt die noch fehlenden (Dur-)Tonarten F, B, Eb, Ab, Db und Gb, die jeweils (ebenfalls von 1 bis 6 gerechnet) mit Bes (b) bestückt sind.
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Außerdem kann man anhand dieser Merksätze auch noch den (äußeren) Quintenzirkel erstellen. Am „Nordpol“ des Zirkelkreises (also auf 12 Uhr) wird das C „installiert“, gefolgt von (im Uhrzeigersinn) G und dem Rest des Esel-Spruchs, während der Brötchen-Spruch vom C aus entgegen dem Uhrzeigersinn zur Anwendung kommt. Wobei auch noch erwähnt werden könnte, daß die jeweils letzten Buchstaben beider Sprüche klanglich dieselbe Tonart ergeben, da der zwischen F und G liegenden Ton einmal als F#-Dur (für die auf diesem Grundton errichtete Tonleiter mit 6 Kreuzchen) und einmal als Gb-Dur (für die Tonleiter mit 6 Bes) gerechnet wird.
xxxxx[Wie nun aber der vollständige Quintenzirkel (mit auch noch den parallelen Molltonarten im Innenkreis) aussieht und was man sonst noch alles damit anfangen kann, soll hier und heute nicht das Thema sein.]

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Und nun zu etwas völlig anderem!
xxxxxTja, schön wär’s, doch geht’s nachfolgend leider nur mit dem nächsten musikregeltechnischen Unsinn weiter, der sich in der Welt der 7er-Akkorde ereignet. (Ihr erinnert euch noch an Intervalle? Falls nicht, fändet ihr im Mai-Beitrag ein paar grundsätzliche Erklärungen dazu.)
xxxxxWährend die sogenannten reinen Intervalle [Prime, Quarte, Quinte, Oktave] ja nur in einer einzigen Größe existieren, gibt es die übrigen Intervalle [Sekunde, Terz, Sexte, Septime, None, Dezime etc.] sowohl in großer als auch in kleiner Form. Eine große Sekunde beispielsweise (= 1 Ganztonschritt) wird durch die Zahl 2 angegeben, während eine kleine Sekunde mit b2 bezeichnet wird. Die einfachen Zahlen 2, 3, 6, 7, 9, 10 und 13 bedeuten also stets ein großes Intervall, während b2, b3, b6, b7, b9, b10 und b13 für das jeweils um einen Halbtonschritt erniedrigte kleine Intervall stehen.
xxxxxBei der Bezeichnung von Akkorden wird die Logik dieser einfachen und unkomplizierten Regel nun aber leider komplett durchkreuzt, weil die Zahl 7 (als einzige) in der Akkordsymbolschrift nämlich NICHT ein großes Intervall bedeutet, sondern ein kleines – so daß die 7 also eigentlich eine b7 (kleine Septime) ist und ein 7er-Akkord deshalb aus den Tonleiterschritten 1-3-5-b7 besteht. So weit, so seltsam; das muß man einfach hinnehmen, ohne es verstehen zu können.
xxxxxDoch was ist, wenn statt der kleinen Septime mal die große Septime in einem Akkord erwünscht ist? Dann wird die 7 einfach zur „major 7“ (was im englischen nichts anderes als „große Septime“ heißt), die meistens als maj7 oder j7 notiert wird.
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Und jetzt zum (hoffentlich) letzten Verwirrspiel für heute:
xxxxxWenn man einem 7er-Akkord, der ja aus drei aufeinandergesetzten Terzen besteht, noch eine weitere Terz hinzufügt, gelangt man zu einem Nonenakkord, der aus den Tönen 1, 3, 5, b7 und 9 der jeweiligen Dur-Tonleiter besteht und somit einen Fünfklang darstellt. Blöderweise wird ein 7/9-Akkord in der Praxis aber meistens [außer in Pelikanesien und einigen anderen „aufmüpfigen“ Gegenden oder so] nicht komplett ausgeschrieben, sondern lediglich mit der Zahl 9 angegeben, so daß der Hinweis auf die 7 (bzw. b7) also fehlt, obwohl der (ungenannte) Septim-Ton trotzdem immer mitgespielt werden soll (falls ich diese seltsame Regel inzwischen richtig verstanden haben sollte).
xxxxx Weil ich zu meiner Zeit als VHS-Gitarrenlehrer aber noch sehr unsicher war, wie ein 9er-Griff genau zu verstehen sei [da auch die Lektüre von mehreren Theoriebüchern und das Befragen einiger Gitarrenspieler mir keine zweifelsfreie Gewißheit darüber hatte verschaffen können], hatte ich diese meine Unkenntnis in der jeweiligen Unterrichtsstunde lieber offen zugegeben, anstatt womöglich noch (aus ungesundem Halbwissen resultierende) Fake News zu verbreiten.
xxxxxDer Casus knacksus war ein D9-Akkord im Song „Mr. Bojangles“. Der in dem Liederbuch aufgezeichnete Griff [das in Wirklichkeit noch dazugehörende F# im Baß ignoriere ich jetzt einfach, weil es für die Hauptproblematik keine Bedeutung hat und alles nur erklärungsmäßig verkomplizieren würde] besaß neben der None definitiv auch den 7er-Ton (die kl. Septime) [Tabulatur: x-x-0-2-1-0], ohne daß dieser im Akkordsymbol angegeben war. Und ich war damals halt noch unsicher, ob
a) die D9-Bezeichnung dann auch wirklich korrekt war; und falls ja, ob
b) der 7er immer mitgespielt werden mußte oder
c) ganz nach Lust und Laune und Spielbarkeit mit aufgenommen oder weggelassen werden dürfte?
xxxxxIch hatte die Sache im Unterricht dann einfach so „gelöst“, daß ich (nach meiner eigentlich doch etwas peinlichen Nicht-genau-Bescheid-wissen-Erklärung) den Akkord rasch in D7/9 umgetauft habe und dachte, daß damit nun alles korrekt sei.

