ÄLTERE BEITRÄGE: THE BEST OF

Erinnerungen rund um Motte

Vorbemerkung:
……….Motte zählte meiner Meinung nach nicht zu den wirklich bedeutenden Duisburger Künstlern, so daß eigentlich auch kein Nachruf-Denkmal nötig wäre. Doch weil ich mit ihm in den 1970er Jahren fast so was wie befreundet gewesen bin, habe ich mich aus dieser alten Verbundenheit heraus entschieden, etwas auf dieser Webseite über ihn zu schreiben, das gleichzeitig auch einen Teil meiner eigenen Geschichte darstellt.

 

E R I N N E R U N G E N   R U N D   U M   M O T T E

Am 18. März 2018 ist Carl Korte – einigen Duisburgern besser unter dem Namen „Motte“ bekannt – im Alter von 65 Jahren gestorben.

 

Motte im Juli 1977 (Foto: Schnuff)

 

Motte ist am 13. August 1952 geboren worden und auf der Gärtnerstraße in Duisburg Wanheimerort bei seiner Mutter aufgewachsen. Einen Vater hat er nie gekannt. Er erzählte mir mal, daß er als Kind auf einer Veranstaltung gewesen sei, bei der auch ein Zauberer aufgetreten wäre. Und Jahre später hätte seine Mutter ihm mitgeteilt, daß dieser Zauberer sein Vater war.
……….Eine schöne Legende – oder eine schön ausgedachte Geschichte (Motte hat nämlich häufig ein wenig gesponnen) –, die später auch in der Kurzbiographie eines seiner Bücher ihren Widerhall fand: „Motte, Sohn eines Magiers“.

Ich wurde gezeugt zu Vaters Vergnügen,
Mama war zu schwach und mußte sich fügen,
so hat sie empfangen ohne zu geben,
und ich durfte leben.

……….[Aus „Lebenslauf“, 1971]

 

M U S I K

Zum erstes Mal sind Motte und ich uns im Dezember 1970 über den Weg gelaufen. Ich spielte damals seit einem Monat in einer kleinen Band, die aus Manni Schmitz am Gesang, Pete Eckardt an der elektrischen Leadgitarre, Klaus „Zoppo“ Bausen am Schlagzeug und mir selbst [siebzehn Jahre alt und erst seit vier Monaten mit Gitarrespielen beschäftigt] an der akustischen Rhythmusgitarre bestand. Die Proben fanden in einem ehemaligen Hühnerstall im Schmitz’schen Garten in Wanheimerort statt, und ein häufig anwesender Freund der Band, Klaus Barbian, fragte eines Tages mal in die Runde, ob wir nicht vielleicht noch einen Orgelspieler bräuchten. Wir blickten einander kurz an und kamen zu dem Schluß: nein. Ich hab aber einen kennengelernt, der gleich mal vorbeikommen will, gab Klaus zurück, und einige Minuten später stand Motte in der Tür.
……….Die Probe fiel an diesem Tag etwas kürzer aus, weil wir alle noch zur Gärtnerstraße zu Motte nach Hause marschiert sind, wo er uns etwas vorspielen wollte. Da seine Orgel aber gerade irgendwo anders in einem Proberaum stand, setzte er sich zur allgemeinen Verblüffung an ein Harmonium, trat mit den Füßen in die Schöpfpedale (denn ohne Luftzufuhr gab dieses Instrument keinen Ton von sich) und legte los.
……….Ich erinnere mich noch, daß ich das Resultat eher „seltsam“ fand (und so gar nicht nach Goldy McJohn klingend, dem Organisten meiner damaligen Lieblingsband Steppenwolf), doch war das Ganze so selbstbewußt vorgetragen, daß er uns alle etwas beeindruckt hat und aufgrund dessen wohl auch als fünftes Mitglied in die Band aufgenommen worden ist.
……….[Motte ist Autodidakt gewesen und hatte damals erst seit wenigen Wochen Orgel gespielt, in dieser Zeit aber schon einen Auftritt mit einer Gruppe namens „Atrocity Tale“ gehabt.]

Mottes Einstieg in unsere Band hatte Veränderung zur Folge. Musikalisch ging es [Motte war halt kein Bluesmann] immer mehr von „meiner“ Richtung weg, und auch bei den immer häufiger aufkommenden Diskussionen konnten Motte und ich einfach keinen Nenner finden. Da ging es zum Beispiel mal um die Frage, ob man als junger Musiker überhaupt Lieder nachspielen dürfe, um erst einmal die Form dieser Kunst besser verstehen zu lernen, oder ob man Fremdeinfluß möglichst aus dem Weg gehen sollte, um sofort bedingungslos an eigenen Kompositionen zu basteln? Und während ich das Lieder-Nachspielen befürwortet hatte, wollte Motte davon nichts wissen und sich nur auf musikalische Neuland-Pfade begeben.
……….Außerdem befand er, daß wir unbedingt auch einen Baßisten bräuchten, und eines Tages schleppte er tatsächlich schon die Anlage eines solchen an. Es war kaum zu übersehen, daß Motte immer mehr den Ton angab und irgendwie dabei war, die Band zu übernehmen, während ich selbst nur in freundschaftlicher Atmosphäre ein wenig Musik machen und mir nicht schon wieder [wie in der Schule, die ich erst vor kurzem verlassen hatte] von einem „Boß“ etwas vorschreiben lassen wollte, so daß ich (noch bevor ich den Baßisten überhaupt zu Gesicht bekommen habe) nicht anders konnte, als im Januar 1971 meinen Ausstieg zu erklären; weil man mit Motte – den ich immer eher als exzentrischen Solisten denn als mannschaftsdienlichen Team-Player empfunden habe – nur gut zusammenarbeiten konnte, wenn man seine Meinung teilte.

Mein Ausstieg aus der Band sollte aber viel weitreichendere Folgen als gedacht haben, da die Zurückgebliebenen nämlich ebenfalls beschlossen, andere Wege zu gehen, so daß aus nur einer Musikgruppe schließlich zwei ganz neue entstanden sind.
……….Ich selbst hatte mich zum Musizieren weiterhin mit Zoppo (diesmal an den Bongos) getroffen, und nachdem er mich mit dem Gitarristen und Geigenspieler Tom Altrogge bekanntgemacht hatte, haben wir drei im April 1971 das akustische Bluestrio „Scarabäus Zubiss“ aus der Taufe gehoben, das ein ganzes Jahr lang zusammengeblieben ist und in sehr entspannter (= bekiffter) Atmosphäre im Zimmer unseres Freundes Jupp ’ne Menge bluesiger Hausmusik gemacht hat,
……….während Pete und Motte die elektrische Rockband „Kiste II Wildschwein“ auf die Beine stellten [mit Manni Weber (Baß, Gesang) und Andre Pentzien (Schlagzeug, Gesang)], die ausschließlich eigene Kompositionen aufgeführt und recht progressive Musik gemacht hat. Diese Combo hat etwa 9 Monate lang existiert, während Motte im selben Jahr (1971) aber auch noch Mitglied in der „Pelikan Rock-Gruppe“ [ich hatte mit der Band nicht das Geringste zu tun und weiß bis heute nicht, was die sich bei der Namensgebung gedacht haben] und bei „Oxymoron“ [die sich fast ausschließlich aus meinen ehemaligen Klassenkameraden vom Mannesmann-Gymnasium zusammensetzte] gewesen ist. 1973 hat Motte auch noch der ersten Besetzung von „Ausz“ angehört [meiner Duisburger Lieblingsband in den 70ern – die es seit Mai 2016 übrigens wieder gibt], und danach verlieren sich meine Informationen über seine Zugehörigkeit zu lokalen Rockbands, bis er 1978/79 und ’81 seine eigene Gruppe „Mottes Meute“ auf die Bühne brachte.

Auch wenn ich musikalisch mit Motte überhaupt nicht auf derselben Wellenlänge war [was sich auch nie mehr ändern sollte] und deshalb nur sehr selten mit ihm zusammen musiziert habe, haben wir einander in den 70er Jahren doch recht häufig gesehen. Von der Gärtnerstraße bis zum Pelikan-Heim Im Vogelsang war es schließlich auch nicht besonders weit (höchstens 15 Minuten zu Fuß), und als er eines Tages mal anschellte, um mich zu besuchen, öffnete mein Vater die Tür und Motte sagte: „Hallo, ich bin die Motte“. Mein Vater war verwirrt. Er hatte nämlich „ich bin die Mutter“ verstanden.

Motte ist schwul gewesen, und es war bestimmt kein Versprecher, daß er sich bei dieser Gelegenheit mit die Motte vorstellte, obwohl er später auch der Motte benutzt hat. Sein Schwulsein hat mich – nachdem ich mich erst mal an den Gedanken gewöhnt hatte – auch nicht weiter gestört, nur fand ich, daß er manchmal doch etwas zu großes Gewese davon machte und in späteren Liedertexten viel zu sehr den Eindruck zu erwecken versuchte, als wenn er sich in zwielichtigem Halbwelt-Milieu bestens auskennen würde, was ich aber immer nur für Show gehalten habe. Als er irgendwann jedoch auch noch seine pädophilen Neigungen zugab und dann auch noch regelrecht damit anzugeben begonnen hat, habe ich ihm das – da er auch keinerlei moralische Bedenken zeigte – doch schon ziemlich übel genommen.

 

F R Ü H E   P R O S A

Es gibt (bis ins Jahr 2008 hinein) einige Parallelen im Leben von Motte und mir. So haben wir beide 1970 mit dem Musikmachen begonnen, uns beide 1971 an ersten eigenen Liedern mit Text (er auf deutsch, ich auf englisch) versucht und 1974 jeweils unser erstes Prosa-Büchlein auf den Markt gebracht. Meines trug den einfallslosen Titel „4 Kurzbücher, 1 Lexikon und 1 Brief“ und war im Januar 1974 in einer Auflage von 20 Exemplaren erschienen, und Mottes folgte einige Monate später und hatte mit „Titel 1“ einen sogar noch einfallsloseren Namen bekommen, dafür aber einen recht flotten Werbespruch zu bieten: Wenn du nicht mehr weiter weißt, greif’ zum Buch, das Durchblick heißt. Doch war es bei diesem Buch überhaupt nicht so einfach, den versprochenen Durchblick auch wirklich zu entdecken, da die Beiträge (bis auf einen ganz vorne, für den man das Buch – oder sich selbst – zum Lesen aber auf den Kopf stellen mußte) von hinten nach vorne liefen.
……….Es ist in jenen Tagen nicht so leicht gewesen, preisgünstig Texte in kleiner Auflage herauszubringen [wenn man eine bessere Vervielfältigungsqualität als beim inzwischen ziemlich veralteten Hektographieren haben wollte], weil das Fotokopieren beispielsweise (in jenen Vor-Copyshop-Zeiten) noch sehr teuer war: 1 DM für ein einziges Blatt. Also mußten wir, um unsere Werke auf den Markt zu bringen, irgendwo einen auftreiben, der das möglichst umsonst erledigen konnte, was uns schließlich auch gelungen ist. [Mein Freund Nilles ist einige Monate später beim Fotokopieren meines Nachfolgewerkes allerdings von seinem Chef erwischt und auf der Stelle rausgeschmissen worden – doch ist er ohnehin nicht besonders scharf auf diesen Job gewesen.]

Beide sogenannten „Bücher“ sind in Wahrheit aber nur ziemlich dünne Machwerke von 20 [bei Motte] und 30 [bei mir] einseitig kopierten DIN-A5-Seiten gewesen, die mit Heftklammern [bei Motte] und Bindfaden [bei mir] zusammengehalten wurden und wegen ihrer schwarzen Pappumschlag-Cover sehr an alte Klassenarbeitshefte erinnerten. Der Inhalt meines Buches bestand aus ein paar autobiographischen Skizzen sowie einem vierseitigen Minilexikon, in dem Motte mehrfach als Mitglied von ehemaligen Duisburger Bands genannt wurde, und er revanchierte sich, indem auch ich in seinem ersten Buch Erwähnung fand:

……….Brief an Alan S.H. Pelikan
Mein lieber guter Dauerblauer,
aufgrund unserer bisher vorzüglichen Geschäftsbeziehungen (wie Sie sich vielleicht erinnern können, pflegte ich stets, auch in Ihrer Abwesenheit, von ihrem Tabak zu rauchen und von ihrem Whisky zu trinken) bin ich nicht abgeneigt, gegen einen Vorzugsdrink einen Hinweis auf ihr neuestes Werk in meinem Erstling zu publizieren. Es läßt Sie grüßen
……….HONKY TONK MOTTE

Und später hieß es noch:
……….Anzeige:
Alan S.H. Pelikan schreibt ein neues Buch. Hurra!

