Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders

Auf einer pelikanesischen Top-3-Liste deutschsprachiger Persönlichkeiten, die ich gerne einmal kennenlernen würde, wäre an erster Stelle der Name Wim Wenders zu finden – und das schon seit rund 40 Jahren [die anderen beiden Personen wären die Schauspielerin Johanna Wokalek und der Astrophysiker Harald Lesch]. Getroffen habe ich Wim Wenders nur ein einziges Mal, und zwar vor 4 Monaten … im Traum. Er fuhr mit einem kleinen Auto auf den Parkplatz am Friedhof in Duisburg Wanheimerort, und dort schnappte ich zufällig auf, wie er seiner kleinen Filmcrew gegenüber eine Bemerkung über Oberhemden fallenließ. Und weil meine Wohnung zu Fuß nur zwei Minuten entfernt lag, eilte ich dorthin, um ein Buch zu holen und ihm folgenden Text von Helmut Loeven daraus zu zeigen:

„Also, daß ich so viele Hemden habe, war für mich schon immer ungeheuer beruhigend. Schon oft begann ich von Sorgen geplagt mein Tagewerk und schaute dabei vielleicht auch beiläufig in meinen Schrank, und dann dachte ich: Eigentlich brauche ich mich überhaupt nicht mehr zu fürchten, ich habe ja noch so viele Hemden.“
…………(aus: „Duisburg City Poetry All Stars“, OTZ Verlag Duisburg 1977)

Ich wußte zwar nicht, ob dieser Text Wim Wenders hätte weiterhelfen können, doch schien er mir zumindest einen guten Ansprechgrund zu liefern. Dummerweise hatte ich in der Aufregung aber das falsche Buch eingesteckt (nämlich die Nachfolge-Anthologie „löffelvoll – zum lesen“, OTZ Verlag Duisburg 1979), und so stammelte ich – peinlich berührt – irgendwas von einem falschen Buch vor mich hin, bekam aber dennoch meine Gesprächschance, da ein Mitglied seiner Crew ihn darauf hinwies, daß er noch einige Minuten Zeit habe. Und nachdem unsere Unterhaltung anfänglich etwas holprig verlief, wurde es bedeutend lockerer, als ich Wim erzählte, wie ich durch John Mayalls Song „I’m gonna fight for you J.B.“ (von seiner LP „The Turning Point“ aus dem Jahr 1969) erstmals den Namen J.B. Lenoir vernommen hatte, mir danach eine Platte von diesem besorgt („Down in Mississippi“) und so – was auch außerhalb des Traumes genau so geschehen war – meinen auch heute noch absoluten Lieblingsbluessänger gefunden hatte. Und dann unterhielten wir uns weiter über Musik.

Wim Wenders, am 14. August 1945 in Düsseldorf geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte, ging 1967 an die Filmhochschule in München. Zwischen 1970 und ’73 entstanden seine ersten abendfüllenden Filme, doch erst mit seinem vierten Langfilm, dem 1974 in die Kinos gekommenen „Alice in den Städten“, bin ich auf diesen Regisseur aufmerksam geworden. Ich weiß noch, daß mein erster Eindruck von „Alice…“ ein etwas irritierter war, weil ich a) in der Ära der Farbfilme keinen Schwarzweiß-Film erwartet hatte und b) keine Geschichte, die so langsam erzählt wird, daß ich sie anfangs überhaupt nicht verstanden habe. Aber wenn es storymäßig erstmal nichts zu „begreifen“ gibt, muß man sich halt auf die Bilder einlassen und die dadurch erzeugte Atmosphäre aufzunehmen versuchen, was mir im Laufe des Films immer besser gelang, bis ich ziemlich verzaubert davon war. Und als die Protagonisten zum Ende hin (nachdem die Reise im Süden der USA begonnen hatte) sogar das Ruhrgebiet erreichten (eine Szene spielt tatsächlich im Duisburger Hauptbahnhof – und Kalle Burandt (dem übrigens das Loeven’sche Hemden-Gedicht gewidmet ist) meinte, auch eine Trinkhalle im Duisburger Norden wiedererkannt zu haben), war ich angenehm überrascht.

Zu Wenders‘ nächstem Film („Falsche Bewegung“, 1975) konnte ich dann aber überhaupt keinen Zugang finden, was mich schon sehr enttäuschte, doch mit dem darauf folgenden „Im Lauf der Zeit“ (1976) kehrte die Wender’sche Magie (für mich) wieder zurück, und zwar noch wesentlich stärker als bei „Alice in den Städten“.