Als ich in meinem allerletzten Folk-und-Country-Kurs [bevor mich die Coronascheiße im Frühjahr 2020 zum „jetzt doch lieber Rentner werden“ überredet hat] wieder mal mein Mit-D9-nicht-genau-Bescheid-Wissen zugab, empfahl mir ein Schüler eine Webseite, auf der man nur ein Akkordsymbol einzugeben bräuchte und dann umgehend den Gitarrengriff dazu geliefert bekäme; und dann würde ich ja sehen, ob der 7er-Ton auch in dem 9er-Akkord enthalten wäre oder nicht.
xxxxxUnd weil ich diese Idee wirklich gut fand, probierte ich das zu Hause sogleich mit der Eingabe von D9 aus und erhielt nachfolgendes Ergebnis, das ich euch jetzt als Akkord des Monats September präsentieren möchte:

Und wie sich anhand der rechts außen vermerkten Zahlen erkennen läßt, ist die kleine Septime tatsächlich als Bestandteil dieses Nonen-Akkordes gerechnet worden … und inzwischen meine ich auch zu wissen, wie es sich mit der Regel beim 9er-Akkord verhält.
xxxxxMit D9 ist immer ein D7/9 gemeint, weil man bei einem aus Terzen bestehenden und über den Dur- und Molldreiklang hinausgehenden Akkord nur den höchsten Ton anzugeben braucht. [Ich persönlich werde allerdings dabei bleiben, stets die vollständige Bezeichnung (also 7/9) zu notieren, um jegliche Unklarheiten von vornherein zu beseitigen.]