……….Anmerkung 1: Daran, daß er meinen Whisky in meiner Abwesenheit gesoffen hätte, kann ich mich zwar nicht erinnern, dafür aber an einen Besuch von Harald, Lolle, Buddy und mir bei ihm. Er war zwar nicht zu Hause, doch ließ seine Mutter uns trotzdem in seinem Zimmer auf ihn warten, und wir verlebten dann einen sehr netten Abend, obwohl Motte an dem Tag überhaupt nicht mehr auftauchte. (Hat er darauf vielleicht – einfach alles ins Gegenteil kehrend – angespielt? Würde perfekt zu seinem damaligen Humor passen.)
……….Anmerkung 2: Das Dauerblauer bezog sich auf mein Faible für Bluesmusik, und ein wenig vielleicht auch auf meinen hin und wieder schon etwas über die Stränge schlagenden Alkoholkonsum, der mir rund 20 Jahre später dann wahrhaft mörderische Probleme bereiten sollte.

 

L I E D E R M A C H E R

Auch wenn wir beide zu Zeiten der Hühnerstallband noch den großen Traum hatten, später mal als Rockmusiker berühmt zu werden, entdeckten wir ziemlich rasch, daß eigene Lieder zu schreiben noch einen zusätzlichen Befriedigungsfaktor auf der Suche nach Selbstverwirklichung und Anerkanntsein bedeutete. Weil die Art dieser Lieder aber nicht recht zu der rockigen oder bluesigen Musik unserer damaligen Bands paßte, lag es nahe, daß wir eines Tages auch mal als „Liedermacher“ alleine auf die Bühne gehen würden.
……….Mein erster Solo-Auftritt fand [nachdem ich mein Konzertdebüt schon ein halbes Jahr zuvor mit Scarabäus Zubiss gegeben hatte] im Dezember 1972 statt, und diesen Gig hatte ich ausschließlich Motte zu verdanken. Er hatte für seine damalige Band Oxymoron einen Auftritt auf der Feier zum 50jährigen Bestehen des Schwimm- und Wasserballvereins DJK Poseidon Duisburg klargemacht, und weil ihr Baßist an diesem Abend verhindert war, traten sie mit einem Aushilfsbaßisten auf [und so habe ich Kalle Burandt, meinen seit mehr als vierzig Jahren besten Freund, kennengelernt]. Und weil das Programm mit dem Ersatzmann möglicherweise etwas zu kurz war, hatte Motte mich noch als „Vorgruppe“ engagiert.
……….Was willst du dafür haben, hatte er mich gefragt. Eine Flasche Whisky, hatte ich geantwortet – vermutlich, weil ich es cool fand, später mal erzählen zu können, daß meine erste Sologage in einer Flasche Whisky bestanden hätte.
……….Diese Gage habe ich von Motte zwar auch bekommen, doch bin ich nicht gerade begeistert gewesen, als ich feststellte, daß er das billigste Zeug (made in Germany) genommen hatte, das überhaupt nur aufzutreiben gewesen war. Ist dann auch kein besonderer Genuß gewesen, doch konnte ich Motte als Geschäftsmann ja überhaupt nichts vorwerfen, da er unserer Vereinbarung absolut korrekt nachgekommen war; nur hatte ich halt erwartet, daß er mehr wie ein Freund, der einem etwas Gutes tun wollte, denken und handeln würde.

Der früheste Motte-Soloauftritt, von dem ich definitiv weiß, hat im Februar 1974 stattgefunden. Und wenn dies tatsächlich sein allererster gewesen sein sollte, trüge auch ich an diesem Solo-Debut eine gewisse Mitschuld.
……….Am 24. Januar 1974 war ich mit Gitarre und 300 DM in der Tasche (sowie der Zusicherung auf einen Schlafplatz für die erste Nacht) nach Berlin gefahren, und am Ende des Monats hatte ich bereits sieben Auftritte hinter mir: im Steve Club, im Folk-Pub und fünfmal im Go-In, dort meistens als Letzter zwischen 3 und 5 Uhr morgens. Und von diesen außergewöhnlichen Ereignissen schrieb ich natürlich auch nach Duisburg, und als ich am 12. Februar abends ins Go-In kam [obwohl ich erst weit nach Mitternacht spielen sollte, doch den vorher auftretenden Musikern zusehen zu können war halt auch einfach nur klasse], saß Motte auf einmal da. Am nächsten Abend hat er dann [wie alle Neuen noch ohne Gage] im Folk-Pub gespielt [sein möglicherweise ja erster Solo-Gig] und ist ein paar Tage später [weil es für ihn als Klavierspieler ohne eigenes Instrument auch viel weniger Möglichkeiten als für mich gab] dann wieder nach Duisburg zurückgefahren, während ich selbst noch bis zum 2. April geblieben bin und von Februar an noch weitere 60 Auftritte machen konnte. Für einigermaßen talentierte Gitarrenspieler ist West-Berlin damals wirklich das Paradies gewesen.
……….Wenn ich von einem Auftritt rede, meine ich übrigens immer nur einen recht kurzen von nicht mehr als 20 Minuten Spielzeit (es sei denn, das Publikum hatte am Ende noch eine oder mehrere Zugaben gefordert), was vier bis fünf Lieder bedeutete. Und nach 5minütiger Pause trat bereits der nächste Act auf die Bühne, so daß es völlig normal war, mehr als ein Dutzend verschiedener Musiker an einem Abend zu erleben. [Als Gage für diese 20-Minuten-Gigs habe ich zuerst 10 DM erhalten, und ab März dann sogar 12 DM. Die richtig guten Leute bekamen aber das Doppelte.
……….Und einen Monat nach Motte ist auch Tom Altrogge noch für zehn Tage nach Berlin gekommen und hat bei fünf meiner Auftritte Scarabäus Zubiss noch mal als Duo wieder aufleben lassen. Was für eine Zeit, was für ein Abenteuer!]

Wieder zurück in Duisburg bin ich sogleich für den ersten von Motte organisierten Konzertabend „Blues & Lieder“ (in der Aula der Duisburger Gertrud-Bäumer-Schule am 10. Mai 1974) engagiert worden, bei dem außer Motte und mir auch noch Andre Pentzien & Frank Steinfort, Norbert Schewe und (als Top-Act) Fernando Vasquez zu hören gewesen sind. (Ich weiß nicht, was die anderen Musiker bekommen haben, doch hat meine Gage genau null DM betragen, weil keine genügende Anzahl von Eintritt zahlenden Zuschauern dagewesen sein soll.)

 

Motte am Flügel bei „Blues & Lieder“ (1974). Meines Wissens konnte er immer prima sehen, so daß diese Brille (mit vermutlich nur Fensterglas) wahrscheinlich eine Huldigung an eins seiner großen Idole, John Lennon, dargestellt hat. (Fotograf: unbekannt)

 

Das nächste Motte-Festival sollte bereits einen Monat später in Mülheim stattfinden, und diesmal hatte ich sogar einen richtigen Vertrag bekommen, der mir tatsächlich Geld garantierte – doch wurde es leider wieder nix damit, weil das Ganze nur einen oder zwei Tage vor Beginn von Motte noch (ohne Angabe von Gründen) wieder abgesagt wurde. Keine Ahnung, was da schiefgelaufen war.

Ich kann aber auch von einer finanziell zufriedenstellenderen Geschäftsbeziehung mit Motte berichten. 1973 gab es in meinem Zimmer (das restliche Inventar bestand aus auf dem Boden liegenden Matratzen, einem Sessel mit abgesägten Beinen, einem kleinen Schreibtisch und einem schmalen Bett), auch eine vormals meinen Großeltern gehörende kleine zweisitzige rote Couch, die Motte so gut gefiel, daß er sie mir unbedingt abkaufen wollte, doch mochte ich sie nicht hergeben. Aber Motte blieb hartnäckig, ließ nicht locker und nervte mich monatelang bei jedem Besuch auf’s neue, bis ich eines Tages erwiderte, daß die Abgabe dieses Möbels ja auch deshalb schon nicht möglich sei, weil dann eine leere Ecke in meinem Zimmer zurückbliebe. Doch ließ Motte sich auch davon nicht entmutigen und erhöhte sein altes 50-DM-Angebot spontan auf 50 DM plus 3 Matratzen. Und so akzeptierte ich den Deal schließlich, um endlich auch Ruhe vor dem ewigen Bedrängt-Werden zu haben.

Was für eine Musik hat Motte eigentlich gern gehört? Ich weiß nur, daß er ein großer Beatles-Fan gewesen ist. Und als er einmal mitbekam, daß ich die Beatles-Platten aus der ersten Hälfte der 60er Jahre kaum kannte, schenkte er mir zu Weihnachten ein paar Audiocassetten, um diese Wissenslücke auffüllen zu helfen.
……….Und einmal traf ich Motte auf der Straße in Wanheimerort und er redete ganz begeistert von einer neuen Platte, die ich mir unbedingt sofort bei ihm zu Hause anhören müsse, und so kam ich 1976 zum ersten Mal mit der Musik von Queen in Berührung: Bohemian Rhapsody.

 

D E R   O T Z   V E R L A G

Im April 1977 war schließlich [nach vier gescheiterten Für-lau-Vervielfältigungsversuchen in den Jahren 1974 und ’75] doch noch mein zweites Prosabuch „Wieder ein echter Pelikan oder Wie ein echter Pelikan oder Wie echt, Pelikan oder Echt Pelikan oder“ herausgekommen, und zwar im Duisburger OTZ Verlag – was sich einerseits toller anhört als es ist (weil es gar kein richtiger Verlag war), andererseits aber genau so toll, wie eine spontan geborene und entschlossen in die Tat umgesetzte Idee es verdient hat.
……….Im Sommer 1976 erwähnte ich einem meiner neuen Eschhausbekannten gegenüber mal, daß ich nicht nur englische Songlyrics schreiben würde, sondern auch noch einige deutschsprachige Prosatexte in der Schublade hätte, die für einen normalen Verlag jedoch völlig ungeeignet seien, während ich selber leider keine Mittel besäße, um die Sachen auf eigene Faust herauszubringen [da es sich mittlerweile auch nicht mehr um (wie bei meinem ersten Büchlein noch) nur 30, sondern inzwischen fast 100 Seiten handelte]. Dann laß uns doch einen eigenen Verlag gründen und das Buch selber drucken, schlug Rammi vor. Ich habe kein Geld, betonte ich noch einmal. Ich auch nicht, erwiderte Rammi, aber mit der Hilfe des OTZ Konzerns wird das schon irgendwie gehen. Also erkundigte er sich, wer irgendwelche Beziehungen zu einem Drucker hatte – und nach einem fehlgeschlagenen ersten Versuch im November ’76 und einer heimlich bei Thyssen gedruckten (jedoch von einem Bonzen entdeckten und sogleich konfiszierten) ersten Auflage im Februar ’77 brachte eine andere Geschäftsverbindung im März (im Tausch mit vom Konzern vorgeschossenen 140 DM) endlich einen großen Stapel einseitig bedruckter Blätter ins Haus, die in einer kurzfristig angesetzten Wochenendaktion von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des OTZ Konzern/Kollektivs in Rammis Dachbodenraumzimmer auf zwei Tapeziertischen zu 111 verschiedenen Einzelbuchseitenpäckchen sortiert und anschließend einhundertmal zusammengelegt wurden, wonach Rammi in den folgenden zwei Wochen dann damit beschäftigt war, die gesamte Buchauflage von 100 Exemplaren in Einzelleistung herzustellen, indem er jede der 111 Seiten dicken Blattsammlungen in einen Schraubstock spannte und mittels einer selbstentwickelten Klebetechnik in Buchformate brachte.

Und auch in diesem meinem zweiten Buch hatte Motte die Ehre eines Auftritts:
……….In der Zeit des erwachenden Frühlings, wenn die Lebensgeister sich zusammenschließen um Triumph über den Winter zu halten, mag man sich vorstellen, wie ein angehender Fußballschiedsrichter Tag für Tag seinen Waldlauf abhält, um bei späteren Fouls in die Hacken der den Überholvorgang schon beendet Habenden mit sicherer Lunge einen erst durch richtiges immer zur Stelle sein möglich werdenden Ahndungs-Pfiff ausstoßen zu können.
……….Der Wald ist wieder leer, denn Motte ist vorbei und aus und Ausz ist noch lange nicht dran.
……….[A.S.H. Pelikan, 1975]

……….Anmerkung 1: Motte ist Fußballfan gewesen und hat in den 70er Jahren auch einen Schiedsrichterschein gemacht, für den er sich unter anderem mit täglichen Waldläufen fit hielt.

