Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt

18. Januar 2014.

Aus einem von Pelikans alten Tagebüchern:

Am Montag, den 4.11. [1985] kaufte ich mir den Briefwechsel „Schmidt/Andersch“, las ihn von abends 7 bis nachts ½ 5 in einem Rutsch durch und habe ihn nur kurz unterbrochen, um einen spontanen Text zu schreiben, den ich am folgenden Tag an den Haffmans Verlag sandte:

Wie man in kürzester Zeit Arno-Schmidt-Fan werden kann!

  1. Nachdem man von dieser und jener Seite immer wieder mal den Namen Arno Schmidt im Zusammenhang mit Bewunderung bis Abscheu vernommen hat,
  2. die „Zürcher Kassette“ kaufen und lesen. Am besten mit Band 2 und „Leviathan“ beginnen – um die erste Wirkung von Arno Schmidts erster Publikation auf ein deutsches Lesepublikum ein wenig nachempfinden zu können – und nach 3 bis 4 Seiten erstmal umfallen, sich langsam und bedächtig wieder aufrappeln und sich klarzuwerden versuchen, ob man, das Erscheinungsjahr berücksichtigend, etwas ähnlich Sprachgewaltiges nach dem 2. Weltkrieg in deutscher Sprache schon einmal gesehen hat, oder Vergleichbares auch vorher. Jeder, der Sprache für etwas Lebendiges hält, wird von der Lektüre Arno Schmidts derart grell angegangen, als wenn ihn ein ganzer Ameisenschwarm von Buchstaben buchstäblich überfällt. Und sollte diese Wirkung nicht eintreten, können Sie getrost vergessen, ein Arno-Schmidt-Fan werden zu wollen, denn die Schmidt’schen Inhalte sind auch nicht gerade jedermanns Sache. Aber wenn man Arno Schmidt erst einmal liebgewonnen und eine höchste Achtung vor ihm als Schriftsteller, der mit der Sprache, und zwar anders, wirklich umzugehen weiß, bekommen hat, wird man ihm einige Längen und Schnurren verzeihen, so wie man bei einem Freund schätzt, daß er unsere Fehler nicht in die dadurch möglicherweise umschlagende Waagschale wirft, sondern menschlich sieht. Wie es dann als Arno-Schmidt-Fan weitergeht, hat nichts mehr mit der oben angesprochenen kurzen Zeitspanne des Werdens zu tun, sondern wird lange bis ein Leben lang anhalten, wird sich nicht finden, sondern zeigen, wird einfach sein: die Liebe eines Arno-Schmidt-Fans!

geschrieben: 4/5 -11-85, bei kurzer Unterbrechung der Lektüre „Schmidt/Andersch – Briefwechsel“

Ich hoffe, dieser spontane kleine Liebesbrief amüsiert Sie so sehr, wie er mir beim Schreiben Spaß gemacht hat.

Herzliche Grüße von Pelikan

 

Wenige Tage später bekam ich die neue Arno-Schmidt-Gesamtverzeichnis-Broschüre zugesandt, plus einer handgeschriebenen Karte von Gerd Haffmans, dem Verleger und Herausgeber der Arno-Schmidt-Werkausgabe:

 

Zürich, am 7.XI.85

Lieber Herr Pelikan –

Dank für Ihren so schönen wie spontanen Leserbrief nach der Arno Schmidt=Lektüre. – Ganz so ist es mir ergangen, das ist allerdings 20 Jahre her u. es gab noch keine Zürcher Kassette, aber die Liebe zu und Bewunderung für Arno Schmidt ist nur stärker geworden.

Herzliche Grüße, Ihr Gerd Haffmans