ÄLTERE BEITRÄGE: THE BEST OF

Am Beispiel meiner Familie: Von Flüchtlingen und Zuwanderern

Mein Vater und meine Mutter in ihren frühen 20ern

Mein Vater ist 1921 in Duisburg geboren worden, meine Mutter 1922 in Wattenscheid (das heute zu Bochum gehört). Ich selbst habe – mit nur wenigen Ausnahmen, die aber nie länger als ein paar Monate gedauert haben – mein ganzes Leben in Duisburg verbracht, und weil das Interesse an Wo kommen meine Vorfahren eigentlich her? bei mir erst sehr spät geweckt worden ist, habe ich mich vier Jahrzehnte lang als reinrassigen Ruhrgebietler gefühlt, der mit Flüchtlingen und Zuwanderern oder so nicht das Geringste zu tun hatte. Schließlich waren meine Eltern ja beide aus dem Kohlenpott.

Wenn ich aber nur eine Generation weiter zurückgeblickt hätte, wäre mir der Migrationshintergrund meiner Familie sogleich klargeworden, denn:
– Mein Großvater Wilhelm Pelikan wurde in Perbanden geboren.
– Seine Frau Hedwig kam in Hanswalde zur Welt.
– Meine andere Großmutter, die auf den hübschen Vornamen Adina und den schwer über die Zunge gehenden Nachnamen Sbrzesny hörte, hat das Licht der Welt in Canditten erblickt.
– Und lediglich mein Großvater Ernst Szablinsky, dessen Vater aus Kurziontken stammt, ist schon im heutigen Deutschland (in Wattenscheid) geboren worden.

Die Namen Perbanden, Hanswalde, Canditten und Kurziontken sind aber auf keiner aktuellen Landkarte mehr zu finden, weil diese Ortschaften inzwischen Przebędowo, Jachowo, Kandyty und Kurczątki heißen und in Polen liegen.

Mein Großvater Wilhelm Pelikan (rechts) mit einem Feuerwehrkollegen in den 1920er Jahren

Wilhelm Pelikan, 1879 in Perbanden im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen geboren, ist gelernter Schneider gewesen. Von 1901 bis 1903 leistete er seinen Militärdienst in Lothringen ab und ging anschließend nach Wattenscheid, wo er eine Zeitlang als Geselle bei einem Schneidermeister, der ebenfalls aus Heiligenbeil stammte und außerdem noch ein Urgroßonkel mütterlicherseits von mir war, arbeitete. Im Alter von 25 Jahren ging Wilhelm dann nach Duisburg, wo er im April 1905 der erst im Vorjahr gegründeten Berufsfeuerwehr auf der Friedenstraße in Hochfeld (wo heute das Kulturzentrum „Alte Feuerwache“ untergebracht ist) beitrat. Die Berufsfeuerwehr nahm damals nur Männer auf, die ein Handwerk (Schneider, Schuster, Zimmermann, Schreiner, Schlosser und Ähnliches) gelernt hatten, das auch der neuen Arbeitsstelle zugute kommen konnte; und im Fall meines Opas, des Schneiders, wird man sich deshalb leicht denken können, daß er eine Menge Zeit mit Nähen und Ausbessern von Uniformen und so zugebracht hat. Aber auch Hufschmiede dürften vor rund 100 Jahren in diesem Berufszweig gute Chancen gehabt haben, da dem Dienstplan der Duisburger Berufsfeuerwehr von 1919 nämlich zu entnehmen ist, daß neben den normalen Beschäftigungen (wie handwerkliches Arbeiten, Putz- und Reinigungstätigkeiten, Unterweisungen, Exerzieren und Turnen) auch Stalldienst zu verrichten war:
6:30 Pferde füttern und tränken.
7:30 Stall reinigen, Geschirr reinigen, Pferde putzen.
11:00 erneut Pferde füttern und tränken.
Mittags folgten dann Wachwechsel und Probealarm, und für die Männer der nächsten Schicht hieß es ebenfalls wieder Pferde füttern, tränken, putzen sowie Stall und Geschirr reinigen bis zum nächsten Probealarm um 8 Uhr abends. Und der letzte Tagesordnungspunkt lautete Licht aus! und war für 10:30 anberaumt.

