Der Akkord des Monats April (4/13)

Der erste Teil meines heutigen Beitrags stellt einen größeren Ausflug in die Welt der Musiktheorie dar. Wenn ihr an so was jedoch nicht interessiert sein oder meine Ausführungen für zu kompliziert halten solltet, könnt ihr auch gleich zur roten Stelle springen, wo es dann erst mit unserem Akkord losgeht.

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Es gibt jede Menge Songs, die mit nur drei verschiedenen Akkorden auskommen, und auch in meinem Anfängerkurs habe ich diese Akkordanzahl pro Lied nicht überschritten. In den ersten 5 Wochen hatten wir es (bei 3 verschiedenen Liedern) mit den Griffen D, G und A zu tun [das nur vorbereitende G6 jetzt mal nicht mitgerechnet], die zur Tonart D-Dur gehören. Außer dieser D-Dur-Tonart gibt es aber auch noch 11 weitere Dur-Tonarten.

In der Musik stehen uns insgesamt 12 verschiedene Töne zur Verfügung, die sich ab dem 13. Ton (der „Oktave“) namentlich wiederholen. [Ton #13 heißt wieder wie Ton #1, Ton #14 wieder wie Ton #2 usw.] Und auf jedem dieser 12 Töne kann eine eigene Dur-Tonleiter errichtet werden, und zu jeder dieser Tonleitern gehören jeweils ganz bestimmte Akkorde.

Die 12 Töne c, cis, d, dis, e, f, fis, g, gis, a, ais und h sind jeweils einen Halbtonschritt voneinander entfernt [ein Halbtonschritt entspricht einem Bund auf der Gitarre]. Für eine Dur-Tonleiter werden allerdings nicht nur Halbtonschritte (H) sondern auch Ganztonschritte (G) benötigt [2 Halbtonschritte = 1 Ganztonschritt]. Die Schritte einer Dur-Tonleiter [Moll- und andere Tonleitern haben andere Schrittfolgen] sind immer gleich: GGHG G G H, was (vom frei wählbaren Start-Ton an gerechnet) die Töne 1, 3, 5, 6, 8, 10, 12 und 13 (der letzte bildet die Oktave und heißt wieder wie der Anfangs-Ton) ergibt. In der C-Dur-Tonleiter wären das die Töne c, d, e, f, g, a, h und c, was den nur weißen Tasten auf dem Klavier entspricht. [Diese „weißen“ Töne (auch „Stammtöne“ genannt) sind übrigens auch die einzigen, die im Notensystem zur Verfügung stehen. So daß man, um auf die schwarzen Klaviertöne zu gelangen, beim Notenschreiben mit sogenannten Vorzeichen arbeiten muß: mit Kreuzchen (#) oder Bes (b). Durch das Vorsetzen eines # wird der Ton dieser Note um 1 Halbtonschritt erhöht, und per b um 1 Halbtonschritt erniedrigt.] Eine Dur-Tonleiter besteht also aus 7 namentlich verschiedenen Tönen, bevor sie mit der Oktave (dem 8. Ton) abgeschlossen wird.

Wenn man eine beliebige Dur-Tonleiter nimmt, kann man aus deren Tönen mehrere Dur- und mehrere Moll-Akkorde bilden.
xxxxxDur- und Moll-Akkorde entstehen, wenn zwei Terzen aufeinandergesetzt werden, was einen sogenannten „Dreiklang“ ergibt, da dieser Akkord aus insgesamt drei verschiedenen Tönen besteht. / Und eine Terz wird erzeugt, wenn ich einem beliebigen Ton der Dur-Tonleiter noch den übernächsten Ton hinzufüge.
xxxxxIch bekäme also einen Dreiklang, wenn ich die Dur-Tonleiter-Töne 1-3-5 nähme, oder die Töne 2-4-6 oder 3-5-7 und so weiter. Jeder neue Dreiklang wäre auf einer anderen Stufe der Tonleiter errichtet [in obigen Beispielen auf der 1., auf der 2. und auf der 3. Stufe], weshalb man hier auch von Stufendreiklängen spricht.

