100. Geburtstag von H. C. Artmann

12. Juni 2021

H. C. (Hans Carl) Artmann ist zwar nie im Eschhaus gewesen, aber trotzdem habe ich ihn dort kennengelernt. [Das „Eschhaus“ – eines der ersten unabhängigen und selbstverwalteten Jugendkulturzentren in Deutschland – hat von 1974-1987 in Duisburg Mitte (Niederstraße) existiert.] Dieser Ort ist bis zum Anfang der 80er Jahre (als die Punks immer mehr das langhaarig-gemütliche Gesamtbild auf respektlos-destruktive Weise zu trüben begonnen hatten) meine zweite Heimat gewesen, in der ich vielen Menschen begegnen durfte, die mein Leben bereichernd beeinflußt haben. Mitte der 70er Jahre bin ich mit Anfang 20 noch ziemlich unbedarft, naiv und selbstbewußtlos gewesen, und was die Schule nicht geschafft hatte [siehe auch den ersten Teil des unten stehenden Mai-Akkord-Beitrags], hat mir das Eschhaus ermöglicht: mich kulturell und persönlichkeitsentwickelnd weiterzubilden.

Zu H. C. Artmann bin ich über Bruno Ruhrort gekommen, einen leicht verrückt intelligent versponnenen Kerl [was von Helmut Loeven noch durch „von leichtfüßiger Eleganz, gebildet, angenehm im Umgang“ ergänzt wurde], der (was ich so schick fand, daß ich es schließlich kopiert habe) häufig ein Buch in der Jackentasche mit sich herumtrug und mit seinem „kulturellen“ Esprit eine deutlich weitere Welt offenbarte, als mein eigenes, sich vor allem um Musik drehende, Universum bis dahin erforscht hatte. Ich hatte zwar immer schon gern gelesen, mich in jenen Tagen – mit Ausnahme von Hermann Hesse – für deutschsprachige Schriftsteller (vielleicht auch wegen meiner negativen Erfahrungen im Deutschunterricht auf dem Gymnasium) aber kaum interessiert, und erst recht nicht für noch lebende Gegenwartsautoren [weil ich damals viel zu sehr vom für mich alles überstrahlenden Musikheroentum geblendet war], was sich erst durch die Bekannschaft mit den Schriften von H. C. Artmann zu ändern beginnen sollte.

Im Oktober 1975 hatte ich zu meinem 22. Geburtstag von Bruno Ruhrort einen Oplaten-Keks geschenkt bekommen, auf dessen Eßpapier-Rückseite mit Bleistift vermerkt war:
xxxxxTräumte dir, es wüchse dir vom kinn herab ein verlauster mandarinenbart und dieser hätte eine länge von 56 zentimetern, bestünde aus 56 einzelnen haaren und besäße 56 lila läuse, so schätze dich glücklich, denn eine triplesechsundfünfzig in dieser konstellation ist unter chinesen ein besonderes zeichen.
xxxxxIch besaß zwar keinen 56 cm langen Chinesenbart (und Läuse habe ich bis heute auch noch nie gehabt), doch das mit den 56 Härchen am Kinn könnte
(ich hatte mich damals noch nicht sehr häufig rasiert) ungefähr hingekommen sein.