Danach vergingen allerdings wieder 8 Jahre, bis ein weiterer Wenders-Film mich ähnlich stark für sich einzunehmen vermochte („Paris, Texas“, 1984), und bei diesem Hin und Her der in meiner Gunst ganz weit oben angesiedelten und mich eher langweilenden Wenders-Filme ist es bis heute geblieben:

Sechs seiner Filme liebe ich über alle Maßen, zwei finde ich immerhin noch okay, und mit dem Rest kann ich nicht viel anfangen. Doch mit diesen 6+2 Filmen ist Wim Wenders zu meinem deutschen Lieblingsfilmregisseur geworden.

Die sechs Filme:
– Alice in den Städten (s/w, 1974)
– Im Lauf der Zeit (s/w, 1976)
– Paris, Texas (Farbe, 1984)
– Bis ans Ende der Welt (Farbe, 1991)
– In weiter Ferne, so nah! (s/w und Farbe, 1993)
– Don’t Come Knocking (Farbe, 2005)

Mir immerhin noch einigermaßen gefallend:
– The Million Dollar Hotel (Farbe, 2000)
– Land of Plenty (Farbe, 2004)

Und wenn ihr bis jetzt den allgemein sehr geschätzten „Der Himmel über Berlin“ (s/w und Farbe, 1987) vermißt haben solltet… tja, der berührt mich einfach nicht besonders (zumindest nicht positiv) und gehört deshalb in die Kann-ich-nicht-mit-warmwerden-Schublade, in der die folgenden Streifen versammelt sind:
– Summer in the City (1970)
– Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972)
– Der scharlachrote Buchstabe (1973)
– Falsche Bewegung (1975)
– Der amerikanische Freund (1977)
– Hammett (1982)
– Der Stand der Dinge (1982)
– Der Himmel über Berlin (1987)
– Lisbon Story (1994)
– Am Ende der Gewalt (1997)
– Palermo Shooting (2008)
(Natürlich ist das alles nur eine rein subjektive Beurteilung!)

Sein neuester Film „Every Thing Will Be Fine“ erscheint erst im Oktober auf DVD, und weil ich überhaupt nicht mehr ins Kino gehe, kann ich deshalb noch nichts dazu sagen.

 

Wenigstens am Rande möchte ich in diesem Beitrag aber auch noch die Musik in Wenders‘ Filmen kurz streifen, wobei ich nicht nur die extra für die jeweiligen Filme geschriebenen Hintergrundsounds meine, sondern auch die vielen Songs, die in einigen seiner Werke zu hören sind und meinem eigenen Musikgeschmack häufig schon sehr nahekommen. Ich besitze eine recht umfangreiche CD-Sammlung, worunter sich aber nur 4 Soundtrack-Alben befinden: „Easy Rider“, „Woodstock“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und die Musik zum Wenders-Film „Bis ans Ende der Welt“, featuring Can, Lou Reed, Nick Cave, Patti Smith, T-Bone Burnett, Daniel Lanois und andere, nicht zu vergessen die wunderschöne Elvis-Costello-Version des Kinks-Klassikers „Days“.

Eine unerwartete Gemeinsamkeit mit Wenders entdeckte ich schließlich im Jahr 2003 noch, als die von Martin Scorcese präsentierte 7teilige Dokumentarfilmreihe „The Blues“ herauskam. Bei einem der Filme hatte Wim Wenders Regie geführt und neben Blind Willie Johnson und Skip James auch meinen (insgesamt nicht so wahnsinnig bekannten) All-Time-Lieblingsblueser J.B. Lenoir porträtiert. Womit sich der Erzählkreis (man erinnere sich an die Lenoir-Erwähnung in meinem Traum zu Beginn) dann wohl geschlossen hätte und mir nur noch übrigbleibt, Wim Wenders für seine vielen magischen Film-Momente zu danken und einen streßfreien Geburtstag und Alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Und wenn er mich noch einmal im Traum besuchen wollte … ich hätte bestimmt immer Zeit für ihn.

Zum Schluß noch ein Wenders-Zitat aus dem Filmtagebuch der Bonus-DVD zu „The Million Dollar Hotel“:
…………„… selbst wenn meine Lieblingseinstellung letztendlich im Schneideraum der Schere zum Opfer fiel. Filmschnitt kann ziemlich grausam sein. Das Erzählen der Geschichte hat aber immer Vorrang vor allem, was bloß schön ist.

 

Nachtrag von Ende Oktober 2015:

Wenders‘ aktueller Film „Every Thing Will Be Fine“ hat mir gut gefallen und gehört deshalb in die oberste Kategorie, so daß es jetzt also 7 (statt bislang 6) Lieblings-Filme von Wenders für mich gibt.