Zum 60. Geburtstag von Helge Schneider

Zu Beginn der 80er Jahre waren wir beide im Duisburger Eschhaus mal eine Zeitlang in dieselbe Frau verliebt. Ich habe sie nicht bekommen. Helge aber auch nicht. Und das geschah ihm auch ganz recht, da er nicht mal einen Song für sie geschrieben hat. Im Gegensatz zu mir. (“Born on a Horseback”, zu hören auf meiner CD „Welcome to Chilligoo“.) Aber das hat, wie gesagt, trotzdem nicht gereicht. Allerdings hat sie schließlich mir – und nicht ihm – diesen Scherenschnitt von sich geschenkt.

 

Helge war (und ist) ein Freund von Georg Mahr, dem Keyboarder meiner Band “Duisburg City Rock ‘n’ Roll All Stars”. Und als wir im Oktober 1978 beim 2. OTZ Festival im Eschhaus aufspielten, brachte Georg auch seinen Kumpel Helge mit, den wir dann kurzerhand noch in die Show einbauten. Ich kannte Helge damals nicht, hatte nur gehört, daß er ein toller Jazzpianist sei, und so war ich sehr gespannt auf seine Darbietung in der Mitte unseres Gigs.

Helge hatte gebeten, von unserem Drummer begleitet zu werden, setzte sich (während die anderen Bandmitglieder Pause hatten und die Bühne verließen) auf Georgs Orgelbank und zog erstmal kommentarlos seine Schuhe aus, um sie oben auf der Hammond B3 abzustellen. Dann wurde noch ein Mikrophon für diesen besonderen Gast aufgebaut, und wir freuten uns alle auf eine jazzige Orgelnummer mit Gesang. Doch erstmal machte Helge eine Ansage: „Ja, guten Tach, ich möchte euch was vorspielen, zusammen mit meinem alten Freund … öh, wie heißt du?“ – „Lucky.“ – „… Lucky am Schlagzeug.“ Und dann ging’s los. Lucky war etwas nervös, weil er nämlich alles andere als ein Jazzdrummer war, doch hätte er sich überhaupt keine Sorgen zu machen brauchen, da Helge dann nämlich den Sommerhit des Jahres anstimmte, der 17 Wochen lang auf Platz 1 der Deutschen Hitparade gestanden hatte, „Rivers of Babylon“ von Boney M. Und zwar instrumental, ohne jeglichen Gesang. Wir waren alle ziemlich überrascht und wußten nicht so recht, was wir davon halten sollten.

Das nächste Mal sah ich Helge (wiederum im Eschhaus) im Trio mit Schlagzeug (Peter Thoms?) und Baß (Rudi „Kontra“ Olbrich?). Die jazzige Musikrichtung war damals nicht wirklich mein Fall, doch Helges musikalische Fertigkeiten hatten mich bei diesem Konzert zutiefst beeindruckt. Ich weiß noch, daß ich dachte: Tja, das ist der beste Musiker aus meinem Bekanntenkreis, den ich jemals gehört habe. Schade nur, daß er nie Erfolg haben wird, da er die völlig falsche Musik macht.

Und wie die Geschichte zeigt, habe ich mich selten so geirrt; andererseits aber auch nicht, denn mit Jazz hat er’s ja wirklich nicht geschafft. Sondern – eigentlich unvorstellbar und irgendwie auch ziemlich schlimm – mit einer Art Schlagerparodie.