 

31.7.1970, Bolzplatz Fasanenstraße. Motte (unten links) ist sich der Kamera sehr bewußt und hat auch gleich eine größere Pose eingenommen. (Foto: Ditz Hartung)

 

……….Anmerkung 2: Vierzig Jahre später berichtete ich auf meiner Webseite von einem kürzlich um den „Carl Korte Cup“ ausgetragenen Fußballspiel zwischen Duisburger Journalisten und Duisburger Musikern [Motte ist ja beides gewesen], bei dem auch ein „wegen eines Bandscheibenvorfalls von einem Drehstuhl im Mittelkreis aus operierender Schiedsrichter“ erwähnt wurde, bei dem es sich, wenn auch unausgesprochen, um niemand anderes als Motte handelte, der damals schon ziemlich kränklich und überhaupt nicht mehr gut zu Fuß war.
……….Dieses besondere Fußballspiel hat allerdings nur in meiner Phantasie stattgefunden, doch hätte Motte [der davon wahrscheinlich nichts mitbekommen hat, da er in seinen letzten Jahren ohne Computer und ohne Internet lebte] meinen Beitrag bestimmt gemocht, weil schräge und spinnerte Ideen zu haben ja das Hauptband gewesen ist, das uns in den 70er Jahren verbunden hat.

In meinem zweiten Buch war aber auch noch ein Gedicht abgedruckt, das besondere Erwähnung verdient, weil ich es
……….a) in Mottes Zimmer verfaßt habe, während er selbst es war, der
……….b) den Tee kredenzte und
……….c) zur poetischen Inspiration Klavier gespielt hat.

……….Noch einen Tee?
Noch einen Tee, noch ein Täßchen?
wurd ich gefragt
warum nicht
und noch ein Schüßchen Milch hinein
dann wird der Tee wohl richtig sein
hab ich gesagt.
Und während das Klavier erklingt
der Pelikan die Feder schwingt
um mit grüner Farbe aufzumalen
daß der Tee ihn doch würd laben
obwohl es ja doch schwarzer ist
den der Gaumen schmeckt, die Lippe küßt
den Tassenrand der Tasse, welche noch
vor kurzer Zeit nach Tee arg roch
derweil Inspirationen flossen
der Tee doch ward hinabgegossen.
Noch einen Tee, noch ein Täßchen?
wurd ich gefragt
warum nicht, hab ich gesagt.
……….[A.S.H. Pelikan, 1974]

Der OTZ Verlag hat übrigens keine Autorentantiemen gezahlt, weil es ihm um das Herausbringen von Büchern ging und sämtliche Einnahmen sogleich wieder in das nächste Projekt gesteckt wurden, was im selben Jahr (1977) dann auch noch das Erscheinen der folgenden Produkte möglich gemacht hat: Die Prosa-Anthologie „Duisburg City Poetry All Stars“, das „Songbook“ von A.S.H. Pelikan (mit 25 Liedertexten) und den aus 13 DIN-A3-Blättern bestehenden OTZ-Kunstkalender. Letzterer bot für jeden Monat des neuen Jahres eine Zeichnung von OTZ-nahen Personen und Duisburger Künstlern (wie Willi Kissmer z.B.) und inspirierte Motte zu folgendem hübschen Text:

Montags schreib’ ich ein Gedicht
dienstags mach ich Demo-Bänder
das vergeß ich sicher nicht
denn es steht im OTZ-Kalender

Mittwochs bring ich Geld zur Bank
donnerstags schellt dann der Pfänder
und ich stell’ mich einfach krank
das steht auch im OTZ-Kalender

Freitags kommt ’ne Disco-Schau
irgendwo im Rundfunksender
oh, das merk ich mir genau
schreib’s mir in den OTZ-Kalender

Samstags mach’ ich einen drauf
geb’ mich dann als Lustverschwender
der Termin steht felsenfest
rotmarkiert im OTZ-Kalender

Sonntags schenk ich meine Gunst
gern dem Klange einer Fender
und betrachte Bilderkunst
die steht auch im OTZ-Kalender

O wie Orgie, T wie Trick,
Z wie zwischendurch ’n Ständer
jedes Jahr bringt neues Glück
mit dem großen OTZ-Kalender

Im „Kalender“-Jahr 1978 sind neben einem Comicband von Schnuff auch noch drei weitere OTZ-Bücher erschienen, darunter auch „Heiße Haut“, die erste Liedertextsammlung von Motte [hätte davon noch jemand ein Exemplar für mich?], die ich von all seinen Songbüchern [bis 1992 hat er deren fünf mit insgesamt 151 selbstgedichteten und 8 übersetzten Musikversen veröffentlicht] am liebsten habe, weil es auch Texte aus den frühen 70er Jahren enthält, die ich schon lange kannte, da wir junge Autoren uns häufig gegenseitig unsere neuesten literarischen Ergüsse vorzutragen pflegten. Hier mein Mott’scher Lieblingstext aus jenen Tagen:

……….Kiese in der Grube

Bärenbeißer Zähnefleisch
gewunderte im Honigtau,
Silbermann, der Freudenlose,
schwimmt im Gras der frühen Jahre,
böllert aus der Luft hernieder:
Tannenzapfens Wolkenmüll.

Kiese geistert durch die Wiese,
leise,
bis ein Loch ihn fängt.
Bärenbeißer zögert,
bis der Silbermann ihn drängt,
Kiese doch herauszuknabbern
und das Loch dann zuzubaggern,
mit den breiten Bärenscheren
dürfte das nicht lange währen.

Dieser aber weigert sich
und er spricht: Ich weiger’ mich,
Kiese da herauszuknabbern
und das Loch dann zuzubaggern,
weil der Kiese letztes Jahr
schon einmal da unten war.

Ach, was hab ich da geackert,
hab‘ den Kiese rausgeknabbert,
hätt’ das Loch gern zugebaggert,
doch der Kiese hat gejammert:
Laß mir meine grüne Wiese
mit dem Loch,
das brauch ich noch!

Und so sitzt der gute Bube
Kiese jetzt in seiner Grube,
geistert nicht mehr durch die Auen,
lebt im Loch,
will Gras anbauen
und so lange wachsen hören,
bis das Loch wird nicht mehr stören,
weil das Gras es nun bedeckt,
Kiese neue Streiche heckt,
wieder durch die Wiese geistert,
leise, bis ein Loch ihn fängt.
……….[September 1972]

Als die Aktivitäten des OTZ Verlags auch andere Konzernzweige [wie die OTZ Motorradabteilung (die an Rennen auf dem Nürburg- und Hockenheimring teilnahm) und die OTZ Musikproduktion (die 1977 und ’78 ein jeweils dreitägiges Musikfestival im Eschhaus auf die Beine stellte)] aufblühen ließen, haben schließlich alle zwei Wochen dienstags im Eschhaus [wenn die Pforten für den normalen Besucherverkehr geschlossen waren] auch noch unsere Konzern-Sitzungen stattgefunden, bei denen alle OTZler und Sympathisanten willkommen waren und wo über laufende Aktivitäten und zukünftige Pläne geredet wurde, und auch Motte ist fester Bestandteil dieser das komplette Jahr 1978 hindurch stattfindenden Treffen gewesen.
……….1979 ging die glorreiche OTZ-Zeit dann leider doch schon ihrem Ende entgegen [nur noch zwei Bücher in diesem Jahr und auch kein drittes OTZ Festival mehr], weil viele Mitarbeiter nach bestandenem Abitur zum Studieren in die Welt hinauszogen oder einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen begannen und sich deshalb um anderes zu kümmern hatten. Doch diese drei Jahre sind wirklich bemerkenswert gewesen und haben (neben noch zwei kleinen Lexika und dem schon erwähnten Comic und Kalender) insgesamt acht OTZ-Bücher hervorgebracht: fünf von Motte und Pelikan, einen Gedichtband von Kalle Burandt und zwei Anthologien mit Beiträgen von ausschließlich Duisburger Autoren.

[Zur OTZ Bibliographie]

Den OTZ-Namen haben danach vor allem Rammi und ich noch hochgehalten, indem Rammi in den 80ern seine bis heute existierende Firma Otztronics [Entwicklung, Herstellung und Serviceleistung im professionellen Audiobereich] aufbaute, ich 1982 noch ein weiteres OTZ-Buch auf den Markt brachte [„Herzlichen Glückwunsch“], die OTZ Musikproduktion in Pelikan/Rammi-Zusammenarbeit im neuen Jahrtausend sechs Pelikan-CDs fertigstellte [an der siebten („Im Bann der Subdominante“) wird aktuell gearbeitet] und Rammi sein „One Tone Zone Studio, Kerken“ [die Anfangsbuchstaben ergeben OTZ] aus der Taufe hob.
……….Und Motte hat in den 90ern noch drei Songbücher im sogenannten M-OTZ-Verlag veröffentlicht.

 

I M   M I T T E L P U N K T

Im Frühling 1978 war ich auf die Idee gekommen, als Sandwich-Man der Duisburger Bevölkerung ein frohes Pfingstfest zu wünschen. Da ich den Plan aber nur zu zweit verwirklichen konnte, bat ich Motte, der für schräge Ideen eigentlich immer zu haben war, um Mithilfe, und so sind wir am Pfingstsonntag durch die Innenstadt gelaufen: er an meiner linken Seite mit „Pfingsten“ auf der Brust und „Frohe“ auf dem Rücken, während es bei mir genau andersherum war.

 

Pfingsten mit Motte auf dem Sonnenwall (Foto: Rolf Köppen)

 

Motte ist ziemlich verrückt und exzentrisch gewesen, und er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen oder zumindest aufzufallen – und übersehen worden sind wir beide von den Passanten bei unserem Pfingstspaziergang bestimmt nicht. Aber aufzufallen ist nicht nur für Motte wichtig gewesen, sondern auch für mich; denn ich bin (auch wenn man es nicht vermuten würde) als junger Mann ein ziemlich ängstlicher und eher selbstbewußtloser Zeitgenosse gewesen, der seine Unsicherheiten vor allem hinter seinem Künstler-Image zu verbergen versuchte – und vielleicht sind Mottes Beweggründe ja ähnlich gelagert gewesen und er hat sein Das-Licht-der-Öffentlichkeit-Suchen auch deshalb mit solcher Leidenschaft betrieben, um so seine (ihn sein Leben lang begleitende) Einsamkeit zu übertünchen, die auch in nachfolgendem Text recht deutlich erkennbar wird:

……….Lied an die (T)Räume
Meine Kammer ist leer, doch ich bin nicht allein, neben mir steh’n ein Tisch und zwei Schränke, auf dem Boden liegt ärmlich das Bein eines Stuhles herum und bedrohlich wanken die Wände.
……….Fenster und Türen sperrangelweit offen, frischer Farbgeruch schleicht sich hinein, treibt mich hinaus, ohne daß ich’s will. Natürlich ist im Garten mal wieder was los. Keiner da, und die Tiere steh’n kopf. Auf der Suche nach Leben find ich ’nen Vogel unter’m Bett, da hat ihn die Katze gerupft.
……….Am Abend allein vor dem Mikrophon, auch im leeren Saal leben Stühle, da sitzen Leute mit Ohren herum und ich treibe mit ihnen meine Spiele, doch sie verstehen keinen einzigen Ton. Und wenn sie dann gehen, befreit und zufrieden und der Saal ist leer, doch die Stühle zerschlagen, dann sammle ich einige Beine auf, um sie nach Hause zu tragen.
……….[ca. 1978]

Was Motte zeitlebens gefehlt hat war ein Freund. Ich meine jetzt keinen Sexualpartner, sondern einen wirklich guten besten Freund, dem man tiefe persönliche Gedanken anvertrauen konnte. Ich selbst bin auf diesem Gebiet allerdings auch kein Experte gewesen und habe jahrzehntelang mit einigen „unaussprechlichen“ und schwer lastenden dunklen Geheimnissen zugebracht, die ich immer zu verdrängen versuchte, ohne sie dadurch aber wirklich loswerden zu können. Erst im Alter von über 60 habe ich meinem besten Freund und meiner besten Freundin schließlich davon erzählen können, was ich – auch mit solch zeitlicher Verspätung noch – als große Erleichterung empfunden habe. Aber so weit ist Motte, wie ich denke, nie gekommen.

Motte ist ohne Vater aufgewachsen, während ich zwar einen Vater hatte, diesen aber nie wirklich zu lieben vermochte und auch von seiner Seite her keine richtige Liebe gespürt habe. Von unseren Müttern sind Motte und ich dafür umso mehr verhätschelt worden, was mir allerdings (wie ich als junger Erwachsener noch leidvoll erfahren sollte) überhaupt nicht gut getan hat und was auch für Motte keine optimale Vorbereitung für eine Entwicklung zu einem fest im Leben stehenden glücklichen Menschen gewesen sein dürfte.
……….Kunst ist für uns beide ein vermeintlicher Ausweg aus der unsere Seelen vergiftenden Isolation gewesen, doch hat Motte leider dazu geneigt, seine musikalischen Talente etwas zu überschätzen, was ihn im Laufe der Zeit immer mehr in die Ecke eines unverstandenen Einzelkämpfers manövriert hat. Doch zu Ende der 70er Jahre hat der Traum vom großen Erfolg bei ihm noch absoluten Bestand gehabt.