Im Hof des Wanheimerorter Hauses: Halbtante Frieda, Großonkel Otto, Oma Hedwig, Opa Wilhelm, und der Junge vorne ist mein Vater Fritz, 1933

Wilhelm heiratete um 1910 herum eine aus Canditten in Ostpreußen stammende Frau (die interessanterweise die beste Freundin meiner Urgroßmutter mütterlicherseits war [so daß dies schon der zweite Hinweis darauf ist, daß sich der mütterliche und väterliche Zweig meiner Familie gekannt haben, lange bevor sie in der Eheschließung meiner Eltern 1952 zusammenliefen. Hinweis #1 war der Schneidermeister in Wattenscheid und sein Geselle.]) und bekam mit ihr vier Kinder, die bis auf eines alle kurz nach der Geburt starben. Und um die Tragödie perfekt zu machen, überlebte auch die Kindsmutter die letzte Geburt nicht, so daß Wilhelm im Mai 1918 (mit gerade mal 38 Jahren) bereits Witwer geworden war und nun alleine für seine 6jährige Tochter Frieda sorgen mußte. Um dem Abhilfe zu schaffen, hat er sich zwei Jahre später dann noch eine neue Ehefrau zugelegt, die er allerdings nicht im Ruhrgebiet fand, sondern in seiner alten Heimat, zu der er nach wie vor engen Kontakt hatte, weil ja seine Eltern und sämtliche fünf Geschwister immer noch dort lebten. Die Hochzeit zwischen meinem Großvater Wilhelm und meiner Großmutter Hedwig wurde im Oktober 1920 in Deutsch Thierau in Ostpreußen abgehalten, und 9 Monate und 1 Woche später kam mein Vater Fritz zur Welt. Und 1929 baute mein Opa (der bis dahin in Hochfeld auf der Friedenstraße, der Siechenhausstraße und der Reichsstraße – heute Rheinhauser Straße – gewohnt hatte) sich ein Haus in Duisburg Wanheimerort, in dem auch ich später lange gelebt habe und das inzwischen meine Schwester übernommen hat. Kennengelernt habe ich diesen Großvater allerdings nicht, weil er schon 1935 gestorben ist.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt vor Wilhelm war auch ein anderer junger Mann in seinen frühen 20ern aufgebrochen, um fast 1000 Kilometer von der Heimat entfernt sein Glück zu suchen. Der hohe Bedarf an Arbeitskräften hatte im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts dazu geführt, daß mehr als 150 000 Zuwanderer (vor allem aus den preußischen Ostprovinzen und aus Österreich) ins Ruhrgebiet gezogen waren, zu denen auch Carl Szablinsky, mein ostpreußischer Urgroßvater mütterlicherseits, gehörte. Er fand einen Job als Bergmann in der Zeche Holland in Wattenscheid, heiratete im März 1892 die ebenfalls aus Ostpreußen stammende Emma Brandt und wurde nach Ablauf von 10 Monaten [die hatten’s damals offenbar ziemlich eilig mit dem Kinderkriegen] Vater eines Jungen namens Ernst, der 6 Jahrzehnte später mein anderer Großvater werden sollte.

Ernst Szablinskys Arbeitsleben begann 1907 im Alter von 14 Jahren in einem Wattenscheider Stuckgeschäft, wo er als Schleifer anfing und als Stuckateur endete. Mit 19 Jahren ging er aber, seinem Vater folgend, ebenfalls in den Bergbau, wo er zunächst als Schlepper schuftete, was ca. 100 Kilogramm schwere Tröge durch die Grubengänge zu ziehen bedeutete. Im 1. Weltkrieg, den er sowohl an der Ost- als auch an der Westfront miterlebte, erlitt er 1917 in der Frühlingsschlacht von Arras einen Oberkörperdurchschuß und wurde nach seiner Genesung zum Arbeitsdienst in die Wattenscheider Zeche Centrum versetzt. Zu Beginn der 20er Jahre wechselte er dann zur Zeche Holland, wo er – mit Ausnahme eines gescheiterten Versuchs, sich als Polier selbständig zu machen – bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1958 als Maurer tätig war.