Ein Dur-Akkord besteht aus zwei aufeinandergestapelten Terzen, von denen die erste (unterste) eine große Terz ist [= 2 Ganztonschritte umfassend] und die zweite eine kleine Terz [= 1 Ganzton- und 1 Halbtonschritt]. Bei einem Moll-Akkord ist es genau umgekehrt: da wird zuerst die kleine Terz genommen und darauf eine große Terz gesetzt. [Mehr zu Terzen im nächsten Monat.]

Die Stufendreiklänge auf der 1., auf der 4. und auf der 5. Stufe einer Dur-Tonleiter ergeben stets Dur-Akkorde (die sogenannten „Hauptdreiklänge“).
xxxxx[Nebenbei: Der Dur-Akkord auf der 1. Stufe wird auch Tonika genannt (was ich im Anfängerkurs ein wenig bildhafter als den „Zu-Hause-Akkord“ bezeichnet habe: von dem aus man (in den allermeisten Fällen) ein Lied beginnt, und zu dem man (fast immer) mit dem Schlußakkord (nach zuvor bereits einigen Zu-Hause-Zwischenstopps) auch wieder zurückkehrt), der auf der 4. Stufe auch Subdominante, und der auf der 5. Stufe auch Dominante. / So daß man (in einer Band zum Beispiel) auch über die Akkorde eines Musikstücks reden kann, ohne immer deren ja nur für diese eine Tonart gültigen Namen (wie D-Dur oder G-Dur etc.) angeben zu müssen. Wenn ich irgendein Lied in mal einer anderen Tonart spielen wollte, würden sich die Namen der benötigten Begleit-Akkorde ändern, die Begriffe Tonika, Subdominante und Dominante dagegen gleichbleiben, weil es sich ja wieder um (nur diesmal in einer anderen Tonart verwendet) dieselben Stufendreiklänge handelt.]
xxxxxDie Stufendreiklänge auf der 2., auf der 3. und auf der 6. Stufe (einer Dur-Tonleiter) ergeben immer Moll-Akkorde (die sogenannten „Nebendreiklänge“). [Und auf der 7. Stufe entstünde, wegen dort zwei aufeinanderliegenden kleinen Terzen, noch ein weiteres Akkordgebilde, das weder Dur noch Moll wäre. / Mehr zu diesem etwas aus der Rolle fallenden Dreiklang dann im Dezember-Beitrag.]
xxxxxUnd wenn ich beispielsweise nun die Hauptdreiklänge aus den Tönen der D-Dur-Tonleiter bilden wollte, würde auf der 1. Stufe ein D-Akkord entstehen, auf der 4. Stufe ein G-Akkord und auf der 5. Stufe ein A-Akkord. Und deshalb passen diese drei Akkorde (die ersten meines Anfängerkurses) auch so gut zusammen, da sie ja alle demselben Tonleiter-Material entstammen. [Und aus ebendiesem Tonmaterial besteht bei den meisten Liedern (falls sie nicht mit der Blues-Pentatonik arbeiten: einer 5stufigen Tonleiter ohne Halbtonschritte) auch die Gesangsmelodie – so daß es nicht verwundern sollte, daß ein gesungener Ton in Verbindung mit dem ihn unterstützenden Gitarrengriff ein harmonisch wohlklingendes Ganzes erzeugt, weil dieser Gesangston in den meisten Fällen auch in dem zeitgleich erklingenden Begleitakkord enthalten ist. – Und beim Liederschreiben wählt man – um es vereinfacht auszudrücken – dann entweder einen passenden Akkord [und es gibt in jeder Ton-Situation mehr als nur einen einzigen annehmbaren] zum Melodieton, oder sucht den Melodieton danach aus, daß er zum vorher auserkorenen Begleitakkord paßt.]