Neben der in Mottes und meinem Künstlerleben fast gleichlaufenden Entwicklung des Ein-Instrument-Erlernens, Eigene-Lieder-Komponierens und Prosatexte-und-Songbücher-Veröffentlichens ging die Parallele auch bei unserer jeweiligen ersten Musikgruppe mit eigenem Liedmaterial weiter: „Mottes Meute“ (1978/79 und – in neuer Besetzung – 1981) und Pelikans „Al and The Hollywood Rats“ (1981 bis ’83). Wobei Motte deutlich früher schon (1978) auf sein Hauptinstrument (Keyboards) verzichtet hat, um nur noch als singender Frontmann in Erscheinung zu treten, während ich mich erst in meiner 1985 gestarteten Nachfolgeband „Al und die Hollywood Rats“ [mit komplett neuen Mitstreitern und erstmalig auch deutschen Texten] ohne mein Instrument (Gitarre) auf der Bühne zeigte und ebenfalls nur als Sänger agierte, um mich darin [– Motte und ich sind ja beide keine geborenen Vokalisten gewesen und haben vielleicht nur deshalb zu singen begonnen, weil die selbstkomponierten Lieder es verlangten oder nahelegten –] zu üben und zu verbessern.

Motte hat sich für ein Publicity-Foto seiner Band mal die Haare blond gefärbt und die Augenbrauen abrasiert (was wirklich sehr seltsam aussah), und als meine „Duisburg City Rock ’n’ Roll All Stars“-Coverband im Sommer 1978 zwei Wochen lang in der Gegend von Marburg tourte, verteilten wir an die Veranstalter auch das Mottes-Meute-Infoblatt, und angesichts des oben erwähnten Fotos meinte einer: Die Jungs sind bestimmt teuer. Das Foto hatte seine geplante Wirkung also nicht verfehlt.
……….Den größten Auftritt in Duisburg hat Mottes Meute wahrscheinlich bei dem Open-air-Festival im Kantpark am 10. Juni ’78 gehabt (bei dem neben weiteren Bands auch meine „All Stars“ gespielt haben). Und von diesem Motte-Event gibt es sogar einen dreieinhalbminütigen Filmmitschnitt.
……….Titel: Motte im Park. Kamera: Helmut Loeven. Originalformat: Super 8 (seit 2009 auch als DVD mit einigen anderen Loeven-Kurzfilmen zusammen in Helmuts „Buchhandlung Weltbühne“ zu bekommen). Farbe: ja. Ton: nein (denn Super-8-Filme besaßen nun mal keine Tonspur).
……….Und Motte bewegt sich auf der Bühne mit dem Mikrophon in der Hand auch sehr filmtauglich, während seine Bandmitglieder ihn teils erstaunt, teils amüsiert beobachten, denn so überdreht (um auch ein paar professionell wirkende Posen für den von ihm bestellten Fotografen zu kreieren) hatten sie ihn live wahrscheinlich noch nie agieren sehen.
……….Meine liebsten Filmmomente sind aber die, in der die Kamera mal von der Bühne wegschwenkt und fünf Sekunden lang der gerade dort entlangschlendernden Frauke folgt.

Frauke hat damals im Eschhaus hinter der Theke gearbeitet [eine bessere und coolere Thekenkraft hat der Laden nie gesehen!] und ist nur zwei Wochen später meine Geliebte geworden. Und weitere zwei Wochen später bin ich mit den „All Stars“ auf die schon erwähnte kleine Marburg-Tournee gegangen. Und weil die Liebe zu dem Zeitpunkt noch ganz neu und die Sehnsucht nacheinander noch unendlich groß war, ist diese zweiwöchige Trennung nur schwer zu ertragen gewesen, und so habe ich ihr alle zwei Tage oder so einen Brief geschrieben. Das Problem war nur, wohin ich die Post senden sollte, da von unserem Verhältnis niemand wissen durfte, weil Frauke verheiratet war und ihr Mann im Eschhaus – obwohl selten anwesend – auch kein Unbekannter gewesen ist. Und da half mir Motte aus der Klemme, der sich bereit erklärte, für mich den Liebesbriefträger zu spielen, indem ich die Briefe an ihn adressierte und er sie abends im Eschhaus heimlich an Frauke weitergab. Ich habe ihm dabei vollkommen vertraut, und er hat auch nie ein Sterbenswörtchen über diese Liebesbeziehung, die ja absolut verboten war, ausgeplaudert. [Das haben später dann andere getan.]

{Erst im Nachhinein eingegangene Information, die mir Birgit Quentmeier von den „Flowerpornoes“ hat zukommen lassen: „Ich habe 1978/79 im Eschhaus einen Klavierkurs bei Motte gemacht. Ich war damals noch in der Musikschule, aber da wurde nur nach Noten gespielt und das ging mir irgendwann auf den Geist. Motte hat mir beigebracht, Songs mit Akkorden zu begleiten und auch etwas zu improvisieren. Hat also sozusagen bei der Grundsteinlegung meiner ‚Rockmusikerinnenlaufbahn‘ mitgewirkt.“}

 

Pelikan, Motte und Helle Wollenschläger am 3. Mai 1978 in Wuppertal, sich die Zeit bis zu meinem Auftritt vertreibend. (Foto: Rammi)

 

D E R   W O R T M E N S C H

Motte und ich sind außer Tontransporteuren vor allem Sprachreisende gewesen, und ich habe viele seiner frühen Wortschöpfungen sehr gemocht. Seine Pseudonyme Manuela Männlich und Gloria Grantig-Grauh (die angeblich ein Automobil der Marke „OTZ Stöhnwind, Modell Machmir 1“ chauffiert hat) zum Beispiel, oder seine Erfindung des Wortes „pelikanesisch“ (1981), das ich sogleich adoptiert und später noch zu dem Begriff „Pelikanesien“ (für meine Wohnung) erweitert habe. Und auch Texte wie dieser hatten es mir angetan:

……….Hoffnung

Beim Frühstück Samstagmorgen war’s,
ich hatte grad’, noch unrasiert,
ein Ei gepellt, nahm Salz nach Maß,
als ungestüm die Klinge schellt’.

In Eile ließ ich das Frühstück steh’n,
um nach dem frühen Gast zu seh’n.

Sie war eine Dame, trug Jeans und sah aus
und machte sich einen Spaß daraus,
mich durch Fragen zu verwirr’n,
wie dieser: Haben Sie ein Gehirn?

Ich hatte noch eins auf dem Fernseher ruh’n,
in Säure war es konserviert,
seit Jahren hatte es nichts mehr zu tun,
und die Windungen waren mit Staub garniert.

Auf Verlangen habe ich’s angemacht,
und siehe da: es hat gedacht.

Doch die Dame war völlig außer sich,
denn die Weiblichkeit, die duldet es nicht,
für den Notfall Gehirne instand zu halten,
doch weil ich sie liebte, habe ich ihr
mein Gehirn überreicht mit Plaisir,
ohne es wieder auszuschalten.

Denn ich schwärme für Damen mit Esprit,
für ihre Wärme, für ihre Knie.

Diese nette Gehirneinsammlerin
mit Damenbart und Doppelkinn
gewährte mir diskret ’ne Offenbarung –
aber wie’s so oft im Leben geht,
auch wenn man sich sehr gut versteht,
ist sie heut’ für mich nur noch Erfahrung.

Seitdem sitz’ ich täglich in Cafés
bei schwarzem Tee, Gebäck und les’
Kontaktanzeigen in den bunten Blättern –
was wär der ganze Liebesmarkt
von Pubertät bis Herzinfarkt,
wenn man die große Hoffnung
nicht mehr hätte?

Mit dieser Erkenntnis bin ich froh
zum Trödelmarkt gezogen,
am Stand habe ich hoffnungsvoll
die Hoffnung angeboten:
für den Genossen Wandelmann
die Hoffnung auf Veränderung,
und für den Pfarrer nebenan
die Hoffnung auf das Christentum,
für meine gute Oma Frisch
die Hoffnung auf den neuen Plüsch,
und für den Dackel Dagobert
die Hoffnung, daß er sich vermehrt,
und für den Bundeskanzler Schmidt
die Hoffnung auf den Staatsprofit,
und für den Unternehmer Kraus
die Hoffnung auf Franz-Josef Strauß.

Die Hoffnung für den Einzelnen,
Hoffnungen für die Masse,
im Sortiment führ’ ich die große
Hoffnung ohne Klasse.
……….[April 1974]

Motte hat in einer Welt aus mitunter recht skurrilen Gedanken gelebt, und wenn du ihm irgendwas erzähltest, schlug er häufig einen Assoziationsbogen zu etwas ganz anderem, auf das du nie im Leben gekommen wärst. So brachte er auch jede Unterhaltung mit Leichtigkeit auf eine Mott’sche Ebene, was allerdings auch ziemlich ermüdend sein konnte, wenn er ständig die Gesprächsführung zu beherrschen versuchte. Er hat definitiv lieber sich als andere reden gehört.
……….Und weil Schreiben ja irgendwie auch eine Art von Reden ist, wundert es mich nicht, daß Motte sich – weil es mit der Karriere als Musiker nicht so klappen wollte – schließlich dem Journalismus zugewandt hat, dem er von 1979 bis mindestens 1985 (als freier Mitarbeiter der NRZ Duisburg) und von mindestens 2002 bis mindestens 2012 (als freier Mitarbeiter der NRZ/WAZ-Lokalredaktion Rheinhausen) treu geblieben ist.
……….Motte hat meines Wissens nie eine Berufsausbildung „genossen“ [eine weitere Parallele zwischen ihm und mir] {erst im Nachhinein erhaltene Information: Motte soll Verlagskaufmann gelernt haben}, und ich weiß nur sehr wenig über seine „Geldbeschaffungsmaßnahmen“. In den frühen 70ern ist er mal einige Monate Briefzusteller in Düsseldorf gewesen, und in den späten 80ern und/oder frühen 90ern hat er ein paar Jahre in einer Düsseldorfer Werbeagentur gearbeitet. Sonst weiß ich nur von seiner Tätigkeit bei der Tageszeitung, für die er vor allem Artikel über lokale Sport- und Musikereignisse geschrieben hat.
……….Von 1979 bis (mindestens) 1981 betreute er dort auch die Rubrik „Was hört man aus der Szene?“, in der beispielsweise so „wichtige“ Nachrichten wie diese gebracht wurden:
……….„Lizard Music haben sämtliche Konzerte abgesagt, weil ihr Mischpult-Techniker nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus liegt“,
……….„ein Agent einer Plattenfirma soll sich zu Kontaktgesprächen bei Alma Ata angesagt haben“,
……….„Baßist und Keyboarder von Shaa Khan sind gerade noch rechtzeitig für einen Auftritt ihrer Band wieder fit geworden, nachdem sie Beschwerden mit Kiefer und Nieren hatten“
……….und so weiter. Es mußte sich also wirklich nicht um Weltbewegendes handeln um wert zu sein, in diese Kolumne aufgenommen zu werden. Hier noch ein Beispiel aus dem Jahr 1980:
……….A.S.H. Pelikan, Gitarren-Desperado der Duisburger Rockszene, war bisher immer froh, auf der Straße nicht erkannt zu werden. So verwechselte ihn manch unkundiger Rocklaie höchstens mal mit Peter Bursch. Das muß jetzt anders werden. Ein eifriger Pelikan-Fan gründete deshalb den „A.S.H. Pelikan-Fanclub“, der Bücher-, Platten- und Autogrammwünschen nachkommt sowie über Lesungs- und Konzerttermine des Musikers und Schriftstellers informiert. Anschrift: …
……….… und dann folgten Name, Adresse und Telefonnummer meines damaligen Schwagers Wowa, der es durchaus erst damit meinte. [Bis heute hat sich allerdings kein einziger Fan aufgrund dieses Artikels bei ihm gemeldet.]

Motte ist auch noch an zwei weiteren lokalen Zeitungsserien beteiligt gewesen. 1981 in Eigenverantwortung an „DU-Bands der 70er“, und 1985 mit Kalle Burandt zusammen an „Yeah! Yeah! Yeah! – Als der Beat nach Duisburg kam…“.
……….Motte hat seinen Job manchmal aber auch deutlich zu lasch gehandhabt. Einmal rief er mich nach einem Konzert, das ich mir im Eschhaus angesehen hatte, an, um zu fragen, wie es denn gewesen sei, und zwei Tage später konnte ich meine Worte als seine Konzertkritik beim Frühstück lesen.
……….Oder im neuen Jahrtausend: Als Motte für die NRZ/WAZ Rheinhausen arbeitete, fiel es auch in seinen Bereich, zu Beginn eines neuen Semesters auf vom Arbeitsstellenleiter der Volkshochschule ausgewählte Kurse im Duisburger Westen hinzuweisen, wobei er mehrfach so schlampig mit den Kurs- und Telefonnummern umgegangen ist, daß die falsch wiedergegebenen Zahlen uns [ich war damals (und bin es noch heute) Kursleiter in jener Region] eher geschadet als genützt haben.
……….Allerdings hat er auch viele sehr gute Artikel verfaßt, die gekonnt formuliert waren und das Wesentliche präzise auf den Punkt brachten – denn für Worte hat er wirklich ein Händchen gehabt.