Aber was wäre denn eigentlich, wenn der 7er-Ton beim D9 tatsächlich mal nicht dabei sein soll? Dann dürfte dieser Akkord nicht D9 genannt werden, sondern Dadd9. Das D bedeutete den D-Dur-Dreiklang, während add die Abkürzung fürs englische „added“ (= hinzugefügt) ist und also besagt, daß dem Dur-Dreiklang noch ein Ton (in diesem Fall die None) hinzugefügt werden muß, was dann also einen Vierklang ergäbe [im Gegensatz zum Fünfklang eines D9 (= D7/9)].
xxxxxSo weit, so gut; doch sind wir mit den Merkwürdigkeiten in diesem Beitrag immer noch nicht am Ende, da der in obigem Diagramm dargestellte D9-Griff zwar die korrekten Töne beinhaltet, sich leider aber überhaupt nicht greifen läßt. Zeige- und Mittelfinger müßten dabei nämlich in die Bünde 1 und 2 gesetzt werden (kein Problem), während Ring- und kleiner Finger in den Bünden 4 und 5 zu wirken hätten (riesengroßes Problem). Probiert es aus!
xxxxxUnd wenn ihr zum selben „Ist für meine Finger unmöglich“-Ergebnis kommen solltet, könnte man sich fragen, wie so etwas überhaupt passieren konnte? Wollte uns der Webseiten-Programmierer da womöglich einfach nur verarschen?
xxxxxUnd während ich über diesen Punkt nachgedacht hatte, war mir urplötzlich klargeworden, daß der D9-Griff aus dem Bojangles-Liederbuch (eines bekannten Duisburger Eurohorters) gar nicht korrekt sein konnte, da ein D9-Akkord ja ein Fünfklang ist (Töne: 1-3-5-b7-9), und wie sollte man 5 Töne auf nur 4 Gitarrensaiten unterbringen? Also nahm ich den Griff mal genauer unter die Lupe und stellte fest, daß er aus den Tönen 1-5-b7-9 bestand und der Terzton (der beim normalen D-Dur auf der letzten/untersten Saite im 2. Bund gedrückt wird, hier aber leer erklingt) somit fehlte.
xxxxxDoch wenn in einem Akkord eine 9 (None) vorkommt, die 3 (Terz) jedoch entfällt, wird die 9 nicht als am Ende des Akkordgebildes noch obendrauf gesetzter Ton angesehen, sondern eine Oktave tiefer als 2 (Sekunde) gerechnet [2 und 9 haben den (nur eine Oktave auseinander liegenden) gleichen Ton (genau wie 1 und 8, 3 und 10, 4 und 11 usw.)], um die durch das Fehlen der 3 entstandene Tonlücke zwischen der 1 und der 5 zu schließen. Ein solcher Akkord ist dann ein sogenannter sus-Akkord (dem immer die 3 fehlt).
xxxxxDie Töne des Bojangles-Griffs sind also gar nicht 1-5-b7-9, sondern müssen als 1-2-5-b7 gerechnet werden, was einen aus diesen Tönen bestehenden Akkord dann zu einem D7/sus2 (statt des falsch angegebenen D9) macht. [sus“ ist die Abkürzung für suspended (= vorgehalten), und der sus2-Ton wird also vor die 3 gehalten (oder so), diese dadurch verdrängend/ersetzend. Dasselbe geschieht bei einem sus4-Akkord, dem ebenfalls die Terz fehlt.]

Und jetzt noch mal zurück zu der Frage, wie es wohl zu dem unspielbaren Diagramm-Akkord auf der Griffe-Webseite hat kommen können. Vermutlich hat der Programmierer seine Sache eigentlich sehr gut gemacht, indem die angezeigten Gitarrengriffe auch (vermutlich, denn ich habe es nicht weiter überprüft) stets die korrekten Tönen beinhalten (was beim Fünfklang eines D-Akkordes überhaupt nicht einfach zu bewerkstelligen ist, da bei D-Akkorden ja normalerweise nur (die untersten) 4 Saiten verwendet werden, ausgehend vom Baßgrundton auf der dritten (also der D-)Saite), so daß er lediglich vergessen haben dürfte, in sein Programm auch noch einzugeben, daß (für menschliche Finger spielbare) Gitarrengriffe nur über maximal 4 Bünde gehen dürfen.
xxxxxUnd so stellte sich mir während der Niederschrift an diesem Beitrag (zum allerersten Mal) die Frage, ob ein kompletter D7/9-Fünfklang auf der Gitarre überhaupt möglich sei? Und dann erinnerte ich mich an ein seit Jahrzehnten nicht mehr benutzes Gitarrengriffebüchlein, in dem ich tatsächlich zwei verschiedene D7/9-Griffe fand. Während der eine (im 10. Bund zu greifen) mir aber doch zu unpraktisch erschien, fand ich den anderen durchaus akzeptabel. Und der sah folgendermaßen aus: x-5-4-5-5-5 (in Tabulatur), was ich am besten mittels des Fingersatzes nix-M-Z-KKK hinbekommen habe.
xxxxxUnd wenig später wurde mir auch noch klar, daß dieser Akkord schon lange (nur wußte ich bislang nicht, wie er hieß und so) zu meinem Griffe-Repertoire gehörte, wenn auch mit noch zusätzlichem Wechselbaßton auf der ersten (= obersten) Saite (die man beim Spielen aber auch einfach auslassen könnte): 5-5-4-5-5-5. Und der Trick beim Greifen ist, daß man dabei auch den Daumen benutzen muß, was zu einem (zumindest für meine Finger möglichen) D-D-M-R-R-R-Fingersatz führt.

So, und das soll’s nun wirklich für diesen Monat gewesen sein – außer, daß ich euch zum wortmäßig krönenden Abschluß auch noch meinen englischen Lieblings-Gitarrensaitenmerkspruch vorstellen möchte: Eddie Ate Dynamite, Good Bye Eddie.
xxxxxIn diesem Sinne: Paßt auf euch auf.