Der Akkord des Monats Juni (5/13)

Wie jetzt, der Juni-Akkord im Mai?

[Jau, weil ich mit dem Mai-Text leider nicht rechtzeitig fertig geworden bin und deshalb einfach den bereits im Winter verfaßten Juni-Beitrag vorgezogen habe. Die Mai-Sache wird dann im Juni rauskommen. / Denn „das stört doch keinen großen Geist“, wie Karlsson vom Dach häufig zu sagen pflegte.]
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Der heutige Akkord des Monats ist ein absolut magischer Griff. Und magische Griffe gelingen nur mittels Magie, und weil ich diese hohe Kunst nur sehr ungenügend beherrsche, vermag ich den diesmonatigen Gitarrengriff leider auch nicht wie gewohnt aufzuzeichnen. Doch bin ich zumindest in der Lage, euch ein Beispiel für die Wirksamkeit eines dieser Wundergriffe zu geben, da es in den vergangenen 100 Jahren glücklicherweise hin und wieder mal gelungen ist, einen dieser besonderen Momente auf Zelluloid oder anderes Filmmaterial zu bannen.

Wie zum Beispiel in der sechsten Minute des 1953 entstandenen amerikanischen CinemaScope-Westerns „River of No Return“, als Marilyn Monroe ins Bild kommt, eine von einem aufmerksamen Jungen [der sich später als Sohn von Robert Mitchum herausstellt] gereichte Gitarre entgegennimmt, sich – um gleich zu Beginn schon den guten Kern ihres ansonsten doch eher liederlich gezeichneten Filmcharakters zu dokumentieren – kurz aber liebevoll bei ihm bedankt, unter kräftigem Applaus des erwartungsvollen Goldgräber-Publikums die Stufen zur Bühne eines geräumigen Zelt-Saloons hinaufsteigt, kokett in ihrem „Lotter“-Kostüm – die begehrlichen Blicke der Männer mit einer Mischung aus Selbstsicherheit und Arroganz zurückgebend – zu einer das Dach stützenden Zeltstange schlendert um sich, einen Fuß auf einen bereitstehenden Hocker setzend und dabei ein wohlgeformtes, durch den Schlitz im Kleid prächtig ins Blickfeld gerückte Bein präsentierend, daran zu lehnen, die Gitarre auf dem schwarzbestrumpften linken Oberschenkel in Position bringt, sich – während es rundherum ganz still geworden ist – ein Sekündchen lang konzentriert, den Kopf dann mit dem ersten Akkordanschlag effektvoll zurückwirft und in dieser vollkommenen Star-Pose ein träumerisch-wehmütiges „One Silver Dollar“ zu singen beginnt. [Was man sich auch auf YouTube ansehen kann.]
xxxxxUnd gleich beim ersten Griff [auf einer übrigens einen halben Ton tiefer als üblich gestimmten Gitarre] zeigt sich schon Marilyns außergewöhnliche Meisterschaft: wie die Finger ihrer linken Hand ohne jegliche Mühe den Grundstein für einen perfekten D-Dur-Dreiklang legen [ohne daß der normalerweise dazu verwendete und bereits als Akkord des Monats Januar gewürdigte Griff auch nur ansatzweise bemüht werden müßte], gefolgt von einem nicht minder makellosen F#7-Akkord, für den die Künstlerin ihren vorausgegangenen Griff nur minimal zu verändern brauchte. Und zum Zeitpunkt des vierten Akkordes hat sich die von Marilyn erschaffene Magie bereits so vollkommen entfaltet, daß von da an ganze sechseinhalb Takte lang vollendete F#m-, G-, G6-, Hm- und A-Dur-Klänge ertönen, ohne daß dafür die allerkleinste Griffkorrektur nötig gewesen wäre. Was für ein beeindruckendes Kunststück!

Aber genau für derart erstaunliche Leistungen ist Magie schließlich erfunden worden, und weil Magier ihre Tricks ja bekanntlich nicht verraten, werden diese besonderen Griffe sich wohl auch in Zukunft den Faßlichkeiten von uns normalsterblichen Gitarrenspielern entziehen. Was vielleicht aber auch ganz gut so ist, da wir uns deshalb wenigstens zugute halten können, unsere eigenen Fähigkeiten über Jahre hinweg in ungezählten Übungseinheiten redlich erworben zu haben / während wir (an Harry-Potter-Lektüre oder so orientiert) lediglich spekulative Vermutungen darüber anzustellen vermögen, welche Art von Anstrengungen [denn von nichts kommt nichts] es solch übermenschlich scheinende Wesen wie Marilyn Monroe gekostet haben dürfte, bis sie endlich die perfekt anmutende Fertigkeit errungen hatten, uns mit formvollendeten Wundern wie dem Akkord des Monats Juli z. B. bezaubern zu können.

P.S.: Am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags [welcher ja der 1. Juni 2021 hatte werden sollen] wäre Marilyn Monroe 95 Jahre alt geworden!