Meine Urgroßmutter Wilhelmine Sbrzesny mit ihren Kindern Paul und Adina, 1909

Ernsts Frau, meine Großmutter Adina, kam 1896 im ostpreußischen Canditten, Kreis Preußisch Eylau, zur Welt, wo ihr Vater Leopold Sbrzesny (ein weiterer Schneider / die Mehrzahl meiner Ahnen sind allerdings Bauern gewesen) 5 Jahre später (1901) bereits an Tuberkulose verstarb. Zwei Jahre danach folgte Leopolds noch keine 30 Jahre alte Witwe Wilhelmine mit Paul (8 Jahre) und Adina (7 Jahre) ihrer Schwester Johanna und deren Mann August [der sowohl Leopolds Bruder als auch der schon oben erwähnte Schneidermeister war, bei dem mein Opa Wilhelm zeitgleich eine Anstellung fand] ins „Gelobte Land“ nach Wattenscheid, wo sie sich in den kommenden Jahrzehnten mehr schlecht als recht mit vor allem Wäschebügeln über Wasser hielt.

Wann Ernst Szablinsky und Adina Sbrzesny einander kennenlernten, weiß ich nicht, doch bevor sie im Januar 1921 heirateten und im Jahr darauf ein Töchterchen namens Ruth (meine Mutter) bekamen, war noch etwas ganz Besonderes geschehen. Ernsts Vater Carl, dessen Frau Emma und ihren drei Kindern war im Juni 1919 nämlich offiziell erlaubt worden, ihren bisherigen Familiennamen abzulegen und sich künftig Schwertmann zu nennen. Und weil Szabla im Polnischen Säbel bedeutet, ist die Wahl des neuen Namens auch nachvollziehbar [obwohl ich persönlich ein weniger kriegerisch klingendes Säbeler oder so gewählt haben würde – oder war der Name von den Behörden ausgesucht worden?]. Die genauen Beweggründe für diesen schon sehr bedeutenden Schritt sind allerdings nicht überliefert, so daß es reine Spekulation ist, wenn ich vermute, daß es für Carl Szablinsky auch nach 25 Jahren in der neuen Heimat noch immer von Nachteil gewesen sein dürfte, an seinem Namen sogleich als möglicher Zuwanderer erkannt werden zu können … und von dem ein knappes Jahrhundert später guten Klang von Nachnamen wie Schimanski, Podolski oder Lewandowski konnte er damals natürlich noch nichts ahnen.

Die Vorfahren meiner Eltern sind also sämtlich Zuwanderer aus Ostpreußen gewesen, doch hat es in meiner Familie auch echte Flüchtlingsdramen gegeben.

Meine Großmutter Hedwig Pelikan (geborene Groß) aus Hanswalde im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen hatte zwei Brüder, Otto (*1888) und Ernst (*1891), die beide den Beruf des Stellmachers erlernt hatten. [Ein Stellmacher fertigte Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz an.] Und weil der elterliche Hof traditionsgemäß dem ältesten Sohn übergeben wurde, zog Ernst in den 1910er Jahren fort, fand Arbeit in der „Sächsischen Waggonfabrik“ in Werdau in Sachsen und gründete dort im Jahr 1919 eine eigene Familie. Sein älterer Bruder Otto blieb dagegen in der Heimat, richtete sich im elterlichen Haus eine eigene Werkstatt ein und machte sich als Stellmacher in Hanswalde selbständig. Zu dem Großschen Besitz gehörten neben dem Wohnhaus auch noch 1,5 Morgen Land, auf dem zwar auch einiges angebaut wurde, was den Nahrungsmittelbedarf aber längst nicht decken konnte, so daß Otto sich für seine Arbeit als Stellmacher auch in Naturalien (Fleisch und Getreide usw.) entlohnen ließ.

