Irmin Schmidt wird 85!

Am heutigen 29. Mai 2022 wird Irmin Schmidt, der letzte noch Lebende der vier Musiker, die den harten Kern von Can gebildet haben, 85 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Schmidt ist bekannt geworden als Keyboarder der experimentellen deutschen Band Can (1968-1978), hatte zuvor Musik in Dortmund, Essen und Salzburg sowie Kompositionslehre bei Karlheinz Stockhausen in Köln studiert und sich in den 60er Jahren neben Auftritten als Konzertpianist vor allem als (mit mehreren Preisen bedachter) Dirigent hervorgetan.

Inspiriert von unter anderem John Cale (The Velvet Underground) faßte er schließlich den Beschluß, einmal „Avantgarde“ und „Beat“ in einer eigenen Band zu vermischen zu versuchen, was im Sommer 1968 in Köln zur Gründung von Can führte, mit dem (ebenfalls) Stockhausen-Schüler Holger Czukay am Baß, dem freejazzgeschulten Schlagzeuger Jaki Liebezeit, David C. Johnson an der Flöte (der aber nur ein halbes Jahr blieb, weil ihm die Musik doch etwas zu „rockig“ wurde) und dem rund 10 Jahre jüngeren E-Gitarristen Michael Karoli.

Cans Musik – die sich laut Wikipedia zwischen Free Jazz, Avantgarde-Jazz, Funk, elektronischer Musik und Krautrock- und Psychedelic-Rock-Elementen bewegt – hat sich in der Regel bei gemeinsamem Improvisieren entwickelt, was auch für mein eine ganze Plattenseite einnehmendes Lieblings-Can-Stück „Yoo Doo Right“ von ihrer ersten LP „Monster Movie“ (1969) zutrifft, das aber nur einen Teil der mehrere Stunden dauernden Originaleinspielung (von nur zwei Takes) darstellt. Ich habe dieses recht monotone Stück Musik einmal als „Das langweiligste Lied der Welt, das mich noch nie gelangweilt hat“ bezeichnet, und in den frühen 70er Jahren hat es tatsächlich mal eine Zeit von mehreren Wochen gegeben, in der dieser Song einmal täglich auf meinem Plattenspieler laufen mußte, weil die pelikanesische Welt sonst einfach nicht in Ordnung gewesen wäre. Und auch heute bin ich beim Hören dieser Nummer immer noch erstaunt darüber, wie rasch diese (für mich absolut magischen) 20 Minuten und 14 Sekunden jedesmal wieder vorüber sind.

Und wenn hier schon weitaus mehr von Can als von Schmidt die Rede ist, sollen auch die beiden zeitweiligen Vokalisten der Gruppe nicht unerwähnt bleiben: der farbige amerikanische Bildhauer und Maler Malcolm Mooney (1968 und ’69) und der von Can vor einem Münchener Café als Straßenmusiker, der „schrie und irgendwie die Sonne anbetete“ [Bussy/Hall, Das CAN Buch], entdeckte Japaner Damo Suzuki (1970-’73). 1977 wechselte Holger Czukay in der Band dann von seinem angestammten Instrument auf Tapes, Telefon und Kurzwellenradio [kein Scherz!], was Raum schuf für zwei zusätzliche Can-Mitglieder: den jamaikanischen Baßisten Rosko Gee und den ghanaischen Perkussionisten Reebop Kwaku Baah (beide Ex-Traffic).
xxx[Rosko Gee ist den deutschen Fernsehzuschauern ab 1995 übrigens als Baßist der in jeder Folge der Harald-Schmidt-Show auftretenden Helmut-Zerlett-Band wiederbegegnet.]

Neben vielen Konzerten und einem Dutzend Platten haben Can in den 10 Jahren ihres Bestehens auch noch die Musik für etliche Kinofilme (z. B. von Wim Wenders) und deutsche Fernsehproduktionen geliefert, von denen die (ironischerweise „Spoon“ getaufte) Titelmelodie des Durbridge-Dreiteilers „Das Messer“ als Single veröffentlicht wurde und sich (1972) zu einem Top-10-Hit in Deutschland entwickelte.

Nach der Auflösung von Can (Ende 1978) hat Irmin Schmidt neben dem Einspielen einiger Soloplatten [unter anderem einer Fantasy-Oper: Gormenghast] vor allem als Komponist für Film und Fernsehen gearbeitet, bei deren Aufnahmen häufig auch andere Ex-Can-Mitglieder beteiligt gewesen waren.

Und auch mit über 80 hat Schmidt sich noch nicht zur Ruhe gesetzt. Seine bislang letzten Veröffentlichungen sind das 2018 mit Rob Young zusammen erstellte Doppel-Buch [Teil 1 von Young, Teil 2 von Schmidt] „All Gates Open. The Story of Can“ (das leider nur in englischer Sprache vorliegt) und die LP/CD „Nocturne“, die einen Mitschnitt vom Huddersfield Contemporary Music Festival 2019 präsentiert, bei dem Irmin Schmidt alleine am Klavier zu hören ist, im Unterschied zu seinen Anfängen als Live-Musiker in den frühen 60er Jahren hier allerdings auch noch auf vom Band kommende „Klangschaften“ (soundscapes) reagierend.

[Und wenn ein paar bislang eher Can-arme Leser an dieser Stelle auch noch einen pelikanesischen Platten-Tip wünschen sollten, bitteschön:
– Tago Mago (1971)
– Future Days (1973)
Interessant ist auch noch die 2012 erschienene Tripel-CD-Box
– „Can – The Lost Tapes“,
die aus rund 30 Stunden Musik von Tonbändern ediert wurde, die 2007 beim Abbau des alten Can-Tonstudios gefunden wurden, das auf die Reise ging, um – originalgetreu wieder aufgebaut – eine neue Heimat im rock’n’popmuseum in Gronau zu finden.

xxxUnd erst im vergangenen Jahr (2021) sind noch 2 Can-Live-Scheiben mit kompletten Konzerten veröffentlicht worden,
– Live in Stuttgart 1975
– Live in Brighton 1975
die auf beeindruckende Weise zeigen, wie „besonders“ Can-Auftritte gewesen sind, da ihre Musik nicht nach dem Muster „Wir spielen einfach die Stücke von unseren Platten nach“ ablief, sondern nur ein paar Themen davon aufgriff, über die dann gnadenlos improvisiert wurde.]

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Lieber Irmin Schmidt: Ich danke für die vielen großartigen Stunden, die deine Musik mir in den vergangenen 50+ Jahren beschert hat.

Have a nice day,
dein Pelikan