Als ich Bruno das nächste Mal traf, fragte ich ihn natürlich sogleich nach dem Urheber des Keksgedichts und hörte also zum ersten Mal den Namen H. C. Artmann, dessen Anfangskürzel irgendwie „Geheimnisvolles“ zu vermitteln schienen, während der Nachname im wahrsten Sinne des Wortes kunstvoll daherkam („Art“ = „Kunst“ im Englischen). Und ich bat Bruno, mir doch ein paar Buchtitel dieses Autors zu nennen, welche (wenn ich mich recht erinnere) folgende waren:
Frankenstein in Sussex / Fleiß und Industrie
How much, schatzi?
The Best of H. C. Artmann,
die es damals glücklicherweise
(weil ich mir gebundene Bücher zu der Zeit kaum leisten konnte) alle als Taschenbücher gab und die in den nächsten Wochen den Grundstock für meine heute mehr als 30 Bände umfassende Artmann-Sammlung legten. Die „Grünverschlossene Botschaft“ (= das Buch mit den Träumen, dessen 56. auf meinem Geburtstagskeks gelandet war) hatte übrigens nicht auf Brunos Liste gestanden, weil es insgesamt leider doch nicht das qualitative Niveau besaß, welches Traum Nr. 1 noch zu versprechen schien:
xxxxxIm herzen einer grille das cello zu streichen, ist ein häufiger traum und anlaß zur hoffnung, geld zu erwerben, gesetzt daß die grille von einer wachtel verspeist wird, die wachtel aber von einem lamm, das lamm von einem wolf, und dieser wieder von einem hungernden admiral, den seine meuternde flotte an der küstenebene von Oregon ausgesetzt hat. Dann tönt das cello in den eingeweiden admiral Boyds, du erwachst und schreibst, deine eigene musik noch im ohr, die zahl eins.
xxxxx
Solch eine Prosa war mir bis dahin noch nie untergekommen: etwas so Spielerisches und Fabulierfreudiges, etwas, das auf mich den Eindruck von gleichzeitig Ungekanntem wie auch sehr Vertrautem (irgendwie schon immer Erahntem oder so) machte. Das hatte nun wirklich keine Ähnlichkeit mehr mit dem häufig so verknöchert, verkopft und gewollte hochtrabend wirkenden Deutsch, das im Unterricht auf dem Gymnasium von den Lehrern immer so gern zerpflückt und durch die Mangel gedreht worden war. Und die Entdeckung, daß im deutschsprachigen Raum neben dieser mich eher frösteln machenden Schulunterrichtslektüre auch noch eine lebendige und vor Wortspaß sprühende Gegenwelt existierte, habe ich in erster Linie wohl dem besonderen Geburtstagsgeschenk von Bruno Ruhrort zu verdanken, das eine neue Flamme im damals noch sehr in Schatten getauchten pelikanesischen Kosmos entzündet hat und auch auf meine eigenen [und noch SEHR schlechten] Schreibversuche (seit Ende 1973) ein wenig abfärbte, wenn auch eigentlich nur äußerlich.
xxxxxUnd auch die Titel der Artmann’schen Werke vermochten schon den Geruch einer irgendwie anderen Sprachwelt herüberwehen zu lassen. Hier eine kleine Auswahl in „abecedarischer“ [auch eine des Meisters Wortschöpfungen] Reihenfolge.

Artmanns literarisches Œuvre umfaßt Theaterstücke [gesammelt in „die fahrt zur insel nantucket„, 1969], Lyrik [gesammelt in „ein lilienweißer brief aus lincolnshire„, 1969 / „Sämtliche Gedichte„, 2003] und Prosa [gesammelt in „Grammatik der Rosen„, 1979 / „Gesammelte Prosa„, 2015].

xxxxxTheaterstücke: Diese Schauspiele haben mit klassischen Vorbildern mitunter aber nicht mehr viel gemein, was auch aus einigen Besetzungslisten schon ersichtlich werden dürfte, wenn in „fauler zauber in schwarz-afrika“ (1963) etwa Audrey Hepburn und David Niven ein weibliches Okapi bzw. einen männlichen Löwen verkörpern. Und auch Regieanweisungen wie „man hört genau, wie die geduld, zuerst langsam, dann schneller und zum ende hin ganz schnell, abreißt“ [in „Lasse und Mustikka„, 1961] oder „kutlyoos schatten [gespielt von Charles Laughton] lagert sich über das kolossalgemälde pickmans, wird aber, da unsichtbar, von keinem der beiden nachtwandler bemerkt“ [aus „how lovecraft saved the world„, 1963] sind keine Seltenheit.

xxxxxLyrik: Ich selbst bin kein besonderer Gedichteliebhaber, doch Verse von Artmann lese ich tatsächlich gar nicht so ungern. Etwa schräges Zeug wie:
xxxxxein männlein steht am schalter / so gar nicht stumm / und sagt zu dem beamten: / sei bloß nicht dumm, / gib die schönen piepen her, / glaube mirs, / die freun mir sehr, / und drückste auf die klingel, / leg ich dir um. [„allerleirausch„, 1967]
Oder romantisches Zeug wie:
xxxxxwie der saft einer sehr süßen frucht / von dem man lange im traum trinkt.. / wie der schatten eines jungen tieres, / das leise um eine quelle herumgeht.. / wie ein sehr schöner, belaubter baum, / den die erste zärtlichkeit der nacht / heimsucht mit singenden grillen und tau.. / wie mein eigener finger, geliebtes, / der ganz leicht deine lippen berührt.. [„noch vier gedichte, auf eine klinge geschrieben„, 1960]
Oder Kinderzeug (für seine Tochter Emily Griseldis) wie:
xxxxxvon burg zu burg / reitet der zwurg. [„das prahlen des urwaldes im dschungel„, 1983]