Mein Großonkel Otto am Grab seiner Eltern in Hanswalde, vermutlich 1931

Die Eltern starben Anfang 1931 im Abstand von nur vier Wochen, und acht Jahre lang lebte Otto dann ganz allein, bevor er mit 50 Jahren noch heiratete und fortan glücklich und zufrieden mit seiner Frau Franziska im Haus seiner Vorfahren lebte … bis im sechsten Kriegsjahr die russische Armee in den Kreis Heiligenbeil einmarschierte und das Ehepaar Groß im Februar 1945 – wie Hunderttausende andere auch – Hab und Gut zurücklassen mußte, um bei der Flucht über das zugefrorene Frische Haff (da der Landweg bereits abgeschnitten war) ihr Leben zu retten. Wer es dagegen vorzog, zu bleiben, lief Gefahr, einfach zu verhungern (wie eine meiner Urgroßtanten), oder von plündernden Soldaten erschossen (wie deren Tochter) oder nach Sibirien verfrachtet zu werden. [Trotz aller von den russischen Soldaten verübten Grausamkeiten darf man aber nicht vergessen, daß dies ja „lediglich“ Reaktionen auf die von Hitler initiierten deutschen An- und Übergriffe waren.]

Otto und Franziska gelang zwar die Flucht, doch hatten sie kein Glück im Unglück. Sie wurden in dem Städtchen Waren an der Müritz in Mecklenburg aufgenommen, wo Ende 1945 mehr als 6000 Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten untergebracht waren. Daß die Lebensbedingungen dort – weil die einheimische Bevölkerung ja selbst kaum genug zu essen hatte – nicht gerade zum besten standen, läßt sich denken, doch wurde es noch wesentlich schlimmer, als eine Typhusepidemie ausbrach, der (neben mehr als 1500 weiteren Menschen) im März 1946 auch Franziska Groß zum Opfer fiel.

4 Generationen: Der Autor dieses Beitrags mit Mutter Ruth, Großmutter Adina und Urgroßmutter Wilhelmine, Juni 1954

Der unglückliche Witwer, der im Verlauf von kaum mehr als einem Jahr Ehefrau, Haus, Hof und Heimat verloren hatte, kam schließlich bei seinem Bruder Ernst in Werdau unter, wo er ebenfalls in der Waggonfabrik als Stellmacher Arbeit fand und bis zu seiner Pensionierung tätig blieb. Als frischgebackener Rentner besuchte er im Juni 1954 dann seine Schwester Hedwig Pelikan in Westdeutschland, um auch seinen 7 Monate alten Großneffen (mich!) einmal zu sehen, und während dieses Aufenthaltes erkrankte er so schwer, daß er bei Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr zurückzureisen imstande war. Er stellte daraufhin den Antrag, zwecks erweiterter Familienzusammenführung in Duisburg bleiben zu dürfen, was ihm im November ’54 auch gewährt wurde. Und so lebte mein Großonkel Otto dann von 1954 bis ’71 mit uns [= meiner Großmutter (die 1960 starb), meinen Eltern, meiner 1955 geborenen Schwester Inge und mir – und bis 1956 auch noch mit einem fremden Ehepaar, das nach dem Krieg die ganze 1. Etage unseres Einfamilienhauses zugewiesen bekommen hatte und jahrelang keine Anstalten machte, sich eine andere Wohnung zu suchen, um den Eigentümern ihren dringend benötigten Wohnraum zurückzugeben: 1955/56 lebte dieses den Hausfrieden ungeheuer störende Ehepaar auf ungefähr 35 m², während die inzwischen 6köpfige Familie Pelikan mit den übrigen ca. 45 m² auskommen mußte] unter einem Dach in dem Häuschen, das mein Opa Wilhelm zu Ende der 1920er Jahre gebaut hatte. 1971 wurde Otto nach einem Waldspaziergang beim gedankenverlorenen Überqueren einer Straße von einem Auto erfaßt und brachte noch 4 Jahre in einem Pflegeheim in Mülheim an der Ruhr zu, wo er schließlich im Alter von fast 87 Jahren starb. Und noch Jahre später fanden wir – was in Ostpreußen vielleicht so üblich war, wenn man etwas zu entsorgen hatte (?) – beim Umgraben im Garten (welcher Großonkel Otto zur Bewirtschaftung und Pflege überlassen worden war) kleine Andenken an ihn, wie einen Haufen Ziegelsteine zum Beispiel, und einmal sogar eine ganze Zinkwanne.