Ein weiterer Helge-Auftritt im Eschhaus in den 80er Jahren sah so aus: Ausgestattet mit Parka, Russenmütze, Aktentasche und Kassengestellbrille stand er allein auf der Bühne und bewegte den Mund zur Plattenaufnahme von Frank Sinatras „Saturday Night“, was wirklich ziemlich lustig war, mit der Zeit aber doch rasant an Esprit verlor, da sich das Ganze bei zwei oder drei ähnlichen Liedern dann nur noch wiederholte. Helge hatte a) aber noch nie ein Problem damit gehabt, sein Publikum zu irritieren, und b) immer schon über ein brillantes Timing verfügt und deshalb, kurz bevor die Playbacknummern dann nur noch doof wirkten, den zweiten Programmpunkt auf die Bühne gebracht: Gleithmann, den Löwenmenschen. Sergej Gleithmann war ein dünner Kerl mit langen blonden Haaren und solch einem langen Vollbart, daß er ihn nach oben über sein Gesicht legen konnte, wo er durch eine darübergesetzte Brille am Wiederhinabgleiten gehindert wurde. Helge holte den Löwenmenschen hinter einem Vorhang, wo er bislang ungesehen gehockt und die Playbacks abgespielt hatte, hervor und führte ihn wie einen Blinden auf die Mitte der Bühne, und dann warteten alle gespannt darauf, was Gleithmann denn zu bieten haben würde. Doch Gleithmann tat gar nichts. Er stand nur da und war Der Löwenmensch. Und als es jedem dämmerte, daß er nichts weiter tun würde, als nur still dazustehen, war das auch wieder ziemlich lustig. Bis sich die Lustigkeit langsam ins Gegenteil zu wenden begann, da noch eine und noch eine weitere Minute ereignislos verstrichen, bis Helge den Löwenmenschen wieder zurück hinter den Vorhang geleitete und zum Abschluß nochmal „Strangers in the Night“ oder so brachte. Und dann stand er da und sagte, daß das Programm zu Ende sei, sie hätten nichts mehr. Er machte allerdings keine Anstalten, die Bühne zu verlassen, was wiederum so wirkte, als wenn das Programm eben doch noch nicht zu Ende sei. Das dauerte dann auch noch einige Minuten, in denen er immer wieder betonte, daß nichts mehr käme. Es war großartig. Und so präsentierte er schließlich noch einmal Gleithmann, den Löwenmenschen, denn wenn das Publikum einfach nicht gehen wollte … selber Schuld. Und als der vollgesichtsverbartete Gleithmann hinter dem Vorhang auftauchte, mußte jemand im Publikum laut auflachen, so daß Helge sich ihm zuwandte und scharf bemerkte: „Ah! Zu spät gekommen.“


Helges erstes Konzertplakat. Mit Charly Weiss (rechts).

Unvergessen für mich ist auch Helges Eschhausauftritt bei einem Benefizkonzert, wo er mit akustischer Gitarre bewaffnet auf einem Barhocker Platz nahm. Ich wußte damals nicht, daß er auch Gitarre spielen konnte und war als Gitarrist deshalb besonders gespannt darauf. Nach dem Konzert wußte ich allerdings immer noch nicht, ob er Gitarre spielen konnte, denn er begann seine Show damit, daß er das erste Lied ansagte, sich kurz vor dessen Vortrag dann aber blitzschnellspontan doch noch für einen anderen Song entschied und auch diesen wiederum ausführlichst ansagte, und so weiter und so fort. Er drohte eine ganze halbe Stunde lang damit, auch mal einen Ton zu spielen, der aber nie erklingen sollte. Es war großartig.