Im meinem Anfänger-Gitarrenkurs habe ich mich bei den ersten 3 Liedern (während der ersten 5 Wochen) ja nur in einer einzigen Tonart (D-Dur) aufgehalten, doch hätte ich diese 3 Lieder auch in irgendeiner (oder mehreren) anderen Dur-Tonart(en) spielen können. Es würde (andersrum gesehen) aber auch möglich sein, alle „Dur-Lieder“ der Welt [das „Dur“ betone ich deshalb so ausgiebig, weil es auch Lieder in Moll-Tonarten gibt] in nur einer einzigen Tonart zu spielen. Und es gibt tatsächlich Liederbücher, die genau diesem Gedanken gefolgt sind.
xxxxxDer Vorteil von nur einer einzigen benutzten Tonart wäre, daß man es (bei normalen Liedern) immer mit denselben (meistens 3 bis 6 verschiedenen) Griffen und deshalb auch immer mit denselben Griffwechseln zu tun bekäme, die man deshalb etwas früher beherrschen dürfte, als wenn man (bei einer größeren Anzahl von Tonarten) immer wieder mit neuen Griffen und neuen Griffwechselfolgen arbeiten müßte.
xxxxxDer Nachteil wäre, daß man keine alternative Tonart kennenlernt. Und eine solche würde man beispielsweise brauchen können, wenn die Gesangsmelodie an irgendeiner Stelle mal zu hoch oder zu tief wäre.

Ein Sänger hat nur das eine ihm von der Natur mitgegebene Stimmband-Paar im Kehlkopf zur Verfügung, und wenn die Gesangsmelodie eines Liedes (in einer bestimmten Tonart) über die Bandbreite der Tonerzeugungsmöglichkeiten der Stimmbänder dieses Sängers [welche sich durch eine richtige Gesangsausbildung allerdings auch noch ein klein wenig vergrößern ließe] hinausgehen, kann man das Lied (für einen schönen Vortrag) leider vergessen. Zumindest für den Moment. Denn wenn der Bereich der bei diesem Lied beispielsweise zu hohen Töne im unteren Tonumfang der Gesangsstimme noch leer, also vorhanden, nur noch nicht genutzt ist, könnte man die gesamte Melodie einfach tiefer legen, so daß die höchste Melodiestelle danach nun (wenn alles weit genug versetzt worden ist) nicht mehr zu hoch wäre und sich das Lied also doch – nur in einer anderen (in unserem Beispielsfall also tieferen) Tonart – singen ließe. Doch dazu benötigten wir als begleitende Gitarristen die Akkord-Kenntnisse von mindestens einer zweiten Tonart.

Kleines Zwischen-Fazit:
xxxxxEin Lied kann also nicht nur in einer einzigen Tonart gespielt (und gesungen) werden, sondern in allen, die es gibt: also in 12 verschiedenen Dur-Tonarten, oder (bei einem „Moll“-Song) in 12 verschiedenen Moll-Tonarten! Und zu jeder neuen Tonart gehören eigene Akkorde (in der Regel die auf den Tönen der Dur-Tonleiter errichteten Stufendreiklänge). So daß für jede neue Tonart auch neue Gitarrengriffe benötigt und erlernt werden müssen; aber – und das ist das wichtige – auch die Tonhöhe der Gesangsmelodie ändert sich bei jeder neuen Tonart und stellt somit für den Sänger – der seine Stimmbänder bei zu hohen oder zu tiefen Tönen ja nicht einfach austauschen kann – eine manchmal äußerst willkommene Alternative dar. Und je mehr verschiedene Tonarten wir als Gitarrenspieler draufhaben, desto mehr können wir dem Sänger die Wahl seiner „perfekten“ Tonart ermöglichen. [Und wenn die für den Sänger optimale Tonart für den ihn begleitenden Gitarristen noch nicht spielbar ist, muß man entweder warten, bis dieser sich die dazu benötigten Griffe oder Spielweisen draufgeschafft hat – oder muß sich einen versierteren Gitarristen suchen. / Oder umgekehrt: Wenn der Gitarrist (beim nur in Originaltonarten möglichen 1:1-Nachspielen von Songs etwa) auf „seiner“ Tonart besteht, der Sänger dann aber mit für ihn zu hohen oder zu tiefen Tönen zu kämpfen hat, muß man entweder auf dieses Stück verzichten – oder sich einen anderen Sänger mit größerem Stimmumfang suchen.]