Ottos Schwager – mein Feuerwehrmann-Opa – hatte fünf Geschwister, von denen vor allem Gustav, der Älteste, mit zwölf Kindern (die zwischen 1901 und 1924 zur Welt kamen) für Nachwuchs gesorgt hat. Von Gustavs vier Söhnen fielen zwei im 2. Weltkrieg, und von seinen acht Töchtern kam die jüngste auf der Flucht übers Frische Haff ums Leben, während eine andere dabei ein Bein verlor. Man muß sich das nämlich so vorstellen, daß man nicht einfach nur aufs Eis zu gehen und zu hoffen brauchte, daß es hält (was bei den meist schwer beladenen Wagen auch häufiger nicht der Fall war), sondern daß der Flüchtlingsstrom auch immer wieder von Tieffliegern beschossen wurde. Von den überlebenden Kindern meines Großonkels Gustav Pelikan haben sich gleich mehrere in Duisburg und Umgebung niedergelassen, so daß es mir in den 90er Jahren (als ich anfing, mich für Ahnenforschung zu interessieren) noch möglich war, zwei davon persönlich zu befragen. Zum einen die damals schon 80jährige Anna aus Duisburg Neudorf, sowie ihre Schwester Gertrud, die auch mit Mitte 70 noch – trotz ihres künstlichen Beins – sehr agil unterwegs war.

Großtante Auguste Pelikan, Großvater Ernst Schwertmann, sowie der anscheinend nicht besonders gutgelaunte Erzähler, Mai 1969

Deutlich mehr hatte ich aber mit deren beider Tante, der jüngsten Schwester meines Großvaters Wilhelm, zu tun gehabt. Auguste Pelikan wurde 1891 in Stolzenberg (Kreis Heiligenbeil) geboren, wo sich ihr Vater (und mein Urgroßvater) Gottlieb Pelikan in den 1880er Jahren einen Bauernhof gekauft hatte, der etwa 3 km von Gut Pellen entfernt lag, wo er als Arbeiter unter anderem auch in der dortigen Schnapsbrennerei angestellt war. Sie ist – nachdem ihr Verlobter im ersten Weltkrieg gefallen war – unverheiratet geblieben und hat den elterlichen Hof schließlich bis 1945 alleine bewirtschaftet. Der Besitz bestand aus einem Bauernhaus mit drei Räumen nebst Stallungen und Scheune (alles unter einem Dach) plus 2 ha Land (was einer Fläche von etwas mehr als zwei Fußballfeldern entspricht), das folgendermaßen genutzt wurde:
1 ha Äcker (Roggen, Hafer, Kartoffeln und Klee)
½ ha Wiese
¼ ha Weide
¼ ha Obst- und Gemüsegarten.
Und davon konnte meine Großtante Auguste (zumal sie auch noch 1 Rind, 4 Schweine und 17 Hühner besaß) leben und mußte zur Erntezeit sogar Tagelöhner einstellen.

Am 7. Februar 1945 kam aber auch für sie das Aus, als sie ebenfalls alles zurücklassen und sich auf die Flucht übers Eis begeben mußte.

Großtante Auguste war Mitte 50, als sie ihre Existenzgrundlage verlor und – in Duisburg eingetroffen – nochmal neu anfangen mußte. Daß der Wert ihres ostpreußischen Haus- und Grundbesitzes auf stattliche 15 000 Reichsmark geschätzt wurde, ist ihr leider von keinerlei Nutzen gewesen, und so hat sie nach dem Krieg noch einige Jahre lang als Küchenhilfe im Duisburger Bethesda-Krankenhaus gearbeitet, bevor sie aus Altersgründen ausscheiden und von Sozialhilfe leben mußte. Von 1953 an hat sie ihre letzten drei Lebensjahrzehnte in einem einzigen Zimmer ohne Küche und ohne Bad – mit Wasserhahn im Hausflur und dem Klo eine halbe Treppe tiefer – auf der Paulusstraße in Hochfeld verbracht. Ich habe Fräulein Pelikan (wie sie genannt werden wollte) häufig als eine einer anderen Zeit entsprungene Person empfunden, die sich trotz ihrer ärmlichen Lebensumstände (sie hatte auch nie ein Telefon oder einen Fernseher oder so) aber niemals beklagt hat. Und sie ließ es sich auch nicht nehmen, jedes Jahr Heiligabend (weil keine Straßenbahnen mehr fuhren und sie ohnehin lieber zu Fuß ging) von Hochfeld nach Wanheimerort zu laufen, um an der Weihnachtsfeier im Haus meiner Eltern teilzunehmen. Auch den späteren Rückweg erledigte sie zu Fuß, und erst mit über 80 (sie ist 92 Jahre alt geworden) gestattete sie es ihrem Neffen (meinem Vater), sie wenigstens mit dem Auto nach Hause zurückzubringen.

