Der Akkord des Monats Februar (2/13)

Im letzten Monat habe ich leider vergessen, mein Akkord-Diagramm so ordentlich zu erklären, daß auch Nicht-Gitarrenspieler damit etwas anfangen könnten. Also Nachtrag:
xxxxxDie waagerechten Linien sollen die Gitarrensaiten darstellen. Und jetzt kommt’s: Die „unterste“ Linie entspricht der „obersten“ Saite, wenn die Gitarre spielbereit gehalten wird. Aber stellt euch die Gitarre erst mal auf dem Tisch liegend vor (mit von links nach rechts: Kopf, Hals, Körper). Die Diagramm-Zeichnungen entsprechen nun (als kleinem Ausschnitt der Halsregion) einer von oben auf das Instrument hinabblickenden Ansicht. Und wenn ich die Gitarre dann vom Tisch nehme und (um 90° gedreht) auf meinen Oberschenkel setze, wird die vorderste und bislang unterste Saite dann auf einmal zur obersten. Die drei für den D-Griff des letzten Monats benötigten Finger drücken also die untersten drei Saiten.
xxxxxUnd die einzelnen Felder heißen Bünde, und dargestellt sind in der Regel die ersten Bünde der linken Seite des Gitarrenhalses. Wenn das erste Feld (ganz links im Diagramm) aber einem höheren Bund entsprechen soll, wird die Lage des Bundes in römischen Ziffern obendrüber angegeben.

Aber nun endlich zum Akkord des Monats Februar:

Vor 20 Jahren entdeckte ich in einem Nirvana-Gitarrenbuch mal eine Akkordbezeichnung, die ich noch nie zuvor gesehen hatte: Em7/11. Und da ich Nirvana mit auch häufig etwas krummeren Klängen assoziierte, rechnete ich hier mit einem vielleicht etwas schräger klingenden und womöglich auch etwas komplizierter zu greifenden Akkord. Doch als ich dann umblätterte und die Darstellung des Griffes sah, mußte ich lauthals auflachen – weil dieser nämlich nur aus den 6 leeren Saiten bestand. Und genau diesen Akkord hatte ich in meinem Leben schon tausendmal gespielt (als Arpeggio [einem harfenartig nacheinander Erklingen-Lassen der Töne], wenn ich hören wollte, ob die Gitarre gestimmt sei), ohne allerdings je zu wissen, wie dieser Akkord geheißen hatte; oder korrekter ausgedrückt: ohne mir bewußtgemacht zu haben, daß diese Tonkombination überhaupt einen Namen haben könnte. Aber als ich irgendwann mal ein wenig gründlicher darüber nachdachte, wurde mir klar, daß natürlich jede Tonzusammensetzung exakt definiert und akkordbezeichnungsmäßig genau bestimmt werden konnte – selbst eine, die alles andere als schön klänge. Doch hat ja auch niemand behauptet, daß ein Akkord nur aus einer sich ins Ohr schmeichelnden Harmonie bestehen dürfe, oder?

Frank Zappa hatte mal gesagt, daß kein Akkord der Welt häßlich genug sei, um treffend all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von der Regierung in unserem Namen verübt würden. Und ich habe tatsächlich einmal versucht, den für meine Ohren denkbar scheußlichsten Gitarrengriff zu finden – was ich nach einer Weile dann aber doch wieder ergebnislos aufgegeben habe.

Doch bin ich jetzt etwas vom Hauptthema abgekommen: Mitte der 90er Jahre, als Nirvana von etlichen Musikfans als das musikalisch Größte unter der Sonne angesehen wurde, ereignete sich in der zweiten Stunde meines Anfängerkurses mal Folgendes. Ich hatte (wie immer) in der ersten Stunde darauf hingewiesen, daß ich mir in der zweiten Stunde (wie immer) die Vor- oder Spitznamen der Teilnehmer notieren würde, da ich (wie immer) mit Duzen zu arbeiten gedachte, und erzählte, bevor ich schließlich ans Abfragen ging, rasch noch die Geschichte von meinem Freund Andreas [Grüße nach Mittenwald], der mir erstmals als Gitarrenschüler in einem VHS-Kurs begegnet war. Und der mir Jahre später berichtete, daß er sich als Junge immer gewünscht hatte, Andi genannt zu werden, was aber niemals jemand aufgegriffen habe. Wenn er in meiner Gitarrenkurs-Namennennstunde statt Andreas jedoch Andi gesagt hätte, hätte ich ihn mein Leben lang mit Andi angesprochen. „Also sucht euch sorgsam aus, wie ihr von mir genannt werden möchtet – aber bitte nicht alle Andi, ja?“
xxxxxUnd dann wandte ich mich an die erste Person in der ersten Reihe, einen jungen Mann, und blickte ihn fragend an. „Geht auch Kurt?“ meinte er, den Namen englisch aussprechend. – „Klar“, antwortete ich. – „Okay, dann bin ich Kurt!“

Und ohne diesen auf Kurt Cobain von Nirvana zurückzuführenden besonderen Namenswunsch würde ich mich an diesen Kursteilnehmer heute bestimmt nicht mehr erinnern können [schließlich habe ich in den 36 Jahren meiner Volkshochschultätigkeit mit schätzungsweise 1700 bis 1800 verschiedenen Schülern zu tun gehabt], da Kurt nicht gerade mit besonders viel Talent gesegnet und deshalb auch nicht über den Anfängerkurs hinausgekommen war. Doch bin ich sicher, daß er sich jedesmal richtig gut gefühlt hat, wenn ich ihn im Laufe der dreieinhalb Kurs-Monate mit seinem neuen „Künstlernamen“ angesprochen habe. Und so wenig er nach Ende des Kurses gitarristisch in Kurt-Cobain-Nähe ode so gekommen war, hat er zumindest einen Nirvana-Akkord doch absolut perfekt draufgehabt, den heutigen Akkord des Monats Februar:  Em7/11.