Es kann für einen Sänger allerdings nicht die für alle Songs passende eine „perfekte“ Tonart geben, weil die Spannweite der Melodieführung (der Bereich des Abstandes vom höchsten zum tiefsten Gesangston) bei verschiedenen Liedern ja unterschiedlich und nicht immer gleich groß ist.
xxxxx[Bei „This Land Is Your Land“ etwa, meinem dritten Lied im Anfängerkurs, beträgt der Abstand vom tiefsten zum höchsten Ton nur eine Quarte, was gleichbedeutend mit dem Bereich der ersten 4 Töne einer Dur-Tonleiter ist. Beim vorherigen Kurs-Lied („Go Tell It On The Mountain“) mußte man gesanglich dagegen schon eine None (einen 9-Ton-Abstand) bewältigen, was die Anzahl der gut singbaren Tonarten für diesen Song schon deutlich geringer gemacht hat.]
xxxxxWenn ich selbst irgendein Lied nachspielen möchte, interessieren mich die darin enthaltenen Akkorde erst mal überhaupt nicht, weil ich als erstes nämlich herauszufinden habe, ob die Melodie in dieser Tonart für meine Gesangsstimme überhaupt geeignet ist. Und falls dem nicht so ist, wird der Song bei für mich zu hohen Gesangstönen einfach tiefer und bei zu tiefen Gesangstönen einfach höher gelegt, was in der Fachsprache „transponieren“ heißt. Und weil ein Sänger seinen eigenen Stimmbereich genau kennen sollte, könnte er bei Ansicht der Noten einer Melodie durchaus schon sagen, um welches „Intervall“ [ein Intervall ist der Abstand zwischen zwei Tönen] er dieses Lied in welche Richtung (bei zu hohen Tönen nach unten, bei zu tiefen Tönen nach oben) verschieben müßte, um es für sich singbar zu machen. / Und erst, wenn das geklärt ist, beginnen mich die Akkorde des Liedes zu interessieren.
xxxxxÜbrigens: Nur, weil ein Lied in einem Liederbuch in der Tonart „x“ steht, heißt das noch lange nicht, daß dieser Song auch im Original in der Tonart „x“ gestanden hat, sondern womöglich nur, daß der Autor des Liederbuches dieses Lied in der von ihm gewählten Tonart „x“ für allgemein besser (als in der Original-Tonart) singbar gehalten oder es nur in die Tonart „x“ transponiert hat, um so andere (vielleicht einfachere) Begleit-Griffe (als in der Originalaufnahme) für sein Buch zu bekommen. Deshalb kommt es auch vor, daß ein und dasselbe Lied in verschiedenen Büchern in verschiedenen Tonarten steht.

[Und nun nähern wir uns (auch wenn ihr’s vielleicht kaum noch für möglich gehalten haben solltet) doch noch dem Ende des diesmonatigen Ausflugs in die Welt der Musiktheorie.]
xxxxxAls ich nach den ersten 5 Wochen des Anfängerkurses (mit bis dahin ausschließlich Liedern in der Tonart D) mal eine neue Tonart vorstellen wollte, hatte ich die Wahl zwischen gleich 11 verschiedenen. Da bei mehr als der Hälfte davon die drei dazugehörenden Griffe (die Hauptdreiklänge) für meine Schüler aber noch vollkommen unbekannt gewesen wären, war es natürlich klüger, eine Tonart zu wählen, für die man nur einen einzigen neuen Griff lernen mußte (während die anderen beiden in der neuen Tonart vorkommenden Griffe schon von der alten Tonart her bekannt wären). Also kamen nur noch zwei Tonarten in Frage: A-Dur- und G-Dur. Weil die G-Dur-Tonart aber noch zu schwer war (und deshalb auch erst in meinem zweiten Kurs zum Zuge gekommen ist), hatte ich mich logischerweise für die neue Tonart A-Dur entschieden, zu der neben den Akkorden A und D auch noch der neue Griff E-Dur gehört:

Mit dem E-Dur-Akkord ist – nach zuvor bereits erlerntem D, A und G – in der sechsten Stunde meines Anfängerkurses also der vierte Griff vorgestellt worden, mit welchem das Akkorde-Soll des Kurses eigentlich schon erfüllt war [lediglich Am (für nur eine Stunde) und H7 (in den letzten beiden Kursstunden) sind später noch als „Bonus“ hinzugekommen]. Denn mit der Kenntnis unserer nur vier Griffe sind ja schon zwei verschiedene Tonarten spielbar gewesen, was [wie weiter oben schon erläutert] auch eine gesangliche Alternative für Teilnehmer mit anderer Stimmlage bedeutet hat. Um diesen wichtigen Umstand aber auch jedem meiner Schüler in aller Ruhe unmißverständlich klarmachen zu können, habe ich eine Woche nach der Einführung des E-Dur-Griffs dann mal eine reine Theoriestunde abgehalten, in der es vor allem darum ging, den Sinn und die Technik des Transponierens zu erklären.
xxxxx[Mit „transponieren“ ist das Umschreiben eines Liedes von einer Tonart in eine andere gemeint, wobei sich neben dem Tonhöhenbereich der Gesangsmelodie auch sämtliche Begleitakkorde ändern. Der Zu-Hause-Akkord der ursprünglichen Tonart wird dabei zum (aus einem anderen Griff bestehenden) Zu-Hause-Akkord der neuen Tonart, und auch die übrigen Akkorde werden jeweils gegen ihr Pendant (aus der neuen Tonart) ausgetauscht.]

xxxxxUnd nachdem bis hierhin alles mehr oder weniger nur eine ausschweifende Erklärung dafür gewesen ist, weshalb der 4. Griff in meinen Gitarrenkursen ein E-Dur und nichts anderes zu sein hatte, folgen nun also doch noch ein paar pelikanesische Gedanken zum Akkord des Monats E-Dur:

In meinen Anfängerkursen ist es regelmäßig vorgekommen, daß obige Griffbildzeichnung in der „Endlich was Neues“-Aufregung nicht exakt genug „gelesen“ worden ist, was zur Folge hatte, daß einige Schüler die Finger beim ersten E-Greifversuch in einer geraden (Z-M-R-)Reihe [ähnlich wie beim A-Griff, nur (mit etwas verdrehterem Handgelenk) in eine andere Richtung gehend] aufgesetzt haben, bei der der Zeigefinger (Z) zwar korrekt auf der 4. Saite von oben lag [bei Verständnisproblemen in bezug auf das oben und unten im Akkord-Diagramm siehe den einleitenden Abschnitt meines Februar-Beitrags], es danach aber falsch weiterging: mit dem M auf der darüberliegenden Saite [in einer Diagramm-Ansicht also auf der darunterliegenden!] und dem R zum Abschluß auf der 2. Saite von oben.
xxxxxDas Akkord-Diagramm zeigt aber, daß beim E-Griff nicht der R sondern der M am weitesten oben plaziert werden soll, was die Fingerhaltung [im Gegensatz zu der etwas „eleganteren“ Linie beim So-soll-man’s-nicht-machen-Beispiel] zwar etwas „ungerader“ aussehen läßt, vom Greifgefühl her aber doch „normaler“ gestaltet. Denn weil der M der längste Finger an der Hand ist, kann er natürlich auch am leichtesten den weitesten Weg bewältigen. Außerdem mutet der Fingerkrümmungsgrad des M/R-Paars dann auch viel natürlicher als bei der falsch gegriffenen „Linie“ an, was auch ein (für die Zukunft angestrebtes) gleichzeitiges Aufsetzen dieser M/R-Kombination [bei den Griffen E, Em und Am zum Beispiel] erleichtern wird.