Postkarte von 1935: Hanswalde, der Geburtsort von [väterlicherseits:] Großmutter Hedwig Groß, Großonkel Otto Groß, Urgroßvater August Groß, Urgroßmutter Amalie Hahnke, Ururgroßvater Gottlieb Groß, Ururgroßvater Gottlieb Hahnke, [sowie mütterlicherseits:] Urgroßmutter Wilhelmine Gerlach und Ururgroßvater August Gerlach

Ich selbst habe die pelikanesischen Weihnachtsfeierlichkeiten im Vorfeld nicht besonders gemocht, weil ich auf dem Klavier immer die Liederbegleitung für den Abend einüben mußte, doch sind mir viele starke Heiligabendbilder in Erinnerung geblieben. Ich wußte zwar nur sehr wenig über Onkel Otto und Tante Auguste (wie ich Großonkel und Großtante zu nennen pflegte), doch wenn sie am 24. Dezember bei uns nach dem Vortragen der biblischen Weihnachtsgeschichte und dem gemeinsamen Singen von Liedern und dem Aufsagen von Gedichten und dem Überreichen und Auspacken der Geschenke in dem nach Tannennadeln und Räucherkerzen duftenden Zimmer mit dem liebevoll geschmückten Weihnachtsbaum etwas geistesabwesend aber dennoch sehr würdevoll dasaßen, kamen sie mir manchmal schon recht einsam vor. Und heute bin ich sicher, daß sie in solchen Momenten auch ihrer alten Heimat gedachten und sich an ihre früheren Leben erinnerten, bevor der zweite große Krieg, den sie miterleben mußten, sie zu Vertriebenen und Heimatlosen gemacht hatte. – So, wie es auch 70 Jahre später leider immer noch unzählige Männer, Frauen und Kinder auf dieser Welt erdulden müssen.

Ich wünsche all diesen Menschen eine friedliche Weihnachtszeit, egal, welche Sprache sie sprechen, in welchem Land sie sich aufhalten oder welcher Religion sie sich nahe fühlen.

Duisburg, 4. Advent 2015


Mensch und Universum

Bob Dylan und Albert Einstein hatten recht.

Der eine mit der Aussage the times they are a-changing, und der andere mit der Feststellung, daß alles relativ sei.

Das Universum ist alt. Ewa 13,82 Milliarden Jahre alt.

Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist jung. Im Verhältnis zum Universum gesehen. Vermutlich um die 200 000 Jahre alt (oder jung).

Es fällt mir allerdings sehr schwer, mir diese Zeitspanne überhaupt begrifflich vorzustellen. Ganz zu schweigen von 13,82 Milliarden Jahren. 2000 Jahre bekomme ich irgendwie noch hin. 4600 (vor ungefähr dieser Zeit hat der Bau der Pyramiden von Gizeh begonnen) zur Not auch noch. Aber darüber hinausgehend hört’s bei mir echt auf.

Und so habe ich einen kleinen Plan erstellt, um den Menschen in Relation zum Universum ein wenig besser einordnen zu können. Stellt euch vor, das Universum wäre bis heute genau ein Universumsjahr mit 365 Universumstagen alt. Dann wäre es am 1. Januar um null Uhr null gestartet, und zwar – wie wir wissen – mit einem recht beachtlichen Neujahrsfeuerwerk.

Und wie es danach weiterging, könnt ihr hier ersehen.