 

D A N A C H

Meine kumpelhafte Zeit mit Motte sind die 70er Jahre gewesen. Danach nahm der Kontakt doch deutlich ab.
……….Am 2. April 1981 haben wir beide zum letzten Mal (nachdem ich bei drei früheren Gelegenheiten bei einem seiner Songs mal kurz mitgewirkt hatte) gemeinsam auf einer Bühne gestanden. Motte hatte die Idee, die drei Duisburger Liedermacher Motte, Pelikan und Andreas Kliewer zu einem Konzert zu vereinen, bei dem (neben eigenen Solostücken) auch jeder mal mit jedem zusammenspielen sollte. Verschwiegen hatte er mir allerdings, daß er diese lose und einmalige Musiker-Zusammenkunft der Presse gegenüber doch etwas anders verkauft hatte, nämlich als „Das Aprilsch(m)erzkonzert der Duisburger Wetterschlußverkaufkapelle“, was ein richtig durchdachtes Konzept vorgaukelte, das es aber überhaupt nicht gab. Der Auftritt war dann insgesamt auch eher peinlich.

 

März 1981 in Mottes Zimmer: Andreas Kliewer, Motte, Pelikan. (Fotograf: unbekannt)

 

Ein oder zwei Jahre später hat Motte dasselbe Konzept noch eine Niveaustufe höher getragen und ein Konzertpaket mit den [im Gegensatz zu Kliewer und mir] auch außerhalb Duisburgs bekannteren Musikern Frank Baier und „Frank der Schwartenhals“ zusammen gebildet.
……….[Baier betont aber, daß der Umgang mit Motte eine negative Erfahrung gewesen sei und er sich am Ende völlig von ihm distanziert habe.]

Von weiteren Motte-Konzerten in jenem Jahrzehnt ist mir nichts bekannt, so daß ich vermute, daß er seine musikalischen Aktivitäten irgendwann eingestellt oder nur noch im stillen Kämmerlein betrieben hat.

Die 80er Jahre sind auch die Zeit gewesen, in der er immer mehr von gesundheitlichen Problemen heimgesucht wurde und in der sein Körper (vielleicht auch aufgrund der vielen Pillen, die er sich damals einpfiff) irgendwie aufzuquellen begann.
……….Eines Tages überraschte er mich und meine Gäste, indem er uneingeladen auf meiner Geburtstagsparty erschien, und weil ich ihn aus alter Freundschaft nicht enttäuschen wollte, ließ ich ihn auch ein. Er blieb etwa anderthalb Stunden, trank die ganze Zeit über keinen einzigen Tropfen (während ansonsten fröhlich dem einen oder anderen Bier zugesprochen wurde) und war dennoch doppelt so gut drauf wie alle anderen und redete, redete, redete, redete und brach dann völlig überstürzt von einer Sekunde auf die andere wieder auf. Wir haben uns alle unser Teil dabei gedacht.

Im nächsten Jahrzehnt sollte es dann weiter bergab gehen. 1991 und ’92 hat Motte noch drei Songbücher mit 94 unveröffentlichten Liedertexten im Eigenverlag herausgebracht, von denen eines aber (wieder einmal) ziemlich zweifelhafte Coverkunst präsentierte: Ein Foto von zwei nackten, etwa 10jährigen Knaben, die ihre (im Bild retuschierten) Genitalien aneinanderdrücken, während auf der Rückseite eine Collage von zwei nackten Männerärschen mit einem ins Bild ragenden Kinderpenis zu bewundern ist. – Hat er sich als Werbefachmann eigentlich keine Gedanken über die eher verkaufshemmende Wirkung solch eines Covers gemacht? Oder hat die Auflage sowieso nur realitiv wenig Exemplare betragen? Oder hat er vielleicht schon nicht mehr wirklich gewußt, was er da eigentlich tat?

Etwa um diese Zeit herum muß auch seine Mutter gestorben sein, was für Motte einen gewaltigen Verlust bedeutet hat. Er blieb danach noch zwei oder drei Jahre in dem Haus auf der Gärtnerstraße wohnen (das er zuerst noch zu renovieren begonnen hatte, bis es zu einer Art wohnwüstiger Großbaustelle verkommen war), bevor er schließlich den Rat eines Bekannten annahm und die Bude einfach verkaufte.
……….Anschließend zog er in eine Mietwohnung nach Hochfeld, für die er sich unter anderem einen (wie er mir voller Stolz berichtete) 2000 DM teuren Fotokopierapparat anschaffte, und weil er ja jetzt ein gutbetuchter Mann war, fuhr er bei Bahnreisen fortan nur noch 1. Klasse.

Im November 1995 hatte ich einen recht gut besuchten Auftritt im Steinbruch, bei dem auch Motte anwesend war, der mir hinterher mitteilte, daß er sowas auch könne und die Zeit nun – nach einigen bühnenlosen Jahren – reif sei für sein Comeback. Dieses fand dann im folgenden Jahr (ebenfalls im Steinbruch) vor nur knapp 20 Zuschauern statt und war mit das Deprimierendste, was ich ich je zu hören und zu sehen bekommen habe [er trug neben ausgesucht ärmlicher Kleidung (bis auf die viel zu schicken Schuhe und Socken) auch eine Glatzenperücke]. Doch ließ Motte sich von der mageren Publikumsresonanz nur kurz aus der Fassung bringen und sprach nach diesem „Comeback“ nur noch von seinem kommenden großen Durchbruch – weil er felsenfest davon überzeugt war, richtig gut zu sein und nur alle anderen (mich eingeschlossen) einfach keine Ahnung hätten. Originalton Motte: „Was der Helge kann, kann ich auch.“
……….Ein Jahr später (1997) brachte er dann innerhalb weniger Monate zwei CDs mit insgesamt 29 eigenen Liedern heraus, auf denen er jeden Ton (mehrere Keyboardstimmen, einen Synthiebaß und eine Drumcomputerspur) mit einer Music Workstation [ein mit einem Computer gekoppeltes Keyboard] eingespielt, aufgenommen und abgemischt hatte – lediglich der Gesang war zum Schluß noch in einem professionellen Tonstudio hinzugefügt worden -, doch litt das Ganze im Zusammenklang der einzelnen Instrumente an solch unüberhörbaren Timingschwankungen, daß das Ergebnis für meine Ohren nur als ungenügend bezeichnet werden konnte.

 

Mein letztes Motte-Foto (im August 1988 bei meinem „Showtime in Neumühl“-Bühnenjubiläumskonzert): Andreas Hub, Kalle Burandt und Motte. (Foto: Rolf Köppen)

 

Im neuen Jahrtausend hat Motte seinen Wohnsitz dann noch nach Duisburg-Rheinhausen verlegt und ist länger als 10 Jahre in der dortigen NRZ/WAZ-Redaktion als freier Mitarbeiter tätig gewesen. Er war wieder etwas dünner geworden, sah aber deutlich älter aus als er war, und nachdem er 2008 einen wirklich objektiven Artikel über das Erscheinen meiner ersten CD verfaßt hatte [– in einer weiteren Parallele hatte auch ich das mir nach dem Tod meiner Eltern zugefallene Erbe dazu benutzt, um endlich eine eigene Schallplatte zu fabrizieren –], vermochten wir auch wieder ein wenig miteinander zu reden; jedoch nur, wenn wir das Thema Musik dabei völlig außen vorließen.

In den 2010er Jahren habe ich Motte noch drei- oder viermal gesehen, jeweils in Helmut Loevens „Buchhandlung Weltbühne“. Er hatte auf seine alten Tage wieder mit dem Schreiben von Prosatexten begonnen [eine weitere Parallele zu mir], und zwischen Juni 2011 und Januar 2018 sind noch achtzehn seiner „Geschichten aus dem Leben eines Lokalreporters“ in Loevens Zeitschrift „Der Metzger“ veröffentlicht worden.
……….Motte war inzwischen – vielleicht auch aufgrund eines ca. 2013 erlittenen Oberschenkelhalsbruchs – alles andere als gut zu Fuß, doch habe ich ihn nicht ein einziges Mal darüber klagen hören. Er machte sich im Gegenteil sogar lustig über seinen ihn immer mehr im Stich lassenden Körper, war stets gut gelaunt und nahm offenbar alles sehr gelassen und mit viel Humor.

Das Sehnen ist vorüber,
die Illusion verging,

die Todeszelle ist nun mein Quartier.
Erlöst bin ich vom Fieber,
das den Verstand umfing,
die Würfel sind gefallen,
ich verlier’.
……….[Aus „Abschied“, ca. 1978]

Motte fuhr in diesen letzten Jahren recht häufig von Rheinhausen mit dem Bus zum Kaffeetrinken nach Duisburg, oder mit dem Bus zu Helmuts Buchladen nach Neudorf, oder mit dem Bus zur Stadtbibliothek nach Buchholz. So ist er wenigstens noch mal rausgekommen aus seiner Bude und hat seine Einsamkeit etwas durchlüften können – ähnlich wie in meiner Lieblingsgeschichte, daß er sich über einen längeren Zeitraum hinweg jeden zweiten Tag bei einem Frisör in seiner Nachbarschaft hat rasieren lassen. Wahrscheinlich, weil es einfach verrückt war, aber vermutlich auch, um mehr Kontakt zum „normalen“ Leben zu haben und sich weniger allein zu fühlen.

Die meisten Leute, die mit Motte zu tun gehabt haben, sind von seiner speziellen Art eher abgestoßen als angezogen worden, doch möchte ich selbst ihn trotz seiner unrühmlichen Seiten am liebsten als den so schön schräg schillernden Vogel in Erinnerung behalten, den er in den 70er Jahren so gekonnt verkörpert hat und der (in den Worten eines alten Weggefährten) auch in der nachfolgenden Momentaufnahme in vollem Glanze erstrahlt:
……….„Unvergessen auch sein spontaner Wildschwein-grün-Urschrei auf dem Duisburger Hauptbahnhof, langsam ansteigend bis zu einem alles vernichtenden Freudengeheul, einfach so!“

Duisburg, Mai bis Juni 2018

[Zur Motte Biblio- und Diskographie]


Die nebulöse Vergangenheit des Internets

Einer meiner Gitarrenschüler erzählte mir mal, wie er mit einem Freund und dessen 9jähriger Tochter zusammengesessen und über alte Zeiten geplaudert habe. Dabei sei auch mal der Hinweis „als wir so alt waren wie du, gab es noch keine Computer“ erfolgt.

Das Mädchen zeigte sich überrascht, dachte kurz nach und erwiderte: „Wenn ihr noch keine Computer hattet, wie seid ihr dann ins Internet gekommen?“

Gute Frage!


When I’m 64

Pelikan über Pelikan als …

Musiker:
Ein toller Sänger ist er nicht, hat sich inzwischen (im Alter von 64 Jahren) aber halbwegs damit abgefunden. Der Rest [Gitarrist, Songwriter] ist ganz okay.

Schriftsteller:
Hat nach 45jähriger Übung endlich ein (in seinen Augen) annehmbares Niveau erreicht. Ist immer noch mit ganzem Autorenherzen dabei und plant für dieses Leben mindestens noch eine Prosabuchveröffentlichung [welche die erste seit 1982 sein würde].

Maler:
Nach wie vor unterste Schublade.

Innenarchitekt:
Hat die von ihm genutzten Wohnräume schon immer als „art in progress“ angesehen und ist seinem Höhlengemütlichkeitseinrichtungsprinzip bis heute treu geblieben.

Videofilmemacher:
Hat viele Ideen, doch hapert es vor allem an technischen Möglichkeiten für eine erfolgreiche Umsetzung.

Fotograf:
Hat ein gutes Auge, nur nicht die Zeit [Lust?], sich noch einmal einem gänzlich neuen Bereich zu widmen.

Koch:
Eine einzige Katastrophe. Selbst ein einfacher Salat mit Essig und Öl hat überhaupt nicht geschmeckt.

Dieb:
Ein lupenreiner Amateur. Zuletzt 1985 tätig geworden. Nachdem er die frisch erschienene Erstausgabe der „Zürcher Kassette“ von Arno Schmidt für 80 DM gekauft hatte, erschien einige Monate später die 2. Auflage mit einem zusätzlichen Poster [Was für eine Frechheit, den Erstausgabenkäufern gegenüber!], und dieses Poster entwendete er eines Tages in ebender Buchhandlung, in der er auch die Kassette (ohne Poster) erstanden hatte, unter großem Streß, aber ohne wirkliche Gewissensbisse.

Frau:
Keine Ahnung. [Und wer diesen Kategoriepunkt nicht versteht, ist vielleicht nur kein Cineast.]

Liebhaber:
Zärtlicher Durchschnitt. (Heißt: völlige Ahnungslosigkeit in bezug auf den weiblichen Orgasmus und seine Erzeugung.)