Obwohl ich im Gitarrenkurs zwei Wochen zuvor schon (bei der Einführung des G-Akkordes) die „Pelikanesische Regel“ aufgestellt hatte, daß beim Akkorde greifen immer der am weitesten oben benötigte Finger zuerst aufgesetzt werden müsse [um einerseits die (bei bestimmten Zupf- und Anschlagtechniken zuerst benutzten) Baßsaiten (auch zuerst) abgedeckt zu haben, sowie andererseits die dabei in der Regel zum Einsatz kommenden schwächeren Finger (M + R) durch diese gezielten Bewegungen besonders zu trainieren und für auch andere Aufgaben zu stärken – siehe auch die Erklärungen zu diesem Thema im Januar- und März-Beitrag], haben fast alle meine Schüler beim ersten E-Greifversuch doch wieder mit ihrem sichersten Finger, dem Z, begonnen. Was aber auch erklärlich ist, da dieser E-Akkord ja der allererste Griff in meinem Kurs gewesen ist, bei dem der Zeigefinger (im Gegensatz zum Vorgehen bei den D- und A-Griffen) nicht zuerst aufgesetzt werden durfte.
xxxxxWenn ich nun aber das Zeigefinger-zuerst-Aufsetzen beim E-Dur-Greifen [und auch bei späteren Griffen wie C, Am und Dm] zugelassen hätte [wie ich es in meinen ersten Gitarrenlehrerjahren tatsächlich getan habe, weil ich es damals einfach noch nicht besser wußte], würde das zu einem bleibenden Abhängigkeitsverhältnis der schwächeren Finger von den sichereren Fingern führen [à la: der M läßt sich nur dann sicher aufsetzen, wenn der Z bereits liegt / und der R nur dann sicher, wenn Z oder M bereits liegen], was negativerweise nämlich dazu beitrüge, daß es – ob der nicht erfolgten Finger-Emanzipation – wesentlich [und ich rede hier von mindestens Monaten!] länger dauern würde, bis die Finger beim Akkorde greifen schließlich auch mal gleichzeitig (ohne daß ein schwächerer Finger immer leicht hinterherhinkt) aufgesetzt werden könnten.

Aber auch wenn meine Schüler meinen Ratschlägen zu folgen gedachten, ist es für einige nicht leicht zu verstehen gewesen, weshalb es nicht einmal beim Akkordwechsel von D nach E gestattet war, mit dem Zeigefinger zu beginnen. Obwohl das doch so einfach wäre, weil der Z ja schon auf der richtigen Saite lag und nur noch vom 2. in den 1. Bund zurückgeschoben werden müßte. Mein Gegenargument ist wieder die Verminderung der Abhängigkeit der schwächeren Finger vom Zeigefinger gewesen, das ich mit einem Beispiel aus meinen Kursen untermauert habe:

In den ungefähr ersten anderthalb Jahrzehnten meiner 1984 begonnenen Tätigkeit als VHS-Gitarrenlehrer [als ich noch nicht verstanden hatte, wie kontraproduktiv das Zeigefinger-zuerst-Aufsetzen bei Gitarrenspielanfängern war] hatten meine Schüler einfach greifen dürfen wie sie wollten. Was dazu geführt hatte, daß so gut wie alle Teilnehmer beim Akkorde greifen [mit Ausnahme des G-Griffs natürlich] immer mit dem Zeigefinger (weil das halt am leichtesten ging) begonnen haben. So auch beim E-Dur greifen, und – vom D kommend – mit dem „schicken“ Z-Runterrutschen auf der G-Saite.
xxxxxIm 2. Kurs ist mein erstes Lied früher (genau wie heute, bzw. vor 14 Monaten) „Lady In Black“ gewesen, das mit nur zwei Akkorden auskommt: dem (für die Kursteilnehmer) neuen Griff Em [ich hatte den Song zur besseren Singbarkeit von a-Moll nach e-Moll transponiert] und dem altbekannten D-Akkord. Mir war in den 80ern bestimmt auch schon mal aufgefallen, daß etliche Schüler beim Lady-In-Black-Wechsel von D nach Em einige Schwierigkeiten hatten, doch war ich damals deswegen höchstens etwas verwundert (ohne mir schon weitreichendere Gedanken darüber zu machen). Schließlich (deshalb die Verwunderung) war der Em-Griff, wie ich fand, doch eigentlich superleicht, da man ja nur ein (seit Monaten bekanntes) E-Dur ohne Zeigefinger zu greifen brauchte. Aber genau da lag der Haken – wie ich irgendwann (vermutlich um die Jahrtausendwende herum oder so) erkannte [als ich das Gitarrenunterrichtgeben nicht mehr nur als reinen Geld-verdien-Job ansah sondern wirklich ernst zu nehmen begonnen hatte].
xxxxxMeine Leute sind es früher ja gewohnt gewesen, beim zum E-Dur gehen mit dem Zeigefinger zu beginnen, so daß die nachfolgenden Finger (M + R) dann (im Z) einen Dreh- und Angelpunkt besaßen, der ihnen beim Em-Greifen einfach fehlte. Außerdem hatten sie ja eigentlich noch nie (außer beim G-Griff) die schwächeren M und R zuerst aufzusetzen gehabt, so daß diese Finger noch keinerlei selbständige Sicherheit besaßen. Und manchmal mußte ich sogar beobachten, daß Teilnehmer beim Wechsel von D nach Em zuerst ein (mit dem Z runterrutschend erzeugtes) E-Dur bildeten und den Z danach wieder (zum Em-Griff) wegnahmen. Und das konnte einfach nicht der Gitarrenlehrerweisheit letzter Schluß sein!
xxxxxAls ich schließlich aber die „Den obersten Finger immer zuerst aufsetzen“-Regel eingeführt hatte, war das Problem mit dem Em-Greifen bei „Lady In Black“ gar kein Problem mehr, weil der im vorherigen (1.) Kurs gelernte E-Dur-Griff ja quasi immer mit einem „Em“ losgegangen war. Und dieses Argument hat meine Leute dann doch dazu bewogen, beim E-Dur-Üben immer mit der schwächeren M/R-Kombination zu beginnen. Und weil diese Übung ja auch dazu beitragen soll(te), einen E-Dur-Akkord irgendwann mal gleichzeitig (ohne daß die schwächeren Finger immer etwas zu spät kommen) aufsetzen zu können, noch eine kleiner Tip dazu:
xxxxxIhr erinnert euch vielleicht noch an die Entdeckung einer meiner Schülerinnen, wie man den D-Dur-Griff bereits in der Luft (über den Saiten schwebend) [durch Krümmung des Mittelfingers / von einer nebeneinanderliegenden Z-M-R-Haltung ausgehend] formen kann. Und eine ähnliche Vorgehensweise ist auch für den E-Dur-Griff möglich: Von der A-Dur-Fingerhaltung ausgehend einfach den Zeigefinger etwas krümmen (während M + R unverändert bleiben), und schon ist der E-Dur-Griff quasi fertig. Dann braucht die Hand nur noch so weit gedreht/verschoben werden, bis der „Luftgriff“ überm E- [oder auch überm Am-]Tatort schwebt und dieses Gebilde eigentlich nur noch als Ganzes abgesetzt werden muß. Probiert es aus.