Torflut beim Korte-Cup

Aus Lokale Sportnachrichten der aktuellen Ausgabe der OTZ (Obermarxloher Trivial Zeitung):

„Beim achtunddreißigsten, alljährlich seit 1977 am ersten Dezemberwochenende zwischen Journalisten und Musikern aus Duisburg ausgetragenen Fußballspiel um den Carl-Korte-Cup ist in diesem Jahr die Rekordmarke von dreißig Toren erreicht worden. Beide Abwehrreihen glänzten durch schlechtes Stellungsspiel und nahezu körperlosen Zweikampfeinsatz, so daß der wegen eines Bandscheibenvorfalls von einem Drehstuhl im Mittelkreis aus operierende Referee einen ruhigen Nachmittag verlebte und lediglich in der ersten Halbzeit beiden kompletten Mannschaften einmal die gelbe Karte wegen Zeitspiels zeigen mußte. Zum umjubeltsten Akteur auf dem Platz avancierte schließlich der erst kurz vor Schluß eingewechselte Newcomer Nat Schriller, der in der 90. Minute den entscheidenden Freistoß zum gerechten 15:15-Endstand verwandelte, als die gegnerische Zwei-Mann-Mauer hochsprang und der mit der Pike aus dem Stand getretene Ball einfach geradlinig untendrunter durchhoppelte und Pelikan im Tor der Musiker ziemlich schlecht aussehen ließ.“

Unser „Man of the Match“: Starreporter Nat Schriller in einer seiner vielen Verkleidungen.


Neues vom OTZ Konzern (1)

Oktober 2014

Ältere Mitbürger werden sich noch an die Blütezeit des Duisburger OTZ Konzerns in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erinnern können, der vor allem durch die Ausrichtung zweier dreitägiger Musikfestivals im Zentrum Eschhaus, durch die Herausgabe von acht „Waren“-Katalogen, neun Büchern einheimischer Autoren, einem Kunstkalender, einem Comicband, zwei Lexika und natürlich auch aufgrund der Produktion von Hunderten dieser rund 100 cm² großen dreiteiligen roten (und für die Motorradabteilung später auch grünen) OTZ Aufkleber, die vor allem die Karosserien ungezählter PKWs im In- und Ausland geziert haben, unvergessen geblieben ist.

Wirklich unvergessen?

Dem nachzugehen machten sich in diesen Tagen Starreporter Nat Schriller und A.S.H. Pelikan, Leiter der OTZ Konzern Nebengeschäftsstelle Duisburg Neudorf, auf den Weg. Doch nicht ein einziges dem Zahn der Zeit starrsinnig trotzendes T oder Z oder O auf einem verrosteten Kotflügel im stillsten Winkel eines lokalen Schrottplatzes, nicht das winzigste Stückchen Konzertplakat an der Mauer eines entlegenen Viertels unserer Stadt, nicht der kleinste zerlesene Prosaband inmitten reichhaltigster Sperrmüllhaufen waren trotz stundenlanger angestrengter Suche im heutigen Stadtbild noch aufzuspüren, so daß alles darauf hinzudeuten schien, daß auch die letzten sichtbaren Überbleibsel dieser vor nur drei bis vier Jahrzehnten noch mehrfach zum beliebtesten Konzern der Stadt gewählten Organisation inzwischen vollkommen – dem sagenhaften Atlantis nicht ganz unähnlich – von der Oberfläche dieses Planeten getilgt worden seien.

Doch dann, als die erfolglosen Entdecker bereits tiefbetrübt den trostlosen Heimweg angetreten hatten, fiel ihnen beim Passieren einer unscheinbaren Toreinfahrt ein eigentlich recht schäbiges aber nichtsdestotrotz überaus glorreiches Graffito ins Auge, das ihnen den Glauben an die echten Werte dieser schnellebigen Zeit im Bruchteil einer Sekunde wieder zurückzugeben vermochte. O happy day!

Starreporter Nat Schriller (links) – hier in einer seiner vielen Verkleidungen – und OTZ-Konzern-Prokurist Pelikan präsentieren voller Stolz den historischen Hinweis auf die Unvergänglichkeit eines wahren Duisburger Weltkulturerbes.