Helges Performances haben sich damals überhaupt nicht an ein bestimmtes Schema gehalten. Helge ist kein Komiker im üblichen Sinne, eher ein geborener Entertainer mit einem großen clownesken Talent. Und ein absolut toller Musiker. Ich hatte in einer meiner Bands mal ein Schlagzeugsolo mit der Regieanweisung „spiel so, als wenn du nicht richtig spielen könntest“ gewünscht. Das umzusetzen hört sich für euch vielleicht leicht an, ist für einen Musiker, der richtig spielen kann, jedoch ungeheuer schwer, da das Ganze ja nicht wie „das klingt, als wenn einer, der spielen kann, sich vergeblich bemüht, so zu wirken, als wenn er nicht spielen könnte“ rüberkommen soll. Und ich kenne niemanden, der diese Disziplin besser beherrscht als Helge Schneider. Und dafür muß man schon ein extrem guter Musiker sein. Obwohl das auf seinen Platten nicht immer zu erkennen ist. Bei der letzten („Sommer, Sonne, Kaktus“, seiner ersten Nummer-1-Scheibe überhaupt) zum Beispiel mußte ich für mich persönlich leider zu dem Urteil kommen: Watt fürn Schrott. Da hört man ja richtig, daß er sich keine besondere Mühe gegeben hat. – Aber die Platten sind sowieso nicht das, was Helge am treffendsten charakterisieren könnte, im Gegensatz zu seiner absolut überragenden und immer wieder durch Improvisationselemente unberechenbaren Bühnenarbeit. Er ist auf den Brettern, die für vortragende Künstler ja die Welt bedeuten sollen, einfach wirklich zuhause, weiß hundertprozentig, daß er dort und nirgendwo anders hingehört.

 

Wie ich Helge mal aus der Patsche geholfen habe

Wie in Helges 1992 erschienener Autobiographie Teil 1 „Guten Tach. Auf Wiedersehen“ zu lesen ist, war es (zumindest für die anderen) in den 70er Jahren (und wahrscheinlich auch noch in den 80ern) keine besonders gute Idee, Herrn Schneider Geld oder Instrumente zu leihen. An beidem mangelte es ihm früher nämlich beständig, und er schreibt in seinem Buch, wie er sich mal 7000 DM von jemandem, der gerade eine Erbschaft gemacht hatte, lieh, um sich eine Hammond B3-Orgel kaufen zu können. Nach einem Jahr verlor der Geldgeber dann aber doch ein wenig die Geduld, da Helge ihm bis dahin erst 150 DM zurückgezahlt hatte. Und wenn das in dem Tempo so weitergegangen wäre, würde die Schuld heute immer noch nicht getilgt sein. Ich weiß aber nicht, wie sich die Sache damals weiterentwickelt hat.

1979 habe ich mal folgende Geschichte miterlebt: Helge hatte eine weiße Fender Telecaster E-Gitarre in seinen Besitz gebracht, um sie auszuprobieren und eventuell zu kaufen. Der Kaufpreis betrug 700 DM. Helge hatte allerdings keine 700 DM, und wer Helge kannte, wußte, daß die Chance, daß Helge demnächst 700 DM erwirtschaften würde, auch quasi gleich null war. Der Eigentümer der Gitarre wußte das offenbar nicht, und so hatte er noch einige Monate lang Geduld, in denen Helge ihn immer wieder auf später vertröstete, bis der Geduldsfaden von Helges Geschäftspartner nach einem halben Jahr oder so dann doch endgültig riß und er von Helge die 700 DM oder die Rückgabe der Gitarre forderte. Jetzt hatte Helge allerdings das kleine Problem, daß er das für den Deal benötigte Geld nicht besaß – und das große Problem, daß er die Gitarre auch nicht mehr zurückgeben konnte, da sie sich leider nicht mehr im Originalzustand befand. Helge hatte den Lack inzwischen nämlich abgebeizt. Und so brauchte er dringend jemanden, der ihm die „verstümmelte“ Telecaster für 700 DM abkaufte, um dem Eigentümer des Instruments das Geld dafür geben zu können, und ich war derjenige, der ihm aus dieser Bredouille helfen konnte. Ich war nämlich gerade dabei, meine Gibson Les Paul Custom E-Gitarre zu verkaufen, da sie für mich als reinen Rhythmusgitarristen einfach einen zu fetten Sound hatte, um mir danach irgendein anderes Teil an Land ziehen – und das wurde dann halt die in Helges Besitz befindliche Telecaster.


Die Aufkleber und so sind erst später von mir hinzugefügt worden.