Großvater:
Keine Chance auf Vera, Chuck and Dave. In den 70er Jahren hoffte er darauf, mal Onkel zu werden, fühlte sich für eigene Kinder aber nie reif genug. Vermißt am Nie-Vater-geworden-Sein nur manchmal das nie Gute-Nacht-Geschichten-Vorleser gewesen sein.

Hausmann:
Eine absolute Niete.

Gitarrenlehrer:
Der richtige Mann im richtigen Job. Weiß inzwischen sehr viel über die Materie, doch fallen seine Erklärungen im Unterricht deswegen auch manchmal etwas deutlich zu weitschweifig aus.

Künstler:
Absolut kein Genie, aber doch etwas Besonderes.

Geschäftsmann:
Der amerikanische Schriftsteller Richard Brautigan sagte in den 60er Jahren mal: „Ich bin dreißig, und in den letzten zehn Jahren lag mein Durchschnittseinkommen bei 1400 Dollar im Jahr. Amerika ist ein sehr reiches Land, und ich komme mir manchmal unamerikanisch vor.“
mmPelikans Durchschnittseinkommen lag, als er (als Musiker und Gitarrenlehrer im Eschhaus) dreißig war, sogar noch unter dem Brautigans. Inzwischen kann er von seinen Gitarrenkursen (an der Volkshochschule) aber fast schon leben.

Autofahrer:
Hatte mit achtzehn mal über einen Führerscheinerwerb nachgedacht, es ob der damals schon zu erwartenden finanziell eher mageren Zukunftsaussichten aber wieder verworfen. Erledigt alles im Umkreis von 15 km mit dem Fahrrad.
mmZu Anfang des neuen Jahrtausends versuchte er sich überraschenderweise aber doch noch an einem (von Mutter finanzierten) Autoführerschein, gab nach 70 unerquicklichen Fahrstunden (bei 0 Fehlern in der theoretischen Prüfung) aber völlig desillusioniert wieder auf. Hat sich seitdem aber trotzdem weiterentwickelt und ist 2007 auf ein Fahrrad mit Gangschaltung [3 Gänge] umgestiegen.

Bühnenakteur:
Hat sich – trotz manchmal fast unerträglichem Lampenfieber – auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eigentlich immer recht wohlgefühlt. Genügt seinen eigenen musikalischen Ansprüchen inzwischen aber nicht mehr und will deshalb keine Auftritte mehr machen. Schließt Ausnahmen oder Meinungsänderungen allerdings nicht kategorisch aus.

 


Born to be wild

Als ich ein kleiner Junge war, gab es im Duisburger Zoo auch bereits Löwen und Tiger. Sie wurden damals in relativ kleinen Käfigen gehalten, und ich weiß noch, daß ich beim Anblick dieser wilden Tiere [man durfte bis auf etwa zwei Meter an die mit dicken Gitterstäben bewehrten Käfige herantreten] sowohl beeindruckt als auch abgestoßen war. Beeindruckt von der Kraft, die man in jeder geschmeidigen Bewegung dieser Geschöpfe erahnen konnte, und abgestoßen von der Zurschaustellung ihrer so trostlos erscheinenden lebenslänglichen Gefangenschaft.

Heutzutage kann man Löwen und Tiger im Duisburger Zoo zwar nicht mehr aus so großer Nähe betrachten (falls sie sich nicht – wie auf dem Foto – gleich hinter der Glasscheibe aufhalten), doch sind sie dafür in Freigehegen untergebracht, was zugegebenermaßen schon eine deutliche Verbesserung zu ihrer alten Zweiraumbehausung [zum Schlafen gab es noch einen Bereich hinter den Käfigen] darstellt. Ich bin allerdings immer noch sehr zwiegespalten, wenn es um die Frage geht, ob man Raubkatzen überhaupt in Zoos halten sollte, wo ihr natürlicher Lebensmittelpunkt, der Jagdinstinkt, ja vollkommen unterdrückt wird. Ein alternatives Leben in freier Wildbahn hätte für Löwen und Tiger allerdings auch nicht nur Vorteile, da sie in ihren Heimatländern Gefahr liefen, von Wilderern getötet oder von Krankheiten dahingerafft zu werden. Wäre eine nicht ganz risikolose Freiheit in den großen Nationalparks also dem Eigentlich-nie-was-los-Aufenthalt in Zoos vorzuziehen? Werden Tiere in Zoos gehalten, weil ihnen dort ein besseres Leben als in ihrer natürlichen Heimat geboten wird? Oder doch nur, damit die Menschen ihren Spaß an ihnen haben?

Löwe im Duisburger Zoo

(Das Foto vom Löwen ist übrigens vom Loeven.)

 

An dieser Stelle möchte ich gerne noch zwei Literaturbeispiele aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts anführen, als die Verhältnisse in den Tierparks noch sehr viel unmenschlicher [oder müßte es untierischer heißen?] als heute waren, welche mir trotz inzwischen viel modernerer Tierhaltung jedoch immer noch zu denken geben.

Wenn’s nach mir ginge, gäbe es auf der ganzen Welt keinen einzigen gefangenen Löwen oder Tiger. Die gewöhnen sich nie daran. Sie sind nie glücklich, finden sich nie damit ab. Sie denken immer an die riesigen Länder, die sie verlassen haben. Das kann man in ihren Augen lesen – sie träumen immer von der weitläufigen Landschaft, in der sie geboren wurden, von den dichten, dunklen Dschungeln, in denen ihre Mütter ihnen beigebracht haben, wie man Beute wittert und Fährte aufnimmt. Und was kriegen sie zum Ausgleich für all das?“ fragte der Doktor, blieb stehen und wurde ganz rot und zornig. „Was gibt man ihnen zum Ausgleich für die Pracht eines afrikanischen Sonnenaufgangs, für die Dämmerbrise, die in den Palmen flüstert, für die grünen Schatten der verflochtenen und verschlungenen Ranken, für die kühlen sternenreichen Nächte der Wüste, für das Murmeln des Wasserfalls nach einem harten Tag der Jagd? Was, frage ich dich, kriegen sie für all das? Einen nackten Käfig mit Eisenstäben, ein häßliches Stück totes Fleisch, das ihnen einmal am Tag hineingeschoben wird, und eine Menge Narren, die vorbeikommen und sie mit offenem Mund anstarren! Nein, Löwen und Tiger, diese großen Jäger, sollte man nie, niemals in einem Zoo sehen.“

Hugh Lofting, „Doktor Dolittles schwimmende Insel“ (1922)

 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 1902 oder 1903

 


Am Beispiel meiner Familie: Von Flüchtlingen und Zuwanderern

Mein Vater und meine Mutter in ihren frühen 20ern

Mein Vater ist 1921 in Duisburg geboren worden, meine Mutter 1922 in Wattenscheid (das heute zu Bochum gehört). Ich selbst habe – mit nur wenigen Ausnahmen, die aber nie länger als ein paar Monate gedauert haben – mein ganzes Leben in Duisburg verbracht, und weil das Interesse an Wo kommen meine Vorfahren eigentlich her? bei mir erst sehr spät geweckt worden ist, habe ich mich vier Jahrzehnte lang als reinrassiger Ruhrgebietler gefühlt, der mit Flüchtlingen oder Zuwanderern und so nicht das geringste zu tun hatte. Schließlich waren meine Eltern ja beide aus dem Kohlenpott.

Wenn ich aber nur eine Generation weiter zurückgeblickt hätte, wäre mir der Migrationshintergrund meiner Familie sogleich klargeworden, denn:
– Mein Großvater Wilhelm Pelikan wurde in Perbanden geboren.
– Seine Frau Hedwig (geborene Groß) kam in Hanswalde zur Welt.
– Meine andere Großmutter, die auf den hübschen Vornamen Adina und den etwas schwer über die Zunge gehenden Nachnamen Sbrzesny hörte, hat das Licht der Welt in Canditten erblickt.
– Und lediglich mein Großvater Ernst Szablinsky, dessen Vater aus Kurziontken stammt, ist schon im heutigen Deutschland (in Wattenscheid) geboren worden.

Die Namen Perbanden, Hanswalde, Canditten und Kurziontken sind aber auf keiner aktuellen Landkarte mehr zu finden, weil diese Ortschaften inzwischen Przebędowo, Jachowo, Kandyty und Kurczątki heißen und in Polen liegen.

Mein Großvater Wilhelm Pelikan (rechts) mit einem Feuerwehrkollegen in den 1920er Jahren

Wilhelm Pelikan, 1879 in Perbanden im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen geboren, ist gelernter Schneider gewesen. Von 1901 bis 1903 leistete er seinen Militärdienst in Lothringen ab und ging anschließend nach Wattenscheid, wo er eine Zeitlang als Geselle bei einem Schneidermeister, der ebenfalls aus Heiligenbeil stammte und außerdem noch ein Urgroßonkel mütterlicherseits von mir war, arbeitete. Im Alter von 25 Jahren ging Wilhelm dann nach Duisburg, wo er im April 1905 der erst im Vorjahr gegründeten Berufsfeuerwehr auf der Friedenstraße in Hochfeld (wo heute das Kulturzentrum „Alte Feuerwache“ untergebracht ist) beitrat. Die Berufsfeuerwehr nahm damals nur Männer auf, die ein Handwerk (Schneider, Schuster, Zimmermann, Schreiner, Schlosser und Ähnliches) gelernt hatten, das auch der neuen Arbeitsstelle zugute kommen würde, und im Fall meines Opas, des Schneiders, wird man sich deshalb leicht denken können, daß er eine Menge Zeit mit Nähen und Ausbessern von Uniformen zugebracht hat. Aber auch Hufschmiede dürften vor rund 100 Jahren in diesem Berufszweig gute Chancen gehabt haben, da dem Dienstplan der Duisburger Berufsfeuerwehr von 1919 nämlich zu entnehmen ist, daß neben den normalen Beschäftigungen (wie handwerkliches Arbeiten, Putz- und Reinigungstätigkeiten, Unterweisungen, Turnen und Exerzieren) auch Stalldienst zu verrichten war:
6:30 Pferde füttern und tränken.
7:30 Stall reinigen, Geschirr reinigen, Pferde putzen.
11:00 erneut Pferde füttern und tränken.
Mittags folgten dann Wachwechsel und Probealarm, und für die Männer der nächsten Schicht hieß es ebenfalls wieder Pferde füttern, tränken, putzen sowie Stall und Geschirr reinigen bis zum nächsten Probealarm um 8 Uhr abends. Und der letzte Tagesordnungspunkt lautete Licht aus! und war für 10:30 anberaumt.

Im Hof des Wanheimerorter Hauses: Halbtante Frieda, Großonkel Otto, Oma Hedwig, Opa Wilhelm, und der Junge vorne ist mein Vater Fritz, 1933

Wilhelm heiratete um 1910 herum eine aus Canditten in Ostpreußen stammende Frau (die interessanterweise die beste Freundin meiner Urgroßmutter mütterlicherseits war, so daß dies schon der zweite Hinweis darauf ist, daß sich der mütterliche und väterliche Zweig meiner Familie gekannt haben, bevor sie in der Eheschließung meiner Eltern 1952 zusammenliefen) und bekam mit ihr vier Kinder, die bis auf eines alle kurz nach der Geburt starben. Und um die Tragödie perfekt zu machen, überlebte auch die Kindsmutter die letzte Geburt nicht, so daß Wilhelm im Mai 1918 (mit gerade mal 38 Jahren) bereits Witwer geworden war und nun allein für seine 6jährige Tochter Frieda sorgen mußte. Um dem Abhilfe zu schaffen, hat er sich zwei Jahre später noch eine neue Ehefrau zugelegt, die er allerdings nicht im Ruhrgebiet fand, sondern in seiner alten Heimat, zu der er nach wie vor engen Kontakt hatte, weil ja seine Eltern und sämtliche fünf Geschwister noch dort lebten. Die Hochzeit meines Großvaters Wilhelm und meiner Großmutter Hedwig wurde im Oktober 1920 in Deutsch Thierau in Ostpreußen abgehalten, und 9 Monate und 1 Woche später kam mein Vater Fritz zur Welt. Des weiteren ist noch erwähnenswert, daß mein Opa (der bis dahin in Hochfeld auf der Friedenstraße, Siechenhausstraße und Reichsstraße – heute Rheinhauser Straße – gewohnt hatte) sich 1929 ein Haus in Duisburg Wanheimerort gebaut hat, in dem auch ich später lange gelebt habe. Kennengelernt habe ich diesen Großvater allerdings nie, weil er 1935 schon gestorben ist.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt vor Wilhelm war auch ein anderer junger Mann in seinen frühen 20ern aufgebrochen, um fast 1000 Kilometer von der Heimat entfernt sein Glück zu suchen. Der hohe Bedarf an Arbeitskräften hatte im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts dazu geführt, daß mehr als 150 000 Zuwanderer (vor allem aus den preußischen Ostprovinzen und aus Österreich) ins Ruhrgebiet gezogen waren, zu denen auch Carl Szablinsky, mein ostpreußischer Urgroßvater mütterlicherseits, gehörte. Er fand einen Job als Bergmann in der Zeche Holland in Wattenscheid, heiratete im März 1892 die ebenfalls aus Ostpreußen stammende Emma Brandt und wurde nach Ablauf von 10 Monaten [die hatten’s damals offenbar ziemlich eilig mit dem Kinderkriegen] Vater eines Jungen namens Ernst, der 6 Jahrzehnte später mein anderer Großvater werden sollte.