xxxxxProsa: In diese große Schublade passen nun sehr viele kleinere Schächtelchen, wie etwa die bereits erwähnten 90 Träume der „Grünverschlossenen Botschaft“ (1967), oder die kleinen Berufsidyllen aus „Fleiß und Industrie“ (1967), oder die Fast-so-etwas-wie-Kurzgeschichten in „How much, schatzi?“ (1971), oder der abendteurliche Luftreisebericht in „Der aeronautische Sindtbart“ (1972 / verfaßt ca. 1958), oder der auf 175 Seiten ohne Punkt, Komma, Großbuchstaben oder Absatz auskommende Monolog der „Nachrichten aus Nord und Süd“ (1978), oder das schwedische Tagebuch mit Eintragungen wie „Morgen ist samstag, heute ein freitag, bald herbst“ in „Das suchen nach dem gestrigen tag“ (1964) und einiges andere mehr. Doch allen Texten (bis auf die satzzeichenlosen „Nachrichten…“) ist eines gemeinsam: Artmanns besondere Verwendung (bzw. Nicht-Verwendung) von Großbuchstaben, weil diese (wie im Englischen) bei ihm nur am Satzanfang und bei Eigennamen vorkommen, was für den ungeübten Leser zuerst etwas gewöhnungsbedürftig ist, nach einer Weile aber kaum noch stört.

Und diese den deutschen Rechtschreibregeln nicht folgende Kleinschreibung hatte es mir sogleich ungeheuer angetan, weil sie (a) so schön verrückt war, sich (b) so fröhlich aufmüpfig gegen vorgeschriebene Regeln stellte [mehr zu meiner Regelallergie findet sich im (diesem Artikel nachfolgenden) „Akkord des Monats Mai“-Beitrag] und (c) alles andere als unauffällig war. Und wenn ich selbst in den 70er Jahren schon nicht durch besondere literarische Begabung beeindrucken konnte, wollte ich wenigstens anders sein und irgendwie auffallen. Und so übernahm ich (auch um Artmann damit zu huldigen) 1976 diese besondere Kleinschreibung für mehr als nur meine literarischen Versuche. [Erst ein Vierteljahrhundert später bin ich wieder zur normalen Rechtschreibung zurückgekehrt (ohne allerdings die Regeln der uns mittlerweile vor die Nase gesetzten Rechtschreibreform zu akzeptieren), weil ich das Aufnehmen von Pelikantexten für kommende Leser doch ein wenig einfacher machen wollte.]
xxxxxDoch ist dies längst nicht alles gewesen, was ich von Artmann gelernt habe.

In den biographischen Angaben seiner im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) erschienenen Bücher hieß es in den 70er Jahren:
xxxxx„H(ans) C(arl) Artmann wurde im Juni des Jahres 1921 in St. Achatz am Walde geboren, schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke, lebt je nach Stimmung in den Städten Europas (so auch in Malmö), liebt alles Gute und Böse, bekennt sich zum Positiven, das letzten Endes doch immer siegen muß, denn: wo kämen wir sonst hin.“
xxxxxSo weit, so gut; doch wo in aller Welt lag St. Achatz am Walde? Der im elterlichen Bücherschrank auf genau solche Gelegenheiten nur wartende Band 1 (A-Ate) der 17. völlig neu bearbeiteten Auflage des Großen Brockhaus (in 20 Bänden, 1966-1974) vermochte da weiterzuhelfen: Artmann, Hans Carl, Schriftsteller, * St. Achatz am Walde (Niederösterr.) 12. 6. 1921Okay, Artmann war also Österreicher, doch fand sich Erwähnung und Lage seines Geburtsortes leider nicht einmal im „Großen Weltatlas“ von 1960 auf den „Spezialkarten [im nicht gerade kleinen Maßstab 1:500 000] von Deutschland, Österreich, Schweiz“, in einem Atlas also, der sogar „Zinse“ aufführte, eine Ortschaft im Rothaargebirge, die 1964, als ich als Zehnjähriger dort (wegen Problemen mit den Bronchen) zur Kur weilte, etwas weniger als 100 Einwohner besaß. Sollte St. Achatz also sogar noch kleiner als Zinse sein?
xxxxxUnd in der Tat, denn es hatte nicht nur weniger als 100, sondern sogar weniger als 1 Einwohner … weil ein Ort dieses Namens nie existiert hatte und von Artmann einfach erfunden worden war. Und als ich das herausbekam, fand ich diesen schon über 50jährigen Burschen [während ich anderen Leuten seines Alters damals nur selten größeren Respekt entgegenbrachte] eigentlich nur noch toller: ein mit dem „Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur“ ausgezeichneter Kerl, der in zeitgenössischen Lexika mit gefälschten Daten vertreten war. Was für ein herrlicher Imaginärer-Mittelfinger-Spaß!
xxxxxUnd wen wundert’s da noch, daß auch Pelikan dann eine Vorliebe für autobiographische Fake News zu entwickeln begonnen und neben Duisburg in seinen Büchlein (ab 1976) auch noch Zinse und Prag als Geburtsort angegeben hat; und auch beim Geburtsjahr ist kräftig und gern geschummelt worden, so daß ich (Veröffentlichungen in Anthologien und so hinzunehmend) bis Mitte der 1980er schließlich alle Jahrgänge von 1949-1954 einmal durchhatte.
xxxxxUnd der Höhepunkt dieser „Aktionen“ ist zweifellos der Moment gewesen, als mein Vater [mit dem ich mich alles andere als gut verstanden hatte] von Bekannten mal, ernsthaft zweifelnd, gefragt worden ist, ob ich denn auch wirklich sein Sohn sei … da in meinem dritten Buch (1978) irgendwo geschrieben stand, daß ich bereits im Alter von 3 Jahren meine Eltern verloren hätte. [Und so viel zu „ungehorsamen“ Söhnen.]