 

Wie Helge mir mal einen Gefallen tat

Für mein Empfinden hat sich Helge (trotz des großen Ruhms) überhaupt nicht verändert, da er schon immer sehr liebenswürdig und gleichzeitig auch recht chaotisch gewesen ist. Anfang des letzten Jahres bat ich ihn mal, etwas für meine neue CD („Falsch abgebogen“, 2015) beizusteuern. Dafür brauchte er nur mal kurz etwas auf meinen Anrufbeantworter zu sprechen. Ich schrieb ihm einen Brief deswegen, und er zeigte sich einverstanden. Also rief ich ihn dann mal an, um zu fragen, ob er jetzt eben kurz Zeit dafür habe, doch erklärte er, daß er gerade auf dem Sprung zu einem Konzert in Würzburg wäre. Und ich sollte ihn doch morgen wieder anrufen, wenn der Soundcheck vorbei wäre, dann würde er sich der kleinen AB-Aufgabe gerne widmen. Ich war einverstanden. Und dann erzählte Helge noch einige Minuten lang irgendwas, bevor er sich auf den Weg nach Würzburg machte. In dieser Zeit hätte er bestimmt fünf- oder sechsmal was auf meinen AB sprechen können.

Am nächsten Tag ging leider niemand an den Apparat, und weil ich ihn ja auch nicht übermäßig stören wollte, wartete ich noch ein paar Wochen, bis seine Tournee vorüber war. Als ich ihn das nächste Mal erreichte, meinte er, es ginge jetzt nicht – weil er gerade in Holland sei.

Schließlich versuchte ich es spontan am Ostersonntag wieder. Ich hatte aber überhaupt nicht daran gedacht, daß Helge ja auch ein Familienmensch war, so daß er mir berichtete, wie jetzt gerade nach Ostereiern gesucht würde. „Aber irgendwann wäre es schon schön, wenn das mit dem AB mal klappen würde“, entgegnete ich, und er schlug mir vor, es am frühen Nachmittag nochmal zu versuchen, weil die Kinder dann wohl schlafen würden. Um in der nächsten Sekunde – ENDLICH – umzuschwenken und mir mitzuteilen: „Ach, laß uns das jetzt eben erledigen“. Ich war einverstanden, legte auf, er rief zurück, sprach auf meinen AB, und das Ergebnis ist auf meiner CD zu hören. Danke, Helge! Und es wäre ja auch keine interessante Geschichte geworden, wenn das alles beim ersten Mal ruckzuck über die Telefon-Bühne gegangen wäre.

 

Die geheime Geschichte hinter diesem Foto

Im Mai 1991 stand ich zum letzten Mal gemeinsam mit Helge Schneider zusammen auf der Bühne. Es war bei den ersten beiden Shows der Peter Bursch All Star Band, wo ich als Sänger mitwirkte, und Helge – der damals national gerade richtig durchzustarten begann – hatte bei einigen Stücken kleine Gastauftritte. Wie zum Beispiel: als Gott mit Bierflasche durchs Bild zu latschen, oder mit einer Vespa auf die Bühne zu fahren, oder bei meinem Lou-Reed-Song das Saxophonsolo beizusteuern, oder Akkordeon bei Road to Nowhere von den Talking Heads zu spielen. Der Sänger des letztgenannten Liedes, Kim Merz, meinte vorher zu Helge: „Aber spiel bloß nichts Bayerisches im Intro“. Das ließ Helge sich natürlich nicht zweimal sagen und spielte statt dessen irgendwas Balkanesisches. Hätte Kim überhaupt nichts angemerkt, wäre bestimmt alles ganz glatt verlaufen. Tja, Pech gehabt. Aber ohne diese Verrücktheiten wäre Helge halt nicht Helge, oder? Ich liebe ihn auf jeden Fall dafür.

Und jetzt alle zusammen, ein jeder natürlich in Tempo und Tonart seiner Wahl:
„Happy birthday to you,
happy birthday to you,
happy birthday, lieber Helge,
happy birthday to you“.

Duisburg, 30. August 2015