Ernst Szablinskys Arbeitsleben begann 1907 im Alter von 14 Jahren in einem Wattenscheider Stuckgeschäft, wo er als Schleifer anfing und als Stuckateur endete. Mit 19 Jahren ging er aber, seinem Vater folgend, ebenfalls in den Bergbau, wo er zunächst als Schlepper schuftete, was ca. 100 Kilogramm schwere Tröge durch die Grubengänge zu ziehen bedeutete. Im 1. Weltkrieg, den er sowohl an der Ost- als auch an der Westfront miterlebte, erlitt er 1917 in der Frühlingsschlacht von Arras einen Oberkörperdurchschuß und wurde nach seiner Genesung zum Arbeitsdienst in die Wattenscheider Zeche Centrum versetzt. Zu Beginn der 1920er Jahre wechselte er dann zur Zeche Holland, wo er – mit Ausnahme eines gescheiterten Versuchs, sich als Polier selbständig zu machen – bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1958 als Maurer tätig war.

Meine Urgroßmutter Wilhelmine Sbrzesny mit ihren Kindern Paul und Adina, 1909

Ernsts Frau, meine Großmutter Adina, kam 1896 im ostpreußischen Canditten, Kreis Preußisch Eylau, zur Welt, wo ihr Vater Leopold Sbrzesny (ein weiterer Schneider / die Mehrzahl meiner Ahnen sind allerdings Bauern gewesen) 5 Jahre später (1901) bereits an Tuberkulose verstarb. Zwei Jahre danach folgte Leopolds noch keine 30 Jahre alte Witwe Wilhelmine mit Paul (8 Jahre) und Adina (7 Jahre) ihrer Schwester Johanna und deren Mann August [der sowohl Leopolds Bruder als auch der schon oben erwähnte Schneidermeister war, bei dem mein Opa Wilhelm zeitgleich eine Anstellung fand] ins „Gelobte Land“ nach Wattenscheid, wo sie sich in den kommenden Jahrzehnten mehr schlecht als recht als Wäschebüglerin über Wasser hielt.

Wann Ernst Szablinsky und Adina Sbrzesny einander kennengelernt haben, weiß ich nicht, doch bevor sie im Januar 1921 heirateten und im Jahr darauf ein Töchterchen namens Ruth (meine Mutter) bekamen, war noch etwas ganz Besonderes geschehen. Ernsts Vater Carl, seiner Frau Emma und ihren drei Kindern war im Juni 1919 nämlich offiziell erlaubt worden, ihren bisherigen Familiennamen abzulegen und sich künftig Schwertmann zu nennen. Und weil Szabla im Polnischen Säbel bedeutet, ist die Wahl des neuen Namens auch nachvollziehbar [obwohl ich an ihrer Stelle etwas weniger kriegerisch klingendes, wie z. B. Säbeler oder so, gewählt haben würde – oder war der Name von den Behörden ausgesucht worden?]. Die genauen Beweggründe für diesen doch schon ziemlich bedeutenden Schritt sind allerdings nicht überliefert, so daß es reine Spekulation ist, wenn ich vermute, daß es für Carl Szablinsky auch nach 25 Jahren in der neuen Heimat noch immer von Nachteil gewesen sein dürfte, an seinem Namen sogleich als möglicher Zuwanderer erkannt werden zu können … und von dem ein knappes Jahrhundert später guten Klang von Nachnamen wie Schimanski, Podolski oder Lewandowski konnte er damals natürlich noch nichts ahnen.

Die Vorfahren meiner Eltern sind also sämtlich Zuwanderer aus Ostpreußen gewesen, doch hat es in meiner Familie auch echte Flüchtlingsdramen gegeben.

Meine Großmutter Hedwig Pelikan (geborene Groß) aus Hanswalde im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen hatte zwei Brüder, Otto (*1888) und Ernst (*1891), die beide den Beruf des Stellmachers erlernt hatten. [Ein Stellmacher fertigte Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz an.] Und weil der elterliche Hof traditionsgemäß dem ältesten Sohn übergeben wurde, zog Ernst in den 1910er Jahren fort, fand Arbeit in der „Sächsischen Waggonfabrik“ in Werdau in Sachsen und gründete dort im Jahr 1919 eine eigene Familie. Sein älterer Bruder Otto blieb dagegen in der Heimat, richtete sich im elterlichen Haus eine eigene Werkstatt ein und machte sich als Stellmacher in Hanswalde selbständig. Zu dem Großschen Besitz gehörten neben dem Wohnhaus auch noch 1,5 Morgen Land, auf dem zwar auch einiges angebaut wurde, das den Nahrungsmittelbedarf aber längst nicht decken konnte, so daß Otto sich für seine Arbeit als Stellmacher auch schon mal in Naturalien (Fleisch und Getreide usw.) entlohnen ließ.

Mein Großonkel Otto am Grab seiner Eltern in Hanswalde, 1931

Seine Eltern starben Anfang 1931 im Abstand von nur vier Wochen, und acht Jahre lang war Otto dann ganz alleine, bevor er mit 50 Jahren noch heiratete und fortan glücklich und zufrieden mit seiner Frau Franziska im Haus seiner Vorfahren lebte … bis im sechsten Kriegsjahr die russische Armee in den Kreis Heiligenbeil einmarschierte und das Ehepaar Groß im Februar 1945 – wie Hunderttausende andere auch – Hab und Gut zurücklassen mußte, um bei der Flucht über das zugefrorene Frische Haff (da der Landweg bereits abgeschnitten war) ihr Leben zu retten. Wer es dagegen vorzog, zu bleiben, lief Gefahr, einfach zu verhungern (wie eine meiner Urgroßtanten), oder von plündernden Soldaten erschossen (wie deren Tochter) oder nach Sibirien verfrachtet zu werden. [Trotz aller von den russischen Soldaten verübten Grausamkeiten darf man aber nicht vergessen, daß dies ja „lediglich“ Reaktionen auf den 1941 erfolgten deutschen Angriff waren, den Hitler trotz des kaum zwei Jahre zuvor unterzeichneten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts befohlen hatte.]

Otto und Franziska gelang zwar die Flucht, doch hatten sie kein Glück im Unglück. Sie wurden in dem Städtchen Waren an der Müritz in Mecklenburg aufgenommen, wo Ende 1945 mehr als 6000 Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten untergebracht waren. Daß die Lebensbedingungen dort – weil die einheimische Bevölkerung ja selbst kaum genug zu essen hatte – nicht gerade zum besten standen, läßt sich denken, doch wurde es noch wesentlich schlimmer, als eine Typhusepidemie ausbrach, der (neben mehr als 1500 weiteren Menschen) im März 1946 auch Franziska Groß zum Opfer fiel.

4 Generationen: Der Autor dieses Beitrags mit Mutter Ruth, Großmutter Adina und Urgroßmutter Wilhelmine, Juni 1954

Der unglückliche Witwer, der im Verlauf von kaum mehr als einem Jahr Ehefrau, Haus, Hof und Heimat verloren hatte, kam schließlich bei seinem Bruder Ernst in Werdau unter, wo er ebenfalls in der Waggonfabrik als Stellmacher Arbeit fand und bis zu seiner Pensionierung tätig blieb. Als frischgebackener Rentner besuchte er im Juni 1954 dann seine Schwester Hedwig Pelikan in Westdeutschland, um auch seinen 7 Monate alten Großneffen (mich!) einmal zu sehen, und während dieses Aufenthaltes erkrankte er so schwer, daß er bei Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr zurückzureisen imstande war. Er stellte daraufhin den Antrag, zwecks erweiterter Familienzusammenführung in Duisburg bleiben zu dürfen, was ihm im November ’54 auch gewährt wurde. Und so lebte mein Großonkel Otto dann von 1954 bis ’71 mit uns [meiner Großmutter (die 1960 verstarb), meinen Eltern, meiner 1955 geborenen Schwester Inge und mir – und bis 1956 auch noch mit einem fremden Ehepaar, das nach dem Krieg die ganze 1. Etage unseres Einfamilienhauses zugewiesen bekommen hatte und jahrelang keine Anstalten machte, sich eine andere Wohnung zu suchen, um den Eigentümern ihren dringend benötigten Wohnraum zurückzugeben. 1955/56 lebte dieses Ehepaar auf 35 m², während die inzwischen 6köpfige Familie Pelikan/Groß mit den übrigen 45 m² auskommen mußte] unter einem Dach in dem Häuschen, das mein Opa Wilhelm zu Ende der 1920er Jahre gebaut hatte. 1971 wurde Otto nach einem Waldspaziergang beim gedankenverlorenen Überqueren einer Straße von einem Auto erfaßt und brachte noch vier Jahre in einem Pflegeheim in Mülheim an der Ruhr zu, wo er schließlich, fast 87jährig, starb. Und noch Jahre später fanden wir – was in Ostpreußen vielleicht so üblich war, wenn man etwas zu entsorgen hatte (?) – beim Umgraben im Garten (welcher Großonkel Otto zur Bewirtschaftung und Pflege überlassen worden war) kleine Andenken an ihn: jede Menge Ziegelsteine zum Beispiel, und einmal sogar eine ganze Zinkwanne.

Ottos Schwager – mein Feuerwehrmann-Opa – hatte fünf Geschwister, von denen vor allem Gustav, der Älteste, mit zwölf Kindern (die zwischen 1901 und 1924 geboren wurden) für Nachwuchs gesorgt hat. Von Gustavs vier Söhnen fielen zwei im 2. Weltkrieg, und von seinen acht Töchtern kam die jüngste auf der Flucht übers Frische Haff ums Leben, während eine andere dabei ein Bein verlor. Man muß sich das nämlich so vorstellen, daß man nicht einfach nur aufs Eis zu gehen und zu hoffen brauchte, daß es hält (was bei den teils sehr schwer beladenen Wagen nämlich auch nicht immer der Fall gewesen ist), sondern daß der Flüchtlingsstrom auch immer wieder von Tieffliegern beschossen wurde. Von den überlebenden Kindern meines Großonkels Gustav Pelikan haben sich gleich mehrere in Duisburg und Umgebung niedergelassen, so daß es mir in den 90er Jahren (als ich anfing, mich für Ahnenforschung zu interessieren) noch möglich war, zwei davon persönlich zu befragen. Zum einen die damals schon 80jährige Anna, sowie ihre Schwester Gertrud, die auch mit Mitte 70 noch – trotz ihres künstlichen Beins – sehr agil unterwegs war.

Großtante Auguste Pelikan, Großvater Ernst Schwertmann, sowie der anscheinend nicht besonders gutgelaunte Erzähler, Mai 1969

Deutlich mehr hatte ich aber mit deren beider Tante, der jüngsten Schwester meines Großvaters Wilhelm, zu tun gehabt. Auguste Pelikan war 1891 in Stolzenberg (Kreis Heiligenbeil) geboren worden, wo sich ihr Vater (und mein Urgroßvater) Gottlieb Pelikan in den 1880er Jahren einen Bauernhof gekauft hatte, der etwa 3 km von Gut Pellen entfernt lag, wo er als Arbeiter angestellt und auch in der dortigen Schnapsbrennerei [ein Uropa als Schnapsbrenner – cool, ’ne?] tätig gewesen war. Seine Tochter Auguste ist – nachdem ihr Verlobter im ersten Weltkrieg gefallen war – unverheiratet geblieben und hat den elterlichen Hof schließlich bis 1945 alleine bewirtschaftet. Der Besitz bestand aus einem Bauernhaus mit drei Räumen nebst Stallungen und Scheune (alles unter einem Dach) plus 2 ha Land (was einer Fläche von etwas mehr als zwei Fußballfeldern entspricht), das folgendermaßen genutzt wurde:
1 ha Äcker (Roggen, Hafer, Kartoffeln und Klee)
½ ha Wiese
¼ ha Weide
¼ ha Obst- und Gemüsegarten.
Und davon konnte meine Großtante Auguste (zumal sie auch noch ein Rind, ein paar Schweine und etliche Hühner besaß) leben und mußte zur Erntezeit sogar Tagelöhner einstellen.

Am 7. Februar 1945 kam aber auch für sie das Aus, als sie ebenfalls alles zurücklassen und sich auf die Flucht übers Eis begeben mußte.