Ich habe H. C. Artmann auch zweimal live bei Lesungen erlebt, und bei der ersten (in Bonn 1982) bin ich ganz bis zum Schluß geblieben, um meinen Helden noch bis zum Signieren des allerletzten ihm dargereichten Buches beobachten zu können. Und zwei-, dreimal hat man ihn dabei auch gebeten, ein Foto von ihm machen zu dürfen, woraufhin er sich als Antwort jedesmal sogleich die roteingefaßte Lesebrille von der Nase gerissen und eine leicht gekünstelte Pose eingenommen hat, ganz à la: „Hier bin ich, ein fescher Art- und Dichtersmann!“
xxxxxUnd angesichts eines bestimmten, ihm zum Autogrammieren vorgelegten Buches bemerkte er: „Ach, das hätte ich auch gerne mal wieder. Das hat meine kleine Tochter leider irgendwann mal zerrissen.“ Und weil ich selbst (a) im Besitz dieses Buches gewesen bin, es (b) aber gar nicht so supertoll fand, habe ich ihm mein Exemplar (die illustrierte Ausgabe einer kleinen Kindergeschichte) dann zum Jahresende anonym – denn ich wollte mich ja nicht aufdrängen – zu Weihnachten zukommen lassen. (Damals – das waren noch andere Zeiten! – brauchte man nur den Verlag anzuschreiben und bekam ohne Umstände die gewünschte Privatadresse mitgeteilt.)

1984 ist dann noch ein ganz besonders schönes Artmann-Buch in einer nummerierten und signierten Auflage [so daß ich somit also doch noch zu einem (ungewollten) Autogramm gekommen bin, da ich bei den beiden Lesungen bewußt darauf verzichtet hatte] von 180 Exemplaren erschienen: „nachtwindsucher – Einundsechzig österreichische Haiku„. Und falls es jemand nicht wissen sollte: ein Haiku ist eine jahrhundertealte japanische Gedichtform, bestehend aus drei Zeilen mit den Silbenlängen 5-7-5 [obwohl im Original Moren statt Silben gerechnet werden], das traditionell vor allem Naturbilder übermittelt. Hier mein österreichisches Lieblingshaiku:
xxxxxdie junge kröte
xxxxxklein wie sie ist und langsam
xxxxxhat sich verspätet.

Und einige Wochen später hat Artmann zu seinem 63. Geburtstag dann eine anonyme Postkarte aus Duisburg bekommen:
xxxxxder briefträger bringt
xxxxxeine karte als fangruß
xxxxxherzlich und einfach.

H. C. Artmann ist am 4. Dezember 2000 in seiner Heimatstadt Wien gestorben. Am heutigen 12. Juni würde er 100 Jahre alt geworden sein.lt geworden sein.

.
[In dankbarer Erinnerung an Bruno Ruhrort (29. September 1954 bis 28. Dezember 2017), einen wirklich besonderen Zeitgenossen, der in meinen Gedanken immer mit H. C. Artmann verbunden sein wird, welcher 1953 in seiner „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ mal erklärt hatte: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“
xxxxxIch weiß nicht, ob Bruno Ruhrort in seinem Leben selber mal Verse verfaßt hat, doch er hat immer recht gut und gern geredet und ist mir dabei auch wahrlich hin und wieder wie ein wirklicher Dichter vorgekommen.]

Duisburg, 6. bis 11. Juni 2021