P.S.: Wer nun aber doch nicht die Augen vor der bitteren Wahrheit der Kehrseite dieser Medaille verschließen möchte, braucht nur auf diesen Link zu klicken.


Die neuen OTZ-Krimis

Nach den spektakulären Romanserien um die „Hebamme“, die „Putzfrau“ und den „Steuerberater“ springt endlich auch A.S.H. Pelikan mit seiner 20bändigen Krimireihe um den geheimnisvollen „Musiker“ auf den abgefahrenen Erfolgszug. Freuen Sie sich rechtzeitig zum Ferienbeginn auf folgende Bände im OTZ Verlag:

01)            Die Hebamme des Musikers
02)            Der Auftakt des Musikers
03)            Der Blackout des Musikers
04)            Die Rückkehr des Musikers
05)            Die Rache des Musikers
06)            Der Musiker spielt nicht mit
07)            Der Musiker und das Groupie
08)            Die Geduld des Musikers
09)            Der Musiker und die Tonart des Schreckens
10)            Der Musiker und das Vibrato des Grauens
11)            Der Musiker und das Catering des Bösen
12)            Die Geduld des Musikers 2
13)            Der Musiker spielt auf Zeit
14)            Der Fehler des Musikers
15)            Der Sohn des Musikers
16)            Die Tochter des Musikers
17)            Die Tante des Musikers
18)            Die Putzfrau des Musikers
19)            Der Steuerberater des Musikers
20)            Das Vermächtnis des Musikers

Der Autor (links) und sein Literaturagent Konsul Ferdinand von Schnelldreher-Steppendorf stoßen auf den großen Durchbruch an.


Pelikan wird 60

Herbst 2013

Der Duisburger Künstler A.S.H. Pelikan ist 60 Jahre alt geworden!

Was für die einen ein Grund zum Feiern sein mag, bedeutet für andere dagegen nur einen weiteren Beleg für die Ungerechtigkeit dieser Welt. Doch ist das Leben halt noch nie fair gewesen, auch 1974 nicht, als Pelikan mit 21 Jahren volljährig wurde [erst 1975 wurde der Volljährigkeitsstatus geändert und auf 18 Jahre herabgesetzt] und damit beispielsweise schon älter als Tutanchamun geworden war.
Und mit 22 Jahren älter als Eddie Cochran.
Mit 23 älter als Buddy Holly.
Mit 24 älter als Jimmy Blanton.
Mit 25 älter als James Dean.
Mit 26 älter als Scott LaFaro.
Mit 27 älter als Nick Drake.
Mit 28 älter als Jim Morrison.
Mit 29 älter als Tim Buckley.
Mit 30 älter als Marc Bolan.
Mit 31 älter als Emily Brontë.
Mit 32 älter als Rudolph Valentino.
Mit 33 älter als John Bonham.
Mit 34 älter als John Belushi.
Mit 35 älter als Lowell George.
Mit 36 älter als Wolfgang Amadeus Mozart.
Mit 37 älter als Marilyn Monroe.
Mit 38 älter als Thomas Wolfe.
Mit 39 älter als J.B. Lenoir.
Mit 40 älter als Che Guevara.
Mit 41 älter als John Lennon.
Mit 42 älter als Neal Cassady.
Mit 43 älter als Elvis Presley.
Mit 44 älter als Dan Blocker.
Mit 45 älter als Robert Louis Stevenson.
Mit 46 älter als Georges Perec.
Mit 47 älter als John F. Kennedy.
Mit 48 älter als Jack Kerouac.
Mit 49 älter als Marty Feldman.
Mit 50 älter als Douglas Adams.
Mit 51 älter als Carson McCullers.
Mit 52 älter als René Goscinny.
Mit 53 älter als Frank Zappa.
Mit 54 älter als Philip K. Dick.
Mit 55 älter als Peter Sellers.
Mit 56 älter als Johnny Ramone.
Mit 57 älter als Ludwig van Beethoven.
Mit 58 älter als Humphrey Bogart.
Mit 59 älter als George Harrison.
Mit 60 älter als Truman Capote.

Tja, das Leben ist endlich, also macht was draus und nutzt den Tag.