Großtante Auguste war Mitte 50, als sie ihre Existenzgrundlage verlor und – in Duisburg eingetroffen – nochmal neu anfangen mußte. Daß der Wert ihres ostpreußischen Haus- und Grundbesitzes auf stattliche 15 000 Reichsmark geschätzt wurde, ist ihr leider von keinerlei Nutzen gewesen, und so hat sie nach dem Krieg noch einige Jahre als Küchenhilfe im Duisburger Bethesda-Krankenhaus gearbeitet, bevor sie aus Altersgründen ausscheiden und von Sozialhilfe leben mußte. Von 1953 an hat sie ihre letzten drei Lebensjahrzehnte in einem einzigen Zimmer ohne Küche und ohne Bad – mit Wasserhahn im Hausflur und dem Klo eine halbe Treppe tiefer – auf der Paulusstraße in Hochfeld verbracht. Ich habe Fräulein Pelikan (wie sie bis zum Ende ihres Lebens genannt werden wollte) häufig als eine einer anderen Zeit entsprungene Person empfunden, die sich trotz ihrer ärmlichen Lebensumstände (sie hatte auch nie ein Telefon oder einen Fernsehapparat) aber niemals beklagt hat. Und sie ließ es sich auch nicht nehmen, jedes Jahr an Heiligabend (weil keine Straßenbahnen mehr fuhren und sie ohnehin lieber zu Fuß ging) von Hochfeld nach Wanheimerort zu laufen, um an der Weihnachtsfeier im Haus meiner Eltern teilzunehmen. Auch den nächtlichen Rückweg erledigte sie zu Fuß, und erst mit über 80 (sie ist 92 Jahre alt geworden) gestattete sie es ihrem Neffen (meinem Vater), sie wenigstens mit dem Auto zurückzubringen.

Postkarte von 1935: Hanswalde, der Geburtsort von [väterlicherseits:] Großmutter Hedwig Groß, Großonkel Otto Groß, Urgroßvater August Groß, Urgroßmutter Amalie Hahnke, Ururgroßvater Gottlieb Groß, Ururgroßvater Gottlieb Hahnke, [sowie mütterlicherseits:] Urgroßmutter Wilhelmine Gerlach und Ururgroßvater August Gerlach

Ich selbst habe die pelikanesischen Weihnachtsfeierlichkeiten im Vorfeld nicht besonders geliebt, weil ich auf dem Klavier immer die Liederbegleitung für den Abend einüben mußte, doch sind mir viele starke Heiligabendbilder in Erinnerung geblieben. Ich wußte zwar nur sehr wenig über Onkel Otto und Tante Auguste (wie ich Großonkel und Großtante zu nennen pflegte), doch wenn sie am 24. Dezember bei uns nach dem Vortragen der biblischen Weihnachtsgeschichte und dem gemeinsamen Singen von Liedern und dem Aufsagen von Gedichten und dem Überreichen und Auspacken der Geschenke in dem nach Tannennadeln und Räucherkerzen duftenden Zimmer mit dem liebevoll geschmückten Weihnachtsbaum etwas geistesabwesend dasaßen, kamen sie mir manchmal schon sehr einsam vor. Und heute bin ich sicher, daß sie in solchen Momenten auch ihrer alten Heimat gedachten und sich an ihre früheren Leben erinnerten, bevor der zweite große Krieg, den sie miterleben mußten, sie zu Vertriebenen und Heimatlosen gemacht hatte. So, wie es auch heute – 70 Jahre später – immer noch unzählige Männer, Frauen und Kinder auf dieser Welt erdulden müssen.

Ich wünsche all diesen Menschen eine friedliche Weihnachtszeit, egal, welche Sprache sie sprechen, in welchem Land sie sich aufhalten oder welcher Religion sie sich nahe fühlen.

Duisburg, 4. Advent 2015


Mensch und Universum

Bob Dylan und Albert Einstein hatten recht.

Der eine mit der Aussage the times they are a-changin‘, und der andere mit der Feststellung, daß alles relativ sei.

Das Universum ist alt. Ewa 13,82 Milliarden Jahre alt.

Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist jung. Im Verhältnis zum Universum gesehen. Vermutlich um die 200 000 Jahre alt (oder jung).

Es fällt mir allerdings sehr schwer, mir letztgenannte Zeitspanne überhaupt begrifflich vorzustellen. Ganz zu schweigen von 13,82 Milliarden Jahren. 2000 Jahre bekomme ich irgendwie noch hin. 4600 (vor ungefähr dieser Zeit soll der Bau der Pyramiden von Gizeh begonnen haben) zur Not auch noch. Aber darüber hinausgehend hört’s bei mir echt auf.

Und so habe ich einen kleinen Plan erstellt, um den Menschen in Relation zum Universum ein wenig besser einordnen zu können. Stellt euch vor, das Universum wäre bis heute genau ein Universumsjahr mit 365 Universumstagen alt. Dann wäre es am 1. Januar um null Uhr null gestartet, und zwar – wie wir wissen – mit einem recht beachtlichen Neujahrsfeuerwerk.

Und wie es danach weiterging, könnt ihr hier ersehen.


Torflut beim Korte Cup

Aus Lokale Sportnachrichten der aktuellen Ausgabe der OTZ (Obermarxloher Trivial Zeitung):

„Beim achtunddreißigsten, alljährlich seit 1977 am ersten Dezemberwochenende zwischen Journalisten und Musikern aus Duisburg ausgetragenen Fußballspiel um den Carl Korte Cup ist in diesem Jahr die Rekordmarke von dreißig Toren erreicht worden. Beide Abwehrreihen glänzten durch schlechtes Stellungsspiel und nahezu körperlosen Zweikampfeinsatz, so daß der wegen eines Bandscheibenvorfalls von einem Drehstuhl im Mittelkreis aus operierende Referee einen ruhigen Nachmittag verlebte und lediglich in der ersten Halbzeit beiden kompletten Mannschaften einmal die gelbe Karte wegen Zeitspiels zeigen mußte. Zum umjubeltsten Akteur auf dem Platz avancierte schließlich der erst kurz vor Schluß eingewechselte Newcomer Nat Schriller, der in der letzten Minute der Nachspielzeit den entscheidenden Freistoß zum gerechten 15:15-Endstand verwandelte, als die gegnerische Zwei-Mann-Mauer hochsprang und der mit der Pike aus dem Stand getretene Ball einfach geradlinig untendrunter durchhoppelte und Pelikan im Tor der Musiker ziemlich schlecht aussehen ließ.“

Unser „Man of the Match“: Starreporter Nat Schriller in einer seiner vielen Verkleidungen.


Neues vom OTZ Konzern (1)

Oktober 2014

Ältere Mitbürger werden sich noch an die Blütezeit des Duisburger OTZ Konzerns in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erinnern können, der vor allem durch die Ausrichtung zweier dreitägiger Musikfestivals im Zentrum Eschhaus, durch die Herausgabe von acht „Waren“-Katalogen, neun Büchern einheimischer Autoren, einem Kunstkalender, einem Comicband, zwei Lexika und natürlich auch aufgrund der Produktion von Hunderten dieser rund 100 cm² großen dreiteiligen roten (und für die Motorradabteilung später auch grünen) OTZ Aufkleber, die vor allem die Karosserien ungezählter PKWs im In- und Ausland geziert haben, unvergessen geblieben ist.

Wirklich unvergessen?

Dem nachzugehen machten sich in diesen Tagen Starreporter Nat Schriller und A.S.H. Pelikan, Leiter der OTZ Konzern Nebengeschäftsstelle Duisburg Neudorf, auf den Weg. Doch nicht ein einziges dem Zahn der Zeit starrsinnig trotzendes T oder Z oder O auf einem verrosteten Kotflügel im stillsten Winkel eines lokalen Schrottplatzes, nicht das winzigste Stückchen Konzertplakat an der Mauer eines entlegenen Viertels unserer Stadt, nicht der kleinste zerlesene Prosaband inmitten reichhaltigster Sperrmüllhaufen waren trotz stundenlanger angestrengter Suche im heutigen Stadtbild noch aufzuspüren, so daß alles darauf hinzudeuten schien, daß auch die letzten sichtbaren Überbleibsel dieser vor nur drei bis vier Jahrzehnten noch mehrfach zum beliebtesten Konzern der Stadt gewählten Organisation inzwischen vollkommen – dem sagenhaften Atlantis nicht ganz unähnlich – von der Oberfläche dieses Planeten getilgt worden seien.

Doch dann, als die erfolglosen Entdecker bereits tiefbetrübt den trostlosen Heimweg angetreten hatten, fiel ihnen beim Passieren einer unscheinbaren Toreinfahrt ein eigentlich recht schäbiges aber nichtsdestotrotz überaus glorreiches Graffito ins Auge, das ihnen den Glauben an die echten Werte dieser schnellebigen Zeit im Bruchteil einer Sekunde wieder zurückzugeben vermochte. O happy day!

Starreporter Nat Schriller (links) – hier in einer seiner vielen Verkleidungen – und OTZ Konzern-Prokurist Pelikan präsentieren voller Stolz den historischen Hinweis auf die Unvergänglichkeit eines wahren Duisburger Weltkulturerbes.

P.S.: Wer nun aber doch nicht die Augen vor der bitteren Wahrheit der Kehrseite dieser Medaille verschließen möchte, braucht nur auf diesen Link zu klicken.


Die neuen OTZ-Krimis

Nach den spektakulären Romanserien um die „Hebamme“, die „Putzfrau“ und den „Steuerberater“ springt endlich auch A.S.H. Pelikan mit seiner 20bändigen Krimireihe um den geheimnisvollen „Musiker“ auf den abgefahrenen Erfolgszug. Freuen Sie sich rechtzeitig zum Ferienbeginn auf folgende Bände im OTZ Verlag:

01)            Die Hebamme des Musikers
02)            Der Auftakt des Musikers
03)            Der Blackout des Musikers
04)            Die Rückkehr des Musikers
05)            Die Rache des Musikers
06)            Der Musiker spielt nicht mit
07)            Der Musiker und das Groupie
08)            Die Geduld des Musikers
09)            Der Musiker und die Tonart des Schreckens
10)            Der Musiker und das Vibrato des Grauens
11)            Der Musiker und das Catering des Bösen
12)            Die Geduld des Musikers 2
13)            Der Musiker spielt auf Zeit
14)            Der Fehler des Musikers
15)            Der Sohn des Musikers
16)            Die Tochter des Musikers
17)            Die Tante des Musikers
18)            Die Putzfrau des Musikers
19)            Der Steuerberater des Musikers
20)            Das Vermächtnis des Musikers

Der Autor (links) und sein Literaturagent Konsul Ferdinand von Schnelldreher-Steppendorf stoßen auf den großen Durchbruch an.


Pelikan wird 60

Herbst 2013

Der Duisburger Künstler A.S.H. Pelikan ist 60 Jahre alt geworden!

Was für die einen ein Grund zum Feiern sein mag, bedeutet für andere dagegen nur einen weiteren Beleg für die Ungerechtigkeit dieser Welt. Doch ist das Leben halt noch nie fair gewesen, auch 1974 nicht, als Pelikan mit 21 Jahren volljährig wurde [erst 1975 wurde der Volljährigkeitsstatus geändert und auf 18 Jahre herabgesetzt] und damit beispielsweise schon älter als Tutanchamun geworden war.
Und mit 22 Jahren älter als Eddie Cochran.
Mit 23 älter als Buddy Holly.
Mit 24 älter als Jimmy Blanton.
Mit 25 älter als James Dean.
Mit 26 älter als Scott LaFaro.
Mit 27 älter als Nick Drake.
Mit 28 älter als Jim Morrison.
Mit 29 älter als Tim Buckley.
Mit 30 älter als Marc Bolan.
Mit 31 älter als Emily Brontë.
Mit 32 älter als Rudolph Valentino.
Mit 33 älter als John Bonham.
Mit 34 älter als John Belushi.
Mit 35 älter als Lowell George.
Mit 36 älter als Wolfgang Amadeus Mozart.
Mit 37 älter als Marilyn Monroe.
Mit 38 älter als Thomas Wolfe.
Mit 39 älter als J.B. Lenoir.
Mit 40 älter als Che Guevara.
Mit 41 älter als John Lennon.
Mit 42 älter als Neal Cassady.
Mit 43 älter als Elvis Presley.
Mit 44 älter als Dan Blocker.
Mit 45 älter als Robert Louis Stevenson.
Mit 46 älter als Georges Perec.
Mit 47 älter als John F. Kennedy.
Mit 48 älter als Jack Kerouac.
Mit 49 älter als Marty Feldman.
Mit 50 älter als Douglas Adams.
Mit 51 älter als Carson McCullers.
Mit 52 älter als René Goscinny.
Mit 53 älter als Frank Zappa.
Mit 54 älter als Philip K. Dick.
Mit 55 älter als Rudolf Nurejew.
Mit 56 älter als Johnny Ramone.
Mit 57 älter als Ludwig van Beethoven.
Mit 58 älter als Humphrey Bogart.
Mit 59 älter als George Harrison.
Mit 60 älter als Truman Capote.

Tja, das Leben ist endlich, also macht was draus und nutzt den Tag.